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20. März 2026

Wechselt die Scham die Seite? Wieso sich Fälle von sexualisiertem Machtmissbrauch gerade häufen


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Collien Fernandes wirft ihrem Ex-Mann digitale Gewalt und körperliche Übergriffe vor. (Foto: ZDF/Tower Productions)

In den vergangenen Wochen ist kaum ein Tag vergangen, ohne einen neuen öffentlich diskutierten Fall von Machtmissbrauch, meist sexualisiertem Machtmissbrauch:

Die deutsche Schauspielerin Collien Fernandes erhebt schwere Vorwürfe gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen. Er soll über Jahre Fakeprofile in ihrem Namen betrieben haben und mit anderen Männern sexualisierte Nachrichten ausgetauscht, sogar Telefonsex als vermeintliche Collien Fernandes gehabt haben. Das berichtet der Spiegel.

Gegen Christopher Seiler von der Austropop-Band Seiler & Speer ermittelt die Staatsanwaltschaft. Er soll einer Frau gegen ihren Willen Kokain auf die Lippen geschmiert haben. Seiler meldete sich via Instagram zu Wort, entschuldigt sich, bestreitet aber Gewaltanwendung und sexuelle Übergriffe.

Ein Tischtennis-Nachwuchstrainer soll minderjährige Spielerinnen sexuell belästigt haben. Der Standard berichtete Ende Februar über die Vorwürfe. Die jungen Frauen und Mädchen erzählen davon, dass er sich oft zu ihnen ins Bett gelegt habe, unter dem Vorwand, mit ihnen "chillen" oder eine sportliche Leistung "nachbesprechen" zu wollen.

Der Chefkoch des Kopenhagener Sternerestaurants Noma tritt nach Gewaltvorwürfen zurück. Zwischen 2009 und 2017 habe er Mitarbeitern ins Gesicht geschlagen, sie mit Küchenutensilien gestochen und gegen Wände geschleudert. Er soll Mitarbeitern gedroht haben, seinen Einfluss zu nutzen, um sie in Restaurants auf der ganzen Welt auf die Blacklist zu setzen.

Der Ex-ORF-Generaldirektor Roland Weißmann hat sich vor bald zwei Wochen aus dem ORF zurückgezogen. Eine ORF-Mitarbeiterin erhebt Vorwürfe rund um das Fehlverhalten von Weißmann ihr gegenüber. Der Wochenzeitung Falter habe sie erzählt, dass Weißmann mehr von ihr als eine Freundschaft gewollt und dies teils ungeduldig und wütend zum Ausdruck gebracht habe. Die Frau legte dem Falter offenbar Nachrichten aus dem Jahr 2022 vor, die vereinzelt auch explizite Fotos enthalten, die ohne Aufforderung von Weißmann an die ORF-Mitarbeiterin verschickt worden seien.

Für die genannten Personen gilt die Unschuldsvermutung.

All diese Fälle haben eines gemeinsam: Es geht um Machtmissbrauch – und oft um sexualisierten Machtmissbrauch. Neu ist das nicht. Wir haben auch bei JETZT schon in einigen Beiträgen darüber gesprochen. Aber die Häufung in den vergangenen Tagen wirkt auffällig.

Wird das Problem aktuell also größer – oder aber, passiert da gerade etwas. Kommen wir der Forderung von Gisèle Pelicot, dass „die Scham die Seite wechseln muss“ vielleicht gerade etwas näher? Trauen sich gerade mehr Frauen, über ihre Gewalterfahrungen und Erfahrungen mit Machtmissbrauch zu sprechen, oder ist die Häufung solcher Fälle in den Nachrichten gerade nur Zufall?

Darüber spreche ich heute mit Nicola Werdenigg. Die ehemalige Skirennläuferin hat 2017 das erste Mal öffentlich über sexualisierte Gewalt und strukturellen Machtmissbrauch im österreichischen Skisport gesprochen. Auch sie selbst war betroffen. Mit ihren Berichten hat sie eine breite und wichtige Debatte angestoßen. Seither setzt sie sich für die Prävention von Machtmissbrauch im Sport, aber auch darüber hinaus, ein.

Nicola Werdenigg ist ehemalige Skirennläuferin und war selbst von sexualisierter Gewalt und Machtmissbrauch betroffen. Heute melden sich Frauen bei ihr, die ähnliches erfahren haben. (Foto: Christopher Glanzl)

Die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Gespräch:

  • Nicola Werdenigg sieht in der Häufung an Vorfällen (sexualisierten) Machtmissbrauches der vergangenen Wochen nicht als reinen Zufall. Es sei aber schwer zu sagen, ob es wirklich mehr Fälle gibt oder sich mehr Frauen trauen zu reden.

  • Ihre Erfahrung zeigt Werdenigg, je mehr in der Öffentlichkeit über dramatische und traurige Fälle gesprochen werde, desto mehr fühlen sich Betroffene, die lange geschwiegen haben, in der Lage, auch über ihr selbst erlebtes Leid zu sprechen. Werdenigg sagt: "Das ist vor allem das große Motiv vieler, wenn sie sprechen: Sie wollen, dass anderen Frauen das nicht passiert."

  • Immer wenn der Medienfokus auf dem Thema liege, wenn Einzelfälle oder systemische Fälle bekannt werden, wenn Täter, die man für sakrosankt gehalten habe, plötzlich in den Schlagzeilen sind, würden sich vermehrt Frauen bei Werdenigg melden. Besonders stark sei das rund um die Aufdeckung der Vorfälle in der Causa SOS-Kinderdorf sichtbar gewesen, aber auch rund um die aktuellen Fälle.

  • Besonders schwer über das Erlebte zu sprechen, sei es für Frauen, wenn sie in einem Naheverhältnis zum Täter stehen. Wenn es sich etwa um Bekannte, (Ex-)Partner, Arbeitskollegen oder Vorgesetzte handle. Wenn man in einem Naheverhältnis zum mutmaßlichen Täter stehe, falle es schwerer, Anzeige zu erstatten. Der Bekanntheitsgrad der Person sei laut Werdenigg weniger zentral.

  • In manchen Bereichen sei es aber besonders schwer für Betroffene, Vorfälle anzuzeigen. Etwa in Sport, Kunst und Kultur sowie in Medienbetrieben. Frauen, die in diesen Branchen tätig seien, würden sich meist gut überlegen, ob sie diesen Schritt gehen. Besonders, wenn sie sehen, welche Erfahrungen Frauen machen, die ihre Leiderfahrungen öffentlich machen und Anzeige erstatten, sagt Werdenigg. Viele würden nicht wollen, dass die Fälle in der Öffentlichkeit landen. Oft würden Details aber schnell durchsickern, was dann auf Betroffene zurückfalle.

  • Christopher Seiler von der Band Seiler & Speer hat auf Instagram ein Video gepostet, in dem er sich entschuldigt und sagt, „man geht zu keiner Person, egal in welchem Zustand, egal, wie illuminiert man ist, nimmt’s so und schmiert ihr dann Kokain auf die Lippen.“ Unter dem Beitrag häufen sich Kommentare, die Seiler verteidigen und ihn für seine Offenheit, Einsicht und Entschuldigung loben. Die meisten dieser Kommentare stammen von seinen Fans. Nicola Werdenigg sagt, dass es Fans, die sich so sehr mit ihren Idolen identifizieren, schwerfällt, quasi etwas aufzugeben, was sie als ein Stück ihrer selbst wahrgenommen haben. Werdenigg erwähnt einen Artikel aus dem Jahr 1974, in dem es um Toni Seiler geht, der eine Prostituierte vergewaltigt haben soll und in Polen damals kurzfristig inhaftiert war. In diesem Zeitungsartikel steht, das wäre "halt eine besoffene Geschichte mit einem furchtbaren Weibsbild und es ist gut und jetzt muss endlich Gras über die Sache wachsen", sagt Werdenigg. Toni Sailer sei damals ein Idol für die ganze Nation gewesen, genauso wie Seiler und Speer heute eine große Fangemeinde hätten. Was Werdenigg verblüfft: Auch viele Frauen sind unter den Fans. Das internalisierte, misogyne Gehabe, falle auch vielen Frauen nicht auf, die sich damit allerdings auf die Seite des Patriarchats stellen würden.

  • Besonders in hierarchisch geführten Institutionen, Betrieben und Unternehmen in den Bereichen Kunst, Sport und Medien, wo viel Macht vorhanden sei, kann es auch viel Machtmissbrauch geben, sagt Werdenigg. Es sei in unserer Gesellschaft verankert, dass gerade, wenn Frauen die Betroffenen sind, regelmäßig Victimblaming passiere.

  • In aufgeklärten Gesellschaften sei es mittlerweile zum No-Go geworden, aber in weniger gebildeten Schichten seien Aussagen wie "Hätte sie sich keinen Minirock angezogen, wäre nichts passiert" immer noch gängig.

  • Collien Fernandes spricht davon, dass sie digital vergewaltigt worden sei. Nicola Werdenigg sagt, dass wir besonders auf den digitalen Raum ein besonderes Augenmerk legen müssen, wenn es um sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch geht. Sie nennt das KI-Tool Grok von Elon Musk auf der Plattform X, das Nacktdarstellungen von prominenten Personen, vorwiegend Frauen, erzeugt habe, die herumgereicht worden seien. Deepfake- und KI-generierte Bilder und Filme seien mittlerweile oft nur schwer als Fakes zu enttarnen. Es sei aber eigentlich auch egal, ob sich die Bilder als fake erweisen oder nicht, sobald sie einmal im Umlauf sind, sei der Schaden bei den Betroffenen angerichtet. Es spiele für das, was man den Menschen damit antue, dass man ihre Identität nimmt und Verbrechen damit begehe, keine große Rolle mehr. Für Werdenigg braucht es in diesem Bereich mehr Bildungsarbeit und Gesetze. Regierungen und Institutionen bräuchten mehr Handhabe, um etwa Tools wie Grok abzudrehen.

  • In gewissen Umgebungen sei es für Frauen mittlerweile leichter geworden, über (sexualisierte) Gewalterfahrungen und Machtmissbrauch zu sprechen. Vor allem jüngeren Frauen würde es heute leichter fallen. Viele Betroffene würden aber oft auch als vermeintliche Copingstrategie ihr erlebtes Trauma nicht ansprechen.

  • Vor kurzem habe sich eine Frau bei Werdenigg gemeldet, die vierzig Jahre lang nicht über ihre Missbrauchserfahrungen sprechen konnte. Sie habe sich Werdenigg anvertraut, die ihr dann auch eine Psychologin vermitteln konnte. "Ich freue mich dann immer irrsinnig, wenn mir vertraut wird. Ich bin ja keine Therapeutin, aber ich kann dann irgendwo gute Expertinnen und Experten vermitteln", sagt Werdenigg. "Das ist eigentlich der Sinn dieser ganzen MeToo-Sache."

  • Es müsse sichergestellt werden, dass, wenn Betroffene über das ihnen angetane Leid reden, sie gute Erstgespräche haben, und sie sich nicht an verschiedene Stellen wenden und ihre Geschichte wiederholt erzählen müssen.

  • Es gäbe diese Strukturen und es gäbe tolle Anlaufstellen. Sie müssten nur publik gemacht werden, sagt Werdenigg.

  • "Ganz wichtig ist mir, glaubt den Betroffenen. So etwas erfinden die allerwenigsten. Das ist so hart und schlimm, über das Leid zu reden. Das sind keine Erfindungen", sagt Werdenigg abschließend.


Dass Frauen über ihre Machtmissbrauchserfahrungen sprechen können, ist wichtig. Der Kern des Problems – Gewalt gegen Frauen – ist damit aber natürlich nicht behoben. Wir haben bei JETZT eine Serie gestartet, in der wir aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten, wie wir es schaffen können, dass Gewalt gegen Frauen durch Männer abnimmt.

Einen schönen Nachmittag wünscht dir

Eva Plank

B-Seite-Team