Dieser Artikel ist für dich kostenlos
Du kannst diesen Beitrag lesen oder anhören, weil ein JETZT-Mitglied ihn mit dir geteilt hat. Schließe eine Mitgliedschaft ab, um auch unabhängigen Journalismus zu unterstützen!
Wolfs Klimaanlage lässt Federn. Blödsinn: Blätter natürlich. Die Klimaanlage des 42-jährigen Wohnungslosen ist eine alte Buche am Börseplatz in Wien. Das ist selbst für die Innere Stadt eine sehr teure Gegend, in der besonders viele besonders reiche Leute verkehren. Die Pläne für die namensgebende Börse hat k.-u.-k.-Stararchitekt Theophil von Hansen gezeichnet.
Wertpapiere werden dort aber schon lange nicht mehr gehandelt, die alte Börse beherbergt heute eine Eventlocation für betuchte Gäste, mit einem Restaurant im Souterrain. Hansen heißt es, nach dem berühmten Baumeister. Gediegene mediterrane Küche, ein Blattsalat als Vorspeise mit Paprika, Oliven und ein paar Körndln kostet 13 Euro. Für das Geld bekommt man beim Action auf der Mahü eine Isomatte und eine leichte Decke. Ganz in der Nähe der alten Börse steht auch eine katholische Privatschule – die seit weit mehr als 200 Jahren zu den begehrtesten Bildungseinrichtungen für die Sprösslinge der Wiener Oberschicht gehört.
Auch Wolf hat dort die Schulbank gedrückt, vor gut einem Vierteljahrhundert. In einem anderen Leben, lange bevor ihm der Boden unter den Füßen entglitten ist. Er kennt jeden Stein in der Gegend. Auch das war ein Grund, warum der Akademiker den großen Laubbaum als Behelfsunterkunft für die warme Jahreszeit auserkoren hat. Es gibt außerdem eine Toilette in der Nähe und einen Wasserspender. Trinken, meint Wolf, sei in der Hitze das Wichtigste. Und Schokokekse für die Nacht.
Die Gesetze der Straße
Für die Gegend spricht auch, dass sich dort außer ihm kaum andere Unbehauste blicken lassen. Die Buche samt den benachbarten Föhren: Dieser Schlafplatz gehört vorerst ihm – gemäß den auf der Straße geltenden, ungeschriebenen Gesetzmäßigkeiten der Gewohnheit. Einmal, so erzählt Wolf, wollte ihn jemand in der Nacht ausrauben. Er habe sich erfolgreich mit seiner Wasserflasche aus Aluminium zur Wehr gesetzt und den Eindringling in den vier Sprachen beschimpft, die er beherrscht. Darunter auch Russisch. So habe der andere schließlich die Drohungen verstanden und sei von dannen gezogen. Für den Fall der Fälle hat Wolf Pfefferspray im Rucksack und einen Taschenalarm, der so laut ist wie ein startender Düsenjet.
Ein Taschenalarm für den Fall der Fälle. (Fotos: Ursula Röck für JETZT)
Ein Taschenalarm für den Fall der Fälle. (Fotos: Ursula Röck für JETZT)
Ein Taschenalarm für den Fall der Fälle. (Fotos: Ursula Röck für JETZT)
Ein Taschenalarm für den Fall der Fälle. (Fotos: Ursula Röck für JETZT)
„Wer auf der Straße lebt, muss organisiert sein“, sagt er. Erst recht, wenn man – wie er – am Comeback in den Regelbetrieb des Erwachsenenlebens arbeitet: Job, Wohnung, Sozialversicherung, Beziehung. Er führt regelmäßig Vorstellungsgespräche per Videocall am Handy, auf Parkbänken. Wolf hat keinen schlechten Lebenslauf. Er besitzt wichtige Kenntnisse, die ihm in seiner gegenwärtigen Lage zugutekommen und die grundsätzlich auch am Markt gefragt sind. Beispielsweise zum Thema Klimawandelanpassung.
Darüber, was er bei einer Jobzusage als Wohnort angeben soll, will er sich Gedanken machen, wenn es einmal so weit ist. „Mir wird schon etwas einfallen“, sagt Wolf.
Die kühlende Buche kann nicht mehr
Aber zurück zur Buche. Während der schlimmen vier Hitzewellen des Sommers, als das Thermometer an manchen Tagen in Richtung 40 Grad Celsius kletterte und selbst nach Mitternacht kaum unter 27 Grad purzelte, hat ihm der Laubbaum treue Dienste geleistet. Weil der die Luft auf ein halbwegs erträgliches Maß herunterkühlte. So konnte Wolf auch in den Wiener Tropennächten am Boden schlafen.
Nun aber ist die Buche ausgelaugt, es geht ihr wie allen Bäumen der Stadt. Sie verliert ihre Blätter viele Wochen zu früh, die Erde rund um den Stamm ist damit gepolstert. Man sollte meinen, das würde die Liegestatt bequemer machen. Aber weit gefehlt. Es zwickt und zwackt überall, bei der kleinsten Bewegung raschelt es so laut, dass an Einschlafen kaum zu denken ist. Zumindest für Ungeübte wie mich. „Am Anfang ist es besonders schwer“, sagt Wolf.
Ich habe eine Nacht lang mit ihm das Lager geteilt. Weil ich wissen wollte, wie es Menschen ohne Dach über dem Kopf bei diesem Rekordsommer in Wien ergeht. Wenigstens war die allergrößte Hitzewelle zu diesem Zeitpunkt bereits vorbei. Die gute Buche hat dem menschengemachten Klimawandel – verstärkt durch Beton und Asphalt – gerade lange genug Stand gehalten, um Wolfs Nächte zu kühlen.
Die Tropenhitze ist nicht weniger schlimm als die Kälte
An die 12.000 Menschen in Wien haben keinen festen Wohnsitz – das entspricht der Einwohnerzahl einer Kleinstadt am Land. Die Statistik erfasst nicht, wie viele von ihnen bei Angehörigen, Freundinnen oder Freunden unterkommen. Ebenso wenig, wie viele Frauen es gibt, die sich nur des sicheren Schlafplatzes wegen von einem gewalttätigen Partner abhängig machen. Was sich sagen lässt: Die Mehrheit dieser Menschen lebt und schläft zumindest zeitweilig auf der Straße. Gut ein Drittel von ihnen ist jünger als 30 Jahre. Darunter viele, die bis zu ihrem 18. Geburtstag in staatlichen Fürsorge-Einrichtungen gelebt haben und dann im Wesentlichen sich selbst überlassen wurden.
Für die kalte Jahreszeit gibt es immerhin besondere Angebote der Stadt Wien, etwa das Winterpaket: Da werden 1000 Wohnungen zusätzlich freigemacht, damit möglichst wenige Menschen im Freien frieren müssen. Sobald aber der Frühling ins Land zieht, müssen diese Schlafquartiere geräumt werden. In der warmen Jahreszeit, so sieht man das wohl beim Fonds Soziales Wien (FSW), sei es den Menschen eher zumutbar, sich draußen einen Platz zum Schlafen zu suchen.

Das mag grundsätzlich stimmen. Bloß ist die Hitze auf der Straße mittlerweile für viele Obdachlose eine vergleichbare Herausforderung wie die Kälte. „Wir würden uns von der Stadt Wien zumindest mehr kühle Rückzugsorte wünschen”, sagt Elisabeth Pichler von der Caritas. Idealerweise auch mehr Wohnungen. Sie ist in leitender Funktion bei der Nothilfe tätig, zu der auch die Gruft gehört, eine Unterkunft für Obdachlose mit 60 Schlafplätzen, unweit der inneren Mariahilferstraße.
Unterstützung für Obdachlose
Die Stadt Wien setzt den Rotstift an – auch bei den Ausgaben für die Schwächsten der Gesellschaft. So wurde im Vorjahr das kostenlose Mittagessen für Obdachlose in den städtischen Winterquartieren eingespart. Einrichtungen wie das von der Caritas betriebene Notschlafquartier Gruft versuchen, das aufzufangen. Aber sie sind auf Spenden angewiesen.
Kontoinhaber: Caritas
BANK: Erste Bank
IBAN: AT47 2011 1890 8900 0000
BIC: GIBAATWWXXX
Kennwort: Gruft
Nichts ist gut
Die Betten sind auch im Sommer begehrt. Weil die Hitze den Menschen auf der Straße zusetzt, besonders jenen, die nicht gesund sind – was auf die meisten zutrifft. Weil Wunden schlechter heilen. Weil die vielen Insekten einen halbwegs vernünftigen Schlaf erschweren. Weil es nicht möglich ist, verderbliche Lebensmittel zu lagern. Weil man an den Habseligkeiten schwerer trägt, wenn der Asphalt glüht. Weil die Hitze jenen besonders zusetzt, die ohnehin täglich getrieben sind. Die vielfach an ernsthaften, meist unbehandelten psychischen Krankheiten leiden. Es gibt mehr Streit wegen Kleinigkeiten, die Reizbarkeit steigt. Niemand erfriert, aber die vielen Belastungen setzen den Menschen auf Dauer zu. Sie verfallen schneller als bei milden Temperaturen.
Auch im Besprechungsraum für das Personal der Gruft gibt es keine Klimaanlage, bloß einen Ventilator, der die Luft aufwirbelt. Eine halbe Stunde später kommt die Rettung, ein älterer Mann ist wegen der Hitze kollabiert, er wird in einem Rollstuhl ins Freie geschoben. „Alles gut“, sagt ein Sanitäter. So etwas kommt hier in der Gruft beinahe täglich vor. Und natürlich ist nicht alles gut.

Pichler hat den Kontakt zu Wolf hergestellt, dessen vollen Namen ich hier auf seinen Wunsch nicht nenne. Er lebt seit anderthalb Jahren mehr oder weniger auf der Straße. Und er hat etwas zustande gebracht, was die wenigsten in seiner Lage schaffen: Er hat sich selbst wieder aufgerichtet. Man sieht ihm die Obdachlosigkeit nicht an. Ein gertenschlanker Mann in sportlicher Kleidung, akkurat geschnittene Fingernägel, geschliffene Ausdrucksweise des gehobenen Wiener Bürgertums. Ich will ihm nicht durch ein Outing die Aussichten auf einen Job verhageln. Auf eine Rückkehr ins geregelte Leben. Auf die eigenen vier Wände mit einer verschließbaren Tür. Auf ein Bett und eine exklusive Nasszelle. Auf Sicherheit und Privatsphäre.
Die Scheu vor der Gruft war unberechtigt
Wir sitzen in einer kleinen Freifläche neben dem Speiseraum, es ist früher Abend. Dann wird applaudiert. „So bedankt man sich für das Essen“, sagt Wolf. Nach dem Klatschen wird nichts mehr ausgeteilt. Als er noch ein Schüler war, am noblen Privatgymnasium, hat ein engagierter Lehrer einen Ausflug in die Gruft organisiert. Wohl auch, weil die privilegierten Schülerinnen und Schüler erfahren sollten, dass es Menschen gibt, denen es schlechter geht als ihnen. Viel schlechter. Wolf schwang in der Küche den Kochlöffel und half bei der Essensausgabe, er erinnert sich gut daran.
Und noch eindringlicher daran, dass er vor gut anderthalb Jahren selbst drei Tage mit sich ringen musste, ehe er den Mut fand, in den Speisesaal der Gruft zu spazieren und sich für eine kostenlose Mahlzeit anzustellen. Augen zu und durch. Das Zaudern wäre nicht nötig gewesen, niemand stellte dumme Fragen. Niemand erinnerte sich dort an den Gymnasiasten aus gutem Hause, der hier vor vielen Jahren beklommen die Armut beobachtete. Selbst wenn, wäre es egal gewesen. Wolf ist nicht der einzige kluge Mensch aus gutbürgerlichen Verhältnissen, der den Tritt verloren hat und irgendwann mit pochendem Herzen zum ersten Mal an die Pforte der Gruft klopft.
Durch Stein, Beton und Asphalt erhitzt sich die Stadt besonders stark. Da muss man genug trinken. (Fotos: Ursula Röck für JETZT)
Durch Stein, Beton und Asphalt erhitzt sich die Stadt besonders stark. Da muss man genug trinken. (Fotos: Ursula Röck für JETZT)
Durch Stein, Beton und Asphalt erhitzt sich die Stadt besonders stark. Da muss man genug trinken. (Fotos: Ursula Röck für JETZT)
Schon als Jugendlicher hat Wolf in der Kanzlei seiner Mutter, einer erfolgreichen Anwältin, anspruchsvolle Arbeiten übernommen. Nach der Matura studierte er an einer technischen Universität, später machte er berufsbegleitend weitere Ausbildungen. Als junger Erwachsener mit Idealen dockte er bei Ingenieure ohne Grenzen an, einer Hilfsorganisation, die wie Ärzte ohne Grenzen im Globalen Süden pragmatisch Hilfe leistet.
Kein Anspruch auf Sozialhilfe oder eine Wohnung
In Ruanda experimentierte Wolf mit Klimasystemen aus der Antike. Mit ausgeklügelten Luftschächten für den Wind und tönernen Kühlanlagen, die ohne Strom auskommen. Weil der in kleinen afrikanischen Dörfern oft Mangelware ist. Er hat sich mit uralten Techniken gespielt, die auch hierzulande zunehmend auf Interesse stoßen.
Das war in der Zeit der Corona-Pandemie, die in Österreich einen Lockdown der Wirtschaft notwendig machte. Um den Schaden für die Unternehmen möglichst gering zu halten, pumpte die Regierung viel Geld in die Wirtschaft. Zurück in Österreich profitierte Wolf davon. In Graz machte er sich als technischer Berater selbstständig, eine Weile lief das Geschäft ganz gut. Dann versiegte der staatliche Geldhahn, die Wirtschaft knickte ein und er verlor auf einen Schlag so gut wie alle Aufträge. In dieser Zeit kegelte er sich beim Schlittschuhlaufen die Schulter aus, was man im Krankenhaus aber nicht erkannte. Wolf wurde nach Hause geschickt, mit beinahe unerträglichen Schmerzen. Dagegen schluckte er starke Medikamente – was ihm eine Weile die Sinne vernebelte. Er verlor seine Wohnung und die Sozialversicherung, an den Hürden für die Mindestsicherung scheiterte er.
Als ehemaliger Selbstständiger, meint Wolf, habe man es da am Amt schwerer als andere. Mit seiner Familie – für viele in schweren Lebenslagen das letzte Sicherheitsnetz – habe er sich verkracht. So erzählt es Wolf. Ich habe keine Möglichkeit, alles zu überprüfen, aber ich konnte in stundenlangen Gesprächen mit ihm keinerlei Widersprüche feststellen, die auf ein heikles Verhältnis zur Wahrheit schließen lassen würden. Ich glaube ihm, aber ich habe auch nicht allzu hartnäckig nachgebohrt. Das schien mir unpassend.
Lektorat und Dosenpfand
Schließlich, so erzählt er, sei er zurück nach Wien gezogen. Weil es in der Hauptstadt immerhin Möglichkeiten gegeben habe, sich die Schulter richten zu lassen – ohne Krankenversicherung. Auch hier hatte eine Einrichtung der katholischen Kirche, die Barmherzigen Brüder, ihre Finger mit im Spiel. Eine interessante Erfahrung für jemand, der mit Religion nicht allzu viel am Hut hat. Wolf hat seine gesundheitlichen Probleme einigermaßen in den Griff bekommen. Die Schulter macht ihm auch weiterhin zu schaffen, vor allem nachts. Aber er braucht keine Schmerztabletten mehr. Jetzt will er sich zurückkämpfen, ins Leben. Was bloß leichter gesagt ist als getan, wenn man einmal auf der Straße lebt. Weil seine letzte Meldeadresse in Graz war, hat er keinen Anspruch auf eine geförderte Wohnung in Wien.
Es ist halt irgendwie alles ein Riesenscheiß.
Aber egal.
„Geh’n wir“, sagt Wolf unbekümmert.
Von der Mahü bis zu seinem Schlafplatz ist es ein längerer Spaziergang. Für manche mag es eine richtige Wanderung sein, ihm fällt das gar nicht mehr auf. Auf seinem Handy hat er eine App, die Schritte zählt, damit kann er so ungefähr sagen, welche Distanzen er täglich zurücklegt. Im Schnitt sind es 20 Kilometer, weil Wolf ständig auf Achse ist. Wenn die Sonne scheint, sammelt er Dosen, auf die es Pfand gibt. Das bringe ihm, erzählt er, rund 40 Euro pro Tag ein.

Dazu greift er manchmal Studierenden bei ihren Abschlussarbeiten unter die Arme. „Lektorat“ nennt sich das offiziell, andere würden vielleicht Ghostwriting dazu sagen – auch wenn es allerhand Agenturen gibt, die denselben Dienst anbieten. Zuletzt hat er einem Studenten der Wirtschaftsuniversität eine Arbeit zum österreichischen Insolvenzrecht, nun ja, lektoriert. Dafür setzt sich Wolf in die Bibliothek, da ist es außerdem angenehm kühl. Auch diese Arbeit bringt ein Zubrot. Da er keine Miete zahlt und auch sonst keine großen Ausgaben hat, kann er so in der Zeit der Obdachlosigkeit sogar ein wenig ansparen, für später. Andere hamstern für schlechtere Zeiten, er für bessere.
UNESCO-Weltkulturerbe schlägt den Klimaschutz
Wir haben die Innere Stadt erreicht, das Regierungsviertel. Es ist ein seltsames Gefühl, wenn man mit einer Isomatte in der Hand am Volksgarten entlang Richtung Hofburg marschiert. Was, wenn einem ein Bekannter über den Weg läuft: Was sagt man da? Dass man zum Campen geht, hier? Aber das sind Luxusprobleme eines angestellten Journalisten.
Der Michaelerplatz ist auch um 20 Uhr noch beinahe menschenleer, er kocht. „Das ist sogar den Touristen zu viel“, sagt Wolf. Bei aller Habsburger-Nostalgie: Das hält kein Mensch aus. Vor wenigen Jahren wurde der Platz generalsaniert, mit Pflastersteinen, viel Beton und ein paar mickrigen Bäumchen. Selbst das gab Ärger, weil die Pläne von Joseph Emanuel Fischer von Erlach aus dem 18. Jahrhundert kein Grün vorsahen. Klimawandel hin oder her. UNESCO-Weltkulturerbe sei UNESCO-Weltkulturerbe, keppelten Traditionalisten.
Im Schnitt legt Wolf 20 Kilometer am Tag zurück. Da ist kühles Wasser für die Füße eine Wohltat. (Fotos: Ursula Röck für JETZT)
Im Schnitt legt Wolf 20 Kilometer am Tag zurück. Da ist kühles Wasser für die Füße eine Wohltat. (Fotos: Ursula Röck für JETZT)
Im Schnitt legt Wolf 20 Kilometer am Tag zurück. Da ist kühles Wasser für die Füße eine Wohltat. (Fotos: Ursula Röck für JETZT)
Im Schnitt legt Wolf 20 Kilometer am Tag zurück. Da ist kühles Wasser für die Füße eine Wohltat. (Fotos: Ursula Röck für JETZT)
Stein, Asphalt, Beton: Wer darauf achtet, sieht das in Wien überall. Im Ersten Bezirk spricht oft der Denkmalschutz gegen eine Entsiegelung. Weiter draußen die Bedürfnisse der Autofahrer. Immerhin gibt es in Wien genug Wasserbrunnen und auch öffentliche Sprühnebel-Duschen zur Abkühlung. Manchmal kann man sie, wenn man weiß wie, mit einem versteckten Schalter in eine richtige Dusche verwandeln. An besonders heißen Tagen hat sich Wolf mit vollem Gewand darunter gestellt. Binnen Minuten, erzählt er, seien die Klamotten danach wieder trocken gewesen.
Ein kleiner Joint gegen die Schmerzen
Wir kommen zum Börseplatz, mit der großen Buche. Wolf hat seinen Schlafsack einen Steinwurf entfernt im Gebüsch versteckt, damit er ihn nicht immer mit sich herumtragen muss. Dazu hat er sich ausdrücklich das Einverständnis der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Stadtgartenamts geholt. Mit denen kommt er gut klar: Wildes Campieren wird in Wien von den Behörden in der Regel geduldet. Erst recht, wenn man wie Wolf keinen Müll hinterlässt. Wir legen uns auf unsere Isomatten und plaudern über russische Innenpolitik. Da kennt sich mein Gefährte gut aus, weil er im Gegensatz zu mir schon einmal in Moskau war und Russisch spricht. In langen Nächten liest er am Handy Nachrichten, es trifft sich gut, dass es in der Innenstadt fast überall kostenloses WLAN gibt. Es ist auch der erste Bezirk, in dem die Wien Energie flächendeckend Fernkälte anbietet. Wovon am teuersten Pflaster der Stadt natürlich bloß jene profitieren, die eine Wohnung haben.
Im Schatten der Buche ist es um etliche Grad kühler. (Fotos: Ursula Röck für JETZT)
Im Schatten der Buche ist es um etliche Grad kühler. (Fotos: Ursula Röck für JETZT)
Im Schatten der Buche ist es um etliche Grad kühler. (Fotos: Ursula Röck für JETZT)
Im Schatten der Buche ist es um etliche Grad kühler. (Fotos: Ursula Röck für JETZT)
Im Schatten der Buche ist es um etliche Grad kühler. (Fotos: Ursula Röck für JETZT)
Irgendwann stehe ich auf, um Wasser zu holen, es dauert eine Weile, bis ich den Hydranten gefunden habe. Als ich zurückkomme, hat sich Wolf einen Joint gedreht. „Gegen die Schmerzen in der Schulter“, sagt er. Beim Einschlafen machen ihm die noch immer zu schaffen. Ein kleiner Spliff wirke da Wunder.
Ob ich auch einen Zug haben könnte, frage ich ihn. Es ist dunkel geworden, nur die Lichter der Autos auf der Straße stören die Ruhe unter dem Blätterdach. Ich schließe die Augen und genieße ein wenig die Geborgenheit des Grases und des Baumes. Als läge ich wie jeden Tag in einem weichen Bett, in einem Safe Space, geschützt vor fremden Menschen, die mir womöglich Übles wollen könnten. Irgendwann nicke ich für eine Weile ein, ehe mich der Lärm eines Müllwagens wieder weckt.
Die Decke war nicht nötig
Mein obdachloser Gefährte schläft friedlich, aber ich bin hellwach. Mein Rücken schmerzt, die Föhrennadeln pieksen. Egal, wie man sich dreht und wendet: Es gibt keine gute Position, um auf einer Isomatte mitten im Ersten Bezirk zu schlafen. Deutlich nach drei Uhr früh blicke ich das letzte Mal auf mein Handy. Laut Wetter-App hat es 24 Grad. Dann schlafe ich wirklich ein, bis mich gegen sechs Uhr früh die Sonne weckt. Die Decke habe ich in der Nacht abgeworfen, es war zu warm.
Wolf ist schon wach und prächtig gelaunt. „Man gewöhnt sich an alles“, sagt er.
Wahrscheinlich.
Audioproduktion und Mix: Yannik Milz
