Unternehmen rationalisieren gerade mit KI ihre eigene Kundschaft weg. Aber sie können trotzdem nicht damit aufhören

Eine Studie zeigt gerade: Wenn KI so weitermacht, können wir Produktivität unendlich steigern, aber praktisch niemand hat mehr das Geld, sich irgendetwas zu kaufen. Das ließe sich verhindern – aber ganz anders, als wir denken.

Unternehmen rationalisieren gerade mit KI ihre eigene Kundschaft weg.  Aber sie können trotzdem nicht damit aufhören
Illustration: Getty Images (Bearb. Hedi Lusser/JETZT)

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Stell dir vor, du betreibst eine Bäckerei. Du kaufst dir eine Backroboter-Maschine, entlässt drei Mitarbeiter und sparst jeden Monat ein paar tausend Euro. Gutes Geschäft. Dein Nachbar, der auch eine Bäckerei hat, macht dasselbe. Und der andere am Ende der Straße auch. Und plötzlich merkt ihr alle: Die drei entlassenen Mitarbeiter pro Bäckerei kaufen ja keine Brötchen mehr. Zumindest nicht so viele. Und das Viertel, das mal aus lauter Bäckerei-Angestellten bestand, hat auf einmal viel weniger Geld in der Tasche.
Willkommen im AI Layoff Trap – dem Automatisierungsdilemma unserer Zeit.
Im März 2026 haben zwei Wirtschaftsprofessoren – Brett Hemenway Falk und Gerry Tsoukalas von der Wharton Business School an der University of Pennsylvania – eine Studie veröffentlicht, die eigentlich eine ziemlich einfache Frage stellt: Wenn Unternehmen wissen, dass zu viel KI-Automatisierung die Wirtschaft ruiniert – warum machen sie es dann trotzdem?
Die Antwort ist so unbequem wie logisch: Weil sie gar nicht anders können.
Das ist keine Frage von Gier oder Kurzsichtigkeit. Die Firmen in dem Modell, das die beiden Forscher entwickelt haben, sind rational. Sie kennen die Konsequenzen. Sie sehen die Klippe. Und sie rasen trotzdem drauf zu – weil das Spielfeld so aufgebaut ist, dass jede andere Entscheidung für sie individuell schlechter wäre.

Alle sehen es, niemand stoppt

Hier ist das Problem in seiner nackten Form: Wenn ein Unternehmen Arbeitnehmer durch KI ersetzt, spart es Lohnkosten. Das ist gut für die Bilanz. Aber entlassene Arbeitnehmer sind auch Konsumenten. Sie kaufen Produkte, buchen Dienstleistungen, geben Geld aus – und wenn sie das nicht mehr können, weil sie keins mehr haben, bricht die Nachfrage weg.
Jetzt kommt der entscheidende Dreher: Das Unternehmen, das automatisiert, kassiert die vollen Kostenersparnisse. Aber den Nachfrageverlust teilt es sich mit allen anderen. Wenn zehn Firmen am Markt sind und eine davon Leute entlässt, trägt sie nur ein Zehntel des entstehenden Schadens – den Rest verteilt der Markt auf die Konkurrenz.
Das klingt erstmal nach einem guten Deal. Und genau das ist das Problem. Denn die anderen neun Firmen denken genauso. Also automatisieren alle. Und am Ende tragen alle den vollen Schaden, aber keiner hat wirksam gebremst.
Die Ökonomen nennen das eine negative Externalität – einen Schaden, den man verursacht, aber nicht vollständig selbst bezahlt. In diesem Fall ist es die zerstörte Kaufkraft der entlassenen Arbeitnehmer, die alle Firmen gleichzeitig trifft. Nur eben zeitversetzt und verteilt – weshalb jeder einzelne Akteur den Schuss erst hört, wenn es schon zu spät ist.

Das Gefangenendilemma in der Chefetage

Spieltheoretisch ist die Situation, die Hemenway Falk und Tsoukalas beschreiben, ein klassisches Gefangenendilemma. Das ist ein theoretisches Problem, das ungefähr so aufgebaut ist: Zwei Verdächtige sitzen getrennt voneinander in zwei Verhörzellen. Sie haben ein Verbrechen begangen, für das man zehn Jahre ins Gefängnis kommt, aber sie wissen auch, man kann ihnen nicht viel nachweisen: Wenn beide einfach schweigen, kommen sie mit einer geringen Strafe davon, sagen wir: ein Jahr Gefängnis. Jetzt kommt ein Polizist und sagt beiden unabhängig voneinander: Wenn du deinen Komplizen verpfeifst, kommst du straffrei davon, nur der andere geht zehn Jahre ins Gefängnis. Was sollten die beiden tun?
So ähnlich stellt es sich die Automatisierungsfalle dar, nur dass diesmal nicht zwei Verdächtige in Verhörräumen sitzen, sondern Konzernvorstände in Glasturmbüros.
Die Logik ist dieselbe: Wenn alle brav mitspielen und niemand automatisiert, geht es allen gut. Wenn alle automatisieren, geht es allen schlechter. Aber wenn du der Einzige bist, der nicht automatisiert, während alle anderen es tun – dann bist du der Depp. Du trägst den Nachfrageverlust der anderen mit, hast aber keinen Kostenvorteil.
Also automatisiert jeder. Rational. Vorhersehbar. Und kollektiv katastrophal.

Automatisierung ist ein beständiger Albtraum aller Gesellschaften seit Beginn der industriellen Revolution (nie schöner dargestellt als hier von Charlie Chaplin 1936 in dem Film „Moderne Zeiten“). Eine Angst hat sich dabei nie erfüllt: Bisher sind rund um neue Technologien regelmäßig mehr Arbeitsplätze neu entstanden als zunächst verloren gegangen. Ob das für KI auch gilt, muss sich aber erst noch zeigen. (Foto: IMAGO / United Archives)

Das Fies-Besondere an dieser Version des Dilemmas: Es hilft nicht mal, wenn alle miteinander reden. Auch wenn Chef A und Chef B am Tisch sitzen und gemeinsam beschließen, die Automatisierung zu drosseln – sobald sie wieder in ihrem Büro sind und auf die Quartalszahlen schauen, ist Automatisieren immer noch die dominante Strategie. Eine freiwillige Vereinbarung würde sich hier einfach immer wieder von selbst auflösen, weil es immer ein Unternehmen geben würde, das kurzfristig darauf angewiesen ist, seine Gewinne zu steigern, während die dadurch entstehenden Schäden ja erst einmal winzig und weit weg wirken. Das ist kein Koordinationsproblem, das man mit einem guten Gespräch löst.

Je mehr Konkurrenz, desto schlimmer

Hier kommt eine Erkenntnis, die klassischen Wirtschaftslehrbüchern widerspricht: Mehr Wettbewerb macht das Problem größer, nicht kleiner.
Die intuitive Erwartung wäre: Mehr Konkurrenz diszipliniert Unternehmen, macht sie effizienter, sorgt für bessere Outcomes. Normalerweise stimmt das ja auch in vielen Bereichen. Aber nicht hier.
Denn hier gilt: Je mehr Anbieter auf einem Markt sind, desto kleiner ist der Anteil am Nachfrageverlust, den jeder einzelne trägt. Bei zehn Firmen trägt jede ein Zehntel. Bei hundert Firmen ein Hundertstel. Das bedeutet: Je fragmentierter der Markt, desto unattraktiver ist es, mit der Automatisierung zu bremsen – und desto stärker wird überautomatisiert.
Jetzt kommt eine bizarre Erkenntnis: Ein Monopolist würde das Problem von selbst lösen. Denn er trägt den gesamten Nachfrageverlust allein. Er würde die Kosten seiner eigenen Automatisierung vollständig selber tragen müssen, und an einem Punkt aufhören, der kollektiv sinnvoll ist, also theoretisch: Der Bäcker würde genau so viele Maschinen kaufen, dass die Brötchen günstig genug sind, aber weiterhin genug Löhne bezahlen, dass es auch Menschen gibt, die die Brötchen kaufen. Wie gesagt, das ist rein theoretisch. Wir wissen auch, wie es mit Monopolen in der Praxis ist: Sie verkaufen ihre konkurrenzlose und deshalb immer schlechter werdende Ware so teuer wie es irgendwie geht. Die Banditen. Aber das ist ein anderes Thema, heute geht es um etwas anderes: Die so genannte unsichtbare Hand des Marktes versagt ausgerechnet auf dem wettbewerbsintensiven Spielfeld, wo es viel Konkurrenz gibt und sie eigentlich am besten funktionieren sollte.

Wo früher ein Mensch an der Kasse saß, bedient sich die Supermarktkundschaft heute oftmals an Expresskassen selbst (in der ständigen Sorge, aus Versehen einen Betrug zu begehen). Allerdings: Wenn das am Ende wirklich günstiger wäre, hätten es dann nicht längst die Discounter auch? (Foto: IMAGO / Wolfgang Maria Weber)

Aber es wird noch absurder. Die Studie zeigt, dass leistungsfähigere, billigere KI das Problem nicht löst – sie verstärkt es.
Wenn KI günstiger wird, lohnt sich Automatisierung für immer mehr Firmen, auf immer mehr Märkten, mit immer weniger Hemmungen. Die Schwelle, ab der ein Unternehmen anfängt zu automatisieren, sinkt. Der Anreiz, mehr zu automatisieren als die Konkurrenz, steigt. Und das kollektive Überautomatisierungsniveau klettert weiter nach oben.
Die Forscher nennen das den Red-Queen-Effekt – nach dem Sprichwort aus Alice hinter den Spiegeln“ (das ist der zweite Teil von Alice im Wunderland“), wo man immer schneller laufen muss, nur um auf der Stelle zu bleiben. Jede Firma automatisiert mehr, weil die anderen mehr automatisieren. Am Ende hat niemand einen Vorteil, aber alle haben gemeinsam mehr Nachfrage zerstört.

Es trifft nicht nur die Arbeitnehmer

Wer jetzt denkt: Na gut, die Firmeninhaber profitieren wenigstens” – auch das stimmt nicht. Hemenway Falk und Tsoukalas zeigen, dass das Überautomatisieren nicht einfach Einkommen von Arbeitnehmern zu Unternehmenseignern umverteilt. Es ist kein Nullsummenspiel. Es vernichtet echten Wohlstand – für beide Seiten.
Wenn Firmen in einen Automatisierungswettlauf geraten, der die Nachfrage zerstört, sinkt ihr eigener Umsatz. Die eingesparten Lohnkosten werden durch wegbrechende Einnahmen aufgefressen. Am Ende verdienen die Firmenbesitzer weniger als bei moderater Automatisierung. Und die Arbeitnehmer verdienen auch weniger – oder gar nichts.
Die Autoren der AI Lay Off Trap“ nennen das ein Deadweight Loss“, also einen Verlust, der einfach als totes Gewicht an uns hängt, und von dem niemand etwas hat: Wohlstand, der nicht zu jemand anderem wandert, sondern einfach verschwindet.

Roboter bauen Autos, ausgerechnet Autos, wo doch Henry Ford die Arbeiter an seinem weltersten Fließband bekanntermaßen so gut bezahlte, dass sie sich ein Ford-Automobil leisten konnten (es gibt allerdings auch Berichte aus der Zeit, die nahelegen, dass es sich eher um ein Schmerzensgeld gehandelt haben muss, weil Fließbandarbeit als nachgerade unmenschlich eintönig, wenn nicht gar stupide wahrgenommen wurde). (Foto: Getty Images)

Was nicht hilft – und die Liste ist lang

Der vielleicht ernüchterndste Teil der Studie ist die systematische Demontage all der Policy-Ideen, die gerade in Parlamenten und Think-Tanks kursieren.
Umschulung und Weiterbildung? Gut gemeint, aber sie schließen die Lücke nicht. Das grundlegende Anreizproblem – dass jede Firma für sich automatisieren wird – bleibt bestehen, egal wie gut ausgebildet die Arbeitnehmer sind.
Bedingungsloses Grundeinkommen? Erhöht den Lebensstandard der Menschen, verändert aber den Automatisierungsanreiz der Unternehmen nicht. Die Firmen automatisieren trotzdem genauso viel.
Kapitalertragsteuern? Greifen am falschen Hebel an. Sie treffen die Gewinne, nicht die einzelne Entscheidung, ob man eine Aufgabe automatisiert oder nicht. Das Überautomatisieren bleibt attraktiv.
Arbeitnehmerbeteiligung – also Mitarbeiter zu Miteigentümern machen? Hilft ein bisschen, reicht aber nicht aus. Die Externalität – der Schaden an der Nachfrage – bleibt strukturell bestehen.
Freiwillige Branchenvereinbarungen? Wie oben erklärt: kein Selbstdurchsetzungsmechanismus. Wer zuerst blinzelt, verliert.

Was tatsächlich hilft: Eine Steuer mit einem fantastischen Namen

Die einzige Maßnahme, die laut der Studie das Problem wirklich löst, ist eine Pigouvianische Automatisierungssteuer. Den wunderschönen Namen hat sie von ihrem Erfinder, dem  britischen Ökonomen Arthur Pigou, der in den 1920er Jahren das Konzept entwickelte, externe Schäden über Steuern zu internalisieren.

Das Prinzip ist einfach: Wenn eine Firma durch Automatisierung Nachfrage zerstört, die nicht bei ihr selbst, sondern bei allen anderen landet – dann muss sie für diesen Schaden zahlen. Eine Steuer, die genau diesem nicht-internalisierten Nachfrageverlust entspricht, würde den privaten Automatisierungsanreiz auf das gesellschaftlich optimale Niveau drücken.
Klingt trocken, ist aber elegant: Die Steuer könnte direkt in Umschulungsprogramme fließen. Je mehr Menschen erfolgreich umgeschult werden, desto besser wird ihr Einkommensersatz – und desto kleiner wird die Externalität, die die Steuer ausgleichen muss. Im besten Fall könnte sich die Steuer über die Zeit selbst überflüssig machen.

Warum das relevant ist – jetzt gerade

Man könnte meinen, das sei alles noch Zukunftsmusik. Ist es nicht.
Im Februar 2026 entließ das Fintech-Unternehmen Block – gegründet von Twitter-Gründer Jack Dorsey – fast die Hälfte seiner 10.000-köpfigen Belegschaft. Begründung: KI habe viele dieser Rollen überflüssig gemacht. Dorsey fügte hinzu, die Mehrheit der Unternehmen werde innerhalb eines Jahres zu demselben Schluss kommen”. Der Ökonom Wolfgang Münchau erklärte gerade in seinem Podcast The Econoclasts“, er sähe eigentlich keinen einzigen Job im Bankgewerbe, der nicht durch KI ersetzt werden könnte.
Allein 2025 verloren über 100.000 Techarbeitnehmer in den USA ihren Job – KI wurde in mehr als der Hälfte der Fälle als Haupttreiber genannt. Salesforce ersetzte 4.000 Kundensupport-Mitarbeiter durch KI-Systeme. Schätzungen zufolge sind rund 80 Prozent aller US-Arbeitnehmer in Jobs tätig, deren Aufgaben automatisierbar sind.
Das ist keine Sciencefiction. Das Rennen läuft bereits.

Aber das eigentliche Problem ist nicht die KI. Was Hemenway Falk und Tsoukalas zeigen, ist eigentlich eine tiefere Wahrheit: Das Problem ist nicht die Technologie. KI ist ein Werkzeug – es ist weder gut noch böse, weder Retter noch Zerstörer.
Das Problem ist die Marktstruktur, in der KI eingesetzt wird. Ein Wettbewerbsmarkt, in dem viele rationale Akteure unabhängig voneinander Entscheidungen treffen, deren Schäden sich gegenseitig überlagern und niemand vollständig trägt – das ist das eigentliche Dilemma. KI macht dieses Dilemma nur sichtbarer und dringender.
Die Botschaft der Studie ist deshalb keine Warnung vor KI. Es ist eine Warnung davor, zu glauben, der Markt werde das schon richten. In diesem Fall wird er es nicht. Nicht weil die Marktteilnehmer irrational sind – sondern weil sie es zu rationalistisch sind.
Und das ist vielleicht die unbequemste Erkenntnis von allen: Es braucht externe Regeln, um ein System zu korrigieren, das perfekt funktioniert – und dabei trotzdem gegen die Wand fährt.

Eine besondere Ironie liegt darin, dass die einzige Antwort, die nach dem Modell der beiden Professoren wirklich funktioniert, die Pigouvianische Automatisierungssteuer, nirgends auf der Welt wirklich diskutiert wird (was man schon deshalb tun sollte, weil es großen Spaß macht, Pigouvianische Automatisierungssteuer“ zu sagen. Probier es aus). Das einzige Beispiel, bei dem ein Regierungschef in den letzten Jahren etwas in dieser Art ins Gespräch gebracht hat, ist übrigens tatsächlich Österreich: Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ, 2016 – 17) hat etwas in dieser Richtung als Maschinensteuer“ angeregt, nach der Logik, dass wenn Maschinen in Zukunft die Arbeit machen, es am Ende viel mehr Sinn ergibt, die Maschinen zu besteuern als die menschliche Arbeit. Du erinnerst dich vielleicht: Er wurde praktisch vom Hof gelacht.

Im Text erwähnte Quellen (alle in Englisch)

Die Studie „The AI Lay Off Trap“ findest du zum Beispiel hier.
Die Podcast-Folge „AI's job apocalypse & the transhumanist endgame“ von „The Econoclasts“ findest du zum Beispiel hier.

Audioproduktion und -mix: Yannik Milz