Krieg in Zeitlupe Wann greift China sich Taiwan?

Trump ist auf Staatsbesuch in China, doch er wird Xi Jinping nicht umstimmen: Die Frage ist nicht mehr, ob der Überfall auf Taiwan kommt, sondern wann. Wie lebt es sich auf einer Insel, die auf eine Invasion wartet?

Krieg in Zeitlupe Wann greift China sich Taiwan?
Illustration: Hedi Lusser/JETZT

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Donald Trump trifft Xi Jinping. Die USA zu Besuch in China. Großmacht trifft Großmacht. Währenddessen sitzt Cindy nachdenklich in Taipeh, scrollt durch Social Media und bereitet sich ihr Lieblingsgericht zu – Danbing – eine Art herzhafter Eierpfannkuchen, vergleichbar mit einem Omelett und gefüllt mit Frühlingszwiebeln. Taiwanesisches Essen ist eines der Dinge, die sie an ihrer Heimat am meisten liebt. Wenn sie aber daran denkt, wie China ihre Heimat Taiwan bedroht, vergeht ihr schnell der Appetit. Die Anfang 30-jährige Cindy macht sich nämlich zunehmend Sorgen, wie es um ihre Sicherheit und die ihrer Familie steht und was passiert, wenn China wirklich angreift. Denn die Führung in Peking hat sich schon lange das Ziel gesetzt, Taiwan “zurückzuholen”. Im Westen wird das oft übersehen oder unterschätzt – auch weil China unter Xi Jinping stringent und methodisch eine lang angelegte Strategie umsetzt. Beharrlich und geräuschlos hat China seine Macht über die vergangenen Jahrzehnte ausgebaut und zieht seit Jahren die Schlinge um Taiwan enger und enger. Es scheint keine Frage des Ob, sondern des Wann China angreift.

Ein Krieg aber hätte katastrophale Folgen, deren Auswirkungen weit schlimmer wären, als die des Irankriegs.

Taiwans Luftverteidigungssysteme – im Hintergrund die Hauptstadt Taipeh. Die Insel versucht sich bestmöglich auf einen Angriff vorzubereiten. (Foto: IMAGO / Jameson Wu)

Cindy ist höflich, intelligent und lebenslustig – meistens hat sie ein Lächeln auf den Lippen. Die Bedrohung durch China belastet sie – trotzdem kann sie sogar darauf mit einer gewissen Art makabren Humor schauen. “Wir machen immer Witze – China ist einfach ein sehr gewaltvoller Liebhaber, der der Welt erzählt, wie sehr er Taiwan liebt – so sehr, dass er uns einnehmen will. Aber was China macht, ist sehr angsteinflößend.” Dass Cindy Angst hat, ist nachvollziehbar. Deswegen bittet sie mich auch, ihren echten Namen nicht zu nennen. Sie schreibt mir:

Ihre Nachricht an mich endet mit einem Lachsmiley. Der dauerhaften Bedrohung kann Cindy manchmal nur mit makaberen oder zynischem Humor begegnen.

Cindy lebt gerne in Taiwan und schätzt das demokratische System sehr. Sie hat bereits in den USA gelebt, verschiedene europäische Länder bereist und ist trotzdem immer wieder gerne zurückgekommen. Mittlerweile arbeitet sie von Taiwan aus für eine europäische Firma. Wenn sie Taiwan mit einem Ort in Europa vergleichen müsste, denkt sie an die spanische Insel Formentera. Taiwan ist zu zwei Dritteln von Bergen bedeckt und hat eine modern ausgebaute Infrastruktur – etwa mit Hochgeschwindigkeitszügen, wie man sie aus Japan kennt. Auf Taiwan leben 23 Millionen Menschen, obwohl die Insel nur so groß ist wie Niederösterreich und die Steiermark zusammen.

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Taiwan ist von Bergketten durchzogen. Die Menschen leben aber vor allem... (Foto: IMAGO / Joko)

China dagegen ist mit seinen 1,4 Milliarden Menschen viel größer – und will Taiwan trotzdem unterwerfen. Das hat mehrere Gründe:
Einerseits, weil das demokratische Taiwan ideologisch weit entfernt von China ist, das ein autoritäres Einparteiensystem hat und Minderheiten wie die Uiguren brutal unterdrückt. Andererseits ist Taiwan strategisch extrem wichtig. Zum einen, weil das Meer zwischen Festlandchina und Taiwan eine Meeresstraße bildet – die sogenannte Taiwanstraße – auf der jeder zweite Container weltweit unterwegs ist. Damit ist die Taiwanstraße um ein Vielfaches wichtiger als die Straße von Hormus, über die jetzt gerade so viel gesprochen wird. Ein weiterer Grund für Chinas Taiwanpläne ist außerdem der Zugang zum Pazifik. Ohne Taiwan gäbe es keine Begrenzung für den Meeresraum. Die Sinologin Susanne Weigelin-Schwiedrzik erklärt, was das bedeuten würde: „Damit hätte China das, was es langfristig haben will – die Vorherrschaft über den Westpazifik und damit ungehinderte Handelsverbindungen nach Afrika und Europa, enge Verbindungen zu Russland und damit alles, was man braucht, um in der zukünftigen Welt eine Rolle zu spielen.“ Militärstrategen bezeichnen Taiwan auch oft als “unsinkbaren Flugzeugträger” – wenn China den kontrollieren würde, wäre es auch bedrohlicher für andere Inseln wie Japan oder die Philippinen. Und zuletzt geht es bei diesem Konflikt – wie so oft – um territoriale Ansprüche. China beansprucht Taiwan nämlich und spricht deswegen auch von einer „Wiedervereinigung”. Fakt ist aber, dass die Volksrepublik China Taiwan nie kontrolliert hat und Taiwan seit 1949 de facto unabhängig ist.

Die Wurzeln des Konflikts

Nach dem Bürgerkrieg zwischen Kommunisten und Nationalisten in China hat sich 1949 die unterlegene Regierung der Republik China samt Anhängerschaft nach Taiwan zurückgezogen (Taiwans offizieller Name ist „Republik China“. Elf Staaten und der Vatikan erkennen Taiwan als Staat an. Viele andere Länder verzichten auf eine offizielle Anerkennung, um ihre Beziehungen zur Volksrepublik China nicht zu gefährden). Währenddessen wurde auf dem Festland die Volksrepublik China gegründet. Seitdem existieren zwei getrennte politische Systeme: Taiwan hat sich schrittweise zu einer stabilen Demokratie entwickelt, während die Volksrepublik China als Einparteienstaat weiterbesteht.

Die historischen Entwicklungen lassen sich auf Cindys Teller sehen und schmecken. Denn ihr Lieblingsgericht Danbing – der Eierpfannkuchen – stammt ursprünglich aus Festlandchina – zumindest eine abgewandelte Version. Mit den Anhängern der Nationalisten kam es nach 1949 nach Taiwan und wurde dort abgewandelt und neu erfunden. Während das Gericht in China meist knusprig ist, wird in Taiwan klassischerweise Stärke zugemischt – dadurch bekommt das Omelett eine eher zähe Konsistenz – wie bei einem Wrap. Und auch sprachlich findet sich eine Differenzierung vom chinesischen Jianbing. Das Danbing wird als klar taiwanesisches Gericht gesehen, das sich eigenständig entwickelt hat und als typisches Streetfood gilt.
Zusammengefasst bildet Danbing den Konflikt ab: Eine gemeinsame Vergangenheit, die von beiden Seiten völlig unterschiedlich interpretiert wird – als Beweis für die Zugehörigkeit oder als Grundlage für eine eigene neue Identität.

Keine Spekulation, sondern Staatsdoktrin

China ist nicht der einzige Staat, der auf andere Gebiete schielt und darüber fantasiert, ob sie nicht sein eigen wären. Aber kaum ein Staat hat die Übernahme eines anderen Territoriums so stringent und als Staatsdoktrin festgelegt wie China. Denn Xi Jinping hat mehrfach klar angekündigt, dass Taiwan unter seine Kontrolle kommen soll. Susanne Weigelin-Schwiedrzik ist sich sehr sicher, dass China früher oder später nach Taiwan greifen wird. „Sie haben einen sehr weiten Zeithorizont, aber dass die Kommunistische Partei Chinas das Ziel der Inkorporation Taiwans nicht aufgeben wird – da bin ich sicher. Und sie werden das mit allen Mitteln zu erreichen versuchen.” Denn bis spätestens 2049 soll Taiwan zur Volksrepublik gehören, das ist die offizielle Staatslinie – dann feiert die Volksrepublik nämlich ihr 100-jähriges Bestehen. Dass Taiwan schon früher angegriffen wird, ist aber wahrscheinlich, denn Xi Jinping hat schon mehrfach anklingen lassen, in welchen Zeithorizonten er rechnet. „Er findet, dass die Lösung der Taiwan-Frage nicht von einer Generation zur anderen weitergegeben werden kann. Das impliziert, dass sie in seiner Generation gelöst werden muss. Und in seiner Generation – das heißt von ihm.” Die Landsleute auf beiden Seiten der Taiwanstraße wären durch ein Blutband verbunden. Das hat Xi in seiner Neujahrsansprache 2025 gesagt. Deswegen sei die sogenannte „Wiedervereinigung“ unumgänglich.

Xi Jinping bei einer Militärparade. China verfügt über das personell größte Militär weltweit. Nach den USA gibt das Land jährlich am meisten Geld für das Militär aus – 2025 waren es 336 Milliarden Dollar. Ein Plus von 7,4 Prozent im Vergleich zu 2024. (Foto: IMAGO / Xinhua)

Wenn du an die Geopolitik der vergangenen Jahre denkst, dann werden dir wahrscheinlich vor allem Russland, die USA, Israel, Iran, Afghanistan oder Syrien in den Kopf kommen. Und genau das ist das Tückische bei Chinas Taiwanstrategie. Keine lauten Drohgebärden à la Trump, sondern Radikalisierung mit steter Provokation und Austesten der Grenzen. Ein Blick auf die Zahlen zeigt, wie China einer Eskalation näherkommt. Seit dem Besuch der damaligen Sprecherin des US-Repräsentantenhauses Nancy Pelosi 2022 hat China in der Region sechs Großübungen abgehalten. Pufferzonen im Luftraum werden mittlerweile regelmäßig von chinesischen Kampfjets übertreten. Immer wieder finden große Militärübungen statt, die kaum noch von Invasionsvorbereitungen zu unterscheiden sind. Auch die Marinepräsenz um Taiwan hat zugenommen. Erst vor kurzem wurde ein chinesisches Schiff vor Taiwan entdeckt, das angeblich aus Forschungszwecken den Meeresboden untersucht hat. Expertinnen und Experten gehen aber davon aus, dass diese Schiffe eigentlich für das chinesische Militär wichtige Vermessungen durchführen – die dann zum Beispiel für U-Boote wichtig sind. Die Zahl der Militärflieger, die in Taiwans Luftverteidigungszone eingedrungen sind, hat sich zwischen 2021 und 2024 fast vervierfacht.

Was man einpackt, wenn der Krieg kommt

Cindy nimmt die Gefahr immer stärker wahr: „Ich bin mit dieser ständigen Angst aufgewachsen.” Als es aber im Laufe der Zeit keine konkreten Aktionen gegeben habe, gewöhnt sie sich irgendwann an die seltsame Dynamik, ständig vom Nachbarn bedroht zu werden. „Neu ist, dass die Regierung uns beibringt, uns auf einen Krieg vorzubereiten. Wir leben zwar schon lange unter der stetigen Bedrohung, aber bisher hatten wir nie das Gefühl, dass wir als Individuen handeln müssen.”

Cindy hat ihr „orange book“ griffbereit. Es wurde an alle taiwanesischen Haushalte ausgegeben und beinhaltet Praxistipps für den Kriegsfall. (Foto: JETZT)

Immer mehr junge Menschen in Taiwan besuchen Survival-Kurse, bei denen Orientierung im Gelände, Überleben im Wald und die Suche nach Essbarem geübt wird. Auch Cindy und ihre Freunde würden so ein Training gerne besuchen, die meisten Kurse sind aber sehr schnell ausgebucht. Wenn Cindy durch Taipeh geht, dann ist der drohende Krieg omnipräsent. „In der Stadt gibt es sehr viele Aufkleber, die einem jederzeit den schnellsten Weg zum nächsten Unterschlupf zeigen. Wenn man unterwegs ist, hat man also immer eine Idee, wohin man sich flüchten könnte.” Sie findet es gut, dass die Regierung es den Menschen leichtmacht, im Notfall schnell Hilfe zu finden.

Wenn die Schlinge zuzieht – drei Szenarien

Wie würde ein Angriff Chinas konkret aussehen? Dafür gibt es verschiedene Szenarien. Das Center for Strategic and International Studies (CSIS) spielt die drei realistischsten durch.

Szenario 1: China könnte eine Art Quarantäne für Taiwan einführen. Ziel wäre nicht die vollständige Abschottung Taiwans von der Welt, sondern die Festigung der chinesischen Kontrolle über Taiwan durch die Festlegung der Bedingungen für den Verkehr von und zur Insel. Das CSIS sieht ein zentrales Ziel einer solchen Quarantäne darin, Länder und Unternehmen zur Einhaltung der chinesischen Bedingungen zu zwingen. Wenn sich daraufhin ausländische Akteure weitgehend an die Quarantäne halten, würde das Chinas Behauptung stärken, dass sie die Kontrolle über Taiwan haben, und Taipehs Souveränitätsansprüche untergraben.

Szenario 2 geht von einer etwas höheren Eskalationsstufe aus. Hier könnte China Taiwan militärisch blockieren und ausnutzen, dass die Insel sehr abhängig von Importen ist – so werden zum Beispiel 97 Prozent der Energie importiert. Aber China müsste Taiwan wahrscheinlich gar nicht hermetisch abriegeln, um seine Ziele zu erreichen. Schon eine Reduzierung des Handels mit Taiwan um 50 Prozent wäre nachteilig, ganz besonders, wenn Peking die Einfuhren von Öl, Erdgas und Kohle ganz oder größtenteils einstellt. Das würde letzten Endes dazu führen, dass die Stromversorgung immer wieder ausfallen würde. Dass eine Blockade zu Chinas Ziel führt, ist aber nicht zwangsläufig gegeben. Zum Beispiel wenn Verbündete wie die USA Hilfe leisten oder die Bevölkerung widerständig bleibt. Das CSIS sieht insgesamt eine Mischung aus strategischen Vor- und Nachteilen für China, die zeigt, dass eine Blockade Taiwans ein riskantes Unterfangen wäre und China nicht mehr Erfolg garantieren würde als eine Invasion.

Denn das ist Szenario 3 – die Invasion. Also der Versuch, Taiwan militärisch einzunehmen. Und genau das wäre die riskanteste und komplizierteste Option. Denn Taiwan ist nicht einfach irgendeine Insel, sondern durch Berge, steile Küsten und dicht besiedelte Städte schwer anzugreifen. Dazu kommt die Taiwanstraße selbst: Rund 130 Kilometer offenes Wasser müssten chinesische Truppen überwinden – unter ständigem Beschuss und mit enormem logistischem Aufwand. Für eine erfolgreiche Invasion müsste China zunächst wohl versuchen, Taiwans Luftabwehr, Marine und Kommunikationssysteme massiv auszuschalten – etwa durch Raketenangriffe, Cyberattacken und Luftschläge. Danach könnten amphibische Landungen folgen, vermutlich unterstützt durch Luftlandetruppen und Drohnen. Entscheidend wäre dabei Geschwindigkeit: Je länger sich ein Krieg hinzieht, desto größer wäre das Risiko internationaler Interventionen und wirtschaftlicher Schäden – auch für China selbst.

Das CSIS kommt in mehreren Kriegssimulationen zu dem Schluss, dass eine Invasion zwar theoretisch möglich wäre, aber enorme Verluste verursachen würde – auf allen Seiten. Selbst bei einem militärischen Sieg Chinas könnte Taiwan schwer zerstört werden, während China tausende Soldaten, Schiffe und Flugzeuge verlieren würde. Gleichzeitig wäre unklar, wie die USA und ihre Verbündeten reagieren würden. Genau deshalb gilt eine Invasion zwar als denkbares, aber als extrem riskantes Szenario. „Schon in der ersten Woche würde eine Invasion etwa 250.000 Menschen das Leben kosten”, sagt Susanne Weigelin-Schwiedrzik und erklärt, dass Chinas oberste Generäle das Xi auch so dargelegt haben. „Die hat Xi jetzt alle aber entweder in den Ruhestand oder ins Gefängnis geschickt, oder sie in den Selbstmord getrieben.”

In Taiwan selbst versucht man, sich so gut es geht auf alle Szenarien vorzubereiten. 2025 wurden in Taiwan 18,2 Milliarden Dollar für das Militär ausgegeben – ein Plus von 14 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Besonders Drohnen will Taiwan aufrüsten – ab 2028 sollen jeden Monat 15.000 neue gebaut werden. „Das taiwanesische Militär ist jetzt auch nicht von schlechten Eltern. Es ist allerdings von der Größe mit dem, was zum Beispiel die Ukraine im Vergleich zu Russland zu Kriegsbeginn hatte, wesentlich kleiner.”
Taiwan ist im Ernstfall also maßgeblich auf die Hilfe von Verbündeten angewiesen. Der wichtigste Partner sind die USA. Auch deshalb ist der Besuch von Donald Trump bei Xi Jinping so brisant. Erst am Donnerstag warnte Xi Trump davor, die Taiwanfrage schlecht zu handhaben. Das könnte eine „äußerst gefährliche Lage bringen”, wie die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua berichtete.

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Zivilübung: In Taiwan übt man derweil für den Ernstfall. (Foto: IMAGO / MAXPPP)

Falls es zu einem Angriff kommt, ist für Cindy klar, dass sie versuchen würde, in ein anderes Land zu flüchten. Ab einem bestimmten Zeitpunkt könnte das aber zu spät sein. „Alle wissen, dass Taiwan von Wasser umgeben ist, und wenn der Krieg erst einmal startet, dann ist es so gut wie unmöglich, zu flüchten.” Aber nicht alle in ihrem Umfeld würden überhaupt versuchen, zu fliehen. „Einige meiner engsten Familienmitglieder würden lieber hierbleiben. Entweder, weil sie schon alt sind, oder weil sie Häuser hier besitzen und sich nicht vorstellen können, alles zurückzulassen.” In der Familie gehen nicht nur die Notfallpläne auseinander, sondern auch die Positionen zu China sind unterschiedlich, wie in vielen Familien Taiwans.

„Mein Großvater hat im Krieg gegen China gekämpft und überlebt, aber sein älterer Bruder ist in derselben Schlacht gefallen. Mein Großvater und die Familie meiner Mutter unterstützen die Kuomintang, die China sehr nahesteht. Die Familie meines Vaters dagegen befürwortet die Unabhängigkeit, weil er im Krieg gekämpft hat und zurückgekehrt ist.” Cindy fragt diesen Großvater, wie er die aktuelle Lage sieht: „Wenn es einen Krieg gibt, dann würde die ganze Welt im Chaos versinken.”

Rezession in der ganzen Welt

Eine chaotische Welt haben wir mit den aktuellen Kriegen ohnehin schon. Aber ein Krieg in Taiwan hätte Dimensionen, die den Rahmen der vergangenen Konflikte bei weitem sprengen würden. Susanne Weigelin-Schwiedrzik analysiert: “Die Ökonomen haben berechnet, dass es zu einer Minus-zehn-Prozent-Entwicklung der Weltwirtschaft kommen wird – also einer ganz tiefen Rezession, die viel schlimmer ist als 2008 und auch wesentlich schlimmer, als das, was wir seit Beginn des Kriegs in der Ukraine beobachten. Sehr wahrscheinlich wäre das noch schlimmer als das, was wir im Augenblick im Nahen Osten betrachten.

Denn die Blockade der Straße von Hormus verteuert Gas und vor allem Öl – wie wir gerade schmerzlich erfahren. Aber bei den Energielieferanten gibt es viele Ausweichmöglichkeiten – erneuerbare Energiequellen oder andere Herkunftsregionen. Taiwan hat aber etwas, das sonst niemand hat: die modernste Mikrochip-Fabrik der Welt. Die taiwanesischen Chips sind marktführend und werden weltweit in Handys, aber auch in Militärtechnologie verbaut und sind Grundbaustein für KI-getriebene Systeme. „Für alles, was mit künstlicher Intelligenz zusammenhängt, braucht man die jeweils neueste Generation an hochentwickelten Chips.”, sagt Susanne Weigelin-Schwiedrzik.

Susanne Weigelin-Schwiedrzik ist Sinologin und dank ihrer Expertise und ihres guten Rufs aktuell viel gefragt. (Foto: IMAGO / dts Nachrichtenagentur)

Auch deshalb ist Taiwan eben nicht nur ein regionaler Konflikt zwischen China und einer Insel vor seiner Küste. Taiwan ist der Punkt, an dem sich geopolitische Machtfragen, Weltwirtschaft, Technologie und Militärstrategie bündeln. Ein Krieg dort wäre kein isolierter Krieg – er würde vermutlich die gesamte Weltordnung erschüttern. Die Volksrepublik China hat in den vergangenen Jahren ihre militärische Stärke und Macht ausgebaut – zum Beispiel mit dem Projekt der neuen Seidenstraße, wo Infrastrukturprojekte auf der ganzen Welt finanziert werden, um Einfluss zu gewinnen. Susanne Weigelin-Schwiedrzik erklärt das neue chinesische Selbstverständnis: „Mit China kann man nur in friedlicher Koexistenz leben, wenn man ihm Raum zur Entwicklung gibt und dabei in Kauf nimmt, dass der Raum, den man selber – sprich den die USA – einnehmen, weniger wird. Wenn die USA das nicht akzeptieren, dann wird es früher oder später zu einer militärischen Auseinandersetzung kommen. Und weil zwei Nuklearmächte nicht direkt Krieg gegeneinander führen, wird diese Auseinandersetzung über Taiwan geführt.”

Cindy wird genau beobachten, wie sich die Lage entwickelt – denn, auch wenn sie Taiwan liebt – alles dafür zu riskieren – dazu ist sie nicht bereit. „Ich möchte schauen, wie sich die Lage entwickelt und wo auf der Welt es besser sein könnte, zu leben.” Höchstwahrscheinlich würden Menschen aus ihrem Umfeld in einem Krieg sterben. „Und ich glaube, das bringt mich dazu, mehr darüber nachzudenken, ob ich diejenige sein werde, die dabei überlebt oder stirbt. Und ich bin mir nicht sicher, ob ich bereit bin, einfach aus dem Nichts aus der Welt zu verschwinden.”

Audioproduktion und Mix: Yannik Milz
Übersetzung: Pia Miller-Aichholz