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20. Juli 2026

Das ZDF sieht in Danger Dans neuem Song einen Gewaltaufruf. Wie weit darf Kunst in einer Demokratie gehen?


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„Juristisch ist mal wieder die Grauzone geschrammt“, singt Danger Dan in „Keine Angst“ über seinen Text. (Foto: IMAGO / Carsten Thesing)

„Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“, hat der deutsche Rapper Danger Dan 2021 gesungen – unter anderem auf dem Dach vom Volkstheater in Wien. Das sagt er auch über seinen neuesten Song mit dem Titel „Keine Angst“. Und er wirft dem deutschen Fernsehsender ZDF vor, diese Kunstfreiheit zu verletzen.

Eigentlich hätte Danger Dan den Song zusammen mit dem Pianisten Igor Levit am Samstag im ZDF aufführen sollen – für die Aufzeichnung der 100. Ausgabe der Satire-Sendung „Die Anstalt“, die im Zeichen des Antifaschismus steht. Sie wird am Dienstag ausgestrahlt, steht online aber schon zur Verfügung. Der Intendant des ZDF hat den Auftritt kurzfristig abgesagt. Das ZDF argumentiert, dass der Songtext als Aufruf zu Extremismus verstanden werden könne, Selbstjustiz propagiere beziehungsweise rechtswidrige Taten und Gewalt nicht ausschließe und auch, dass der Song im Zuge der Sendung nicht ausreichend eingeordnet werden könne. Das Team von „Die Anstalt“ hat sich in einer Stellungnahme von der Entscheidung des ZDF distanziert und sagt, sie sei in Zeiten, in denen rechtsextreme Gewalt wieder stark zunimmt, mutlos.

Welche Rolle spielt Kunst in einer funktionierenden Demokratie – welche Freiheiten und Grenzen hat sie?

Das ist keine leichte Frage und auch keine, die sich innerhalb von wenigen Minuten diskutieren lässt. Aber wir werden es anhand des aktuellen Falls probieren – im Gespräch mit dem Literaturwissenschaftler und Ideenhistoriker Morten Paul von der Ruhr-Universität Bochum. Was ihn in seiner Forschung unter anderem beschäftigt, ist, dass der Faschismusbegriff heute nicht mehr nur historisch verwendet wird, sondern als Beschreibung unserer Gegenwart – und zwar in der breiten Gesellschaft.

„Alle diese Strategien, zu denen aufgerufen wird, die kann man natürlich diskutieren. Die werden in der Gesellschaft breit diskutiert. Die werden auch in antifaschistischen Bewegungen breit diskutiert“, sagt Ideenhistoriker Morten Paul. (Foto: eventfotograf.in)

Die wichtigsten Aussagen aus dem Gespräch:

  • Herr Paul sieht weniger die Kunstfreiheit berührt, denn das ZDF bezieht sich auf die eigenen Programmrichtlinien, die sich wiederum am Grundgesetz orientieren. Die Veröffentlichung des Songs selbst ist nicht verhindert worden. Den eigentlichen Konflikt sieht er im Eingriff der Intendanz in die Autonomie der Redaktion.
  • Wäre der Song als direkter Aufruf zu Straftaten zu verstehen, wäre er nicht von der Kunstfreiheit gedeckt. Aber im Song spricht ein lyrisches Ich und er ist als Kunstwerk zu werten. Auch, wenn sich die Sprache gegenüber „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ verschärft hat, was damit zu erklären ist, dass sich die politischen Umstände verändert haben.
  • Wenn Kunst dazu aufruft, selbst aktiv zu werden, ist das erst einmal ein wertvoller Beitrag zur Demokratie. Gerade in Zeiten, in denen es massive Übergriffe von Rechtsaußen gibt und der politische Diskurs brutaler wird, findet Herr Paul das wichtig. Es ist auch die Aufgabe von Kunst, immer wieder Grenzen auszutesten und zu überschreiten. Ob man den Beitrag in dieser Form gelungen findet, ist eine andere Frage. Und man darf sich nicht wundern, wenn die Provokation auch Gegenwind bekommt.

Zur Einordnung: Der Song, den Herr Paul im Gespräch anspricht, ist „Rosen auf den Weg gestreut“ von Kurt Tucholsky.


Ich bin gespannt auf deine Ansichten zu der Debatte.

Einen schönen Nachmittag wünscht dir

Pia Miller-Aichholz

B-Seite-Team