Bröckelnde Berge. Die Gefahr kommt von oben.

Die Berge werden instabiler – Steinschlag, Felsstürze und Muren häufen sich und bedrohen Häuser und Dörfer. Wie sicher wird das Leben in den Alpen in Zukunft? Und wie gut können wir vorhersagen, wann die Berge brechen?

Bröckelnde Berge. Die Gefahr kommt von oben.
Foto: APA / Keystone / Michael Buholzer

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In Tirol hat man am 11. Juni 2023 nichts geahnt. Der Sonntag beginnt im Paznauntal in der Silvrettagruppe wie jeder andere. Aber gegen 15:05 Uhr beginnt es zu krachen.
Eine Million Kubikmeter Gestein donnert ins Tal – das entspricht 120.000 LKW voll Fels und Geröll. Das Fluchthorn, der 3.399 Meter hohe Berg, ist innerhalb von Sekunden zwanzig Meter niedriger. Noch anderthalb Kilometer weiter talwärts liegen die Brocken auf dem Schnee verteilt. Verletzt wird glücklicherweise niemand. Ein Team der Landesgeologie Tirol fliegt am Tag darauf über den abgebrochenen Gipfel, ein Video davon findest du hier verlinkt:

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Das Fluchthorn am Tag nach dem Bergsturz. (Screenshot Video Land Tirol)

Und doch hat der Bergsturz für Schrecken gesorgt. Denn das Fluchthorn ist wie aus dem Nichts abgebrochen und das auch deshalb, weil sich der Klimawandel in den Bergen immer stärker bemerkbar macht. Der Permafrost taut auf, die Berge werden instabiler – bröckeliger, könnte man sagen. Was bedeutet das für die Sicherheit von Siedlungen und Infrastruktur in den Alpen? Müssen wir bald ganze Dörfer oder Täler aufgeben, weil es zu gefährlich wird, sich dort dauerhaft aufzuhalten?

Berge sind in Bewegung – das war schon immer so. Abtragung gehört zum natürlichen Lebenslauf eines Gebirges. Dort, wo heute die sanften Hügel des Waldviertels oder des Mühlviertels liegen, standen vor mehreren hundert Millionen Jahren noch Gipfel, die bis zu 7.000 Meter hoch gewesen sind. Die Erosion hat sie über die lange Zeit abgetragen und abgeschliffen, sodass wir heute nur noch ihre Überreste erkennen. Dass Berge bröckeln, ist also normal. Wie schnell es mittlerweile geht, nicht.
„Wir sind jetzt an einem Punkt, wo es überall rumpelt und scheppert.” Das sagt Steve Weingarth, Gründer des Unternehmens GMD. Er hat sich auf genau dieses Problem spezialisiert: Berge und Hänge zu beobachten, bevor sie fallen. Mit seinem jungen Team entwickelt er von Innsbruck aus Sensoren und Drohnen, um Echtzeitdaten von alpinen Hängen zu erfassen. Auf die Frage, wie gut sich Felsstürze, Muren und Bergstürze heute in Österreich vorhersagen lassen, antwortet er ohne Umschweife: „Willst du eine ehrliche Antwort? Aktuell ist es schwierig.” Das neue Geomonitoring-System für Österreich, das gerade aufgebaut werde, sei rein satellitenbasiert – und Satelliten hätten den Nachteil, dass sie nur alle sechs Tage aktualisiert würden. Livedaten, sagt Weingarth, gebe es im gesamten Alpenbereich kaum.

Aber woher weiß man überhaupt, wann welcher Berg oder Hang instabil werden könnte? Einer der wichtigsten Faktoren für Ereignisse wie am Fluchthorn ist der Permafrost. Permafrost ist kein Material oder Gesteinsschicht, sondern ein Temperaturzustand: Untergrund, der für mindestens zwei Jahre dauerhaft unter null Grad liegt. Der Berg ist also gefroren, genauer gesagt das Wasser in seinen Spalten und Hohlräumen. Dieses Eis dichtet den Berg nach außen ab und versiegelt sein Inneres. Zumindest war das bis jetzt so. Denn das Eis der Alpen schmilzt; der Temperaturanstieg ist hier fast doppelt so hoch wie im globalen Durchschnitt. Und wenn das Wasser zwischen dem Gestein nicht dauerhaft gefroren ist, sondern ständig auftaut und wieder einfriert, dann sprengt es auf Dauer Steine und Felsen, die dann talwärts fallen. Neben dem Auftauen des Permafrosts stellt auch der Rückgang der Gletscher eine wachsende Gefahr dar, weil Gletscher oft ganze Felsflanken stützen und stabilisieren.
Der Permafrost sei „der Klebstoff der Berge” – so formuliert es Weingarth. Durch das Schmelzen des Permafrosts entstehe immer mehr loses Material, das bei starken Regenfällen zu Steinschlag oder Muren werden kann. „Das hatten wir vorher nicht so, aber wir sehen, dass das durch den Klimawandel in den nächsten Jahren massiv zunehmen wird.”

Was für manche abstrakt klingt und ungreifbar wirkt, hat konkrete Folgen. So wie im Schweizer Dorf Blatten, das vor etwas mehr als einem Jahr von einer Schuttlawine begraben wurde. Neun Millionen Kubikmeter Gestein, Eis und Schlamm schossen in vierzig Sekunden ins Tal. Das Dorf verschwand unter einer bis zu dreißig Meter dicken Schicht aus Geröll – ein 64-Jähriger kam dabei ums Leben, die übrige Bevölkerung konnte rechtzeitig evakuiert werden.

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In Blatten konnten fast alle der 300 Bewohner evakuiert werden. Die Häuser fielen dem Bergsturz zum Opfer. (Foto: IMAGO / MAXPPP)

Das Tückische an den Bergen ist, dass man ihnen mit bloßem Auge meist nicht ansieht, ob und wann etwas passieren könnte. Sie sind komplexe und dynamische Gebilde, in denen geologische, hydrologische, thermische und klimatische Prozesse gleichzeitig wirken und einander beeinflussen. Wenn es zu Extremregen kommt – was durch den Klimawandel häufiger wird –, kann der Boden das viele Wasser nicht schnell genug aufnehmen. Große Murenabgänge sind dann die Folge.
Das nächste Problem kommt oft mit den Folgewirkungen. Wenn viel Material vom Berg nach unten kracht, blockiert es im Tal Flüsse und Bäche, die sich aufstauen und Überschwemmungen auslösen. In Blatten wurden die wenigen Häuser, die nicht direkt vom Bergsturz erwischt wurden, anschließend vom Hochwasser überflutet. Noch gefährlicher kann es werden, wenn große Stauseen in der Nähe liegen. Fallen Felsmassen in einen vollen Speichersee, kann das verheerende Flutwellen erzeugen.
Ein trauriges Beispiel dafür ist die Katastrophe von Vajont in Norditalien. Die Italiener hatten gerade die damals größte Staumauer der Welt fertiggestellt, die einen großen Teil Norditaliens mit Strom versorgen sollte. Dann brach eine ganze Bergflanke ab und rutschte in den vollen Stausee. Das Wasser schoss wie ein Tsunami ins Tal und kostete 2.000 Menschen das Leben. Das zeigt: Selbst wenn in einem abgelegenen Gebiet Gestein abgeht, kann das fatale Folgen für Siedlungen weit unten im Tal haben.

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Bilder nach dem verheerenden Unglück in Italien 1963. (Foto: IMAGO / Cola Images)

Mir kommt im Gespräch mit Weingarth der Vergleich vom Berg als einem aktiven Vulkan in den Sinn, der jederzeit ausbrechen könnte. „Das trifft es eigentlich schon ganz gut. Nicht, dass er ausbricht, sondern eher, dass er kollabiert.” sagt Weingarth. Mit seismischen Sensoren lasse sich viel in Richtung Früherkennung tun, weil jeder Berg eine gewisse Eigenfrequenz habe. „Wenn es zum Kollabieren oder zu Steinschlägen kommt, kann man das durch die Frequenzerhöhung sehr gut vorher messen.” Dafür bräuchte es allerdings mehr Sensoren – und die sind ein Kostenfaktor. „Der Sensor an sich nicht”, sagt Weingarth, „das ganze System, die Wartung und halt der Wille, das zu installieren.” Da sei man wieder bei der Politik. Die denke falsch, wie Weingarth findet. „Da wird einfach der Schaden kalkuliert und was abgesichert ist, ohne das menschliche Leid zu berücksichtigen.” Mehr Sensibilität gibt es in Gemeinden, die selbst von Naturkatastrophen getroffen wurden. „Da ist eine gewisse Awareness da – die würden gerne in Maßnahmen investieren, aber das ist oft Bundessache. Wenn da Maßnahmen ergriffen werden, dann immer erst nachdem etwas passiert.”

Dabei gibt es eigentlich keinen Grund zur Entwarnung. Der Klimawandel schreitet fort, Steinschläge und Felsstürze nehmen zu – das hat eine Studie der Universität für Bodenkultur Wien erst vergangenes Jahr bestätigt. Für den Siedlungsraum wird es dadurch bedrohlicher. Oft trifft es zunächst nur die Infrastruktur, also zum Beispiel Straßen. Aber immer öfter stehen auch Wohnhäuser in gefährdeten Lagen. Weingarth schildert ein Gespräch, das ihn nicht loslässt. Im Kühtai, in St. Quirin, hat er einen Mann getroffen, der seit acht Generationen im Tal wohnt. Hinter seinem Haus ist eine Mure abgegangen. Mit achtzig Jahren bekomme er keinen Kredit mehr für eine Umsiedlung in die Stadt. Seine Frau will weg, der Sohn ist bereits weg – er selbst kann nicht, weil ihm niemand die Finanzierung gibt. „Er ist sozusagen verdammt, da oben zu bleiben. In er Schweiz gibt es Versicherungen, die Umsiedlungsmaßnahmen finanzieren, in Österreich noch nicht.”

Majestätisch können die Berge anmuten – gefährlich können sie jedoch auch immer häufiger werden. (Foto: IMAGO / Dreamstime)

Was kann man überhaupt tun gegen einen Berg, der sich bewegt? Eine naheliegende Antwort lautet: verbauen – mit Dämmen, Netzen, Barrieren und Auffangbecken. Das ist aber ökologisch problematisch und kostspielig. Deswegen kommt der Natur dabei eine wichtige Rolle zu: Schutzwälder halten durch ihre Wurzeln den Untergrund fest und bieten guten Schutz vor Lawinen, Steinschlägen und Murenabgängen. Große Bergstürze aufhalten oder Permafrost ersetzen können sie allerdings nicht. Weingarths Ansatz ist ein anderer: Möglichst viele Daten sammeln, um ein vernetztes und möglichst genaues Liveprognosesystem möglichst großflächig aufzubauen.
Ein Gedanke, der in der klassischen Risikoforschung noch selten vorkommt: jahrhundertealtes lokales Wissen als Datenpunkt. Wer seit Generationen in einem Tal lebt, weiß, wo der Boden nach starken Regenfällen aufweicht, welche Stelle schon die Großeltern gemieden haben und kann oft gut beurteilen, ob und wie sich die Umgebung verändert. „Die regionalen Leute wissen genau, wann was passiert. Aber sie werden selten gefragt. Mit denen müssen wir ins Gespräch gehen, um die Erfahrung mit in die Analysen zu nehmen.”

Es bleibt die größte Frage: Wie sicher werden wir in Zukunft in den Bergen leben können?
Zwischen 1900 und 1980 brachen in den Alpen oberhalb von 2.000 Metern durchschnittlich alle fünfzehn Jahre große Felsmassen ab. Zwischen 1980 und 2000 waren es schon alle fünf Jahre. Seit der Jahrtausendwende: alle drei Jahre ein massiver Bergsturz. Die Kurve zeigt nach oben.
Die Berge bröckeln. Das ist kein neues Phänomen. Was sich verändert hat, ist das Tempo. Wenn ich auf die Berge blicke, dann sehe ich Fels, Eis und Steine, die mich beeindrucken – die ich aber schwer lesen kann. Warum hält die steile Felswand dort und warum bröckelt der Hang daneben? Das bundesweite Geomonitoring, das gerade aufgebaut wird, und Untersuchungen von Unternehmen wie GMD machen Hoffnung, dass wir der Willkür der Natur nicht einfach ausgeliefert sind. Klar ist: Die Sicherheit und der Alltag in den österreichischen Alpen werden sich verändern. Aber auch die Technik wird immer ausgereifter. Der Siegeszug der Drohnen hilft auch beim Naturgefahren-Monitoring. In den Bergen wird es in Zukunft vermehrt krachen – mit gutem Monitoring und sinnvoller Raumplanung bleibt zu hoffen, dass Österreich kein Blatten 2.0 erleben muss.

Audioproduktion und Mix: Yannik Milz