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Wenn im Spätwinter die Sonne hinter dem Hahnenkamm versinkt, teilt sie die Stadt mit einer chirurgischen Präzision in zwei Welten. Oben, auf den Hängen der Sonnenseite, thronen die Schweigsamen. Es sind massive Festungen aus Altholz und Stein, deren Glasfronten das letzte Licht des Tages einfangen und wie einen Vorwurf ins Tal hinabwerfen. Hier stehen Häuser, deren Kamine rauchen, während ihre Besitzer in Malta, Stuttgart oder Velden sitzen. Es ist ein steriler Luxus, eine Ansammlung von Weinkellern und Heimkinos, von Tiefgaragen mit vielen Stellplätzen für Freunde und Familie.
Tief unten im Talbecken, auf der anderen Seite, wo die Kühle der Dämmerung zuerst zuschlägt, liegt das Kitzbühel derer, die morgens die Lichter einschalten und abends die Pisten präparieren. Hier, zwischen stark befahrenen Straßen, Wohnkomplexen und gedrängten Fassaden, ist der Raum eng geworden. Von der Schattenseite beobachten Einheimische, wie aus grünen Wiesen Luxuschalets werden.
Am 19. März 2026 landet eine Ankündigung des Bauamts Kitzbühels in den Briefkästen. Eine Kundmachung, eine Ladung zur Bauverhandlung: Eine GmbH „hat um die Baubewilligung für den Abbruch des Bestandsgebäudes und die Errichtung eines Einfamilienhauses mit Tiefgarage angesucht“. Bürgermeister Dr. Klaus Winkler lädt die Nachbarschaft, Bauwerber und Bauwerberinnen sowie die Beteiligten, am 21. April zusammenzukommen. Einsprüche dürfen dann erhoben werden, wenn sie rechtliche Begründungen haben. Ansonsten steht die Immobilie quasi schon. Denn der ÖVP-Bürgermeister Winkler setzt seine Unterschrift darunter. Und als oberste Bauinstanz spricht er das letzte Wort. Das ist ein Vorgang, wie er in jeder Tiroler Gemeinde vorkommt – nur dass es hier, in Kitzbühel, um Millionen geht, um prominente Namen und um den Vorwurf, dass dort nur noch Reiche wirklich leben können.
Das Bestandsgebäude gehört einem Millionär, der eine bekannte Sportwettenfirma gegründet hat und in Kitzbühel Immobilien im Wert von mehr als 40 Millionen Euro besitzt. Dass das Ansuchen der Baubewilligung nicht von einem Menschen, sondern einer Gesellschaft kommt, ist kein Zufall. Für jedes, bis auf eines seiner Objekte, gründet der Millionär eine GmbH. Die haben kreative Namen mit einer Kombination aus Buchstaben und Ziffern. Dabei sind das lediglich Abkürzungen der Adressen. Die Kaufverträge und Grundbuchauszüge liegen uns vor. In allen steht ein Satz in abgewandelter Form: „Das Einfamilienhaus dient laut Kaufvertrag als ganzjährige Nutzung und darf nicht als Freizeitwohnsitz verwendet werden“. In einem Vertrag kommt Bürgermeister Winkler in seiner Funktion als Baubehörde vor, im nächsten Vertrag als Steuerberater. Zumindest wird sein Steuerberatungsbüro Dr. Winkler-Mag. Perterer & Partner KG in Kitzbühel beauftragt. Über diese Doppelrolle in den Verträgen berichtete zuerst 2024 Puls24.
Den Bürgermeister scheint aber weder die Medienberichterstattung abzuschrecken, noch dass seine Doppelfunktion oft kritisch wahrgenommen wird. Denn ein weiteres Bauvorhaben des Millionärs wird auch heuer von Winkler genehmigt – insofern es keine rechtlichen Einsprüche dagegen gibt. Auf einer Liste mit mutmaßlichen illegalen Freizeitwohnsitzen, die uns aus Kreisen des Gemeinderats zugespielt wurde, befinden sich zwei Objekte, die diesem Millionär gehören. Wir sind an beiden Immobilien des Besitzers vorbeigefahren, um uns selbst ein Bild zu machen. Aus unseren Augen betrachtet wirkt es nicht so, als würde dort jemand in den Immobilien wohnen. Ein Beweis ist das natürlich nicht.

Deswegen fragen wir bei der Stadtgemeinde Kitzbühel nach Zahlen zu den Wohnsitzarten an. In Tirol gibt es unterschiedliche Kategorien: Es gibt Häuser, die gewidmete Freizeitwohnsitze sind und es gibt Häuser, die zur ganzjährigen Nutzung gedacht sind. Das heißt, dass dort ein Hauptwohnsitz gemeldet sein muss. Außerdem gibt es Häuser, die leer stehen. Für die muss eine Leerstandsabgabe gezahlt werden. Man spricht dann von einem illegalen Freizeit- oder Zweitwohnsitz, wenn ein Hauptwohnsitz nur vorgetäuscht oder keine Leerstandsabgabe gezahlt wird.
Wir wollten also von der Gemeinde einerseits wissen, wie viel Leerstand es gibt, andererseits wie viele legale und illegale Freizeitwohnsitze es gibt und wo deren Adressen sind. Wir fragen mehrfach an, viermal um genau zu sein - vier Wochen hatten sie Zeit, um zu antworten. Wir haben keine Rückmeldung erhalten. Das hält uns nicht auf, unsere Recherche fortzusetzen.
Was wir hier herausgefunden haben, sind Vorgehensweisen, die mehrere Fragen aufwerfen. Sie zeigen, wie Entscheidungen anders getroffen werden, wenn plötzlich viel Geld im Spiel ist. Kitzbühel kann man als Sinnbild für den Spätkapitalismus sehen. Eine Stadtgemeinde, in der die Sonne das Tal teilt und die Diskrepanz zwischen Reichen und Durchschnittsverdiener verdeutlicht. Wie weit gehen Menschen, wenn sie Macht dazu haben? Dies ist eine Geschichte über den Preis des Vorteils.
In unserem ersten Artikel haben wir dich auf eine Reportage vor Ort mitgenommen: illegale Freizeit- und Zweitwohnsitze werden hier zunehmend zum Problem. Ein altes Phänomen, das doch aktueller denn je ist. Einheimische, mit denen wir gesprochen haben, fühlen sich ungerecht behandelt. Manche haben das Gefühl, dass wohlhabende Gäste bevorzugt werden. Wir empfehlen euch an dieser Stelle, den ersten Teil dieser Serie für einen gesamten Überblick zu hören oder zu lesen.
Bauen, bewilligen, leer stehen
Leerstand ist in Österreich legal. Das erklärt uns auch Bürgermeister Winkler im Interview: „Ob jemand in der Immobilie gemeldet ist oder nicht, spielt keine Rolle, weil Leerstand legal ist. Das heißt, es kann jemand mehrere Immobilien erwerben, herstellen und bauen. Im Rahmen des Bauvorhabens haben die Bauwerber eine Erklärung abzugeben, dass sie nicht für Freizeitwohnsitz-Zwecke verwendet werden.”
Auf dem Papier ist das korrekt. Solange eine Immobilie nicht illegal als Freizeitwohnsitz genutzt wird, ist alles im Rahmen der Legalität – entweder sie wird ganzjährig als Hauptwohnsitz bewohnt oder sie steht offiziell leer und es wird die entsprechende Abgabe entrichtet. In diesem Sinne haben weder der Millionär noch der Bürgermeister gegen Gesetze verstoßen. Zumindest so weit wir das nachvollziehen können – denn die Adresslisten der Objekte, für die tatsächlich eine Leerstandsabgabe gezahlt wird, erhielten wir nicht. Einen kleinen Erfolg bei diesem Thema gab es erst kürzlich, im April 2026, für einen Bürger aus der Brixentaler Gemeinde. Er forderte von seiner Gemeinde eine Liste mit Adressen von legalen Freizeitwohnsitzen. Diese lehnte aus Datenschutzgründen ab. Der Mann legte Beschwerde ein, das Tiroler Landesverwaltungsgericht gab ihm recht. Diese Entscheidung könnte Folgen für andere Gemeinden, wie auch Kitzbühel, haben. Denn der Kläger berief sich auf das neue Informationsfreiheitsgesetz. Informationen von öffentlichem Interesse müssen transparent offengelegt werden. Vollständige zu Leerständen sind auf der Website der Stadt Kitzbühel nicht abrufbar. Wir haben dennoch ein paar Zahlen recherchieren können. Denn wer seine Immobilie leerstehen lässt, muss eine Abgabe zahlen.
2025 sind dabei in Kitzbühel 37 000 Euro zusammengekommen. Das klingt nach überraschend wenig Geld, vor allem wenn man bedenkt, dass es sich oft um große Grundstücke handelt, die dementsprechend viel Abgabe zahlen müssen. Wären alle leerstehenden Gebäude mehr als 250 Quadratmeter groß, dann wären es nur sieben für ganz Kitzbühel. Wären alle klein, also bis zu 30 Quadratmeter, dann wären es etwa 70 Wohnungen. Ohnehin wird klar: Allzu viele Gebäude sind nicht als Leerstand gemeldet. Entspricht das der Realität in Kitzbühel? In Kreisen der Tiroler Landesregierung geht man von 1200 illegalen Freizeit- und Zweitwohnsitzen in Kitzbühel aus – das sind fast so viele wie legale. Das bedeutet: Die Häuser, in denen ein Hauptwohnsitz nur vorgetäuscht wird, entziehen sich jeglicher Abgabepflicht. Sie zahlen weder die Freizeitwohnsitz-, noch die Leerstandsabgabe. Damit entgehen der Gemeinde wichtige Mittel für Infrastruktur, während der Wohnraum für Einheimische blockiert bleibt.
Auch andere Einheimische mit denen wir gesprochen haben, haben uns erzählt, dass sie es unfair finden, wenn Wohlhabende Häuser als reine Spekulationsobjekte kaufen und leer in der Sonne stehen lassen. Für Einheimische bedeutet das: Immobilien werden immer teurer, Grund- und Boden auch. Mittlerweile kosten 90 Quadratmeter Baugrund mit Haus in Kitzbühel durchschnittlich knapp eine Million Euro - das ist mehr als im Wiener Nobelbezirk Döbling. Dafür stellt Bürgermeister Winkler im Interview mit JETZT seine Lösung vor: sozial geförderte Wohnbauten. So soll leistbares Wohnen für Familien geschaffen werden.
„Ich habe ein hervorragendes Netz zu den gemeinnützigen Bauträgern. Wir verhandeln gerade über neue Bauprojekte. Kitzbühel ist die erfolgreichste Gemeinde weit um, was den sozialen Wohnbau betrifft. So haben wir in den letzten 15 Jahren für 400 Wohneinheiten geschaffen. Gerade wieder entwickeln wir ein großes Bauprojekt für einheimische Familien.“
Doch während der Bürgermeister die Erfolge des geförderten Wohnbaus wie ein Schutzschild vor sich trägt, bröckelt die Fassade bei genauerem Hinsehen. Denn das Versprechen vom „leistbaren Wohnraum für Einheimische“ hat ein Verfallsdatum. Unsere Recherchen zeigen: Wohnungen, die einst mit Steuergeldern und gemeinnütziger Hilfe errichtet wurden, um jungen Kitzbüheler Familien eine Zukunft im Tal zu ermöglichen, tauchen Jahre später plötzlich in ganz anderen Listen auf.
Sozialwohnungen erhalten Freizeitwidmungen
Es geht um eine Wohnanlage eines gemeinnützigen Bauträgers mit 99 Eigentümern in der Jochberger Straße. 24 Besitzer haben ihren Hauptwohnsitz – Stand September 2024 – außerhalb Tirols gemeldet. Klaus Winkler, der als Bürgermeister auch die Meldebehörde in der Gemeinde ist, könnte also in Kenntnis davon sein. In den Jahren 2021 und 2024 vergibt der Stadtchef drei Freizeitwidmungen. Das Tiroler Raumordnungsgesetz hat bereits 1997 festgelegt, dass in den Gemeinden die Acht-Prozent-Marke an Freizeitwohnsitzen nicht überschritten werden darf. Kitzbühel liegt mittlerweile bei 17, 5 Prozent. Laut Winkler sei das „historisch gewachsen“ und es hätte schon 1995 so viele Freizeitwohnsitze wie heuer gegeben. Einblick in die Zahlen gibt uns die Gemeinde auf mehrfache Anfrage aber nicht. Dabei gibt es, wie schon gesagt, seit dem 1. September 2025 das Informationsfreiheitsgesetz, auf das wir uns in unserer Anfrage auch bezogen haben. Sollte die Gemeinde die maximale Frist von acht Wochen nicht einhalten, werden wir dem weiter nachgehen. Sobald wir die Zahlen haben, werden wir sie einfügen.
Dass es aber ums Thema Freizeitwohnsitze fragwürdige Vorgänge gibt, steht fest. Ein Eigentümer einer Wohnung der Wohnanlage in der Jochberger Straße, der im Kärtner Velden seinen Hauptwohnsitz gemeldet hatte, sucht in einem Schreiben im Jahr 2023 die Umwidmung von „Wohnung für ständigen Wohnbedarf” in eine „Wohnung zur kurzzeitigen Vermietung an wechselnde Personen (Ferienwohnung)” an. Der Eigentümer ist ein gerichtlich zertifizierter Sachverständiger für Immobilien. Das heißt, er wird von Gerichten bestellt, um in Zwangsversteigerungsverfahren den Wert der Häuser zu bestimmen. Er betreibt Standorte in Wien und Klagenfurt, agiert aber auch als Investor und Eigentümer in Kitzbühel. Sein Arbeitsmittelpunkt scheint also nicht in Kitzbühel zu liegen. Das wurde scheinbar nie hinterfragt und hat scheinbar auch keinerlei Konsequenzen gehabt. Im Gegenteil: Er bekommt im Jänner 2023 sogar einer der raren Freizeitwohnsitze vom Bürgermeister Winkler gewidmet. Er nutzt dafür eine Ausnahme im Tiroler Raumordnungsgesetz.
Eine weitere Widmung bekommt 2024 eine Gesellschaft, die zu 100 Prozent einer Person gehört. Diese Person sitzt im Präsidium der Fraktion Christlicher Gewerkschaften, die bekanntlich sehr nahe zur ÖVP steht. Also jener Partei, in der Winkler agiert. Die drei Wohnungen, die durch Winkler zu Freizeitwohnsitzen wurden, sind zwischen 40 und 70 Quadratmeter groß. Sie würden sich perfekt für Einheimische oder junge Familien eignen. Aus drei Sozial- wurden Ferienwohnungen für Unternehmer. Bürgermeister Winkler war und ist nie dazu verpflichtet, diese Wohnungen umzuwidmen.
Im Laufe dieser Recherche müssen wir immer wieder an den Satz von Anna aus Oberndorf denken, die wir für den ersten Teil dieser Serie interviewt haben. Sie hat zu uns gesagt:
„Ich habe das Gefühl, dass „kleine Bürger” der Gemeinde nicht wichtig sind, dass ihnen nicht geholfen wird. Ich kenne einige Einheimische, die deswegen aus Kitzbühel weggezogen sind.“
Winkler in seiner Doppelrolle als Steuerberater und Bürgermeister
Dabei müsste es nicht so sein. Es gibt Einheimische, die hier bauen wollen, um tatsächlich hier zu leben. So wie ein Ehepaar T. aus Kitzbühel, das 2019 kurz davor steht, ein Haus zu bauen. Dafür wollen sie ein Grundstück kaufen, das bisher noch nicht als Bauland ausgewiesen ist, doch der Verkauf samt Umwidmung von Freiland zum Baugrund bei Abschluss eines Raumordnungsvertrags wird vom Stadtrat befürwortet. So wird es während einer Sitzung des Bauausschusses festgelhalten. Das Ehepaar gilt als Paradebeispiel für so genannte „Widmungswerber“, also als genau die Art Käufer, die sich die Gemeinde für einen geförderten Grund wünscht: Sie sind verheiratet, haben Kinder und sind tief verwurzelt in Kitzbühel. Es sieht alles gut aus, doch am Ende geht alles schief – so sehr, dass inzwischen das Bundesamt für Korruptionsprävention und -Bekämpfung ermittelt. Bürgermeister Klaus Winkler und Stadtamtsdirektor Michael Widmoser sind als Zeugen geladen, es geht um die „Konkretisierung der Vorwürfe des Amtsmissbrauches gem. § 302 StGB“. Denn das Grundstück wurde letztlich an jemand anderen verkauft, der anders als das Ehepaar T. zunächst einmal gar nicht wie ein idealer Widmungswerber wirkt, aber laut Zeugenaussage eines Oppositionellen ein Klient in der Steuerberatungsfirma des Bürgermeisters sei.
Aber der Reihe nach: Das Ehepaar möchte nicht persönlich mit uns sprechen. Aber wir können Gerichtsunterlagen, Protokolle vom Bauausschuss, Gemeinderats- und Stadtratssitzungen einsehen. In der Sachverhaltsdarstellung, die uns vorliegt, wird das Gespräch von Frau T. mit dem Bürgermeister beschrieben. Es geht um den Erwerb des Grundstücks.
Der Bürgermeister skizziert ihr damals, so wird es beschrieben, hohe bürokratische Hürden. Von einer Teilung des Grundstücks sei die Rede, von einem „Pool“, in den man erst gelangen müsse, und von einem Gemeinderatsbeschluss, der den Ankauf durch die Stadt vorsehe. Das ganze Gespräch sei so angelegt gewesen, um sie von diesem Grundstück „abzuschrecken”. Das Signal für Frau T. sei deutlich gewesen: Das Grundstück würde sie ohnehin nicht bekommen. Das Ehepaar habe sich deshalb zurückgezogen.

Dieser Rückzug macht den Weg frei für einen anderen Bewerber, Herrn M. Nur wenig später zeigt sich, dass die strengen Regeln der Raumordnung dehnbar zu sein scheinen, wenn der politische Wille da ist. Herr M. interessiert sich auch für das 1200 Quadratmeter große Grundstück und möchte dort bauen – und bekommt es schließlich, samt Umwidmung, für 750.000 Euro, was für Kitzbüheler Verhältnissen sehr günstig scheint. Das liegt vor allem daran, dass die Quadratmeterpreise durch eine Wohnbauförderung gedeckelt sind. Die Förderung ist dafür gedacht ist, dass es Widmungswerbern ermöglicht wird, in Kitzbühel zu bauen, auch wenn sie es sich ohne Förderung nicht leisten könnten. Deshalb gelten für die Bewerber allerdings Kriterien für ihre Förderungswürdigkeit. Herr M., der Käufer des geförderten Grundstücks, hatte im Jahr zuvor durch den Verkauf einer Immobilie 4,1 Millionen Euro erwirtschaftet. Das wird im Stadt- und Gemeinderat kritisiert.Wie beides zusammenpasst, wird möglicherweise die Untersuchung ergeben.
Theorien, wie es dazu kommen konnte, gibt es jetzt schon: Herr M. soll Klient des Bürgermeisters sein. Das sagt Andreas Fuchs-Martschitz, ehemaliger Obmann der Partei „Unabhängige Kitzbüheler”, in einer Einvernahme gegenüber dem Bundesamt für Korruptionsprävention und -bekämpfung unter Wahrheitspflicht aus. Auch in einer Gemeinderatssitzung warf Fuchs-Martschitz laut Protokoll vor, Bürgermeister Winkler hätte Herrn M. deswegen vorgezogen, weil er dessen Steuerberater sei. Winkler weist den Vorwurf der Ungleichbehandlung scharf zurück und bezeichnet die Kritik als „Polemik”. Fuchs-Martschitz würde laut Winkler „Äpfel mit Birnen” vergleichen. Die geschäftliche Verbindung zum Käufer lässt er im Protokoll jedoch unkommentiert.
Es ist nicht die einzige Ungereimtheit und auch nicht die einzige Kritik an dem Bauvorhaben durch Herrn M. Im Raumordnungsvertrag aus dem Jahr 2022 werden Vertragsbestimmungen mit Fristen vorgelegt, die erfüllt werden müssen. Dieser Vertrag wird zwischen drei Seiten abgeschlossen. Dem Verkäufer, der Stadtgemeinde Kitzbühel, vertreten durch den Bürgermeister und zwei Mitgliedern des Gemeinderates und Herrn M., also dem Käufer. Binnen sechs Monaten muss M. demnach ein Bauansuchen einbringen, und die Bauausführung muss innerhalb von zwölf Monaten begonnen werden. Ansonsten ist die Widmungsbegünstigung rückwirkend aufgehoben. Raumordnungsverträge funktionieren so als eine Art Prävention, um Bodenspekulation zu vermeiden.
Die Fristen seien nicht eingehalten worden. M. hat nicht gebaut. Doch Konsequenzen hätte es dafür keine gegeben. Während einer Sitzung 2025 fragte eine Person nach, warum man Verträge abschließe, wenn diese am Ende nicht eingehalten würden. Bürgermeister Winkler antwortete, dass die Bebauung nicht das Wesentliche sei und die Zustimmung zur Widmung an Herrn M. weiterhin aufrecht sei. Der Stadtamtsdirektor, Michael Widmoser, sagt, dass man den Vertrag entweder rückabwickeln müsse oder die Änderung nochmals im Stadtrat behandeln müsse. Es ist also in dem Transkript offensichtlich, dass Bürgermeister und Stadtamtsdirektor wissen, dass Herr M. seinen Teil der Verträge nicht eingehalten hat. Uns ist nicht bekannt, dass Pläne zur Rückabwicklung des Vertrags mit Herrn M. laufen.
Andreas Fuchs-Martschitz, ehemaliger Obmann der Unabhängigen Kitzbüheler, wirft Bürgermeister Winkler zusätzlich vor, das Protokoll der Sitzung zu seinen eigenen Gunsten verfälscht zu haben. Wir haben Bürgermeister Winkler mit allen im Beitrag genannten Vorwürfen konfrontiert und ihm einen detaillierten Fragenkatalog geschickt. Seine Antwort: „Ihre Anfrage wurde von unserer Rechtsabteilung geprüft. Ihre Recherchen beruhen auf falschen Tatsachen. Darüber hinaus verstoßen sie gegen die DSGVO.” Stadtamtsdirektor Michael Widmoser antwortet uns bis zum Redaktionsschluss nicht.
Wiederholte Kritik
Schon in der Vergangenheit kam es immer wieder Kritik zur Doppelfunktion des Bürgermeisters. So gab es auch schon Anzeigen gegen Klaus Winkler. Die meisten Ermittlungen wurden entweder eingestellt oder es gab keinen Anfangsverdacht. Diese Anzeigen kommen von anonymen Personen, der Opposition oder auch Einheimischen selbst und betreffen meistens einen Punkt: Den Vorwurf, dass Bürgermeister Winkler als Steuerberater in einer Doppelrolle agiert und seinen Nutzen daraus ziehen würde. Wir fragen Reinhold Gärtner, Tiroler Politikwissenschaftler, wie er diese Doppelrolle sieht und ob diese legal ist. „Es ist legal und problematisch zugleich, weil es einfach zu Interessenkollisionen kommt“, sagt Gärtner. Sobald Klienten einer Steuerkanzlei auch die Bereiche eines Bürgermeisters betreffen, müsse die Verhandlungsführung abgegeben werden, da hier direkte Entscheidungsmacht vorliegt. „Mit Geld kann man sich sehr viel kaufen. Da ist manches einfach zu wenig transparent. Da müssen wir viel mehr hinschauen, welche Kriterien festgelegt werden müssen, wo welche Geldflüsse in den Gemeinden sind.“
Bürgermeister Winkler wird in Medienberichterstattung, von der Opposition, von Einheimischen immer wieder „Amtsmissbrauch“ unterstellt.
Villa Oetker und die Vollmacht
2014 erwarb der deutsche Milliardär Richard Oetker ein Haus samt großem Grundstück nahe dem Schwarzsee um 2,9 Millionen Euro. 2019 verkaufte Oetker die Immobilie samt Neubau und Inventar um 10,25 Millionen Euro an einen Hamburger Unternehmer. Im Vertrag wird festgehalten, dass ein Wohnsitz als Freizeitwohnsitz unzulässig sei. Für Kritik sorgt vor allem, dass der ursprüngliche Kauf, wie auch der spätere Verkauf über eine Immobilienfirma Oetkers abgewickelt wurde, die ihren Sitz an der Adresse der Steuerberatungskanzlei von Bürgermeister Klaus Winkler hat. Winkler sieht sich laut einem Artikel der Tiroler Tageszeitung im Jahr 2015 als oberste Bauinstanz in dieser Causa nicht befangen. Die Kritik wird 2024 nochmals lauter, als der Absatz namens „Vollmacht“ im Kaufvertrag die Rolle Winklers nochmals klarstellt: Der Milliardär erteile Winkler persönlich eine Vollmacht, um etwa Firmenbucheintragungen vorzunehmen. Gegenüber dem Kurier versichert Winkler, dass er Oetker gar nicht kenne. Der Notariatsakt liegt JETZT vor.
Ein Porsche, ein Meschke, ein Steuerberater
Wenn die illegalen Freizeitwohnsitze ein Eisberg wären, dann wäre Lutz Meschke einer der strahlenden Eiszapfen ganz oben. Denn kaum ein Fall zeigt so deutlich und prominent, wie Reiche versuchen, die Gesetze zu umgehen. Lutz Meschke war bis 2025 Finanzchef bei Porsche und somit Person des öffentlichen Lebens mit üppigem Gehalt. Zuletzt bekam er für den goldenen Handschlag – also einer freiwilligen Abfindung bei Vertragsauflösung – 11,6 Millionen Euro.
2014 kaufte er sich ein Chalet in Going in der Nähe von Kitzbühel. Und schon beim Erwerb stand fest, dass hier kein Freizeitwohnsitz entstehen darf, sondern das Haus als Hauptwohnsitz genutzt werden muss. Meschke wusste also, zu welchen Bedingungen er das Gebäude kaufte – und hat sich dennoch nicht daran gehalten. Weil er seinen Lebensmittelpunkt aber nicht in Going hatte, wurde ihm die Nutzung durch die Gemeinde entzogen. Denn der Porsche-Hauptsitz liegt bekanntlich in Stuttgart-Zuffenhausen. Dass Meschke als Finanzchef hier viel Zeit verbracht hat, liegt nahe. Und auch seine drei Kinder gingen zum strittigen Zeitraum in Deutschland zur Schule. Dass Meschke einen Hauptwohnsitz in Going erfüllt haben soll, das fällt schwer zu glauben. Auch wenn er sich damit rechtfertigte, dass er wegen Immobiliengeschäften oft in der Region gearbeitet hätte und auch die Kinder in Deutschland kein Argument gewesen wären, weil er mit der Familie nicht viel Zeit verbringe. Anders sah das das Landesverwaltungsgericht und stellte einen unzulässigen Freizeitwohnsitz fest. Meschke legte keine Berufung gegen diese Entscheidung ein und verkaufte das Objekt.
Trotzdem ist Lutz Meschke nicht aus der Welt und macht in der Region weiter Geschäfte. Zusammen mit einem anderen Spitzenmanager kaufte er 2019 für 5,8 Millionen Euro ein Hotel in Going, um es zwei Jahre später für 11,6 Millionen Euro wieder zu verkaufen, wie die Tiroler Tageszeitung berichtete. Und auch in Kitzbühel bauten die beiden ein Doppelhaus. Dass Meschke auch hier erhofft hatte, das Haus nutzen zu können, obwohl eine Freizeitnutzung von vorne herein nicht möglich war, zeigt seine Aussage gegenüber der Tiroler Tageszeitung vom 7.3.2024: „Ich bedauere, dass die aktuelle Rechtsprechung in Tirol es mir derzeit unmöglich macht, das Haus in Kitzbühel nach Fertigstellung als Wohnsitz zu nutzen.“

Die drei Hüte
Man kann sich das Prozedere wie einen Staffellauf vorstellen, bei dem der Läufer zwischendurch nur den Hut wechselt. Auf dem Tisch des Bürgermeisters landet ein Ansuchen. Winkler, der Politiker, prüft dieses und erteilt als oberste Bauinstanz die Baugenehmigung. Wenige hundert Meter weiter, in der Kanzlei, prüft Winkler, der Steuerberater, die Bilanz desselben Antragstellers. Eine Gesellschaft wird gegründet. Am Ende steht eine Unterschrift, die beide Welten beglückt. Man könnte es als eine Symbiose aus Macht und Mandat sehen. Nachdem also der Kauf abgewickelt wurde, inklusive des Absatzes, dass die Immobilie natürlich nicht als Freizeitwohnsitz verwendet werden darf, setzt der Bürgermeister seinen Hut wieder auf. Nun soll er kontrollieren, ob es sich um einen illegalen Freizeitwohnsitz handelt.
Wir fragen Bürgermeister Winkler, ob er die Kritik an seiner Doppelfunktion und dem vorgeworfenen Interessenskonflikt nachvollziehen kann. Seine Antwort: „Die kommt nur von der Opposition. Ich halte sie überhaupt nicht für berechtigt.“ Er sehe seine kaufmännische Ausbildung und seine Kenntnisse in Finanzen und Steuern als Vorteil. Und sagt weiter:
„Als Steuerberater würde ich meinen, hat man die beste Voraussetzung als Bürgermeister. Auch, weil man als Steuerberater sehr viele Kontakte mit der Wirtschaft und Unternehmen hat und damit ganz klar die Besorgnisse und die Bedürfnisse der Unternehmer und auch deren Arbeitnehmer kennt.“
Netzwerke sind an sich nichts Schlechtes. Politikwissenschaftler Gärtner erklärt, wann es gefährlich werden könnte: „Schwierig wird es, wenn der Bürgermeister sich von mächtigen Personen in der Gemeinde einspannen lässt. Und wenn es dann zu Abkommen kommt, die am Rücken des Großteils der Gemeindebevölkerung ausgetragen werden.“
Das Netzwerk Winklers
Zwischen dem Duft von Tiroler Kaspressknödeln und Kaiserschmarrn wird die Weltpolitik bei einem kühlen Bier zur Nebensache – oder genau dort entschieden. Mittendrin webt der Bürgermeister an seinem Netzwerk: Ein unsichtbares Geflecht aus Händedrücken und Kontakten, das die Bergstadt im Innersten zusammenhält, während draußen der Champagner kaltgestellt wird.
Oben auf der Alm ist Rosis Sonnbergstube für Gäste allerorts Pflichtprogramm. 2008 errichtete die Wirtin neben ihrem Lokal ein Zelt. Die Genehmigung soll für fünf Jahre erteilt worden sein, der Bau aber dann Jahre lang als illegaler Schwarzbau weiter gestanden. 2016 wurde das Zelt abgebaut. Die Staatsanwaltschaft Innsbruck leitete aufgrund einer anonymen Anzeige Ermittlungen wegen Verdachts des Amtsmissbrauchs gegen den Bürgermeister Klaus Winkler ein. Der Vorwurf: Der Stadtchef, der auch seit 2015 Steuerberater von Schipflinger ist, sei gegen den mutmaßlichen Schwarzbau nicht eingeschritten. Die Staatsanwaltschaft hält es für glaubhaft, dass Winkler nicht bekannt war, dass der Anbau schließlich ohne Genehmigung weiterstand.
Ein Blick in den Wirtschafts-Compass zeigt: Seit 2011 hält Winkler 100 Prozent Anteile an der „Schipflinger Beteiligungsverwaltung GmbH”. Als Geschäftsführerin der Gesellschaft fungiert Aloisia Schipflinger, die Inhaberin der Sonnbergstube. Diese GmbH ist wiederum an der KG beteiligt, welche die operativen Gesellschaften des Gastronomiebetriebs hält. Damit besteht zwischen dem Bürgermeister und der Baubewerberin eine direkte gesellschaftsrechtliche Verbindung.
Illegale Zweitwohnsitze „nach Augenmaß“ legalisieren
Es ist nicht so, als würden der Bürgermeister und die anderen Beteiligten nicht sehen, dass die aktuelle Lage problematisch ist. Die unbewohnten Chalets sind ja nicht zu ignorieren. Deshalb bringen auch sie immer wieder Ideen ein, wie man die Kontrollen ändern oder abschaffen könnte, die sie als Belästigung der Einheimischen und imageschädigend sehen. Deswegen fährt der Bürgermeister seit ein paar Monaten einen neuen Kurs. Zusammen mit anderen Bürgermeistern, mit Christian Harisch und der FPÖ unter Alexander Gamper, gibt es neue Ideen. Zum Beispiel: illegale Zweitwohnsitze zu legalisieren, und zwar „nach Augenmaß“, so Winkler selbst. Bei einer Mindestaufenthaltsdauer von 70 Tagen im Jahr würden durch eine neue Widmungskategorie „qualifizierter Nebenwohnsitz“ diese illegalen Wohnsitze legal werden. Leerstehen würden sie aber dennoch bis zu 295 Tage im Jahr. In dieser Lösung bietet sich auch der weitere Vorschlag Winklers an, und zwar, dass man Arbeitswohnsitze legalisiert. Den Begriff „Arbeitswohnsitz“ gibt es übrigens rechtlich gar nicht. Bis auf die FPÖ Kitzbühel lehnt die Opposition diese Idee ab. Die Opposition kritisiert Winklers Vorschlag und wirft die Frage auf, inwiefern es leichter zu kontrollieren sei als bisher, wenn von nun an für 70 Tage ein Arbeits- beziehungsweise Aufenthaltsnachweis geliefert werden müsse. Die Tiroler Landesregierung – bestehend aus ÖVP und SPÖ – lehnte die Forderung ab.
Der Obmann des Tourismusverbandes, Christian Harisch, hat einen weiteren Lösungsvorschlag: Man könnte Wohnsitze durch eine höhere Besteuerung oder Ausgleichszahlungen ermöglichen. Zu diesem Vorschlag sagt Markus Sint von der Tiroler Partei „Liste Fritz“:
„Ein Freikaufen geht aus meiner Sicht auch überhaupt nicht, weil man in Wahrheit allen sagt, du musst dich nicht als Gesetz halten, wenn du nur eine dicke Brieftasche hast.“
Von der „Liste Fritz“ gibt es einen anderen Vorschlag: Durch eine „Taskforce“ die Kontrolle von der Gemeindeebene in die Hände der Landesregierung Tirols zu geben. Auch Politikwissenschaftler Gärtner sieht es von Vorteil, wenn die Raumplanung auf eine andere Ebene verlagert werden würde. „Weg von den Gemeinden, damit auch weg von direkter Betroffenheit einzelner Akteure”, sagt er. Dadurch könnte auch der Druck von Bürgermeistern genommen werden, da sie oft zwischen zwei Stühlen sitzen, wo unterschiedliche Interessen aufeinanderprallen.

Wiederwahl mit Widerwillen?
Kritische Stimmen zur politischen Führung Kitzbühels – besonders in Bezug auf die Raumordnungsthematik – zu finden, ist nicht schwer. Hinter vorgehaltener Hand gibt es viel Kritik am Bürgermeister. Warum aber wurde er dann immer wieder von der Bevölkerung gewählt?
Diese Frage beschäftigt auch Jana Unterrainer, die in Kirchdorf, einer Nebengemeinde, aufgewachsen ist und heute als Journalistin in Wien arbeitet. „Wie kann man das Jahrzehnte übersehen und sich dann darüber beschweren, dass die Situation so ist, wie sie ist?“, sagt Unterrainer. Als Teenagerin habe sie das Gefühl gehabt, sie sei die Einzige, die diese Kluft zwischen Reichen und Armen störe. Sie erinnert sich, wie sie im Auto mit Freunden und Freundinnen saß und ganz genau wusste, was ein Zweitwohnsitz ist und wer diese Luxusimmobilien besitzt.
„Warum wählen sie ihn immer wieder? Das ist für mich als Person, die da weggegangen ist, unverständlich", sagt Unterrainer.
Die Gründe, die uns in der Recherche begegnet sind, sind vielseitig. Einerseits beklagen manche den Mangel an Alternativen – man wähle dann doch lieber den Routinier, als jemanden, von dem man nicht weiß, was man bekommt. Doch dieser Mangel an Alternativen könnte auch in den parteiinternen Strukturen liegen. Vergangene Woche erreichte uns eine anonyme E-Mail, die an einen breiten Verteilerkreis gerichtet war. Das Schreiben macht auf eine Situation innerhalb der Stadt-ÖVP aufmerksam: Seit 24 Jahren gab es keine Neuwahl des Stadtparteigremiums der ÖVP. Rechtlich gesehen ist die Stadtpartei damit seit 18 Jahren führungslos. Die Parteistatuten schreiben alle sechs Jahre Neuwahlen vor. Ein Versäumnis, das die Landesparteizentrale gegenüber dem ORF-Tirol bestätigte. Seit 22 Jahren hat Bürgermeister Winkler in Kitzbühel das Sagen und ist rechtlich gesehen ein ungewählter ÖVP-Stadtparteiobmann. Wo kein demokratischer Erneuerungsprozess stattfindet, kann auch nur schwer Konkurrenz entstehen.
Andererseits hat Kitzbühel durch den internationalen Ruf und die wohlhabenden Gäste finanzielle Möglichkeiten, um Projekte umzusetzen und etwa das Vereinsleben stark zu fördern. „Die Vereine, wo das einheimische Leben noch stattfindet, werden alle mit Geldern bedient – ob sie es brauchen oder nicht. Unter anderem hat er sich damit die Macht so lange sichern können, weil er die Vereine gut bedient“, findet Andreas Fuchs-Martschitz, ehemaliger Obmann der Unabhängigen Kitzbüheler.
Es gibt aber auch einen Aspekt, den sich manche Einheimische nicht gerne eingestehen. Denn auch wenn die Ungleichheiten in Kitzbühel groß sind und einige Einheimische unter dem Einfluss reicher Auswärtiger leiden – wir haben das in Teil eins gezeigt, so stimmt es auch, dass viele davon profitieren – mal mehr, mal weniger. Man könnte also bildlich gesprochen sagen, dass auch auf der Schattenseite Kitzbühels mehr Sonne scheint als anderswo. Die Vorteile der Zweitwohnsitzler sieht Unterrainer bei denen in ihrer eigenen Verwandschaft, die im Handwerk tätig sind. Durch die Aufträge der „Reichen“ würden sie einiges an Geldern verdienen. Gleichzeitig sieht sie auch die andere Seite:
„Es gibt schon Menschen, die von Armut betroffen sind, die sich vielleicht schämen und weniger auffallen wollen. Aber die Mittelschicht kann sehr gut von diesem System leben.“
Das rechtfertigt die strukturellen und politischen Versäumnisse nicht, aber erklärt, wie es ein Bürgermeister geschafft hat, trotz vielfacher Kritik für mehr als zwei Jahrzehnte seinen Platz zu verteidigen. Und es zeigt, dass es zu moralisch fragwürdigen Geschehnissen in Kitzbühel – Stichwort illegale Freizeitwohnsitze – zwei Seiten braucht. Die wohlabenden Interessierten, die sich über das Gesetz hinwegsetzen und Hauptwohnsitze vortäuschen, und Einheimische, die ihre Häuser und Grundstücke an die Meistbietenden verkaufen – egal, was das für die Gemeinde bedeutet.
In Kitzbühel wird die Sonne so schnell nicht untergehen, auch wenn sie für die einen heller zu strahlen scheint. Denn per se steht die Stadt nicht schlecht da – sie hat einen internationalen Ruf – viele Menschen wollen hier Urlaub machen, Geld ausgeben oder wohnen. Andere Gemeinden wären froh über solche Voraussetzungen. Die Gefahr besteht darin, dass Kitzbühel nur noch für jene interessant und leistbar wird, die viel Geld haben.
Audioproduktion und Mix: Yannik Milz
Mitarbeit: Henric Wietheger
