Wann hat der Krieg gegen Frauen eigentlich begonnen? Die Spurensuche führt jedenfalls schnell nach Washington

Mit einem Satz von Donald Trump ist beim Rollenbild der Frau im Westen etwas ins Rutschen gekommen.

Wann hat der Krieg gegen Frauen eigentlich begonnen? Die Spurensuche führt jedenfalls schnell nach Washington
Collage: Hedi Lusser/JETZT

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Wann hat der Krieg gegen Frauen eigentlich begonnen? Mit dieser Frage begannen in unserer Redaktionskonferenz die Überlegungen zu dieser Serie mit dem Titel Krieg gegen Frauen“. Natürlich könnte ich jetzt bis zu Adam und Eva zurückgehen. Und das meine ich nicht nur metaphorisch. Über die historisch-religiösen Wurzeln im Verhältnis zwischen Männern und Frauen kommen aber Mitja und Kathi später zu sprechen.

Es reicht in diesem Fall, nur ein paar Jahre zurückzugehen. Jedenfalls sind wir in der Redaktion zu einem auffälligen Wendepunkt gekommen. Es ist ein Moment, der wie kein anderer seit Beginn des Kampfes für Gleichberechtigung die Verachtung von Frauen ausdrückt. Jedenfalls im Westen, der sich ja für aufgeklärter und fortschrittlicher hält als der Rest der Welt.

Die Washington Post hat am 7. Oktober 2016 im US-Wahlkampf ein Video veröffentlicht, in dem der republikanische Kandidat Donald Trump offen mit sexuellen Übergriffen gegen Frauen prahlt. Die Bilder von 2005 zeigen einen Bus, der durch die Stadt fährt. Irgendwann steigen Donald Trump und Billy Bush aus. Bush ist Moderator der Unterhaltungsshow Access Hollywood“. Der Name der Show steht auch außen auf dem Bus. Beide treffen die Schauspielerin Arianne Zucker, mit der Trump eine Auftritt in der Seifenoper Days of Our Lives“ drehen wird.

Trump 2005 (Foto: IMAGO / Rideaux-PicturePerfect)

Brisant ist aber die Tonspur. Zu hören ist eine Männerstimme, die sich herablassend über Frauen äußert – und die sich eindeutig als die von Donald Trump erkennen lässt. Er sagt: Ich sollte ein paar Tic Tacs nehmen, falls ich anfange, sie zu küssen. Weißt du, ich fühle mich automatisch angezogen von schönen Frauen – ich fange einfach an, sie zu küssen. Es ist wie ein Magnet. Einfach küssen. Ich warte nicht einmal. Und wenn du ein Star bist, lassen sie dich machen. Du kannst machen, was du willst. … ihnen an die Pussy fassen. Du kannst alles machen.“

Viele Menschen dachten nach dem Satz Grab em by the pussy“: Nun ist der Wahlkampf gelaufen. Jetzt gewinnt Hillary Clinton. Denn mindestens jede Frau wird doch wohl nicht diesen frauenverachtenden Republikaner wählen. Doch dann gewann Trump, zog für seine erste Amtszeit ins Weiße Haus und seither ist beim Rollenbild der Frau im Westen etwas ins Rutschen gekommen.

Ich glaube, der 19. Verfassungszusatz war ein wirklich schlechter Schritt. Statt einer praktischen Methode zur Entscheidungsfindung ist sie zu einem Mittel geworden, um mit unserer göttlichen Mutter, dem Staat, in Verbindung zu treten. Deshalb erscheint die Diskussion über die Abschaffung des 19. Verfassungszusatzes vielen Menschen gleichbedeutend mit einem bürgerlichen Ausschluss, doch das ist sie keineswegs.“

Das ist Douglas Wilson auf seiner Homepage Blog&Mablog. Douglas Wilson ist evangelikaler Christ, Pastor der Christ Church in Moscow im Bundesstaat Idaho und lehrt dort am New Saint Andrews College. Das noch recht junge College ist evangelikal ausgerichtet, nennt sich aber selbst radikal liberal“. Bis vor einem Jahr galt Wilson als reaktionäre Randfigur. Doch seit ihn Verteidigungsminister Pete Hegseth quasi geadelt hat, ist er zu einer prominenten Stimme geworden. Douglas Wilson ist einer der wichtigsten Vertreter der Masculinismus“-Bewegung.

Maskulinisten wehren sich gegen die Vorstöße des Feminismus und wollen die Vorrangstellung der Männer bekräftigen. In dem Beitrag, den du vorhin in einem kurzen Ausschnitt gehört hast, erklärt Wilson, warum er den 19. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten aufheben möchte. Das ist jener Zusatzartikel, der Frauen das Wahlrecht einräumt.

Religiöses Fundament

Es sei, so erklärt Wilson, ein bescheidener Vorschlag zur Verbesserung des Lebens in Amerika. Denn: In seinem idealen System würde man in der Politik genauso vorgehen wie in der Kirchenstruktur. Das heißt: Es stimmt jeder Haushalt gemeinsam ab. Haushalt heißt selbstverständlich in seinen Augen: Vater, Mutter, Kinder – viele Kinder. Die Frau ist dabei der CEO des Haushalts, der Mann aber sollte die Kontrolle über die Haushaltsausgaben, die Wahl der Fernsehprogramme und die Wahl der männlichen Politiker haben. Denn Wilson ist selbstverständlich auch der Ansicht, dass Frauen normalerweise keine politischen Ämter bekleiden sollten und nie in Kampfeinsätzen beim Militär dienen dürften.

Seine Sichtweise basiert auf der Vorstellung von der männlichen Führungsrolle in der Familie sowie auf der Überzeugung des Heiligen Paulus, dass gottesfürchtige Frauen schweigen sollten. Es gibt auch zahlreiche säkulare Maskulinisten sowie solche, die sich nominell zum Islam bekennen. Dazu zählen beispielsweise der Streamer Sneako, den Podcaster Myron Gaines und Andrew Tate, den Michalis im ersten Teil vorgestellt hat. Frauenfeindliche Äußerungen kommen in den sozialen Medien gut an. Sie bringen hohe Werbeeinnahmen über Kryptowährungen, Sportwetten und Nahrungsergänzungsmittel. Man kann viel Geld damit verdienen, Männern zu erzählen, dass sie das wirklich unterdrückte Geschlecht sind.

Wie sich frauenfeindliche Medieninhalte auf Einstellungen und Verhalten gegenüber Frauen auswirken, belegt auch eine breit angelegte Überblicksstudie, die im März im Fachjournal Psychological Bulletin“ veröffentlicht wurde. Zum Forschungsteam gehört auch Tobias Greitemeyer von der Universität Innsbruck. Das Team hat 257 Studien ausgewertet, die einen Zeitraum von 47 Jahren und insgesamt fast 133.000 Studienteilnehmer umfassen. Es wurden Filme, Fernsehen, Musikvideos, Videospiele, Werbung, Magazine, Pornografie und Inhalte aus sozialen Medien einbezogen. Das Ergebnis ist so eindeutig: Der Konsum frauenfeindlicher Inhalte steht in Zusammenhang mit stärkerer Frauenfeindlichkeit – und das gilt sogar für Frauen selbst, wenn auch nicht im gleichen Maße wie für Männer. Es konnte nachgewiesen werden, dass das Anschauen entsprechender Inhalte die Studienteilnehmenden mit aggressiverem Verhalten gegenüber Frauen, einer stärkeren Objektifizierung und der Festigung sexistischer Haltungen und Vorurteile einhergeht. Frauenfeindliche Medieninhalte trügen dazu bei, den geringeren gesellschaftlichen Status der Frauen im Vergleich zu Männern zu zementieren, so das Fazit der Studienautoren.

Und damit sind wir wieder bei Donald Trump und seinem Satz, der so weit verbreitet wurde im Wahlkampf und auf die Erzählung trifft, Männer sind das wirklich unterdrückte Geschlecht.

Denn Trump hat damit Gewalt gegen Frauen legitimiert und dafür zweimal die demokratische Bestätigung bekommen. Ein Mann, der bei einem US-Inlandsflug einer Frau eine Reihe vor ihm von hinten an die Brust griff, berief sich vor Gericht sogar explizit auf das Zitat, um sich zu rechtfertigen.

Das Narrativ hat die Diskussion um Machtstrukturen neu belebt, in denen Frauen den Männern untergeordnet gelten. Die politische Relativierung der Aussage hat das öffentliche Bewusstsein geprägt. Zum Beispiel verteidigte Trump seine Aussage in einem Prozess wegen eines Vergewaltigungsvorwurfs gegen ihn. Er entschuldigte sich zwar für den Satz, begründete ihn aber damit, dass er historisch für Stars eben gelte. Und ja, er bezeichnete sich selbst als Star. Aber in den USA wurde über den Prozess nur noch wenig berichtet, weniger jedenfalls als einst über den Satz selbst.

Die 2021 verstorbene Kulturwissenschaftlerin bell hooks. (Foto: Marion Ettlinger)

Diese gesellschaftliche Verschiebung hat einen wie Douglas Wilson von einer Randfigur zu einer prominenten Stimme werden lassen. Die 2021 verstorbene Kulturwissenschaftlerin bell hooks sprach zwar nie explizit über Trump, argumentierte aber, dass der Aufstieg des rechtsautoritären Denkens – der die Trump-Bewegung geprägt hat – tief im patriarchalen Fundamentalismus“ verwurzelt sei. Berühmt geworden ist ihr Zitat, dass das Patriarchat kein Geschlecht hat“. Auch Frauen wirken demnach aktiv an der Aufrechterhaltung autoritärer und sexistischer Systeme mit. bell hook sagt auch:

Manchmal versuchen Menschen, dich zu vernichten, gerade weil sie deine Kraft erkennen – nicht, weil sie die Kraft nicht sehen, sondern gerade weil sie sie sehen und nicht wollen, dass sie existiert.“

Machismo-Darstellungen werden gezielt eingesetzt, um traditionelle, patriarchale Geschlechterrollen zu verteidigen. Das Rollenbild zeichnet einen starken Mann“, der sich nimmt, was er will, und dabei keine Grenzen akzeptiert. Dies stehe, so bell hook, im direkten Kontrast zu modernen Konzepten von Konsens, Gleichberechtigung und gegenseitigem Respekt. Der Bruch in der Solidarität zwischen den Geschlechtern ist zentral, wenn man die Veränderung der Rolle der Frauen beim Aufstieg Trumps betrachtet. Wenn viele weiße Frauen konservative Politik befürworten und für Trump stimmen, macht dies deutlich, wie in der heutigen politischen Landschaft Rasse und Klasse oft Vorrang vor dem Geschlecht haben. Diese Spaltungen zeigen, dass Weiblichkeit“ allein nicht ausreicht, um Frauen aus verschiedenen ethnischen und sozioökonomischen Schichten zu vereinen.

Das lässt sich besonders an der noch relativ jungen Bewegung des christlichen Nationalismus festmachen, die in Douglas Wilson einen Vordenker sieht. Die Bewegung war im November 2024 ein entscheidender Faktor für Trumps zweiten Wahlsieg. Sie verweisen auf Trump, der als oberster Nationalist gilt. Christliche Nationalisten sind überzeugt, die USA seien als christliche Nation gegründet worden und müssten entsprechend regiert werden. Christ-Sein und Amerikaner-Sein gehören danach zusammen. Neben dem weißen Vormachtstrebens ist das traditionelle Familienmodell mit der Vormachtstellung des Mannes ein Kernelement. Trump hat in seinem selbsterklärten Kulturkampf gegen alles Linke und Liberale diese Bewegung ebenso wie die Neue Rechte hinter sich und macht darüber auch offenen Sexismus ebenso wie Rassismus wieder salonfähig.

Siri Hustvedt und ihr Ehemann Paul Auster galten als intellektuelles Traumpaar der Gegenwartsliteratur. Bis zu seinem Tod 2024 verbrachten sie 43 Jahre zusammen – in großer Liebe zueinander und zur Literatur. (Foto: IMAGO / TT)

Die 70-jährige Bestseller-Autorin Siri Hustvedt sagt dem Guardian nach der ersten Wahl 2016: Trump wurde gewählt, weil Frauenfeindlichkeit nach wie vor weit verbreitet ist.“ Und der deutsche Autor Klaus Walter zitiert Hustvedt in einem Essay ein Jahrzehnt später zum zunehmenden Sexismus, der vor Trumps erster Wahl noch verpönt war in ihrem Heimatland: Ich habe mehr über Politik geschrieben als je zuvor in meinem Leben. Ich fürchte aber, dass ich damit niemanden dazu gebracht habe, seine oder ihre Meinung zu ändern. Ich bin mir mit vielen Beobachtern einig, dass Trump das verkörpert, was derzeit als toxische Männlichkeit bezeichnet wird.“

Ta-Nehisi Coates ist US-amerikanischer Journalist und Buchautor. Bekannt geworden ist er vor allem für seine Texte in unserem Kooperationspartner The Atlantic. (Foto: Gabriella Demczuk)

Auch den Schriftsteller Ta-Nehisi Coates zitiert Walter in seinem Essay. Coates erlebt nach eigenen Worten eine Sexualisierung im rechten politischen Spektrum. White supremacy hatte schon immer eine perverse sexuelle Note. Insofern passt es, dass Trumps Aufstieg von Steven Bannon begleitet wurde, einem Mann, der seine männlichen weißen Kritiker als Cucks verhöhnt.“ Den Begriff, den der ehemalige Trump-Berater da verwendet, steht als Abkürzung für Cuckold, also ein gehörnter Ehemann. In der Pornografie gibt es eine eigene Kategorie Cuckold. Dabei genießt ein Mann die Demütigung durch einen anderen Mann, der vor seinen Augen mit seiner eigenen Frau Sex hat. In der ausgeprägten Variante bestimmt der Alpha Cuckold, wann und wie seine Frau mit welchem Mann Sex hat. Rassistisch aufgeladen wird das Phänomen bei einem weißen Mann, der seiner weißen Frau beim Sex mit einem schwarzen Mann zuschaut.

An der Stelle beendet ich den Ausflug in die schmutzigen Ecken des Internets. Doch der Begriff hat sich längst aus diesem Raum heraus bewegt und ist in Teilen der US-Gesellschaft mittlerweile in die Alltagssprache eingeflossen. In Trumps Kulturkampf steht Cuck jedenfalls als Inbegriff des weißen Schwächlings. Steve Bannon hat einen erheblichen Anteil daran gehabt. Und die Sexualisierung der Politik ist auch nicht auf die USA beschränkt. Die Grenzen des Sagbaren sind auch in Europa mit der fortschreitenden Ausbreitung der Neuen Rechten verschoben worden.

Ist der berühmt-berüchtigte Satz von Trump also der Anfang vom Krieg gegen die Frauen? Historisch werden wir das noch weiter beleuchten in unserem Themenschwerpunkt. Aber ein Wendepunkt war es jedenfalls

Audioproduktion und -mix: Yannik Milz

Das Video von Douglas Wilson auf Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=PWkeSjePzXo