Mehr Steuern, mehr Profite, weniger Sucht? (Teil 1) Jahrelang florierte illegales Onlineglücksspiel

Jetzt will die Regierung die Casinoanbieter erlauben, unter Auflagen. Ist das eine gute Idee? In Deutschland zeigt sich nach fünf Jahren der Liberalisierung: Aktuelle Regeln sind löchrig, illegale Angebote weiter zugänglich. Die Glücksspielbehörde steht einer mächtigen Industrie gegenüber.

Mehr Steuern, mehr Profite, weniger Sucht? (Teil 1) Jahrelang florierte illegales Onlineglücksspiel
Illustration: Getty Images

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Stell dir vor, du verkaufst Kokain und der Staat fragt: Wie viel verdienst du damit? Es wäre nett, wenn du uns das freiwillig mitteilst und Steuern zahlen würdest. Wir können nicht verhindern, dass du mit Drogen handelst, aber wir wissen es, also müssen wir zumindest mitverdienen.

Klingt absurd? Ist es auch. Aber so ähnlich kann man das beschreiben, was aktuell beim Online-Glücksspiel passiert. Das Finanzministerium fordert illegale Onlinecasinos auf, ihre Steuern selbst zu berechnen. 40 Millionen Euro nimmt der Staat so im Durchschnitt jährlich ein. Welche Casinos überhaupt zahlen, darf das Finanzministerium nicht mitteilen: „Abgaberechtliche Geheimhaltungsverpflichtung.“ Jene, die nicht zahlen, kennt das Ministerium teils gar nicht. Denn ich habe im Juli 2026 beim Finanzministerium nachgefragt, wie viele illegale Anbieter von Online-Casinos derzeit am österreichischen Markt aktiv sind? Die Antwort: „Dazu liegen uns keine Daten vor.“

Selbstbesteuerung: Für abgabengeplagte österreichische Unternehmen muss sich das wie Hohn anhören. Dabei ist die Sache mit dem Online-Glücksspiel gar nicht so kompliziert. Es gibt mit win2day – noch – einen Monopolisten. Der Staat will Glücksspielende schützen. Denn Glücksspiel kann, wie Kokain, zur Sucht führen. Statt weißem Pulver locken grelle Automaten und Gewinnversprechen.

Klassische Casinos gibt es zwar noch, aber das Geschäft findet zu einem großen Teil online statt. (Foto: IMAGO / imagebroker)

Die verführen offline und online: 300.000 Menschen sind hierzulande direkt von Glücksspielsucht betroffen, darüber haben wir auch in Teil Eins dieser Serie gesprochen. Aber, und das ist das Problem: Viele spielen eben nicht beim Monopolisten und auch nicht in fensterlosen Casinoräumen, sondern online, vorm Handybildschirm, bei den illegalen Casinos, ohne Sicherheitsnetz und mit katastrophalen Abgründen. Ihr erinnert euch an Richard aus Folge 1: Er hat mehr als eine Million Euro verspielt. Beziehungsweise: Er konnte eine Million verspielen. Denn aufgehalten hat ihn niemand. Er wurde sogar immer wieder motiviert, weiterzuspielen. Schließlich ist ein Kunde, der sein ganzes Geld setzt, ein lohnender Kunde.

Der Regierung ist das bewusst und sie will nun handeln. Sie will den Markt öffnen – und gleichzeitig regulieren. Das heißt: Sie will Onlinecasinos erlauben und ihnen gleichzeitig Regeln auferlegen, damit Menschen wie Richard nicht mehr Unsummen verzocken können. Kann das funktionieren?

Was genau da passieren soll und was man von Deutschland lernen kann — oder eben nicht — das will ich mir in dieser Folge genauer anschauen.

Legen wir die Karten auf den Tisch: In illegalen Internet-Casinos Geld setzen, das klingt zuerst einmal nach Darkweb und Insiderwissen. Aber es ist simpel: Wer das Wort Onlinecasino googelt, findet in Österreich unerlaubte Seiten. Sie werden breit beworben, auf Facebook oder Google, in Rankings, die seriös daherkommen sollen. Die Seiten erscheinen legitim, so legitim, wie Glücksspielseiten eben wirken können. Und neue Kunden sind Gold wert und werden mit Geldboni und Freispielen gelockt.

Die Sache ist die: Wer bei diesen Seiten spielt, weiß nicht zwingend, dass sie in Österreich eigentlich nicht erlaubt sind. Die Casinos kommen auf Deutsch daher, oft mit österreichischer Flagge. Da gibt es Internet-Casinos mit Adresse auf Curaçao, einer Insel in der Karibik. Dann gibt es Online-Casinos, die ganz ohne Adresse daherkommen, und dann aber auch die großen Glücksspielnamen, die auf Malta sitzen, mitten in der EU. Diese Anbieter argumentieren seit Jahren, ihre maltesische Lizenz würde ihnen erlauben, in der gesamten Union Geschäfte zu machen – und sie bieten ihre Casinospiele einfach an. Gerichte in Österreich haben aber anders entschieden. Und der Europäische Gerichtshof hat die Argumentation der Casinos erst im April 2026 zurückgewiesen: Mitgliedsstaaten dürfen laut dem Gericht zum Schutz von Spielern die europarechtliche Dienstleistungsfreiheit beschränken. Sie gilt eben nicht uneingeschränkt.

Viele illegale Internet-Casinos haben ihren offiziellen auf Curaçao, einer Insel in der Karibik, die Teil des Königreichs der Niederlande ist. (Foto: IMAGO / Dreamstime)

Hier stehen wir also im Sommer 2026: Auf der einen Seite eine global vernetzte milliardenschwere Online-Industrie, die sich nicht gerne von nationalen Monopolen aufhalten lassen will. Auf der anderen Seite der Staat, der das illegale Glücksspiel zwar nicht ignoriert, aber auch nicht mit allen Mitteln bekämpft. Und: teilweise Steuern darauf einhebt.

„Das  ist absurd oder ungewöhnlich, auf jeden Fall ist es nicht befriedigend“, sagt der Neos-Abgeordnete Christoph Pramhofer. Die Regierungsparteien wollen das Online-Glücksspiel reformieren und Pramhofer verhandelt mit. Der Ansatz:

„Man akzeptiert, dass die Menschen spielen und das werden sie immer tun. Der Mensch spielt, genauso wie der Mensch Alkohol trinkt, Zigaretten raucht und sich ungesund ernährt. Wie können wir so steuern, dass das irgendwo in einem gesunden oder verträglichen Ausmaß stattfindet?“

Das Monopol soll fallen. Online-Casinos sollen um Lizenzen ansuchen dürfen. Diese Lizenzen sind aber dann an Regeln gebunden. Die Regeln gibt der Staat vor, sie sollen die Glücksspielenden schützen. Dafür dürfen dann Onlinecasinos legal Geschäfte machen. Und die Regierung profitiert von neuen Steuern.

Nicht nur Win-Win also, sondern Win-Win-Win. Für die Casinos und für den Staat. Und auch für die Glücksspielenden, die besser geschützt werden sollen. Kann das aufgehen?

Der Nationalratsabgeordnete Christoph Pramhofer verhandelt für die Neos die Glücksspiel-Reform. (Foto: Christian Maricic)

Der Gesetzesentwurf ist Ende Juni online gegangen. Darin steht: Erwachsene über 26 sollen, wie auch bisher, maximal 1.680 Euro im Monat setzen können. Für die Slots, die Online-Automatenspiele, gibt es die Regel, dass maximal fünf Euro pro Spiel gesetzt werden dürfen. Wer 90 Minuten ununterbrochen spielt, muss sich danach außerdem ein Video über Risiken des Glücksspiels anschauen. Und wer bei einem Casino gesperrt ist, soll bundesweit gesperrt sein. Das regelt eine zentrale Datenbank. Außerdem geplant ist eine neue Glückspielaufsichtsbehörde.

All das klingt erstmal vernünftig. Und all diese Ideen sind auch nicht radikal neu — man muss nur ins Nachbarland schauen: Deutschland hat vor fünf Jahren Online-Casinos bundesweit erlaubt. Die Casinos werben um Millionen Kundinnen und Kunden, immerhin ist Deutschland eines der reichsten Länder Europas. Die deutschen Regeln ähneln den geplanten in Österreich.

Ein Blick nach Deutschland könnte deshalb ein Blick in Österreichs Glücksspielzukunft sein. Also habe ich mit deutschen Anwälten, einem Glücksspielforscher und mit Helfern in der Suchtberatung gesprochen. Und die deutsche Glücksspielbehörde kontaktiert. Wenn dir das jetzt einseitig vorkommt: Ich habe auch Onlinecasinos für Interviews angefragt, aber niemand hat sich zurückgemeldet. Die Österreichische Vereinigung für Wetten und Glücksspiel vertritt aber viele der Casinos, um die es geht. Die wird später noch zu Wort kommen.

Aber zuerst der Blick nach Deutschland: Mich hat interessiert, wie gut die Regulierung und der Spielerschutz in Deutschland bisher funktionieren. Und so viel kann ich nach ein paar Wochen Recherche verraten: nicht so gut. Das Bild, das sich mir zeichnet, ist das einer finanzstarken Industrie, die erfolgreich lobbyiert hat, sich nach wie vor nicht immer ans geltende Gesetz hält — und die einer bisweilen zahnlosen Behörde gegenübersteht. Schauen wir uns die deutsche Situation in sieben Kapiteln genauer an: Drei Kapitel in dieser Folge heute, vier in der nächsten. Es wird intensiv. Legen wir los.

Kapitel 1: Die Akteure

Lange waren Onlinecasinos in Deutschland (außer im Bundesland Schleswig-Holstein) nicht erlaubt. Sie ließen dennoch deutsche Glücksspieler zu – und in vielen Fällen haben Gerichte sie zur Rückzahlung des Geldes verurteilt. Aber das machen sie nicht immer. Die Casinos sitzen auf Malta und die maltesische Regierung schützt ihre finanzstarke Glücksspielindustrie. Dazu hat die Regierung Maltas ein Gesetz verabschiedet, das besagt, ausländische Urteile im Glücksspielbereich nicht anzuerkennen. Das ist mutmaßlich europarechtswidrig. Aber der Rechtsstreit darum dauert an, und derweil warten Anwältinenn und Anwälte auf gerichtliche Entscheidungen und die Kundinnen und Kunden auf ihr Geld. (Das ist in Österreich nicht anders.)

Im Jahr 2021 änderte die deutsche Regierung das Gesetz: Onlinecasinos konnten sich dadurch um eine Erlaubnis bewerben. Die ausstehenden Urteile gegen sie standen dabei allerdings nicht im Weg.

Woher ich das weiß? Es gibt dazu einen sogenannten Grundsatzvermerk der Glücksspielbehörde aus dem Jahr 2024, ein internes Dokument, das ich einsehen konnte. Darin steht: Den vormals illegalen Anbietern wird eine „Brücke aus der Illegalität“ gebaut. Sie wurden infolge als zuverlässig eingestuft — trotz ihrer Vergangenheit und anhängiger Spielerklagen. Das heißt, sie durften sich um eine Erlaubnis bewerben und haben die oft auch bekommen. Sonst hätte man das Ziel, Menschen vom illegalen ins legale Glücksspiel zu überführen, ja nicht erreicht. Der Münchner Anwalt István Cocron nennt das eine „Generalamnestie ohne Not“. Er ist auf Glücksspielrecht spezialisiert und vertritt Mandantinnen und Mandaten, die bei illegalen Onlineglücksspielen Geld verloren haben.

Der Münchner Anwalt István Cocron vertritt Mandantinnen und Mandanten gegen Onlinecasinos. (Foto: Cocron/ZvG)

Dass diese Casinos in Deutschland dennoch als zuverlässig durchgegangen sind, könnte man als Eingeständnis des Staates sehen, dass die Industrie einfach zu stark ist. Auf jeden Fall aber als erfolgreiches Lobbying. Tatsache ist: Manche vormals unerlaubte Onlinecasinos sind jetzt legal tätig, andere können sich ebenfalls um eine Erlaubnis bewerben.

Dass Menschen, die bisher illegal spielten, das in Zukunft legal tun: Das war das deutsche Ziel. Und das ist auch das erklärte Ziel der Reform in Österreich. Fachleute nennen das “Kanalisierung”. Wird das in Österreich so ablaufen wie in Deutschland? Bekommen die jetzt illegalen Anbieter mit dem geplanten Lizenzsystem dann ebenfalls einen Freibrief?

Das frage ich Neos-Verhandler Christoph Pramhofer. Er spricht von Wohlverhaltensregeln und dass natürlich Gerichtsurteile zu bezahlen seien. Es geht um viel: Hunderte Millionen Euro klagen Anwältinnen und Anwälte hierzulande von den maltesischen Casinos ein. Und es sieht so aus, als hätte Österreich von Deutschland gelernt:

Ausstehende Urteile, so steht es im Gesetzesentwurf, sind zu zahlen, bevor eine Lizenz angesucht werden kann. Und es soll eine sogenannte Cooling-Off-Periode geben. Das heißt: Die nach wie vor unerlaubten Casinos müssen ab 2027 ihren Betrieb in Österreich vorübergehend einstellen, erst nach einer Sperrfrist können sie um Erlaubnis ansuchen.

Der Vereinigung für Wetten und Glücksspiel, dem Lobbyverband der unerlaubten Casinos in Österreich, ist das ein Dorn im Auge. „Das Problem, das wir sehen, ist, dass es die Möglichkeit gäbe, diese Urteile zu bedienen, gleichzeitig aber keine rechtliche Garantie gibt, dass man dann auch am Ende eine Lizenz bekommt“, sagt der 36-jährige Simon Priglinger-Simader vom Lobbyverband, der hauptberuflich beim britischen Mutterkonzern des Wettanbieters Bwin tätig ist und außerdem Vizepräsident des Deutschen Onlinecasino-Verbands. Das könnte internationale Anbieter abhalten, überhaupt um eine Lizenz ansuchen, sagt Priglinger-Simader.

Man kann das auch so übersetzen: Wir halten uns nur ans Gesetz, wenn wir sicher eine Lizenz bekommen. Sonst machen wir so weiter wie bisher.

Der Verein will auch, dass die Abkühlphase aus dem Gesetz gestrichen wird. Also, dass die unerlaubten Onlinecasinos ihren Betrieb ab 2027 nicht vorübergehend einstellen müssen. Ansonsten aber herrscht Freude darüber, dass der Markt jetzt geöffnet wird.

Die Glücksspielindustrie trägt mehr als 12 % des Bruttoinlandsprodukts des EU-Inselstaats Malta bei. Die meisten in Deutschland legalen Onlinecasinos haben hier ihren Sitz. (Foto: IMAGO / Luis Carballo)

Kapitel 2: Zentrale Sperren

Deutsche Glücksspielende können sich zentral sperren lassen – für 24 Stunden, drei Monate oder länger. Wer bei einem Casino gesperrt ist, ist dann bei allen anderen gesperrt, online und in stationären Spielhallen. Das ist sinnvoll: Denn jeder kann sich so vor der eigenen Sucht schützen. Aber die Verantwortung liegt nicht nur am Einzelnen, sondern deutsche Glücksspielanbieter seien gesetzlich dazu verpflichtet, bei Verdacht auf Glücksspielgefährdung Spieler zu sperren.

Nur werde diese Verpflichtung selten wahrgenommen.

Der Psychologe und Glücksspielexperte Tobias Hayer von der Universität Bremen sieht hier einen Interessenskonflikt: „Wenn ich tatsächlich die gefährdeten oder gar schon als glücksspielsüchtig identifizierten Personen vom Spielbetrieb ausschließe, dann führt das zu erheblichen Umsatzeinbußen. Mir hat noch niemals ein Glücksspielunternehmen glaubhaft versichern können, dass sie dazu bereit wären.“

Deutsche Casinos sperren aktuell nur knapp 11.000 deutsche Glücksspieler. Mehr als 370.000 hingegen haben sich selbst sperren lassen. Insgesamt wissen also fast 400.000 Menschen: Es geht ihnen nicht gut mit dem als Freizeitbeschäftigung vermarkteten Glücksspiel.

Und Österreich? Die Regierung plant ebenfalls eine zentrale staatliche Sperrdatenbank. Simon Priglinger-Simader vom Lobbyverband der Onlinecasinos sagt, die Onlinecasinos würden schon jetzt auf technische Systeme setzen, die verhindern sollen, dass Kunden spielsüchtig werden und Spielsüchtige weiterspielen. Spielerschutzteams würden Glücksspielende warnen und zu Pausen auffordern.

Aber dem gegenüber stehen die Schicksale derer, die wie Richard Hunderttausende Euros bei maltesischen Onlinecasinos verloren haben. Also bei genau den Casinos, für die Priglinger-Simader spricht. Und nach fünf Jahren der Liberalisierung in Deutschland zeigen die Zahlen eins ganz klar: Großes Interesse scheinen Onlinecasinos nicht daran zu haben, Kundinnen und Kunden von sich aus zu sperren – und damit zu verlieren.

Kapitel 3: Ein Maximaleinsatz

Was „Spielerschutz“ ist, kommt darauf an, wen man fragt. Casinos — selbst illegale — betonen auf ihren Seiten gerne das „verantwortungsvolle Spielen“ — in Folge Eins haben wir mit diesem Greenwashing der Industrie schon aufgeräumt. „Diese PR-Strategie soll die Verantwortung dem Spieler zuschieben, so dass wir gar nicht fragen: Aber was macht der Automat mit den Spielern?”, sagt die Sozialanthropologin Natasha Schüll.

Und wie wir von Richard wissen: Dass er immer weiterspielt und immer mehr Geld überweist, ist ja genau das Business der Onlinecasinos.

Hier setzt staatlicher Spielerschutz an. Er macht Vorgaben. In Deutschland heißt das: Man darf maximal einen Euro pro Slot-Dreh setzen und nicht parallel mehrere Slots offen haben. Slots, das sind diese Online-Automaten mit Kirschen, Orangen oder Äpfeln oder Ähnlichem, die Walzen, die sich immer weiter drehen. Ein Euro pro Dreh also und: Nach 1.000 Euro pro Monat ist Schluss. Mehr soll man nicht verlieren dürfen. Insgesamt, offline und bei allen Online-Casinos gemeinsam. Das ist technisch geregelt. Die deutschen Casinos müssen die Einzahlungen der Spielenden an ein zentrales Register melden.

Mehr als 1.000 Euro pro Monat sollten Glücksspielende in Deutschland nicht verlieren können. Gäbe es da nicht Ausnahmen... (Foto: IMAGO / Steinach)

1.000 Euro im Monat. Ist das viel, ist das wenig? Auch hier: Kommt darauf an, wen man fragt. Casinolobbys kritisieren dieses Limit als zu niedrig, sie sagen: Es würde den illegalen Markt attraktiver machen, Kundinnen und Kunden würden zur unerlaubten Konkurrenz abwandern — weil sie dort mehr setzen und dadurch potentiell mehr gewinnen können. Und dieses Argument bringt auch der Neos-Abgeordnete und –Verhandler Christoph Pramhofer in unserem Gespräch: Deutschland, sagt er, sei für Österreich kein Vorbild, im Nachbarland habe man „überschießend“ reguliert.

Ich kann dieses Argument durchaus nachvollziehen, aber stimmt es auch? Der Glücksspielforscher Tobias Hayer von der Uni Bremen hört es öfter – und hält es für einen Mythos. „Das Ausweichverhalten in illegale Webseiten als Massenabwanderung zeigt Forschung eben nicht”, sagt er.

Es ist schwer, belastbare Zahlen zum illegalen Markt zu finden. Die Zahlen, die es gibt, unterscheiden sich, und hinter jeder Zahl steckt mutmaßlich ein Interesse. Pramhofer argumentiert, in Deutschland sei der illegale Markt — eben durch die zu strenge Regulierung — nicht kleiner geworden. Und das sei schließlich das Ziel. Auf welchen Vergleichszeitraum er sich bezieht, bleibt unklar, auf eine Nachfrage antwortet er nicht mehr. Der österreichische Lobbyverband der bislang unerlaubten Casinos zitiert ähnliche Zahlen wie Pramhofer. Doch in der laut dem Glücksspielexperten Tobias Hayer einzigen unabhängigen Studie zum Verhältnis legales/illegales Online-Glücksspiel steht: Drei Viertel des Glücksspiels in Deutschland passiert mittlerweile auf dem legalen Markt.

Wenn jetzt der österreichische Glücksspielmarkt geöffnet wird, soll das Monats-Limit bei rund 1700 Euro liegen. Das sind etwa 60 Prozent des durchschnittlichen Nettoeinkommens in Österreich. Der Wissenschaftler Tobias Hayer hält diese Grenze für deutlich zu hoch angesetzt. Er denkt, 300 Euro im Monat wären schon genug.

Jetzt kann man darüber streiten, ob die richtige Grenze bei 300 Euro oder bei 1.000 Euro, wie in Deutschland, oder eben bei 1.700 Euro wie künftig in Österreich liegt – du hast sicher eine Meinung dazu. Aber defacto existiert in der deutschen Praxis heute eine riesige Lücke, die dieses Limit aushebelt und damit auch den zentralen Spielerschutz.

Und das ist nicht das einzige Problem.

Mehr dazu erzähle ich dir übermorgen in Folge 3 dieser JETZT-Glücksspiel-Recherche.

Sprecherinnen und Sprecher : Katharina Darya Ressl, Enis Bunjaku

Audioproduktion und Sounddesign: Katharina Darya Ressl
Mixing und Mastering: Patrik Haas