Prost – Mahlzeit. Das zynische Dilemma des Welthungers.

Global hungern über 600 Millionen Menschen. Und das obwohl im globalen Norden ein Fünftel der Nahrung im Müll landet. Auf Spurensuche nach den Gründen für das Dilemma Welthunger.

Prost – Mahlzeit. Das zynische Dilemma des Welthungers.
Foto: Getty Images

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Ich würde fast wetten, dass du diesen Satz in deiner Kindheit auch gehört hast: „Iss deinen Teller leer – in Afrika verhungern Kinder und wären froh, wenn sie etwas zu essen hätten” Dieser Satz ist auf mehreren Ebenen problematisch und doch kommt schon bei kleinen Kindern eine Botschaft an: Anderswo auf der Welt gibt es Menschen, die nichts zu essen haben. In der Entwicklungsforschung geht man davon aus, dass Kinder spätestens ab dem siebten Lebensjahr in größeren Zusammenhängen – konkret logisch – denken können. Fast jedes Kind stellt früher oder später die Frage, die so naiv klingt und deren Antwort weder einfach noch tröstlich ist: Warum hungern Menschen auf der Welt, wenn bei uns so viel Essen produziert und weggeworfen wird?

Auch mich hat diese Paradoxon seit meiner Kindheit nie ganz losgelassen. Zur selben Zeit, in der bei uns die Mülltonnen mit noch genießbaren Lebensmitteln überquillen, stirbt alle 13 Sekunden ein Kind wegen Hungers, wie die Deutsche Welthungerhilfe angibt. Ja, die Welt ist komplex, und globale Probleme lassen sich selten einfach erklären. Trotzdem bleibt es ein zynisches Dilemma: Die Landwirtschaft der Welt erzeugt so viele Kalorien, dass sie theoretisch für 15 Milliarden Menschen reichen würden – wenn sie nicht für Biokraftstoffe oder Futtermittel verwendet würden. Und dennoch leiden mehr als 600 Millionen Menschen Hunger. Wie sind wir hier gelandet? Woran scheitert es, den Welthunger zu beenden? Und was macht Hoffnung?

Paradoxe Zahlen

Menschen neigen zu irrationalem Handeln. Wir wissen, dass Autofahren gefährlicher ist, und fürchten uns trotzdem mehr vor dem Fliegen. Wir zahlen Monat für Monat fürs Fitnessstudio, obwohl wir nie hingehen. Die Beispiele ließen sich fortsetzen. Im Kollektiv scheinen wir nicht vernünftiger zu sein. Zu keinem anderen Schluss kommt man jedenfalls, wenn man sich die nackten Zahlen zum Welthunger ansieht.

Seit heute liegt der neue Welthunger-Index vor. Herausgegeben wird er jedes Jahr von der deutschen Welthungerhilfe, einer der größten Hilfsorganisationen Europas im Kampf gegen den Hunger. Die Ergebnisse sind ernüchternd. Nach fast zwei Jahrzehnten deutlicher Fortschritte hat sich die Lage im Vergleich zu 2018 wieder verschlechtert. Gestiegene Lebensmittelpreise haben eine gesunde Ernährung für 2,7 Milliarden Menschen unerschwinglich gemacht. Unterernährung, Wachstumsverzögerung und Auszehrung bei Kindern haben zugenommen, nur die Kindersterblichkeit ist leicht gesunken. Am höchsten ist der Hunger in Afrika südlich der Sahara und in Südasien.

Der globale Welthunger-Wert liegt 2026 mit 18,1 über dem Wert von 2018 mit 17,6, nachdem er seit 2000 von 28,2 deutlich gesunken war. Der Welthunger-Index wird über vier Indikatoren bestimmt: Unterernährung, Wachstumsverzögerung und Auszehrung bei Kindern, sowie die Kindersterblichkeit. (Grafik: Welthungerhilfe)

Auch die Vereinten Nationen zeichnen ein ernüchterndes Bild. In ihrem jüngsten Welternährungsbericht zählen sie rund 645 Millionen hungernde Menschen, 7,8 Prozent der Weltbevölkerung. In Afrika hungert jeder fünfte Mensch, rund 309 Millionen. Obwohl es aktuell wieder einen leichten Abwärtstrend gibt, werden 2030 wohl noch etwa 520 Millionen Menschen hungern. Das Ziel „Null Hunger bis 2030“, das sich die Staatengemeinschaft gesetzt hat, ist damit außer Reichweite.

Dem steht der verschwenderische Umgang mit Lebensmitteln im globalen Norden gegenüber. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen rechnet für 2022 mit 1,05 Milliarden Tonnen Lebensmitteln, die weltweit im Müll gelandet sind. Das ist fast ein Fünftel von allem, was im Handel, in der Gastronomie und in den Haushalten ankommt. Rechnerisch wird jeden Tag rund eine Milliarde Mahlzeiten weggeworfen. Auch Österreich trägt seinen Teil bei: 2024 fielen hierzulande rund 1,2 Millionen Tonnen Lebensmittelabfälle an, mehr als die Hälfte davon in privaten Haushalten. Dort sind das 69 Kilogramm pro Kopf und Jahr, 37 davon wären vermeidbar gewesen, hat das Landwirtschaftsministerium errechnet.

Etwa eine Milliarde Tonnen Lebensmittel landen weltweit pro Jahr im Müll. (Foto: IMAGO / Markus van Offern)

Eine kurze Geschichte des Hunger

Um zu verstehen, wie es zu dieser paradoxen Lage kommen konnte, lohnt ein Blick zurück. Ernst Langthaler ist Professor für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Johannes Kepler Universität Linz. Er erklärt, dass Hunger schon immer zur langen Menschheitsgeschichte gehörte. Immer wieder gab es Zeiten und Orte, an denen zu wenig Nahrung verfügbar war. Etwa bis 1800 lebten die meisten Menschen in Europa in Agrargesellschaften. Sie bewirtschafteten Grund und Boden, um sich selbst und die feudale Oberschicht zu versorgen. Hungerkrisen entstanden vor allem dann, wenn schlechtes Wetter die Ernte vernichtete. Große Mengen an Nahrungsmitteln über weite Strecken zu transportieren, war kaum möglich.

„Das ändert sich im 19. Jahrhundert“, sagt Langthaler. Von Europa aus breitet sich über Nordamerika und andere Teile der Erde ein neues Wirtschaftssystem aus: der Kapitalismus. Mit ihm kommen technologische Revolutionen wie die Dampfmaschine, eingesetzt in Eisenbahnen und Schiffen. „Diese Technologie ermöglicht es jetzt, große Mengen an Nahrungsmitteln über weite Strecken zu transportieren, sodass zumindest in Europa diese wiederkehrenden Hungerkrisen eigentlich verschwinden.“ Seit Mitte des 19. Jahrhunderts kehre der Hunger in Europa nur noch in Ausnahmesituationen zurück, etwa im Ersten und im Zweiten Weltkrieg.

Erst Erfindungen in der Mobilität machten es möglich, dass Lebensmittel über große Distanzen transportiert werden konnten. Das half lokale Hungerkrisen abzumildern. (Foto: IMAGO / Photo12)

Hunger wird damit zu einer Frage von Handel und Macht. Langthaler hat dafür einen Begriff – das Nahrungsregime. Das Regime als Merkmal für Ungleichheit. Es gibt ein Zentrum mit Macht und Wohlstand und eine Peripherie, die von diesem Zentrum abhängt. Im 19. Jahrhundert entstehen erstmals Weltmärkte für Grundnahrungsmittel wie Getreide. „Nahrungsregime sind Muster, die regeln, wo in der Welt Nahrungsmittel angebaut und wo sie konsumiert werden“. Das erste entsteht im späten 19. Jahrhundert und soll vor allem die Industriearbeiterschaft in Großbritannien und ganz Europa mit billigen Nahrungsmitteln aus Übersee versorgen. Aus Russland, aus Nord- und Südamerika kommen große Mengen Getreide nach Europa. Das liegt im Interesse der wirtschaftlichen und politischen Eliten. „Wenn man die Arbeiter billig mit Nahrungsmitteln versorgt, dann fordern sie nicht so viel Lohn“, sagt Langthaler. „Und für die Herrschenden ist das natürlich auch vorteilhaft gewesen, weil wenn die gut versorgt sind, dann kommen sie nicht auf die Idee, vielleicht eine Revolution anzuzetteln.“ Ganz neu ist dieses Kalkül nicht. Schon der römische Dichter Juvenal spottete vor knapp 2.000 Jahren darüber, dass sich das Volk von den Herrschenden mit „Brot und Spielen“ abspeisen lasse. Der russische Schriftsteller Dostojewski lässt in den „Brüdern Karamasow“ seinen Großinquisitor sagen: „Die Menschen brauchen nicht Freiheit, sie brauchen Brot.“

Im Ersten Weltkrieg beginnen die Staaten, den Lebensmittelmarkt zu steuern. In Großbritannien verbessert sich durch die Rationierung sogar die Versorgung der ärmsten Schichten. Mit der Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre bricht das Nahrungsregime zusammen. Nach 1945 werden die USA zum zentralen Agrarexporteur. Nach dem Grundsatz „We Feed the World“ und „Food for Peace” verschiffen sie ihre Überschüsse: Futtermittel nach Westeuropa und Japan, wo die wachsende Mittelschicht von Brot auf Fleisch umsteigt, und billiges oder geschenktes Getreide in die sogenannte Dritte Welt. Das lindert dort den Hunger – ist aber zugleich auch ein Machtinstrument. Die Lieferungen sollten verhindern, dass sich diese Länder dem kommunistischen Lager zuwenden.

Die USA exportieren viele Agrarprodukte. Minesota ist einer der ertragreichsten Staaten – über 20 Milliarden Dollar werden jährlich durch die Landwirtschaft erwirtschaftet. (Foto: IMAGO / Daniel Scharinger)

Zugleich verändert sich, wie Essen angebaut wird. Mitte des 20. Jahrhunderts kreuzen Forscher in Mexiko Zwergweizen ein und züchten Sorten, die ein Vielfaches an Ertrag bringen. Es ist der Startschuss der sogenannten Grünen Revolution. In Indien werden sogar Schulen zu Kornspeichern umfunktioniert, damit die Ernten Platz haben. Auf den Philippinen und in China verdoppeln Bauern ihre Reiserträge. Lebensmittel werden billiger, die Armut sinkt. Allerdings mit einer Kehrseite. Die Vielfalt verschwindet von den Feldern. Von rund 30.000 essbaren Pflanzenarten hängt die Welternährung heute zu zwei Dritteln an nur drei: Weizen, Mais und Reis.

Anfang der 1970er-Jahre gerät das globale Ernährungssystem ins Wanken. Neben der Ölkrise sieht Langthaler die wesentliche Ursache in einer veränderten Agrarhandelspolitik der USA. Im Zuge der Entspannung im Kalten Krieg verkaufen sie nun auch Getreide an die Sowjetunion. Die Nachfrage steigt und für Länder des globalen Südens wird Getreide spürbar teurer. 1974 treffen sich die Staaten deshalb in Rom zur Welternährungskonferenz. Die UN will das Problem durch internationale Zusammenarbeit lösen. US-Außenminister Henry Kissinger nennt den Hunger dort ein „ewiges Problem“, das eine nie dagewesene Dringlichkeit angenommen habe und nur durch gemeinsames weltweites Handeln zu lösen sei. Und er gibt ein großes Versprechen ab – innerhalb eines Jahrzehnts solle kein Kind mehr hungrig zu Bett gehen.

Für eine Weile bessert sich die Lage tatsächlich. „Dieser Internationalismus wird dann aber von der neoliberalen Wende der 1980er- und 1990er-Jahre konterkariert.” Aus ihr geht die Welthandelsorganisation WTO hervor, die sich die Liberalisierung des Welthandels auf die Fahnen heftet. „Also nicht internationale Kooperation durch Staaten, sondern die Märkte sollen entfesselt werden“, sagt Langthaler. Die Devise lautet: Je freier die Märkte, desto besser funktioniert die Versorgung der ganzen Welt mit Nahrung. Mit der Liberalisierung gewinnen transnationale Konzerne an Macht und an Möglichkeiten, das neue, neoliberale Nahrungsregime nach ihren Interessen zu gestalten.

In dieser Zeit entsteht auch eine neue Bewegung. Seit der Welternährungskrise setzen sich Organisationen der sogenannten Dritte-Welt-Bewegung für eine gerechtere Welthandelsordnung ein. Manche im Kleinen, etwa mit fairem Handel bei Kaffee. Andere grundsätzlich, indem sie die Spielregeln des Welthandels selbst angreifen und hinterfragen. Im Zentrum der Kritik stehen dabei die großen Konzerne. Langthaler beschreibt sie als Flaschenhälse, durch die alle Nahrungsmittelströme fließen: „Wir haben auf der einen Seite viele Produzenten, Bauern und andere, die Nahrungsmittel erzeugen. Wir haben auf der anderen Seite viele Konsumenten, und dazwischen haben wir einige wenige, die da alles kontrollieren, die sehr viel Macht haben und auch entsprechend Möglichkeiten, da Profit daraus zu schlagen.“ Im weltweiten Agrarhandel seien es drei, vier große Konzerne, die einen Großteil des Marktes kontrollieren.

Wenn die Praxis die Theorie frisst.

Die Entwicklung der vergangenen 200 Jahre hat zu einem paradoxen Ergebnis geführt. Im 19. und 20. Jahrhundert sei die Weltbevölkerung etwa auf das Sechs- bis Siebenfache gewachsen, die Nahrungsmittelproduktion aber mindestens auf das Zehnfache, sagt Langthaler. „Wir haben noch nie pro Kopf der Bevölkerung so viele Lebensmittel produziert wie heutzutage, und trotzdem ist dieses Gut sehr ungleich verteilt. Es ist nicht ein Zu wenig an Lebensmitteln, sondern eine ungerechte Verteilung.“

Mahamane Sidi Maiga, 65, wollte am nächsten Morgen mit der Reisernte beginnen. Über Nacht zerstörten Überschwemmungen seine Ernte, Fischteiche, Ausrüstung und sein Zuhause in Toya, Mali. Frühwarnsysteme und die Vorbereitung auf Überschwemmungen sollen solche Verluste verringern, durch die sowohl die Ernte einer ganzen Saison als auch die Mittel für einen erneuten Anbau verloren gehen können. (Foto: Fatou Kamara/Welthungerhilfe)

Es ist allerdings nicht nur eine Frage der Verteilung, sondern auch der Verwendung. Wird Getreide nicht direkt von Menschen gegessen, sondern an Tiere verfüttert, gehen Kalorien verloren. Und die Menschheit hält viele Tiere: 2023 wurden weltweit rund 367 Millionen Tonnen Fleisch erzeugt, wie das deutsche Statistische Bundesamt errechnet hat. Würde die Menschheit ganz auf Tierhaltung verzichten, würde eine Fläche frei, die dreimal so groß ist wie Europa. Theoretisch genug Platz für Gemüse und Getreide für vier Milliarden weitere Menschen. Das bleibt eine hypothetische Rechnung und in freien Demokratien entscheidet jede und jeder selbst, was auf den Teller kommt. Fest steht aber: Unsere Viehhaltung hinterlässt globale Spuren. Europa deckt nicht einmal ein Zehntel seines Sojabedarfs selbst. Mehr als 30 Millionen Tonnen werden importiert, zum Großteil aus Brasilien. Rund 80 Prozent davon werden für Tierfutter verwendet.

Und ganz gleich, wofür Nahrungsmittel am Ende verwendet werden, wenn sie konventionell und industriell erzeugt werden, können sie weitere Probleme auslösen. Das erklärt Miriam Wiemers, Ernährungsexpertin bei der Welthungerhilfe. „Die industrielle Landwirtschaft, die uns auch mit Kalorien und Nährstoffen versorgt, verschärft den Klimawandel sehr stark“, sagt sie. Und der Klimawandel treibe wiederum den Hunger an. „Unser Ernährungssystem trägt zu etwa einem Drittel aller Treibhausgasemissionen bei. Somit hat unser Handeln und unser Konsum durchaus einen Einfluss auch auf die Hungersituation weltweit.“

Ernst Langthaler ist Wirtschafts-und Umwelthistoriker. (Foto: Wolfgang Kunerth)

Theoretisch ließen sich also genug Kalorien für alle erzeugen. Das Problem liegt weniger in den Kapazitäten als in der Verteilung. Doch wo Krieg herrscht, ist oft nicht einmal Verteilung möglich. „Weltweit sind Kriege auf jeden Fall ein sehr entscheidender Faktor für Hunger“, sagt Miriam Wiemers. Felder werden zerstört, Bäuerinnen und Bauern können sie nicht mehr bestellen oder ihre Produkte nicht mehr zu den Märkten bringen. Dazu kommen immer häufigere und heftigere Wetterextreme und wirtschaftliche Krisen. „Und die treffen besonders da, wo Menschen durch diese sich überlappenden Krisen schon gar keine Kapazitäten mehr haben, auf die nächste Krise zu reagieren.“ Und dort, wo strukturelle Probleme hinzukommen, etwa fehlende Investitionen in Landwirtschaft und Infrastruktur.

Hinzu kommt: Nahrung und landwirtschaftliche Betriebsmittel wie Dünger werden zunehmend als geopolitische Hebel eingesetzt. Der Iran zählt gemeinsam mit den Golfstaaten zu den wichtigsten Düngerproduzenten der Welt. Rund ein Drittel des weltweit auf dem Seeweg gehandelten Harnstoffs, des wichtigsten Stickstoffdüngers, passiert die Straße von Hormus. Durch den Krieg sind die Preise extrem gestiegen: Eine Tonne Harnstoff verteuerte sich seit Jahresbeginn von rund 470 auf bis zu 700 Dollar.

Neben Kriegen und Klima macht Ernst Langthaler noch einen weiteren Grund aus, warum es Ländern des globalen Südens so schwerfällt, sich langfristig selbst mit Grundnahrungsmitteln zu versorgen. Die USA und Europa hätten Wege gefunden, ihre Landwirtschaft so zu subventionieren, dass Agrarüberschüsse sehr billig auf den Weltmarkt gelangen. „Und das setzt gerade viele Länder der Dritten Welt unter Druck, weil da billiges Getreide und andere Grundnahrungsmittel ins Land kommen und im Land selber die Agrarproduzenten einer übermächtigen Konkurrenz ausgeliefert sind.“ Behaupten könnten sich diese Länder oft nur noch mit exotischen Nischenprodukten wie tropischem Obst. Angebaut wird es nicht, um die eigene Bevölkerung zu versorgen, sondern für den Export in den globalen Norden. Diese doppelte Abhängigkeit von Grundnahrungsmitteln aus dem Norden und vom Export dorthin, ist häufig eine strukturelle Ursache für Hunger, sagt Langthaler: „Die Landwirtschaft des jeweiligen Landes ist nicht darauf ausgerichtet, Grundnahrungsmittel für die Bevölkerung zu erzeugen, sondern Exportprodukte für die reichen Länder der Welt.“
Und schlussendlich sind auch die Regierungen selbst oft hinderlich. In vielen Ländern des globalen Südens seien Eliten an der Macht, die sich mit den reichen Ländern arrangieren, so Langthaler. Die soziale Lage der eigenen Bevölkerung hat für sie oft keine Priorität.

Land für die Landlosen

Was aber, wenn die Menschen, denen der Zugang zu Nahrung fehlt, selbst aufstehen?

So wie in Brasilien die Bewegung der Landlosen, auf Portugiesisch Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra, kurz MST.
Brasilien ist heute eine der großen Agrarmächte der Welt. Es zählt zu den neuen Agrarexportländern, die seit den 1990er-Jahren den USA Konkurrenz machen. Das Soja für Europas Tierfutter kommt zu großen Teilen von dort. Zugleich ist Land kaum irgendwo so ungleich verteilt. Weniger als ein Prozent der Eigentümer besitzen laut einer Erhebung von 2011 rund 42,5 Prozent der Agrarfläche. Von Mitte der 1960er- bis Mitte der 1980er-Jahre regierte in Brasilien eine Militärdiktatur. „Die hat auf Modernisierung von oben gesetzt, auch um revolutionäre Bewegungen von unten kleinzuhalten”, erzählt Langthaler. 1984, als die Diktatur kurz vor dem Ende steht, gründete sich die MST.
Sie setzt sich aus Menschen, die aus ländlichen Regionen verdrängt werden zusammen, „die sich dann sehr stark für bäuerliche und selbstbestimmte Landwirtschaft einsetzen und auch das Thema Ernährungssouveränität in den Mittelpunkt rücken.”

Am Markttag in der Borena-Zone in Äthiopien wird über Viehpreise verhandelt. Auf Märkten wie diesem werden die Auswirkungen größerer Krisen sichtbar: Dürre, Unsicherheit und steigende Kosten können sowohl den Wert des Viehs als auch die Lebensmittelpreise für Familien beeinflussen. (Foto: Mahad Usman/Helvetas)

Ernährungssouveränität heißt dann: Nahrung ist keine Ware, sondern ein Menschenrecht. Jede Gemeinschaft und jedes Land soll selbst bestimmen können, wie es sich versorgt, statt von Export- und Importströmen abzuhängen. Die MST setzt das mit Landbesetzungen durch. Rechtlich beruft sie sich auf die brasilianische Verfassung von 1988. Diese verlangt, dass Grundbesitz eine soziale Funktion erfüllt. Nach 40 Jahren zählt die Bewegung rund 450.000 Familien, die auf diesem Weg Land bekommen haben.

Wie sehr Hunger von politischen Entscheidungen abhängt, zeigt Brasilien bis heute. 2014 strich die Welternährungsorganisation FAO das Land erstmals von ihrer Welthungerkarte. Ab 2016, und verstärkt unter Jair Bolsonaro, wurden Sozialprogramme zurückgefahren, und der Hunger kehrte zurück. Nach Lula da Silvas Rückkehr ins Präsidentenamt baute die Regierung sie wieder auf. 2025 war Brasilien erneut von der Karte verschwunden. Der Anteil der Unterernährten liegt mit 2,4 Prozent unter der Schwelle von 2,5 Prozent. Trotzdem können sich rund 50 Millionen Brasilianerinnen und Brasilianer keine gesunde Ernährung leisten.

Was dennoch Hoffnung macht

So tragisch die Geschichte des Welthungers in Teilen ist, es gibt auch Grund zur Hoffnung. Wo Kriege enden oder Wirtschaftswachstum und Armutsbekämpfung ineinandergreifen, lässt sich der Hunger zurückdrängen. Mosambik sei so ein Beispiel, sagt Miriam Wiemers: Nach dem Ende des Bürgerkriegs Anfang der 1990er-Jahre ging der Hunger dort stark zurück. „ Auch Bangladesch ist bekannt dafür, Wirtschaftswachstum auch umgewandelt zu haben in weniger Armut“, sagt sie. „Das Land hat sehr klare politische Prioritäten gesetzt und sektorübergreifende Programme zur Verbesserung der Ernährungssituation umgesetzt. Und das ist sicherlich etwas, wovon andere Länder sich etwas abschauen können.”

Auch die Vereinten Nationen sehen in den jüngsten Zahlen ein Signal. „Diese Zahlen zeigen, dass Hunger nicht unvermeidlich ist“, sagt Qu Dongyu, Generaldirektor der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UNO. Doch wie realistisch ist es, den Hunger tatsächlich zu beenden? Nach aktuellem Trend würde das noch viele Jahrzehnte dauern, sagt Wiemers. „Aber wir haben ja auch gesehen, es kann auch schneller runtergehen. Das Ziel, den Hunger zu beenden, bleibt unumstößlich, weil das Recht auf Nahrung ein Menschenrecht ist.“

Audioproduktion und -mix: Yannik Milz