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Es ist Herbst 1978. Auf dem Heimweg von der Schule kommt der damals 18-jährige Babak an einem großen Krankenhaus vorbei. Davor steht eine Menschenmenge versammelt: Demonstrierende, die sich in diesen Tagen fast täglich auf den Straßen Irans versammeln, um gegen den Schah zu protestieren. Babak ist in den letzten Tagen einer von ihnen gewesen. Diesmal ist etwas anders. Inmitten der Menge liegt ein Mann am Boden, umringt von Menschen. Babak sagt, dieser Mann sei „geschlachtet worden“. Er selbst habe ihn nicht gesehen, erinnert er sich heute, aber überall sei Blut gewesen.
„Er hat sich als geheime Person vom Schah-Regime eingeschleust. Und die Leute haben ihn einfach getötet. Das war ein großer Schock für mich“, sagt der heute 65-Jährige.
Babak lebt seit über 40 Jahren in Wien. Geboren wurde er im Osten Irans, nahe der Grenze zu Afghanistan. Als er aufwächst, ist der Iran eine Monarchie. Unter Schah Mohammad Reza Schah Pahlavi verfolgt der Staat eine umfassende Modernisierungspolitik: Bildung, Industrie und Infrastruktur werden ausgebaut, Frauen erhalten mehr Rechte, religiöse und ethnische Minderheiten werden stärker in die Gesellschaft integriert. Gleichzeitig bleibt das politische System autoritär. Parteien, freie Medien und echte politische Mitbestimmung existieren kaum, oppositionelle Stimmen werden systematisch unterdrückt.
Der Staat präsentiert diese Entwicklungen als Fortschritt. Doch davon profitiert vor allem die obere Mittelschicht im städtischen Raum. Die Mehrheit der Iranerinnen und Iraner hat das Gefühl, dass ihre kulturelle Identität und ihre politische Stimme keinen Platz haben. Die enge Anlehnung an den Westen nehmen sie nicht als Befreiung, sondern als Bevormundung und Verlust nationaler Souveränität wahr.
Der Iran-Experte Robert Steele vom Institut für Iranistik an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften beschreibt die Stimmung jener Zeit so:
„Die Monarchie wurde als sehr realitätsfern gegenüber den normalen Menschen und ihren Problemen angesehen.”
Der zentrale Auslöser für die Massenproteste liegt für Steele jedoch woanders: in der Wirtschaftskrise. Mitte der 1970er-Jahre stiegen die Öleinnahmen rasant an, innerhalb kürzester Zeit. 1975 verdient der Iran 16 Milliarden Dollar pro Jahr durch Öl. Zum Vergleich: Vor den 1970ern sind es noch weniger als eine Milliarde Dollar gewesen. Der Schah investiert nahezu das gesamte Geld in Entwicklungsprojekte und die Streitkräfte. Nichts wird für schlechte Tage zur Seite gelegt. Es werden demnach keine Rücklagen gebildet. Wegen des enormen Anstiegs des Ölpreises und der Wirtschaftskrise im Westen bricht die Nachfrage nach Öl ein und die iranische Wirtschaft gerät massiv unter Druck. Die Lebenshaltungskosten steigen rasant, insbesondere für die Mittelschicht in Teheran. Für viele Menschen wird der Alltag kaum mehr leistbar.
Mitten in dieser wirtschaftlichen Krise entwickelt sich eine Person zum Hoffnungsträger der iranischen Bevölkerung: der schiitische Geistliche Ruhollah Khomeini. Aus dem Exil heraus wird er zur zentralen Symbolfigur des Widerstands.

Khomeini inszeniert sich als Gegenfigur zum Schah, kritisiert dessen Nähe zum Westen und stellt den Islam als identitätsstiftende Alternative zur staatlichen Modernisierung dar. Obwohl er sich im Irak und zuletzt in Frankreich befindet, gelingt es ihm, über Predigten und heimlich verbreitete Tonaufnahmen breite Teile der Bevölkerung zu mobilisieren. Seine Botschaften formuliert er bewusst offen, um möglichst viele unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen anzusprechen. „Am Ende war es Khomeini, der sich als eine Art Anführer dieser Revolution präsentierte”, sagt Robert Steele.
So formiert sich in den späten 1970er-Jahren eine breite Protestbewegung, der sich auch Babak anschließt. Er sei damals mit der Schule beschäftigt gewesen und sagt, dass er keinerlei politische Erfahrung gehabt hat. „Auf einmal ist da eine Revolution, aber wieso, warum? Auf einmal hat es geheißen, der Schah ist eine Figur des Westens, aber warum?”, sagt er heute.
„Man ist auf einmal in einer Revolution und man macht mit den anderen Leuten mit und dann ist die Revolution schon geschehen.”
Persönliche Gründe hat Babak nicht, wieso er auf die Straße geht. Man habe mitgemacht, weil alle mitgemacht haben. Unterschiedlichste Gruppen mit unterschiedlichsten politischen Zielen – von einem islamischen Staat über sozialistische Reformen bis hin zu nationaler Unabhängigkeit und Demokratie – stehen Seite an Seite. „Ob die Kommunisten oder Sozialisten oder Islamisten waren, die waren alle in einem Topf, weil sie alle gegen den Schah waren”, sagt Babak.
Am 7. Jänner 1978 verschärft sich die Lage. Ein Artikel in der iranischen Tageszeitung Ettelā’āt beleidigt Khomeini öffentlich. Es kommt zu Protesten, bei denen einige Menschen getötet werden. In der schiitischen Tradition wird 40 Tage nach einem Tod der oder dem Verstorbenen gedacht. Und genau diese Trauerzeremonien werden zu Massenprotesten. Wieder gibt es Schießereien, wieder sterben Menschen. Vierzig Tage später versammeln sich die Menschen wieder auf den Straßen. Die Proteste werden immer größer.
Ein Wendepunkt ist der 8. September 1978, der als „Schwarzer Freitag” in die Geschichte eingeht. Nach Verhängung des Kriegsrechts schießen Sicherheitskräfte in Teheran auf Demonstrierende. Wie viele Menschen tatsächlich an diesem Tag getötet worden sind, ist bis heute unklar. Sicher ist: Das Massaker stoppt die Bewegung nicht, es radikalisiert den Widerstand. Das erlebt auch Babak damals auf seinem Weg von der Schule nach Hause. So habe er verstanden, welche Gewalt verursacht werden könne, wenn Menschenmassen zusammenkommen. Er sagt, dass ihm damals durchaus bewusst gewesen ist, welches Risiko er mit seinem Protest eingeht, doch es sei ihm egal gewesen:
„Wenn die Zeit kommt, dann denkst du nicht an dich selber. Du läufst nach deinen Idealen, du verteidigst dein Land. Und dann ist dein eigenes Wohlergehen, deine eigene Situation, deine eigene Person nicht so wichtig.”
Am 11. Februar 1979 bricht das monarchische System endgültig zusammen, als das Militär und Sicherheitskräfte ihre Loyalität aufgeben und staatliche Institutionen kollabieren. Dieser Tag gilt bis heute als „Sieg der Revolution“ und ist im Iran ein Nationalfeiertag. Er markiert für die damalige Protestgeneration den Moment, in dem ihr Widerstand erfolgreich scheint. Es ist ein Tag der Euphorie und des Aufbruchs. Doch die Hoffnungen auf politische Freiheit erfüllen sich nicht.
Für Babak dauert es nur wenige Tage, bis er spürt, dass sich die Revolution in eine andere Richtung entwickelt als die, die seine Freunde und er sich gewünscht haben. Denn schon kurze Zeit später beginnt die Verfolgung. In dem entstandenen Machtvakuum nach dem Sturz des Schahs setzt sich Khomeinis Bewegung durch. Bei einem Referendum im März 1979 stimmen mehr als 90 Prozent für die Gründung einer Islamischen Republik.
„Direkt danach haben die angefangen, die Leute, mit denen sie davor noch Seite an Seite gekämpft haben, zu verurteilen, in Gefängnisse zu schicken, sogar zu töten.”, sagt Babak.
Viele der Opfer seien jung gewesen, sagt Babak, ohne politische Erfahrung. Manche seien aus ihren Wohnungen geholt und wegen weniger Bücher oder vermeintlich falscher Gesinnung hingerichtet worden.
Im Dezember 1979 wird eine neue Verfassung verabschiedet. Das neue Amt des religiösen Führers wird zur höchsten staatlichen Autorität – und von Khomeini selbst übernommen. Somit konsolidiert er schnell seine Macht. Frühere Versprechen, er wolle lediglich einen Übergang ermöglichen, hat er nicht gehalten, sagt der Iran-Experte Robert Steele:
„Sobald er an der Macht war, schaltete er alle seine politischen Gegner aus und regierte als Autokrat.”
Sämtliche Proteste danach werden unterdrückt und zentrale Forderungen der Revolution, wie Freiheit, Gleichberechtigung und politische Mitbestimmung, werden nicht eingelöst. Besonders Frauen, die aktiv an den Protesten teilgenommen haben, verlieren binnen kurzer Zeit zahlreiche Rechte, etwa durch die Einführung des verpflichtenden Hijabs.
Als der 18-jährige Babak auf den Straßen seiner Heimatstadt protestiert, hat er keine Ahnung, welche Konsequenzen sein Protest haben wird. Etwas mehr als ein Jahr später findet er sich an einem völlig anderen Ort wieder. Nicht mehr in der Schule, sondern an der Front im Krieg zwischen Iran und Irak. „Ich hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, was da passiert ist”, sagt er. „Meine Konzentration war auf den Krieg gerichtet. Nur überleben und Verteidigung, sonst habe ich an nichts gedacht.”
Die Islamische Revolution, die für viele als Befreiung begonnen hat, ist für große Teile der Gesellschaft zum Ausgangspunkt eines neuen repressiven Systems geworden. Dieser historische Bruch prägt spätere Protestbewegungen, die nicht mehr gegen eine Monarchie protestieren, sondern gegen das System, das aus der Revolution von 1979 hervorgegangen ist.
Wiederkehrender Widerstand: Proteste seit der Revolution
Trotz jahrzehntelanger Repression kommt es im Iran immer wieder zu großen Protestbewegungen. Die Bildgalerie gibt einen Überblick über die bedeutendsten Proteste seit Beginn der Islamischen Republik:
Studentenproteste im Juli 1999Nachdem am 7. Juli 1999 die kritische iranische Zeitung Salam durch ein Gericht geschlossen wird, gehen Studierende in Teheran auf die Straße und protestieren friedlich. In der Nacht zum 8. Juli stürmen Sicherheitskräfte ein Studentenwohnheim und töten mindestens einen Studenten. Nach dem Einsatz weiten sich die Proteste auf das ganze Land aus. (Foto: Getty Images/Kaveh Kazemi)
Studentenproteste im Juli 1999Nachdem am 7. Juli 1999 die kritische iranische Zeitung Salam durch ein Gericht geschlossen wird, gehen Studierende in Teheran auf die Straße und protestieren friedlich. In der Nacht zum 8. Juli stürmen Sicherheitskräfte ein Studentenwohnheim und töten mindestens einen Studenten. Nach dem Einsatz weiten sich die Proteste auf das ganze Land aus. (Foto: Getty Images/Kaveh Kazemi)
Studentenproteste im Juli 1999Nachdem am 7. Juli 1999 die kritische iranische Zeitung Salam durch ein Gericht geschlossen wird, gehen Studierende in Teheran auf die Straße und protestieren friedlich. In der Nacht zum 8. Juli stürmen Sicherheitskräfte ein Studentenwohnheim und töten mindestens einen Studenten. Nach dem Einsatz weiten sich die Proteste auf das ganze Land aus. (Foto: Getty Images/Kaveh Kazemi)
Studentenproteste im Juli 1999Nachdem am 7. Juli 1999 die kritische iranische Zeitung Salam durch ein Gericht geschlossen wird, gehen Studierende in Teheran auf die Straße und protestieren friedlich. In der Nacht zum 8. Juli stürmen Sicherheitskräfte ein Studentenwohnheim und töten mindestens einen Studenten. Nach dem Einsatz weiten sich die Proteste auf das ganze Land aus. (Foto: Getty Images/Kaveh Kazemi)
Studentenproteste im Juli 1999Nachdem am 7. Juli 1999 die kritische iranische Zeitung Salam durch ein Gericht geschlossen wird, gehen Studierende in Teheran auf die Straße und protestieren friedlich. In der Nacht zum 8. Juli stürmen Sicherheitskräfte ein Studentenwohnheim und töten mindestens einen Studenten. Nach dem Einsatz weiten sich die Proteste auf das ganze Land aus. (Foto: Getty Images/Kaveh Kazemi)
Am 16. September 2022 stirbt die 22-jährige Kurdin Jina Mahsa Amini in einem Krankenhaus in Teheran. Drei Tage zuvor wird sie von der sogenannten Sittenpolizei festgenommen, weil sie ihr Kopftuch angeblich nicht korrekt getragen hat. Berichten zufolge wird sie in Polizeigewahrsam brutal geschlagen und erleidet dadurch ein Schädel-Hirn-Trauma. Ihr Tod löst landesweite Proteste aus.
Auch Nasim geht 2022 auf die Straßen Teherans, wo sie geboren und aufgewachsen ist. Seit eineinhalb Jahren studiert und lebt sie in Wien. Ihre Familie wohnt weiterhin im Iran. „Nachdem wir vom Tod von Mahsa Amini gehört haben, haben wir unsere Hijabs kollektiv ausgezogen. Auch die ganz alten Frauen. Wir hatten alle genug von diesem Regime. Wir waren alle so unglaublich wütend”, sagt Nasim.
„Wir dachten, wir werden es schaffen, das Regime zu stürzen.”
Der Tod der jungen Frau sei für viele Iranerinnen sehr persönlich gewesen, sagt Nasim. Der Kampf um Freiheit startet 2022 innerhalb der eigenen Familien. „Frauen stritten mit ihren Familien, mit ihren Ehepartnern, mit ihren Brüdern”, erinnert sie sich.
Auch sie selbst trennt sich von ihrem damaligen Freund. Sie ist enttäuscht über seine mangelnde Solidarität. Nach der Rebellion im Privaten gehen die Frauen gemeinsam auf die Straßen Teherans – viele ohne Hijabs.
Vor allem Frauen solidarisieren sich mit der Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“ – auf Kurdisch „Jin, Jîyan, Azadî“. Die feministische Parole ist nicht neu: Sie wird seit Jahrzehnten in der kurdisch-feministischen Bewegung im Iran und anderen kurdischen Gebieten verwendet. Auch die Unzufriedenheit mit dem Hijab-Zwang ist langjährig. Tausende Frauen sind vor September 2022 wegen angeblich nicht korrekt getragener Kopftücher von der Sittenpolizei festgenommen worden. Für Nasim ist der Druck allgegenwärtig gewesen:
„Seit ich mich erinnern kann, musste ich einen Hijab tragen. Wir durften keine kurzen Hosen tragen, der Hijab durfte keinen Millimeter verrutschen.”
Aminis Tod bringt das Fass zum Überlaufen nach jahrzehntelanger Unterdrückung von Frauen im Iran. Vor allem junge Menschen protestieren. Im Netz kursieren unzählige Videos von Männern und Frauen, die sich aus Solidarität die Haare abschneiden. Als sichtbares Zeichen des Widerstands legen Frauen ihre Kopftücher ab, tanzen auf den Straßen und hören laut Musik. Das ist für Frauen im Iran verboten. „Wir hatten keine Angst. Wir waren sauer”, sagt Nasim.
„Ich habe mich noch nie so mächtig auf den Straßen Teherans gefühlt. Ich war noch nie so stolz und glücklich, eine Frau zu sein. Bis heute fühle ich mich so."
Doch die friedlichen Proteste werden schon früh mit Gewalt unterdrückt. Tränengas wird eingesetzt und Nasim erinnert sich, dass die Sicherheitskräfte mit Paintball-Waffen in die Menge schießen, um die Demonstrierenden zu markieren und später identifizieren zu können. „Wir haben immer Ersatzkleidung mitgenommen, um uns so schnell wie möglich umzuziehen”, sagt sie.
Es dauert nicht lange, bis die Revolutionsgarden mit scharfer Munition gegen Demonstrierende vorgehen. Geschäfte öffnen ihre Türen für Protestierende, um Schutz zu bieten, sagt Nasim, und sie beginnen, die Verwundeten selbst zu versorgen. „Sie zum Arzt oder ins Krankenhaus zu bringen, war keine Option, weil die Revolutionsgarden dort auf sie warteten, um sie festzunehmen.”
Im Verlauf der Demonstrationen sterben mehrere Hundert Frauen und Männer, darunter auch Minderjährige, durch Gewalt seitens Anhängern des iranischen Regimes. Rund 20.000 Personen werden laut der Menschenrechtsorganisation HRANA festgenommen. Betroffene berichten von Folter und Vergewaltigungen. Dutzende werden hingerichtet.
Monatelang halten die Proteste an, bevor sie wieder abflachen. Zwar sieht man heute häufiger Frauen ohne Hijab auf den Straßen Irans, doch die Situation für Iraner und Iranerinnen hat sich kaum verbessert. Der Widerstand bleibt aufrecht und der Preis dafür ist hoch.

Am 28. Dezember 2025 beginnen wieder Proteste. Auslöser für die jüngsten Demonstrationen ist erneut die anhaltende Wirtschaftskrise. Massive Inflation und steigende Lebenshaltungskosten führen zu Protesten auf den Basaren Teherans, doch sie weiten sich schnell aufs ganze Land aus. Was als ökonomischer Protest beginnt, wird schnell kulturell und politisch, sagt der Iran-Experte Robert Steele.
Was dieses Mal anders ist: Die Brutalität, mit der das Regime gegen die jüngsten Proteste vorgeht, sei laut Steele in dieser Form beispiellos. Die schiere Zahl der Toten, das wahllose Schießen auf Menschen, ist etwas völlig Neues, sagt Steele. Als Beispiel nennt er Berichte über das Massaker in Rasht, wo ein Marktplatz im Basar in Brand gesteckt worden ist. Sicherheitskräfte sollen auf die Menschen geschossen haben, die versucht haben, dem Feuer zu entkommen.
Das Regime sei laut Steele unfähig, die strukturellen Missstände zu beheben, weshalb nur noch mit Gewalt gegen die Protestierenden reagiert werde. Anderes sei auch in Zukunft nicht zu erwarten. Die Brutalität sei ein Ausdruck von Schwäche und Verzweiflung.
Für Steele ist klar, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis es zu einer weiteren Protestwelle kommt. Wann und in welcher Form, ist unklar, doch die Menschen werden wieder demonstrieren:
„Das Regime kämpft weiter um sein Überleben, aber solange es nicht in der Lage ist, die Probleme anzugehen, gegen die die Menschen protestieren, sind seine Tage meiner Meinung nach gezählt.”
Wie viele Menschen bei den Protesten getötet wurden, ist schwer zu überprüfen – auch wegen der anhaltenden Informationssperre im Iran. Seit dem 8. Jänner sind Internet und Mobilfunk immer wieder blockiert; nur wenige Informationen dringen aus den Landesgrenzen Irans hinaus. Iranische Ärzte und Ärztinnen sprechen von 18.000 Todesopfern. Das Time-Magazin spricht von bis zu 30.000. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Activists News Agency in Iran (HRANA) hat bisher 6.854 Tote im Zusammenhang mit den Protesten verifiziert, 11.280 weitere Todesfälle werden aktuell noch geprüft, und mehr als 50.000 Personen sind festgenommen worden.
Über 40 Jahre trennen die Proteste, an denen Babak teilgenommen hat, von jenen von Nasim und den Protestierenden heute. Babak hat Sorge, dass die jüngsten Proteste nur noch mehr Leid verursachen, aber keine tatsächliche Verbesserung für die Menschen im Iran bringen. „Was man aktuell sieht, ist anders”, sagt er.
„Sie töten einfach massiv Leute. Es geht ihnen nur um Macht.”
Robert Steele sagt, dass sich die Brutalität des islamischen Regimes von jener der Schah-Dynastie unterscheidet. In den 15 Jahren vor der Revolution seien – selbst nach offiziellen Zahlen der Islamischen Republik – 3.164 Personen getötet worden. 2.781 davon in Teheran im Jahr 1978. Die Zahlen der Todesopfer Anfang Jänner dieses Jahres würden laut Steele zeigen, wie grundlegend unterschiedlich die beiden Regime sind.
Für Robert Steele ist einer der größten Unterschiede zwischen der Protestbewegung vor der Revolution und jener von heute die fehlende Führungsfigur der Bewegung. 1978 gibt es mit Khomeini eine Person, die zu einer Projektionsfläche unterschiedlicher Hoffnungen wird. Eine vergleichbare Figur existiert heute nicht. Und das ist kein Zufall, sagt Steele. Es gebe im Iran zwar prominente politische Gefangene, diese würden aber schon seit langer Zeit im Gefängnis sitzen und könnten keine Basis an Unterstützerinnen und Unterstützern im Land aufbauen. Jede Art von organisierter Opposition werde sofort unterdrückt. Eine der Schwierigkeiten bestehe laut Steele darin, Unterstützung für eine Persönlichkeit oder eine Bewegung aufzubauen, die nicht nur in der Diaspora, sondern auch im Iran selbst breiten Zuspruch in der Bevölkerung findet.
Aktuell präsentiert sich Reza Pahlavi, der Sohn des letzten Schahs von Iran, immer wieder selbst als Oppositionsführer. Er lebt seit der Revolution im Exil. Aus den USA versucht er, den Menschen im Iran Hoffnung zu machen, dass das islamische Regime bald ein Ende haben wird. Steele sagt, dass die Zustimmung zu seiner Person aber unklar ist. Auf jeden Fall komme sie jener nicht nahe, die Khomeini damals gehabt habe.

Der größte Wunsch der Studentin Nasim ist die Freiheit für die Menschen im Iran. Babak, der Ende der 70er gegen den Schah protestiert hat, hat großes Verständnis für die jungen Menschen im Iran, die heute auf die Straße gehen. So wie seine Generation vor 47 Jahren selbst entscheiden wollte, wollen das auch die jungen Leute heute. Das ist ihr gutes Recht, sagt Babak.
„Die wollen einfach ihre Freiheit haben, aber welche Freiheit? Freiheit ist gut, aber welche Freiheit? Freiheit ist, wenn du die anderen nicht in Schaden bringst.“
Diese Frage zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des iranischen Widerstands: Freiheit, aber welche Freiheit? Was sich Nasim heute wünscht, ist der Sturz des Regimes. Was danach kommen soll, darüber ist sie momentan ratlos.
Robert Steele sieht eine Parallele zwischen der Revolution von 1979 und den heutigen Protestbewegungen: „1978 war eine populäre Revolte gegen ein System, an das niemand mehr geglaubt hat”, sagt Steele, „und ähnlich ist es seit 2022. Niemand glaubt mehr an das Regime und die Menschen fordern grundlegende Veränderungen. 1979 waren sie gegen den Schah, jetzt sind sie gegen die Islamische Republik.”
Mittlerweile ist die Verzweiflung der Iraner und Iranerinnen so groß, dass einige auf Hilfe von außen hoffen, ob von den USA oder Israel. Für Babak ist das ein erschütternder Gedanke:
„Manche von meinen nahen Bekannten, sogar meine Brüder und Schwestern, haben gemeint, es wäre besser, wenn die Amerikaner einfach hierher einmarschieren und diesem Regime ein Ende setzen. Das war für mich unvorstellbar.”
Er hat aber Verständnis für die große Verzweiflung seiner Freunde und Familie. Der Verlust von noch mehr jungen Menschen sei nicht mehr auszuhalten: „Infrastruktur kann man wieder aufbauen, aber die Verluste von Menschen nicht – vor allem nicht von der jungen Generation.”
Am 6. Februar haben im Oman erste Verhandlungen zwischen den USA und dem iranischen Regime stattgefunden. Über Details ist bislang wenig bekannt, die Gespräche sollen aber fortgesetzt werden. Wann, ist noch unklar. Robert Steele sagt, dass viele Iranerinnen und Iraner diese Verhandlungen als Verrat empfinden. Trump hat die Menschen dazu ermutigt, auf die Straßen zu gehen und Regierungsgebäude zu besetzen. Er hat ihnen zugerufen, dass Hilfe aus den USA auf dem Weg ist.
„Also sind die Menschen auf die Straße gegangen und wurden massakriert, die Hilfe war nicht unterwegs und sie kam nie an”, sagt Steele.
„Wenn jetzt all diese Menschen gestorben sind, damit Trump seinem Volk zeigen kann, dass er einen besseren Deal bekommt als ihn Obama damals bekommen hat – was er wahrscheinlich auch wird –, dann ist das ein riesiger Verrat.”
Steele erwartet sich keine spürbare Verbesserung für die Bevölkerung im Iran durch die Verhandlungen. Im besten Fall könnten sie zu einer Lockerung der Sanktionen gegen den Iran führen und so der wirtschaftliche Druck nachlassen. Doch die iranische Wirtschaft sei tief korrupt, große Teile würden von den Revolutionsgarden kontrolliert werden. Solange sich an dieser Machtstruktur nichts ändere, könne sich das Land nicht erholen. Eine echte Perspektive für das iranische Volk sieht Steele nur in einer grundlegenden Veränderung des Regimes – sei es ein Regimewechsel oder eine Art vollständige Umstrukturierung des Systems.
Sicher ist für Steele aber eines: Das Regime wird nicht ewig bestehen.
„Es wird unweigerlich fallen, aber die Frage ist, wann und wie viel Schaden sie dem Land bis dahin zufügen können”, sagt Steele.
Bis dahin werden die Menschen im Iran Widerstand gegen das Regime leisten.
Sounddesign und Audioproduktion: Katharina Darya Ressl
Mixing und Mastering: Patrik Haas
Sprecher und Sprecherinnen: Henric Wietheger, Pia Miller-Aichholz, Mitja Milosits
