Leben wir bald alle im Stroh?

David Kosche hat sich ein Haus aus gepressten Strohballen gebaut. Es dämmt fast wie ein Passivhaus, speichert CO₂ und ist auf lange Sicht oft günstiger als ein konventionelles Haus. Trotzdem werden sie kaum gebaut. Eine vertane Chance?

Leben wir bald alle im Stroh?
Foto: Getty Images

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Mittlerweile ist es acht Monate her, dass ich bei David Kosche zu Besuch war. David ist JETZT-Mitglied und lebt mit Frau und Kind im Lavanttal, das immer wieder als Paradies Kärntens bezeichnet wird. Die sanften grünen Hügel und die vielen Obstbäume sorgen für eine einladende Landschaft. Wohl gefühlt habe ich mich auch bei David, der ein außergewöhnlich offener und herzlicher Mensch ist. Außergewöhnlich ist auch sein Haus. Denn David hat es mit einem kleinen Team selbst gebaut – aus Stroh.

Wer jetzt an die Kindergeschichte der drei kleinen Schweinchen denkt, liegt falsch. Ein modernes Strohballenhaus hat nichts mit einer windigen Bretterbude zu tun. Die Wände bestehen aus gepressten Strohballen, eingebettet in ein Holzskelett. Verputzt mit Lehm oder Kalk, sieht das Haus von außen oft ganz gewöhnlich aus. Ich habe bei meinem Besuch gar nicht gemerkt, dass ich in einem Strohballenhaus sitze.

Und vielleicht beschreibt das das größte Problem dieser Bauweise: Dass man sie nicht sieht – und sie fast niemand kennt. In Österreich stehen nur etwa 1200 solcher Häuser. Dabei hat ein Haus in Strohballenbauweise eigentlich viele Vorteile. Es ist auf Dauer oft günstiger, kann Jahrhunderte halten und ist dazu auch noch nachhaltig. Warum wird also nicht mehr mit Stroh gebaut? Ist die Bauweise nur eine Spielerei für Umweltbewusste oder leben wir vielleicht bald alle im Stroh?

David Kosche in seinem Haus in Strohballenbauweise. Das Kurzvideo, das ich bei ihm gedreht habe, findest du mit dem unten stehenden Link.

David ist gelernter Zimmermann. Dass ausgerechnet er Strohballen in seinen Wänden hat, ist einem Zufall zu verdanken, denn lange wusste er nichts von der Bauweise. Ein Berater von Proholz fragt ihn, wie er sein Haus dämmen wolle: „Der hat mich gefragt, warum ich nicht mit Stroh dämme. Und ich habe am Anfang nicht ganz genau gewusst, ob er mich auf den Arm nimmt oder nicht.”

Der Berater meint es ernst. Er drückte David eine CD in die Hand, mit einem Dokumentarfilm über ein Haus in Strohballenbauweise in Deutschland. David war davon schwer beeindruckt – und die Idee ließ ihn nicht mehr los.

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Die Strohballen werden für den Bau komprimiert, also zusammengepresst und haben so ein etwa zehn mal geringeres Volumen als loses Stroh. (Foto: StrohNatur)

Es gibt verschiedene Varianten des Strohballenbaus. Bei der gängigsten, die auch David angewendet hat, wird zunächst ein Holzskelett errichtet. Dann werden die gepressten Strohballen eingesetzt. Die Wandstärke beträgt bei David 36 Zentimeter. Innen kommt Lehmputz drauf, außen Kalkputz oder eine Holzfassade. Die fertige Wand ist also etwa 40 bis 45 Zentimeter dick.

Was dabei entsteht, isoliert beeindruckend gut. Davids Haus erreicht einen U-Wert von 13,6 – das ist der Wert, der angibt, wie viel Wärme durch ein Bauteil entweicht und bei David damit fast auf Passivhausstandard. Zum Vergleich: Ein durchschnittliches Niedrigenergiehaus kommt auf 30 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr. Ein altes Haus kann bis zu 200 erreichen. Davids 130 Quadratmeter Wohnfläche werden mit 1300 bis 1400 Kilogramm Pellets pro Jahr beheizt. Daraus entstehen Heizkosten (inklusive Warmwasser) zwischen 600 und 700 Euro – und damit deutlich unter dem Schnitt.

Aber nicht nur die Energiebilanz überzeugt David. Auch das Raumklima ist vorteilhaft. Der Lehmputz speichert Feuchtigkeit und gibt sie gleichmäßig wieder ab – das Ergebnis ist eine relative Luftfeuchtigkeit zwischen 50 und 60 Prozent, auch im Winter. „Das ist extrem gut für die Schleimhäute”, sagt er.

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Davids Haus heute (Foto: D.Kosche)

Aus der Not geboren

Die Strohballenbauweise ist älter, als man meinen mag. Ihre Geschichte beginnt nicht in Österreich, sondern in Nebraska, USA. Ab 1890 wurden dort die ersten Strohballenpressen gebaut. Die Siedler hatten kaum Holz, dafür aber Stroh in Hülle und Fülle. Also bauten sie damit und stellten erstaunt fest: Im Winter braucht man kaum zu heizen, im Sommer bleibt es angenehm kühl. Daraufhin verbreitete sich die Bauweise rasch. Bis zum Zweiten Weltkrieg, als der Stahlbeton eine immer wichtigere Rolle spielte.

„Dann hat man diese natürlichen Baustoffe als veraltet angesehen, viel in den Betonbau investiert und Ziegel industriell hergestellt.”

Die Bauweise galt plötzlich als rückständig. Doch die aufkommenden Baumaterialien haben einen Nachteil. Ziegel, Beton oder Styropor verbrauchen mehr Energie in der Produktion und lassen sich schwerer recyceln. David formuliert das radikal: „Wenn du ein konventionelles Haus baust, dann hast du ab dem Moment, in dem du den Schlüssel umdrehst, zig Tonnen von Sondermüll.”

Vorteile, Nachteile und Mythen

Wohnen im Strohhaus – das klingt nicht nur gewöhnungsbedürftig – sondern auch irgendwie gefährlich. Besonders, wenn man bedenkt, wie gut Stroh brennt. Das ist auch einer der häufigsten Einwände gegen die Bauweise. Dabei stimmt das so nicht. Denn die Strohballen sind so komprimiert, dass in ihnen fast kein Sauerstoff ist und die Ballen nur äußerlich brennen. Holz-Stroh-Konstruktionen mit Lehm- oder Kalkputz erreichen die Brandschutzklasse F90 – dasselbe wie die meisten konventionellen Häuser. Bei mehrstöckigen Gebäuden in Frankreich wurde sogar ein Haus mit sieben Stöcken in Strohbauweise genehmigt.

Eine weitere Sorge, die viele beim Thema Stroh haben, ist das Ungeziefer. Mäuse, Ratten, Insekten in den Wänden – das ist eine Vorstellung, die sich hartnäckig hält. Aber in hoch verdichtetem Stroh lassen sich keine Tunnel graben. „Stroh kann im Grunde nur von Termiten oder Wespen zersetzt werden. Da muss man einfach schauen, dass der Putz geschlossen bleibt – diese Arbeit muss man machen und immer mal wieder nachputzen.”

Der Lehmputz wird entweder direkt auf das Stroh aufgetragen, oder auf Schilfmatten, die aufs Stroh angebracht werden. (Foto: StrohNatur)

Die Strohbauweise hat verschiedene Vorteile. Einerseits weil sie nicht teurer ist als der konventionelle Bau. Zwar können die Baukosten selbst etwas höher sein, weil die Bauweise personalintensiv ist, aber durch die dauerhaft niedrigeren Energiekosten wird dieser Effekt auf Dauer schnell umgekehrt. Außerdem halten die Häuser sehr lange, wenn sie richtig gewartet werden. Die Grundmaterialien – Lehm, Kalk, Holz – sind dieselben wie bei deutschen Fachwerkhäusern. „Die ältesten Fachwerkhäuser, die heute noch stehen, sind 800 Jahre alt. Das ist das Potenzial.” Die ältesten erhaltenen Strohballenhäuser, die noch bewohnt werden, sind über 100 Jahre alt und stehen in Nebraska.

Der vielleicht größte Vorteil ist die Öko- und Klimabilanz. Denn die ist – wie zu erwarten – herausragend: David hat das bei der Kärntner Wohnbauförderung besonders gemerkt.
Das Fördersystem berechnet den CO₂-Fußabdruck eines Hauses – von der Produktion der Baustoffe bis zum späteren Abriss. Die höchste Förderstufe beginnt unter 40 Punkten. Davids Haus hat minus 53 Punkte. „Das heißt, wir haben eigentlich mehr CO2 in unserem Haus gebunden durch das Stroh und das Holz, als wir bei den ganzen Prozessen bei der Beheizung ausgeben. Und ganz ehrlich gesagt: Da haben auch die Leute von der Wohnbauförderung geschaut.”

Die Strohballen werden passgenau eingesetzt. Hier zum Beispiel in Davids Dach. (Foto: StrohNatur)

Natürlich gibt es bei der Strohballenbauweise auch Nachteile. Überall dort, wo Wasser im Spiel ist – Bad, WC, Küche – muss beim Bau besonders sorgfältig gearbeitet werden. Generell müssen die Strohballen beim Einbau trocken sein; regnet es stark, bevor die Wände verputzt sind, kann es kritisch werden. Fehler beim Feuchtigkeitsschutz können im schlimmsten Fall zu Schimmel führen.

Die Wände sind außerdem etwas dicker als im konventionellen Bau, was auf kleinen Grundstücken Wohnfläche kostet. Und wer seinen Lehmputz streichen möchte, stößt auf Grenzen: Dispersionsfarben funktionieren nicht, weil sie die Wand versiegeln würden und damit den Feuchtigkeitsausgleich zunichtemachen, der den Lehmputz so wertvoll macht. „Du kannst keine normalen Farben nehmen, weil du den ganzen positiven Effekt des Lehms damit zumachst”, sagt David. Es gibt zwar Naturfarben, die funktionieren – aber die Palette ist kleiner.

Ein systemisches Problem

Trotz alledem: Die Technik funktioniert. Die Kosten sind langfristig geringer. Das Material – Stroh, Holz, Lehm – wächst vor der Haustür. Warum also bauen so wenige damit?
„Die Technik ist zwar unter Ökologen sehr wohl bekannt, aber die breite Masse kennt sie kaum, und da gehört noch viel Aufklärungsarbeit”, sagt David. „Das Problem liegt aber auch bei den Gewerken. Es gibt einfach wenige Meister in der Zimmerei, die sich darauf einlassen und sich trauen umzusteigen.” David hat eine Vermutung, warum sie das oft nicht tun. „Die ganzen Normen im Baugewerbe sind eigentlich von der Industrie erschaffen worden, damit sie ihre Produkte unterbringen. Und da kommst du mit einem ökologischen Haus immer wieder in Bereiche, wo du erklären musst, warum diese Norm in dem Fall nicht wirklich sinnvoll ist. Da muss man sich dann speziell damit beschäftigen und das machen einzelne Gewerke, aber noch nicht in der Masse.”

David erklärt, dass die Normgremien, in denen über Baustandards entschieden wird, keine neutralen Fachgremien sind, sondern eher durch Lobbyisten der Bauindustrie geprägt. „Der Weg ist steinig für kleine Genossenschaften wie Strohnatur, die seit fast drei Jahrzehnten für ökologisches Bauen wirbt.”

Dass Strohballenbau eine Nische ist, scheint also einen systematischen Grund zu haben. Und das, obwohl Österreich in der Strohballenforschung eigentlich weit vorn ist.
„Wir haben alles in Österreich: Lehm genug, Stroh genug, Holz genug, Handwerker, die ausgebildet werden könnten. Und da muss man aber sagen: Auch die Normen müssen sich ändern. Das ist nicht ganz so einfach, weil das alles Lobbyisten der Bauindustrie sind. Und da gehört politisch sicherlich eines gemacht – wir müssen umdenken.”

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Auf Davids Baustelle haben viele Hände zusammengeholfen, um das Haus aufzubauen. (Foto: StrohNatur)

David Kosche sitzt heute im Rollstuhl. Ein Unfall hat seine ursprünglichen Pläne durcheinandergebracht – er wollte die Bauweise in Kärnten aktiv verbreiten, Workshops leiten, Trainer ausbilden. Das geht nicht mehr so. Aber aufgehört hat er keinesfalls.
„Nachdem ich selbst nicht mehr aktiv sein kann, möchte ich sehr wohl Öffentlichkeitsarbeit machen. Weil es war recht spannend: Alle Architekten, alle Leute von den verschiedenen Gewerken – Elektriker, Baumeister –, die zu mir gekommen sind, die waren echt überrascht.”

Eine tragfähige Zukunft bauen

Zum Schluss habe ich David gefragt, was er glaubt: Werden wir in zwanzig, dreißig Jahren mehr Strohballenhäuser sehen – oder bleibt es eine Nische? Er gab keine einfache Antwort. Eher eine Rechnung.

„Im ganzen Bausektor gehen zwischen 30 und 40 Prozent der gesamten Energie rein – in die Materialien, den Transport, den Aufbau. Du wirst mit der Energiewende gar nicht wirklich fertig, wenn du beim Bau nicht extrem runtergehst.”

Und dann kommt noch etwas dazu, das über den Klimaschutz hinausgeht: die Unabhängigkeit. Wer mit Stroh, Holz und Lehm baut, braucht keine Erdölprodukte, keine globalen Lieferketten, keine hochindustrialisierten Materialien aus fernen Fabriken.

Ich habe im vergangenen September einen Nachmittag in Davids Haus verbracht. Ich habe die dicken Lehmwände berührt, unter der Lichtkuppel gestanden, den Garten gesehen – Gründach, Regenwasserzisterne, Solaranlage. Und ich habe mich gefragt, warum das so selten ist. Eine abschließende Antwort habe ich nicht. Aber ich habe das Gefühl mitgenommen, dass es nicht an der Technik liegt. Nicht am Material. Sondern an Gewohnheiten, an falschen Vorstellungen – und an einer Industrie, die sich auf andere Produkte eingestellt hat.

Ein Haus in Strohballenbauweise zu bauen, das ist aktuell etwas für Liebhaber, die sich ins Thema reinfuchsen. Aber wer weiß: So wie sich die Welt entwickelt – ein immer stärkerer Klimawandel – immer unsicherere Lieferketten – vielleicht leben wir ja doch bald alle im Stroh.

Im Audio wurde ein Ausschnitt aus Walt Disneys „Die drei kleinen Schweinchen“ (1933) zitiert.

Audioproduktion und Sounddesign: Katharina Darya Ressl
Mixing und Mastering: Patrik Haas