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Das Jahr 2020 war kein gutes für den russischen Militärgeheimdienst GRU. Die Fake-Identitäten von rund 40 Agenten sind aufgeflogen. Diese Agenten waren Teil der wahrscheinlich gefährlichsten Einheit der GRU: der Unit 29155. Grund für die Enthüllungen ist unser Kollege Christo Grozev. Er hat die mutmaßlichen russischen Spione gemeinsam mit anderen Journalistinnen und Journalisten enttarnt. Darunter auch einen, der immer wieder in Österreich war: Sergei K. Für ihn gilt die Unschuldsvermutung. Über Sergei K. und seine Annäherung an einen österreichischen Abwasserkonzern haben wir dir in Teil 1 unserer Recherche „Schmutziges Wasser“ ausführlich erzählt. Wenn du diese Geschichte noch nicht kennst, hör sie dir auf jeden Fall an.
Aber hier noch einmal kurz zusammengefasst: Der mutmaßliche Geheimdienstagent Sergei K. ist von 2017 bis 2020 immer wieder nach Österreich geflogen. Laut seinem Lebenslauf war er zu dieser Zeit Leiter der Verkaufsabteilung beim Abwasserunternehmen VTA Eurasia. Das steht damals auch so auf der Homepage der Firma. Diese Homepage hatte sehr starke Ähnlichkeiten mit der eines österreichischen Unternehmens: der VTA Austria GmbH. Diese Firma in Österreich entwickelt innovative Abwassertechnik und beliefert Kläranlagen weltweit. Der mutmaßliche Geheimdienstagent besucht die österreichische VTA auf zumindest einer seiner Reisen. Dass Sergei K. für den russischen Geheimdienst arbeiten könnte, habe man dort nicht gewusst, sagt der Anwalt der VTA Austria. Genauso wenig wie von der russischen Firma mit dem gleichen Namen sowie von weiteren russischen Firmen, die den Namen VTA verwenden. VTA Eurasia hat sich online sogar als offizieller Vertreter des österreichischen Unternehmens in Russland und Belarus ausgegeben. Die Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst (DSN) ermittelt.
Dass ein mutmaßlicher Agent der wohl gefährlichsten Einheit des russischen Militärgeheimdienstes versucht haben könnte, sich einem Unternehmen zu nähern, das täglich dazu beiträgt, das Wasser von Hunderten Millionen Menschen weltweit zu reinigen, ist eine ernste Angelegenheit. Aber das ist längst nicht alles. Agenten der Einheit 29155 waren in der Vergangenheit verantwortlich für Vergiftungen und Mordanschläge. Heute erzählen wir dir, was aus den Agenten geworden ist, seitdem sie ihre Arbeit im Ausland nicht mehr fortsetzen können – und was sie nun in Russland treiben.
Wer oder was ist also diese Unit 29155?
Um das zu beantworten, müssen wir ein wenig ausholen. Die Unit 29155 gehört zum russischen Militärgeheimdienst GRU und führt seit über 20 Jahren Angriffe in Europa aus. GRU ist eine Abkürzung für ein russisches Wort, das übersetzt so viel wie „Hauptverwaltung für Aufklärung“ heißt.
Die GRU sammelt Informationen und spioniert andere Länder aus. Innerhalb der GRU gibt es aber spezielle Einheiten, die noch einen Schritt weiter gehen. Eine davon ist die Unit 29155. Sie ist sozusagen der ausführende Arm des Militärgeheimdienstes. Sie führt Operationen aus, die Russland dabei helfen, seine politischen Ziele zu erreichen: von Sabotage und Spionage über Cyberangriffe und Einflussnahme in Europa bis hin zu gezielten Mordanschlägen. Die Einheit besteht zum Teil aus hochspezialisierten Offizieren. Viele von ihnen haben militärische, chemische oder technische Ausbildungen und werden aus Eliteschulen der russischen Streitkräfte rekrutiert.
All diese Infos über die Unit 29155 kommen vom Austrian Center for Intelligence, Propaganda and Security Studies (ACIPSS). Das Institut ist an die Universität Graz angebunden und hat einen ausführlichen Bericht über die Unit geschrieben.
Wir müssen an dieser Stelle aber auch festhalten: Die Welt der Geheimdienste ist schwer zu recherchieren. Täuschen und Tarnen ist ihr Geschäft. Die Quellenlage ist schlecht. Es gilt, bei Recherchen über Geheimdienste extra vorsichtig zu sein. Absichtlich gestreute Falschinformationen sind nicht auszuschließen.
Expertinnen und Experten, wie jene von ACIPSS, nehmen an, dass die Unit 29155 von Andrei Averyanov geführt wird. Ein Mann, der enge Verbindungen zum Kreml und zu Wladimir Putin höchstpersönlich hat. Einige Mitglieder der Einheit wurden sogar als „Held der Russischen Föderation“ ausgezeichnet. Es ist der höchste Ehrentitel, den man in Russland bekommen kann.
Die Einheit operiert weltweit, ihr Schwerpunkt liegt allerdings klar in Europa.
Dort hat 29155 ein Netzwerk aus sogenannten „Safehouses“. Das sind getarnte Wohnungen, die die Einheit nutzt, um Agenten zu verstecken oder Operationen vorzubereiten. Manchmal reisen sie schon Monate im Voraus an, um Zielpersonen zu beobachten. Einige der Agenten tarnen sich auch als Diplomaten. Außerdem rekrutiert die Einheit „Disposable Agents“. Übersetzt: Wegwerfagenten. Das sind Zivilistinnen und Zivilisten, oft in Europa, die online angeworben und mit Kryptowährungen bezahlt werden. Das schreibt ACIPSS in seinem Bericht.
Um zu verstehen, wieso diese Einheit so gefährlich ist, lohnt es sich, ein paar bekannte Fälle aus den vergangenen Jahren zu beleuchten.
In Salisbury vergiften 2018 zwei Agenten der Unit 29155 den ehemaligen Doppelagenten Sergei Skripal und seine Tochter Yulia mit dem Nervengift Nowitschok. Die Skripals überleben knapp, aber der Anschlag bringt die Beziehungen zwischen Russland und dem Westen ordentlich ins Wanken. In den Wochen danach weist Großbritannien mehr als 150 Russinnen und Russen mit Diplomatenpass aus. Das hochgefährliche Gift Nowitschok entsorgen die Agenten später einfach in einer Parfümflasche. Dadurch werden später noch weitere Unbeteiligte vergiftet.
2024 wird Maxim Kuzminov ermordet. Er ist ein russischer Pilot, der zur Ukraine desertiert ist. Kuzminov wird in Spanien erschossen. Laut westlichen Geheimdiensten ist ein Team der Unit 29155 dafür verantwortlich.
Die Einheit soll auch für die Sprengung von mindestens sechs Waffenlagern in Tschechien und Bulgarien zwischen 2011 und 2015 verantwortlich sein. Die Waffen, die dort lagern, sind für die Ukraine bestimmt. Es kommen bei den Sprengungen mehrere Menschen ums Leben.
Neben Mordanschlägen sind Mitglieder der Einheit aber auch in andere Operationen verwickelt – etwa in die Planung gescheiterter Putschversuche in Montenegro 2016 und Moldau 2023, mit dem Ziel pro-russische Regierungen zu installieren.
Mit all diesen Operationen verfolgt die Unit 29155 eine klare Agenda: russische Überläufer und Kritikerinnen im Ausland ausschalten, westliche Unterstützung für die Ukraine sabotieren und Unruhe in Nato- und EU-Staaten stiften. Russland macht all das, ohne offiziell einen Krieg zu führen. Wir sprechen deshalb von hybrider Kriegsführung: eine Kombination aus Cyberattacken, gezielter Propaganda, Sabotageakten und Attentaten. Es sind Maßnahmen, die bewusst unterhalb der Schwelle zu einem offenen Krieg bleiben.
Also ja, die Einheit 29155 ist brandgefährlich.
Jetzt verstehst du wahrscheinlich auch, warum wir dir unbedingt von dem mutmaßlichen Agenten dieser Einheit erzählen wollten, der jahrelang anscheinend unbemerkt in Österreich tätig war.

Womit wir wieder bei Sergei K. wären. Gehen wir zu dem Zeitpunkt zurück, an dem er aufgehört hat, nach Österreich zu reisen. Das war 2020. Die Rechercheplattform Bellingcat und The Insider, für die auch unser Kollege Christo Grozev arbeitet, decken damals einen ziemlich groben Schnitzer der GRU auf. Der Militärgeheimdienst hat einigen seiner Agenten Pässe mit fortlaufenden Passnummern ausgestellt. Die Nummern sind sich verdächtig ähnlich und die Agenten fliegen auf. Europäische Behörden reagieren, Personen mit diesen Passnummern können nicht mehr in den Schengenraum einreisen. Das trifft auch Sergei K.
Normalerweise gibt ein enttarnter Agent seinen Decknamen auf und führt sein Leben unter seinem richtigen Namen wieder weiter.
Das weiß Christo aus früheren Recherchen. Bei Sergei K. ist das anders. Es wäre vermutlich zu auffällig gewesen, Sergei K.s Fake-Identität einfach aus den Systemen zu löschen. Im Internet kursieren Fotos von ihm, inklusive seines Fakenamens – zum Beispiel von einem Judokampf in Wien oder von einem Besuch beim Abwasserunternehmen VTA in Österreich. Also lässt die GRU den echten Sergei K. verschwinden. 2021 werden sein Geburtsdatum, seine Passunterlagen und sein Führerschein aus den Datenbanken gelöscht. Das sieht Christo in geleakten Daten.
Sergei K. behält also seinen Fakenamen und gründet 2021 unter der gefälschten Identität ein Unternehmen in Russland. Es heißt Element. Was diese Firma genau macht, wissen wir nicht. Aber Sergei K.s E-Mail-Account wurde gehackt, und dabei ist auch sein Lebenslauf von 2022 durchgesickert. Darin schreibt er, dass er auch Geschäftsführer bei Element ist und sich dort um finanzielle und wirtschaftliche Aktivitäten sowie Buchhaltung kümmert. Unter Tätigkeitsfeldern steht aber noch etwas: „Pflege einer strategischen Partnerschaft mit einem österreichischen Unternehmen.“
Sergei K. scheint also weiterhin an Österreich interessiert gewesen zu sein.
Um welches österreichische Unternehmen es dabei geht, wissen wir nicht. Eine „strategische Partnerschaft“ könnte natürlich auch gelogen sein. Laut seinem Lebenslauf endet Sergei K.s Arbeit für die Firma Element im Oktober 2022. Das Unternehmen sperrt zwei Jahre später zu.
Es dauert aber nicht lange und Sergei K. hat schon wieder einen neuen Job. Christo findet heraus, dass er als Projektkoordinator beim Puschkin-Institut arbeitet, einer akademischen Einrichtung, die Russischunterricht für ausländische Studierende anbietet. Und dass Sergei K. nicht der Einzige aus seiner mutmaßlichen Unit ist, der so einen Job im akademischen Bereich hat. Er ist einer von mindestens sieben Agenten der Unit 29155, die alle dieselbe Arbeit machen: Sie rekrutieren Studierende. Christo hat recherchiert, dass zwei von ihnen an der Staatlichen Universität St. Petersburg arbeiten. Einer ist Vertreter dieser Universität in Usbekistan. Zwei weitere sind an der staatlichen Lomonossow-Universität in Moskau tätig. Und Sergei K. und noch ein mutmaßlicher Agent arbeiten eben am Puschkin-Institut. Nach Christos Recherchen haben sie dort direkten Zugang zu Studierenden, die Russisch lernen wollen, und sie versuchen, diese zu rekrutieren.
Grund für diese Annahme ist unter anderem eine Recherche von The Insider und Der Spiegel, die im Jänner erschienen ist und an der auch Christo mitgewirkt hat. Sie zeigt, dass die Unit nämlich auch in der Vergangenheit Ausländerinnen und Ausländer angeworben hat. Die Einheit habe afghanische Flüchtlinge rekrutiert, diese als Saboteure ausgebildet und sie getarnt als Flüchtlinge zurück nach Europa geschickt. Christo geht davon aus, dass die Agenten der Einheit das Gleiche heute mit Studierenden vorhaben.
Sergei K.s Arbeit umfasst aber noch weitere Aufgabengebiete. Christo hat recherchiert, dass Sergei K. Teil eines Thinktanks ist, zu dem auch Mitglieder der Einheit 29155 gehören. In seinem gehackten E-Mail-Account sind einige Dokumente, die zeigen, mit was er sich beschäftigt. Ein geleaktes Dokument, das uns vorliegt, skizziert den Plan, ein „Zentrum zur Bekämpfung hybrider Bedrohungen“ aufzubauen. Demnach soll das Zentrum überwachen, wie russische Hochschulen und Forschungseinrichtungen vom Westen beeinflusst werden, und gemeinsam mit Sicherheitsdiensten Gegenstrategien erarbeiten. Im Zentrum soll es aber auch eigene „Soft-Power“-Projekte und Schulungen zu hybrider Kriegsführung geben, bei denen man etwa Propagandamittel entwickeln will. Das Dokument macht deutlich, dass Russland Wissenschaft und Bildung zunehmend als Teil seines Informationskrieges begreift und versucht, über Bildungseinrichtungen Einfluss zu nehmen.
Welche Rolle Sergei K. heute für den russischen Militärgeheimdienst spielt und warum sich solche Dokumente in seinen E-Mails befinden, wissen wir nicht. Sergei K. soll zuletzt jedoch immer wieder im Hauptquartier der GRU aufgetaucht sein. Das legen Metadaten seines Telefons und Aufnahmen von Überwachungskameras nahe, die Christo vorliegen. Nach seiner Zeit im Ausland scheint Sergei K. also innerhalb des Geheimdienstes eine neue Funktion übernommen zu haben. Laut Christo ist ein solcher Rollenwechsel typisch für Mitglieder der GRU-Einheit 29155, die nach ihrer Enttarnung nicht mehr im Ausland weiterarbeiten können. Sie wechseln von operativen Einsätzen auf das ideologische Schlachtfeld. Ein Spiegel der veränderten Strategie russischer Angriffe.
Hast du Ideen für andere Recherchen oder vertrauliche Hinweise zu dieser Story? Dann melde dich bitte unter [email protected] oder [email protected].
Sounddesign und Audioproduktion: Katharina Darya Ressl
Mixing und Mastering: Patrik Haas
ACIPSS Pantier Report: Unit 29155 & Russia’s Hybrid Warfare in Europe https://acipss.org/wp-content/uploads/2025/10/ACIPSS-pantier_report-N08-Center_for_Applied_Intelligence-Unit_29155_and_Russia_s_Hybrid_Warfare_in_Europe.pdf
Christo hat auch für The Insider über Sergei K. berichtet. https://theins.ru/en/inv/286477
Hier geht’s zu Christos’ Recherche über die Rekrutierung afghanischer Flüchtlinge. https://theins.ru/en/politics/277723
