Schlecht gefahren In der Nähe des Flughafens Wien ködern Autoverleiher mit günstigen Onlinepreisen

Vor Ort wird es oft teuer. JETZT-Recherchen legen nahe, dass in Fischamend mehrere dubiose Mietfirmen aktiv sind. Mietautos mit österreichischen Kennzeichen parken hier selten. Dafür sieht man kroatische, ungarische oder bulgarische Nummerntafeln.

Schlecht gefahren In der Nähe des Flughafens Wien ködern Autoverleiher mit günstigen Onlinepreisen
Foto: JETZT

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Sie hatten frei, sie wollten raus aus ihrer sommerlich aufgeheizten Stadt, es musste schnell gehen. Am Handy buchten sie ein Mietauto über eine Vergleichsplattform. Hier ein Klick auf die Empfehlung, dort ein Haken hinter Vollkasko – für sie war’s erledigt. Aber klar, nachträglich ist man immer klüger, wie könnten sich fünfzehn Euro pro Tag je rechnen?

Vorm NH-Hotel beim Flughafen Wien sollten sie warten, hieß es, und sie, die hier Michael und Roland heißen sollen, warteten. Mit echtem Namen wollen sie nicht im Internet stehen. Das, was sie erlebt haben, ist ihnen peinlich, sie hatten in der Eile die vielen Warnlichter ignoriert. Angefangen beim niedrigen Preis und dem Namen des Autoverleihers, der auf ihrem Voucher stand: Surprice Car Rental. Wie die böse Überraschung.

Die stand ihnen noch bevor.JETZT-Recherchen legen nahe, dass in der Nähe des Flughafens Wien gleich mehrere dubiose Autoverleiher aktiv sind und mutmaßlich immer wieder Kundinnen und Kunden abzocken.

Autokennzeichen aus der kroatischen Hafenstadt Rijeka bei einem Auto von Surprice Cars in Fischamend. Es ist nur eines von etwa 20 auf der Straße, wenige Schritte entfernt von der Firmenfiliale. (Foto: JETZT)

Michael und Roland warten eine Dreiviertelstunde vorm Hotel, so erzählen sie es. Der Surprice-Mitarbeiter, der sie abholt, spricht kein Deutsch. Nach zehn Minuten lässt er sie in Fischamend vor einem Industriegebäude aussteigen. Sie warten erneut. Dann unterschreiben sie einen Vertrag, fotografieren und filmen ihr Auto, einen Fiat Panda, sie kontrollieren die Vignette. Sie sind skeptisch, aber hoffen, dass alles gut geht.

Als sie das Auto ein paar Tage später zurückgeben, findet der Mitarbeiter einen angeblich neuen Kratzer am Auto. Mit ihrem Video können sie widerlegen, dass der Kratzer neu ist, ein Rückgabeprotokoll bekommen sie nicht. Später trudelt die Kreditkartenabrechnung per Post ein: 1200 Euro, ihre Kaution, wurden ihnen abgebucht. Als sie anrufen, verspricht man noch, das Geld sofort zurückzuzahlen, dann hebt niemand mehr ab. Sie probieren es immer wieder. Nach sieben Wochen schalten sie einen Anwalt ein, erst dann wird das Geld zurücküberwiesen.

Dumm gelaufen? Der Preis fürs Ignorieren der Warnlichter? Ein Einzelfall ist es keiner: Google-Bewertungen von Surprice Cars zeigen, dass hier ein dubioser Autovermieter seit Jahren tätig scheint: Dass Surprice Cars Kautionen schlicht nicht zurückzahlt, kommentieren gleich mehrere frühere Kundinnen und Kunden. Wenn sie überhaupt ein Auto bekommen haben.

„Haben online gebucht, niemand war am Flughafen, sind auf eigene Kosten mit dem Taxi zur Station. Niemand war vor Ort.“

„Ohne zusätzlichen Vertrag wollte man uns kein Auto aushändigen und drängte uns sogar das Büro zu verlassen.“

Ein anderer früherer Surprice-Kunde mit dem JETZT sprechen konnte, berichtet von einer weiteren mutmaßlichen Betrugsmasche: Der Mitarbeiter vor Ort behauptete, die Kreditkarte sei abgelehnt worden. Der Mieter, ein österreichischer Unternehmer, müsse deshalb eine „Zusatzversicherung“ kaufen. Er nahm das hin, er musste schließlich zu einem Kunden. Später ging er der Sache nach und fand heraus: Seine Bank hatte die Zahlung autorisiert, der Autovermieter sie jedoch abgelehnt. Der Redaktion liegt die Kommunikation mit der Bank vor.

Vermeintliche Schnäppchen

Mehrere Autovermieter in der Nähe des Flughafens Wien ködern mit günstigen Preisen über Broker und Vergleichsportale, um dann vor Ort Zusatzgebühren zu verrechnen. Dazu kommen teils schlecht gewartete und im Ausland zugelassene Mietwägen. Das mag mancher Leserin und manchem Leser aus dem Urlaub bekannt vorkommen: irgendein dubioser Autovermieter. Weniger bekannt ist, dass auch hierzulande welche aktiv sind. In die Falle geraten oft Touristinnen und Touristen, die online buchen und meist kein Deutsch sprechen. Das könnte erklären, warum dem Verein für Konsumenteninformation bisher keine Beschwerden bekannt sind.

„Der Leihwagen war nicht vollkommen funktionstüchtig. Die Reifen und Bremsen waren schlecht.“

„Als es Zeit war, das Auto zurückzugeben, war niemand im Büro.“

Mit billigen Preisen locken und dann die naiven Kundinnen und Kunden zur Kasse bitten? Das erinnert an den Fall „123 Transporter“. Erst im Sommer berichteten Medien, wie der Transportverleiher Kautionen einbehielt und Kundinnen und Kunden abstrafte, weil sie angeblich zu schnell gefahren waren. Tausende erhoben laut Arbeiterkammer schwere Vorwürfe. Der Verein für Konsumenteninformation klagte und die Staatsanwaltschaft Wiener Neustadt ermittelt gegen den Geschäftsführer wegen des Verdachts des schweren gewerbsmäßigen Betrugs und der Veruntreuung. Im Oktober meldete das Unternehmen Insolvenz an.

Als Michael und Roland ihr Auto buchten, war das österreichische Surprice Cars schon insolvent. Der Vertrag, den ihnen der Büromitarbeiter vorlegte, lief auf einen anderen Autovermieter: 387 Cars, gegründet im Juni 2025, noch ohne Google-Bewertungen.

Was ist da los beim Flughafen?

„Interne Informationen“

An der Adresse von Surprice Cars in Fischamend steht ein Industriegebäude. Drei Autoverleiher sind dort eingemietet, das Büro eines vierten steht leer, nur mehr ein A4-Zettel mit dem Logo klebt an der Tür.

Um die Ecke parken mehr als zwanzig Autos entlang der öffentlichen Straße, alle mit Surprice-Aufklebern und kroatischen Kennzeichen. Ein Mitarbeiter wechselt gerade die Parkuhren, nicht immer findet er die passenden Schlüssel. Er führt uns ins Büro und versucht eine halbe Stunde lang, sich in den Computer einzuloggen. Als es klappt, ruft er seinen Manager an und reicht das Telefon weiter.

Handzettel als Parkuhr. Die Mitarbeiter müssen die Zettel alle drei Stunden per Hand umdrehen zu einer neuen Zeit. Die Autos wirken zum Teil ungepflegt. (Foto: JETZT)

Das Unternehmen 387 Cars gehört S. Man sei der neue Franchisenehmer von Surprice in Griechenland. Die einbehaltenen Kautionen? Ja, davon weiß er. Man habe die Bank gewechselt – seit zwei oder drei Monaten sollte das „Problem“ nicht mehr bestehen. Die Zusatzleistungen? Wer keine Kaution zahlen kann – weil er keine Kreditkarte hat – oder will, könne „full coverage“ dazubuchen. Dass Mitarbeiter Zahlungen ablehnen, um Zusatzleistungen zu verkaufen, verneint er. Warum er kroatische Wägen vermiete? Das sagt er nicht. „Interne Information.“ Auf ein weiteres E-Mail mit Nachfragen und weiteren Fragen zum Zustand der Wägen und zu Kundenbeschwerden antwortet S. bis Redaktionsschluss nicht. Surprice Cars Griechenland schreibt, ihnen seien „keine Kundendienstprobleme im Zusammenhang mit Kautionen oder Druck seitens unseres Franchisenehmers in Österreich bekannt.“ Onlinebewertungen zeigen allerdings, dass Surprice-Kundinnen und -Kunden in ganz Europa Ähnliches erleben. Sie haben die Überraschung gebucht und wohl auch bekommen.

Schwechat oder Rijeka?

Wer die Autovermieter in Fischamend abfährt, dem fällt auf: Mietautos mit österreichischen Kennzeichen parken hier selten. Dafür Gebrauchtwägen mit kroatischen sowie ungarischen oder bulgarischen Nummerntafeln. Als wir uns als Interessenten ausgeben, sagt ein Mitarbeiter eines anderen Autoverleihers in Fischamend, einen Wagen mit österreichischem Kennzeichen könne man leider nicht anbieten.

Erlaubt ist das eigentlich nicht, zumindest nicht über einen längeren Zeitraum: Autos dürfen in Österreich nur einen Monat lang ohne österreichische Zulassung gefahren werden. Das regelt das Kraftfahrgesetz. Was für Autobesitzer und -innen gilt, gilt auch für die Flotte von kommerziellen Autoverleihern.

Udo Rienhoff leitet den Verband österreichischer Autovermieter. Nicht immer sei das Geschäft einträglich, aber der Flughafen Wien sei definitiv „das, was wir als Cashcow bezeichnen“, sagt der gebürtige Deutsche. In seinem Verband tauschen sich die großen Namen der Branche aus: Hertz, wo Rienhoff Geschäftsführer ist, Avis, Sixt, Europcar, Enterprise. Die Leihautos dieser Firmen stehen in einem Parkhaus beim Flughafen Wien. Über die kleinen Konkurrenten im Umkreis und deren Methoden wisse man Bescheid, sagt Rienhoff. Den Hertz-Geschäftsführer ärgert ihr Vorgehen, immer wieder müsse er sich ihretwegen gegenüber Freundinnen und Freunden und Bekannten für die ganze Branche rechtfertigen.

Problem bekannt, aber ungelöst

Die ausländischen Kennzeichen seien dem Verband bereits vor Jahren aufgefallen. 2019 beschlossen Rienhoff und Kolleginnen und Kollegen, Autos der Konkurrenz testweise anzumieten. Sie fotografierten die Wägen, notierten in Tabellen, welche ausländische Kennzeichen hatten – und markierten, welche auch nach mehr als einem Monat noch dort parkten. Rienhoff hat die Tabellen noch, in seinem weitläufigen Hertz-Büro im Wiener Bezirk Simmering scrollt er durch Zahlenreihen, manche Felder hat er rot hinterlegt: die Auffälligkeiten.

Sie meldeten das Vorgehen der Konkurrenz dem Schutzverband gegen unlauteren Wettbewerb. Der verschickte Unterlassungserklärungen, zumindest eine kam unterschrieben zurück. Auch mit dem Finanzministerium stand man in Kontakt, weil dem Staat Steuern entgehen. Aber passiert sei nach der Intervention wenig, meint Rienhoff. Er wirkt bei dem Thema resigniert. Der Verband hat sich seitdem nicht mehr damit beschäftigt und sich auch nicht mehr an den Schutzverband gewandt.

Aus dem Finanzministerium heißt es: Zur Praxis der Autovermietung von ausländischen Wägen sei “keine systematische Vorgehensweise” bekannt. Werde das Fahrzeug länger als einen Monat verwendet, bestehe “neben einem allfälligen verwaltungsrechtlichen Verfahren die Pflicht zur Leistung der Normverbrauchsabgabe und der laufend fälligen Kraftfahrzeugsteuer.”

Udo Rienhoff leitet den Verband österreichischer Autovermieter. (Foto: JETZT)

Udo Rienhoff sagt, man stelle sich dem Wettbewerb, aber wolle mit den gleichen Waffen kämpfen. Auch die großen Mietwagenanbieter kommen um die Vergleichsplattformen nicht herum. Online herrsche ein großer Preiskrieg. Jeder wolle auf Platz eins stehen, oft gehe es nur um wenige Euro. Dass die scheinbar billigsten Anbieter am Schalter diverse Zusatzgebühren verrechnen: kein Wunder.

Eigentlich war das auch Michael und Roland klar. Sie buchten zu schnell, zu unüberlegt. Schlussendlich hatten sie Glück in Form einer Rechtsschutzversicherung. Ihre Kaution haben sie wiederbekommen. Die Mühe und den Anwaltsbrief, der dafür nötig war, hätten sie sich gerne gespart.

Anderen steht diese Erfahrung wohl noch bevor. Wer an einem Montagnachmittag vor dem NH-Hotel wartet, sieht Familien und Paare mit ihren Koffern anrollen, sie warten anfangs geduldig, dann immer ungeduldiger auf ihren versprochenen Airport-Transfer. Sie blicken auf die Uhr, telefonieren, bis eine halbe oder dreiviertel Stunde später ein Auto hält, um sie nach Fischamend zu bringen. Möglich, dass ihre Österreich-Reise mit einer bösen Überraschung in einem kargen Büro beginnt.

Sounddesign und Audioproduktion: Katharina Darya Ressl
Mixing und Mastering: Patrik Haas
An der Recherche beteiligt: Ingo Hasewend