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In Monfalcone gibt es zwei Orte, in die ich als Journalist keinen Zutritt bekommen habe. Der erste ist die riesige Werft, die von einer Steinmauer umgeben ist. Der zweite ist ein muslimisches Kulturzentrum, eingezäunt, mit Betreten-Verboten-Schildern. Gemeinsam erzählen diese beiden Orte die Geschichte dieser Stadt. Rahim trägt eine Baskenmütze, seine nackenlangen schwarzen Haare schauen unter der Mütze hervor. Ein Freund von ihm nennt ihn deswegen Che Guevara. Rahims Augen sind voller Lebendigkeit, wenn er von seiner Stadt, Monfalcone, und ihren Problemen erzählt. Die Autostraße neben uns lärmt. Es ist August, die Mittagssonne brennt. Wir sind auf dem Weg zum Vereinsgebäude von Darus Salam, dem ehemaligen muslimischen Kulturzentrum. Bevor die Stadtverwaltung das Gebäude 2023 beschlagnahmte und schloss, beteten die Muslime hier.
„Das ist ein Kulturzentrum für die muslimische Gemeinschaft“, sagt Rahim. „Alle Muslime haben hier gebetet, Afrikaner, Albaner, Kosovaren, alle. Und sie respektieren dieses Kulturzentrum. Viele Kinder und Schüler sind hierhergekommen, um ihren Geist zu bilden, ihre Zukunft, ihren Körper, ihre Ehrlichkeit. Dieses Kulturzentrum hat aus ihnen gebildete Menschen gemacht.“
Manchmal schlägt einem zuallererst die Abwesenheit von etwas ins Auge. Das Eingangstor ist seit 2023 verriegelt. Damals beschlagnahmte die Kommune diesen Ort. Der verlassene Innenhof des gelben Gebäudes ist mit Steinfliesen bedeckt. In einer Ecke rosten ein paar Fahrräder vor sich hin und das Gestrüpp umwuchert einen Kinderwagen. Früher haben sich hier die Bangladeschis nach ihrer Schicht bei Fincantieri getroffen. Jetzt liegt hier Müll rum und an jeder Säule stehen Schilder mit der Aufschrift: „Betreten verboten.“ Die Gemeinde, die diesen Ort mit Leben gefüllt hat, darf hier nicht mehr sein.
„Es gehört der muslimischen Gemeinschaft“, erklärt Rahim. „Sie haben dieses Grundstück gekauft, dieses Gebäude. Aber wenn nach dem Gebet alle zusammen auf der Straße sind, 200, 300 Leute, dann haben sie Angst. Die Italiener haben vielleicht Angst. Ich weiß nicht, warum sie es geschlossen haben. Es gibt keinen Grund, dieses Kulturzentrum zu schließen. Es macht den anderen Bewohnern keine Probleme. Es gibt hier keinen Lärm.“
Rahim ist traurig. Es ist, als hätten sich Wolken vor seine Augen geschoben. Er hat etwas Kindliches an sich. Ich begleite Rahim ein paar Tage durch seinen Alltag. Ich habe seinen Namen für diesen Beitrag geändert. Denn durch seine Worte könnte er seinen Job und seine Aufenthaltserlaubnis verlieren. Rahim arbeitet nämlich auch auf der Werft von Fincantieri. Gerade sitzen wir in einem Café im Zentrum.
„Wir respektieren Italien“, sagt Rahim. „Ich respektiere Italien von ganzem Herzen. In Monfalcone ist alles gut, bis auf diese Sache.“
Rahim ist aufgeregt. Wenn er mit mir redet, habe ich den Eindruck: Er hofft wirklich, dass seine Worte gehört werden. Also erzählt er mir, warum er hier ist. Und es wirkt, als würde er schon zu all denen in Monfalcone sprechen, die Menschen wie ihn abschieben wollen. „In meinem Land ist die Sicherheitslage nicht gut“, sagt er. „Also habe ich mein Land verlassen und bin hierhergekommen. Für Frieden. Für ein friedliches Leben.“
„Von dem Geld, das ich verdiene, hängen meine Familie, meine Frau und meine Tochter in meiner Heimat ab“, erzählt er. „Wenn sie mich abschieben, ist das ein riesiges Problem.“

Rahim kam 2023 in Monfalcone an. Im November desselben Jahres hat die damalige Bürgermeisterin Anna-Maria Cisint per Verordnung das Gebet in beiden muslimischen Kulturzentren von Monfalcone untersagt. Begründet hat sie das mit dem Bebauungsplan. Die Kulturzentren seien nicht als Gebetsorte ausgewiesen. Auch andere Religionsgemeinschaften beten in Monfalcone und Umgebung in Kulturzentren, aber die seien nicht geschlossen worden, erklärt Rahim. Er erinnert sich zurück an diese Zeit, als er neu in der Stadt war. Die dunkelbraunen Augen des anfang-30-jährigen leuchten.
Il Sussidiario, 1.8.2026, zum Urteil des Consiglio di Stato: Die Räume von Darus Salaam waren nur als Sitz für Vereinsarbeit und Büros genehmigt, nicht als Gebetsort: https://www.ilsussidiario.net/news/moschea-abusiva-monfalcone-consiglio-di-stato-da-ragione-al-comune-cisint-lega-una-vittoria-storica/2986979/
„Als ich 2023 nach Monfalcone kam, waren alle unsere Kulturzentren offen“, sagt er. „Ja, damals. Ich war so stolz auf Italien, so glücklich. Das ist ein zweites Bangladesch. Hier hat man keine Angst, hier gibt es keine Probleme mit der Sicherheit. Jeden Abend und jeden Morgen bin ich zum Beten ins Kulturzentrum gegangen. Ich war so glücklich. Als ich nach Monfalcone kam, dachte ich: Das ist mein Traum, eine Traumstadt. Weil es hier alle Möglichkeiten gibt. Fincantieri ist berühmt. Du weißt ja, das ist eine berühmte Werft, weltweit.“
Eine neue Heimat also. Und Chancen. Das hat Rahim angetrieben. In Monfalcone hatte ich das Gefühl, dass es nicht die Werft ist, die an die Stadt angebunden ist, sondern die Stadt, die an die Werft gebunden ist. Monfalcone ist ein kleiner Ort, die Häuser sind meist niedrig. Alles sieht aus wie ein Vorort. Und dann schaut man nach vorne und sieht plötzlich riesige Kräne, wie man sie sonst vom Hamburger Hafen kennt. Rohre und Werfthallen, die alles andere in dieser Stadt in den Schatten stellen.
„Ich bin einfach stolz“
sagt Rahim. „Wenn mich jemand fragt, wo ich arbeite, sage ich stolz: Ich arbeite bei Fincantieri.“
Rahim ist einer von 7000 Arbeitern in Monfalcone, die für Fincantieri arbeiten. Er ist Schweißer und bei einem Subunternehmen angestellt. Fincantieri hat hier seine größte Werft. Die Bangladescher sind die größte Migrantengruppe hier. Die meisten von ihnen sind bei Subunternehmen angestellt und nicht direkt bei Fincantieri. Die Werft ist der Grund dafür, dass so viele Migranten in der Stadt sind. An diesen Arbeitern aus Bangladesch hängt der Standort Monfalcone.
Monfalcone ist nur eine halbe Stunde von Grado entfernt und gleich neben Triest. Wir sind hier in einem Urlaubsgebiet, das bei Österreichern sehr beliebt ist. Wer im Sommer zum Beispiel aus Wien oder Graz nach Grado gefahren ist, ist wahrscheinlich an dieser Werft vorbeigekommen. Die Werft ist ein Erbe der k.u.k. Monarchie. 1907 hat Wien ein Gesetz beschlossen, um den Schiffbau im eigenen Reich zu fördern. Österreich-Ungarn wollte seine Schiffe nicht länger in Großbritannien bestellen. Kurz darauf haben die Triester Reeder Cosulich in Panzano das Cantiere Navale Triestino gegründet. Wenige Jahre später ist dort die „Kaiser Franz Joseph I.“ vom Stapel gelaufen, das bis dahin größte Handelsschiff Österreichs. Heute gehört die Werft Fincantieri.

„Ich bin hier in Monfalcone geboren, im Schatten der Mauer von Fincantieri“, erzählt Michele Orlandini. „Panzano, das ist das Viertel, wo die Werft liegt. 1978 bin ich hier geboren. Ich habe den ganzen Wandel in diesen 50 Jahren miterlebt.“
Orlandini sitzt in seinem Büro. Auf seinem Tisch steht ein großer Bildschirm. Mappen füllen die Regale und Gewerkschaftsposter hängen an den Wänden. Auf den Plakaten sind geballte Fäuste und viele kleine Leute abgebildet, die einen großen Mann bezwingen. Die FIOM ist die größte Metallgewerkschaft Italiens.
„Fincantieri ist ein staatlicher Konzern“, sagt Orlandini. „Das ist wichtig zu sagen: Er ist nicht privat, er gehört dem Staat. Dein Gegenüber ist die Regierung selbst. Nicht irgendein Chef, sondern ein Manager, den die amtierende Regierung eingesetzt hat.“
Der italienische Staat kontrolliert über die Förderbank Cassa Depositi e Prestiti den Fincantieri-Konzern. Das macht es besonders brisant, wenn von Tarifumgehung und Subunternehmen die Rede ist. Es ist nicht irgendein Unternehmen. Letztlich wird hier der italienische Staat mit Ausbeutung in Verbindung gebracht. Fincantieri selbst beschäftigt weltweit knapp 21.000 Menschen. Auf den italienischen Werften von Fincantieri haben 2023 mehr als doppelt so viele Menschen für Subunternehmen gearbeitet, wie der Konzern weltweit selbst beschäftigt, angestellt bei rund 2.400 verschiedenen Firmen. Der Ethikrat des norwegischen Staatsfonds hat sich das genauer angesehen. Auf seine Empfehlung hat der Fonds Fincantieri im vergangenen Jahr unter Beobachtung gestellt. Es bestehe ein unannehmbares Risiko, dass der Konzern zu schweren Menschenrechtsverletzungen beiträgt, weil Arbeiter bei Subunternehmen ausgebeutet werden.
Ethikrat des norwegischen Staatsfonds, Empfehlung vom 5.11.2024, S. i und 1–5 (liegt im Projekt als „Fincantieri-obs-ENG.pdf“): https://files.nettsteder.regjeringen.no/wpuploads01/sites/275/2025/02/Fincantieri-obs-ENG.pdf
Norges Bank, Pressemitteilung vom 6.2.2025: https://www.nbim.no/en/news-and-insights/the-press/press-releases/2025/decisions-on-observation/
„Hunderte Firmen arbeiten für Fincantieri, die meisten mit zehn oder fünfzig Beschäftigten“, erklärt Orlandini. „Fast alle Beschäftigten sind Ausländer. Direkt angestellt sind weniger als 2.000 Italiener, dazu kommen fünf-, sechs-, in Spitzenzeiten achttausend Ausländer aus hundert Nationen. Wir sind ein Grenzgebiet. Menschen vom Balkan, aus Ex-Jugoslawien, aus Österreich gab es hier schon immer. Ex-Jugoslawen und Rumänen sind sehr gut integriert und historisch mit der Gegend verbunden.“
Zwischen Arbeit und Kapital gibt es einen grundsätzlichen Konflikt. Was für die Arbeiter der hart verdiente Stundenlohn ist, gilt den Unternehmern als Kostenfaktor. Also etwas, das man verringern muss. Die Globalisierung hat der Unternehmensseite dabei ein starkes Argument geliefert.
„Ich glaube 2010 war es, da hat die Regierung die Führung von Fincantieri ausgetauscht“, erzählt Orlandini. „Fincantieri hat entschieden, hier weiterzuarbeiten. Aber sie haben gesagt: Die Arbeitsstunde ist zu teuer. Also schließen wir Fincantieri hier und verlagern die Produktion in andere Länder. Oder wir holen die Leute aus Ländern, wo das Leben billiger ist, und setzen sie in Monfalcone ein.“

Der Stadtrat verlangt seit vergangenem November einstimmig von Fincantieri: Der Konzern soll aufhören, strukturell auf billige Arbeitskräfte aus Nicht-EU-Staaten zurückzugreifen. Die Werft holt die Leute, die Kosten trägt die Kommune, so das Argument. Fincantieri-Chef Pierroberto Folgiero hat damals gesagt, man halte sich an die Verträge. Und es sei nun mal so, dass Italiener die körperlich schwersten Arbeiten nicht mehr machen wollen.
Avvenire, 19.11.2025: „noi rispettiamo i contratti e, in ogni caso, è vero che gli italiani non vogliono più svolgere le mansioni più fisicamente onerose“: https://www.avvenire.it/attualita/tutta-monfalcone-chiede-a-fincantieri-di-cambiare-modello_101102
„Wir haben viel Arbeit, aber keine Rechte, keine Löhne“,
sagt Orlandini. „Weil sie eine Firma gegen die andere ausspielen. Für niedrige Löhne, für keine Rechte.“
Auch die Migrationsmuster haben sich verändert. Die Menschen aus dem Balkan haben lange die Mehrheit der Migranten hier gestellt. Sie sind nur eine Zeit lang geblieben, um Geld zu verdienen, und dann wieder gegangen. Doch bei der neuen Migration aus Bangladesch bleiben die Menschen. Und es komme auch zu Verdrängungseffekten bei der alteingesessenen Bevölkerung, so Orlandini. Denn die Subunternehmen würden Häuser aufkaufen, um dort ihre Arbeiter aus dem Ausland unterzubringen.
„Also ziehen die Einheimischen woanders hin“, sagt er.
„Monfalcone hat mittlerweile 30.000 Einwohner, von denen mehr als 10.000 Ausländer sind“, ergänzt er. „Das ist also jeder Dritte – Sie verstehen sicher, dass das ein schwieriges Verhältnis ist: kulturell, religiös und wirtschaftlich gesehen. In weniger als 20 Jahren hat sich alles verändert. Alles.“
Wie funktioniert das Subunternehmergeflecht? Und vor allem: Warum wird es nicht aufgedeckt, wenn es doch so viele Fälle gibt? Wer das verstehen will, muss nach der Kontrolle fragen. Und dann landet man eben bei Michele Orlandini. Er ist ein einzelner Gewerkschafter und für alle Industriearbeiter der FIOM in seiner Region verantwortlich. Orlandini sucht nach Worten, wenn er sie findet, wird er schneller. Beim Zuhören hat man das Gefühl, die Sätze springen übereinander. Er macht den Eindruck von einem Menschen, der sehr viele Tabs offen hat. Er ist für die Rechtsberatung zuständig. Sein Handy vibriert immer wieder. Ein Anruf kommt kurz durch. Er drückt ihn weg.
„Für die Industrie bin ich allein“, sagt Orlandini. „Wir haben 2.000 Mitglieder in der Industrie, die Beiträge zahlen. Das ist die Realität. Wir sind eine kleine Struktur. Es ist unmöglich, alles bei Fincantieri zu verfolgen. Bei Fincantieri haben wir sechs Vertreter, die jeden Tag, jede Stunde für die Probleme dort drinnen unterwegs sind.“
Es ist Abend. Rahim, ein Freund von ihm und ich spielen Mensch ärgere dich nicht auf dem Handydisplay von Rahim. Im Hintergrund sprudelt ein Brunnen. Wir teilen uns zu dritt eine Cola-Dose. Bei vielen Bangladeschis ist das normal, dass man aus einem Glas trinkt. Rahim erzählt von seinem Alltag.
„Ich stehe um fünf Uhr auf“, sagt er. „Feierabend ist zurzeit um 14 Uhr. Dann wasche ich mich. Gebet, Gebet, Gebet. Dann nach Hause, Mittagessen, Gebet. Samstags und sonntags treffe ich abends Freunde. Ich fahre aus Monfalcone raus zum Fußballspielen. Ich mag dieses Leben sehr.“
Ein Freund von Rahim habe für ein Subunternehmen gearbeitet, das auf der Werft von Fincantieri tätig ist. Jeden Monat sei sein voller Lohn auf dem Konto angekommen. Aber dabei ist es nicht geblieben. Rahim erklärt, wie das sogenannte System der Paga Globale funktioniert: Die Firma stellt eine korrekte Lohnabrechnung aus. Danach muss der Arbeiter einen Teil des Geldes in bar an die Firma zurückgeben.
„Er bekommt sein Geld, 3000 Euro, und zahlt 1500 an seine Firma, jeden Monat“, sagt Rahim.
Rahim nennt mir gegenüber auch den Namen des Subunternehmens und erzählt von seinen eigenen Arbeitsbedingungen.
Name des Subunternehmens: Kapuda
„Ich bekomme zurzeit mein ganzes Geld, weil ich das System kenne“, sagt er. „30 Prozent der Leute in Monfalcone können nicht gut Italienisch. Deshalb bekommen sie das Geld und geben es jeden Monat zurück. Sie haben Probleme. Wenn einer eine Woche nicht arbeiten kann, weil er schwach ist, weil er krank ist: kein Geld. Null. Sie zahlen nicht. Das ist Schwarzgeld, wenn sie die 1.500 Euro zurückgeben. Nicht legal.“
Die Schiffsproduktion ist eine der wichtigsten Industrien der Welt. Mit Kreuzfahrtschiffen werden Milliarden gemacht und auch Frachter werden so hergestellt. Also eine der Stützen des weltweiten Warenverkehrs. Wenn man Rahim zuhört, versteht man auch, warum so viele Italiener diese Arbeit nicht mehr machen wollen. Denn im Innenraum dieser Industrie geht es heiß her.
„Wenn ich morgens mit der Arbeit anfange, bereite ich mein Material zum Schweißen vor“, erzählt Rahim. „Rohre, Aluminium, Stahl, Eisen. So viele verschiedene Materialien. Da gibt es viele Probleme. Wenn ich hier unten arbeite, unter den Füßen, sind da so viele Rohre. Man hat keine gute Position zum Arbeiten. Und diese Rohre waren sehr heiß, 1.000 Grad und mehr. Vor ein paar Tagen ist einem Freund beim Schweißen ein Teil runtergefallen, und das hat sehr stark gebrannt. Das ist sehr riskant.“
Können sich die Arbeiter darauf verlassen, dass sie nicht allein gelassen werden, wenn mal wirklich was passiert? Rahim erzählt von einem Kollegen, der bei einem Subunternehmen angestellt gewesen sei. Als der Kollege einen Unfall hatte, habe das Subunternehmen ihm kein Krankengeld überwiesen.

„Kommt drauf an“, sagt Rahim. „Wenn einer gestürzt ist, wenn er krank war, musste er sein Geld beantragen, für die Krankheit, für die Medikamente. Ohne Antrag gibt es kein Geld. So war es bei einem Freund von mir. Er hat es beantragt, aber seine Agentur hat nicht gezahlt. 800 Euro hat sie ihm nicht gezahlt.“
Rahim zückt sein Handy, wischt eine Weile in seiner Galerie rum und zeigt mir dann eine Lohnabrechnung von seinem alten Arbeitgeber, auf der sein Name steht. Als Gesamtlohn für einen Monat sind 2.891 Euro angegeben. Auf seinem Konto sind 2.142 Euro angekommen. Die Differenz ist für die Rente, für den Fall eines Unfalls und für weitere Posten auf der Abrechnung abgezogen worden. So versteht er es: Hätte er bei der Arbeit für diese Agentur einen Unfall gehabt, hätte ihm dieses Geld zugestanden. „Das ist mein Geld“, sagt er. Dieselbe Art von Abrechnung hat er auch bei seinem Kollegen gesehen, jeden Monat. Auf der Abrechnung des Kollegen, erzählt Rahim, sei ein Posten für Krankheit und Unfälle ausgewiesen gewesen. Gezahlt habe die Agentur aber nicht, als er krank geworden ist.
„Ja, ja. Zum Beispiel: Er hat genau die gleiche Lohnabrechnung, er bekommt 2.142 Euro“, sagt Rahim. „Er behält 1.300 und gibt den Rest bar zurück.“
Auf meine Frage, wie viel die Arbeiter zurückgeben müssen, antwortet Rahim: „Auf Italienisch heißt das: mündliche Vereinbarung. Er sagt dir vorher: Wenn du in meiner Agentur arbeiten willst, bekommst du jeden Monat diesen Lohn, aber du gibst mir 50, 30, 40 Prozent vom Gesamtlohn zurück. Okay? Einverstanden? Wenn ja: Willkommen. Wenn nicht, kannst du dir woanders Arbeit suchen. Ich war nicht einverstanden, weil ich weiß, dass ich viele Möglichkeiten habe, Arbeit zu finden.“
Aber nicht alle haben so viele Möglichkeiten wie Rahim. Es ist krass, dass es einen Vertrag gibt, der sich am Tarif orientiert. Ich frage Rahim, was passiert, wenn ein Arbeiter sich auf den geltenden Vertrag beruft und nicht bereit ist, das erhaltene Geld zurückzuzahlen.
„Dann bist du raus“, sagt Rahim. „Dann kannst du nicht mehr arbeiten.“
Wer rausfliegt, verliert mehr als seinen Lohn. Wer aus einem Land außerhalb der EU kommt, kann seine Aufenthaltserlaubnis in der Regel nur mit Arbeit verlängern. Das mache die Arbeiter verwundbar, hat mir der Soziologe Al Amin Rabby gesagt. Er hat zu Arbeitern aus Bangladesch auf den Werften geforscht. Die meisten würden schweigen, auch weil ihre Familien von dem Geld abhängig sind. Das Geldzurückgeben beschreibt Rahim als etwas Schlimmes. Er muss auch lachen, wenn er darüber spricht, denn er findet es absurd. Er erzählt von den Kollegen, die das machen müssen: „Das Gefühl? Oh Gott. So schlecht. So schlecht. Jeden Monat arbeite ich, ich bekomme dieses Geld. Warum? Warum? Warum gebe ich dieses Geld zurück? Wenn ich es einen Monat nicht zurückgebe, kann ich im nächsten Monat nicht arbeiten.“
Interview mit Al Amin Rabby, nd, 18.5.2026: https://www.nd-aktuell.de/artikel/1200452 – ebenso Ethikrat des norwegischen Staatsfonds (s. o.), S. i. Rechtlich: Art. 5-bis und 22 Testo Unico Immigrazione (Bossi-Fini-Gesetz 2002). Ausnahme: Daueraufenthalt nach fünf Jahren.
Ich frage Rahim, wie das mit dem Geldzurückgeben eigentlich genau funktioniert.
„Das läuft geheim“, antwortet er. „Wenn du das Geld zurückgibst, kommst du allein. Nicht vor der Kamera. Ganz geheim.“
Bei Ausbeutung geht es oft darum, dass Arbeiter viel zu lange arbeiten. In der italienischen Textilindustrie berichten Gewerkschaften von Arbeitstagen mit bis zu 18 Stunden. Es sei in Monfalcone gar nicht so ungewöhnlich, dass die Arbeiter ganz normale Arbeitszeiten haben, sagt Rahim. Die Krux an der Geschichte: Die Arbeiter müssen so viel von ihrem Gehalt wieder abgeben, dass ihr Stundenlohn auf ein Mindestmaß fällt.
Der Gewerkschafter Orlandini erklärt, dass Fincantieri sich bemühen würde, illegale Machenschaften aufzudecken und dagegen vorzugehen. Das Problem aber, sagt er: Wer unter illegalen Bedingungen arbeitet, zum Beispiel in der Paga Globale, müsste sich bei der Gewerkschaft melden. Erst dann könne Orlandini was machen. Die Subunternehmen seien juristische Personen, deshalb könne man gegen sie vorgehen. Orlandini erzählt, was passiert, wenn ein Arbeiter mit einem Problem auf ihn zukommt.
„Wir schaffen eine Situation, in der wir das Problem gemeinsam mit den Arbeitern und der Firma angehen“, sagt Orlandini. „Meistens greift Fincantieri selbst ein und sagt: Ihr müsst diese Arbeiter bezahlen, ihr müsst ihre Rechte respektieren. Fincantieri muss selbst dafür sorgen, dass innerhalb seiner Mauern alles legal läuft. Das ist sehr wichtig. Aber hier arbeiten hunderte Firmen. Und viele davon sind nicht legal. Nicht sauber. Sie halten sich nicht an den Tarifvertrag, nicht an das Gesetz, nicht an die Rechte der Arbeiter. Und wenn man gegen so eine kleine Firma vorgeht, bestraft sie einen manchmal: Sie macht dicht, und niemand wird bezahlt.“
Orlandini erklärt, welche Subunternehmen Probleme haben und welche nicht. Die großen Subunternehmen haben hunderte Beschäftigte, manche sogar mehr als 1000. Sie können es sich nicht leisten, massenweise den Tarifvertrag zu umgehen und Schwarzgeld einzusammeln. Orlandini erklärt auch, dass sie nur in den großen Subunternehmen Arbeiter haben, die in der Gewerkschaft organisiert sind. Die größten Ungerechtigkeiten würden bei den vielen kleinen Unternehmen passieren, die nur wenige Angestellte haben. An die kommt die Gewerkschaft auch schwer heran. Auf dieser Ebene sind es meist Sub-Sub-Unternehmen.
„Wir nennen das Wasserfall“, erklärt Orlandini. „Ein Wasserfall-System. Fincantieri gibt Arbeit an X. X gibt diese Arbeit im Wasserfall-System weiter an Y. Y ist sehr klein. Paga Globale. So eine Firma nennen wir schwarz. Sie hat 15 Beschäftigte. Und von einem Tag auf den anderen kann sie verschwinden.“
Weil sie so klein sind, können diese Subunternehmen schnell schließen und durch neue ersetzt werden. Die Gewerkschaft aber und die Guardia di Finanza, die Finanzpolizei, brauchen Zeit, sind träge. Wenn die Gewerkschaft von einem Sub-Sub-Unternehmer weiß, der Ausbeutung betreibt, kann sie eine Ebene höher ansetzen. Sie setzt dann den Subunternehmer unter Druck, der den Auftrag vergeben hat. Wenn der Subunternehmer das Sub-Sub-Unternehmen nicht zur Verantwortung zieht, gehe die Gewerkschaft zu Fincantieri selbst. Denn von dort kommen alle Aufträge. Fincantieri sei, so Orlandini, ein wertvoller Verbündeter.
„Fincantieri hat sich in den letzten paar Jahren verändert“, sagt Orlandini. „Sie wollen ihren Ruf aufpolieren. Ja, ja. Und ich muss zugeben, wir sind keine Freunde. Aber ich muss zugeben: In diesen zwei, drei Jahren achten sie mehr auf die Bedürfnisse der Arbeiter, besonders bei den Rechten und bei der Paga Globale. Sie unterstützen uns mehr.“
Wie viele Subunternehmen auf der Werft arbeiten, ändert sich ständig. Nach Angaben der FIOM waren es vor einigen Jahren in Monfalcone mehrere hundert Firmen. Ich finde es spannend, dass Orlandini das Problem vor allem bei den Subunternehmern sieht und mit Fincantieri auch gegen Ausbeutung zusammenarbeitet. Dabei hat doch Fincantieri selbst das Subunternehmermodell auf seiner Werft eingeführt. Wenn man sich Subunternehmens-Systeme anschaut, gibt es zwei sehr entgegengesetzte Positionen: Die einen sagen, Subunternehmen sind eine Folge von sozialer Differenzierung. Also eine notwendige Spezialisierung, die ökonomisch Sinn macht. Denn so kann sich jedes Teilunternehmen auf eine kleine Aufgabe konzentrieren. Die anderen wiederum werfen den Konzernen, die auf Subunternehmer zurückgreifen vor, dass sie von vornherein damit rechnen würden, dass Arbeiter ausgebeutet werden. Ja, sie hätten das System sogar genau deswegen geschaffen. Weil sie die Schuld und auch die Verantwortung im Zweifel auf die kleineren Subunternehmer schieben können.
Quondamatteo, N.: The World in a Shipyard, Dissertation, Scuola Normale Superiore, S. 89 (Angabe eines FIOM-Gewerkschafters, Juni 2019).
„Es ist ein Netz“, sagt Orlandini. „Ein Netz aus Firmen mit weniger als 50 Beschäftigten. Wir haben keine hundertprozentige Sicherheit. Aber wir glauben, dass etwa 2.000 Leute in der Paga Globale stecken, mehr oder weniger. Das vermuten wir. Denn wie gesagt: Wir erfahren es erst, wenn sie es anzeigen.“
Ich frage Orlandini, ob dieses System nur bei Migranten angewendet wird.
„Die Paga Globale ist ein System, das es seit 20, vielleicht 30 Jahren gibt“, antwortet er. „Das ist kein Problem der Bangladescher. Kein Problem der Ausländer. Das Problem ist das System selbst. Wir sehen Italiener, meistens aus Süditalien. Wir sehen Rumänen und Leute vom Balkan, aus Bosnien, Montenegro, Mazedonien. Sie arbeiten in der Paga Globale. Es hat nichts mit Herkunft oder Kultur zu tun. Es ist ein System, das die Firmen nutzen, um keine Steuern zu zahlen und die Beschäftigten schlechter zu bezahlen. Letzte Woche kam ein sehr junger Mann aus Sizilien zu uns und hat uns seine Lohnabrechnungen gezeigt. Alles gefälscht. Kein Tarifvertrag, kein Gesetz, nichts wird eingehalten.“
Bei den Migrationskritikern beobachtet Orlandini eine Einstellung, die glaubt, dass die Migranten bald weg wären, wenn auch Fincantieri weg wäre. Er findet das kurzsichtig. Diese Menschen seien jetzt da, mit dieser Realität gelte es umzugehen. Aber eben auch damit, dass die Infrastruktur dieser Kleinstadt überfordert ist. Der Soziologe Al Amin Rabby sieht zwischen Rathaus und Werft sogar einen Zusammenhang. Die Politik der damaligen Bürgermeisterin Cisint habe die Arbeiter verletzlicher gemacht und von der übrigen Stadt isoliert, hat er mir gesagt. So hätten sie sich noch seltener gegen die Ausbeutung auf der Werft gewehrt. Am Ende habe Cisint damit Fincantieri geholfen.
Interview mit Al Amin Rabby, nd, 18.5.2026 (s.o.).

Widerstand ist von unerwarteter Seite gekommen. Als im Februar der Ramadan begonnen hat, hat Don Flavio Zanetti den Muslimen das Oratorium San Michele geöffnet. Er ist Pfarrer des Doms von Monfalcone. Ein zweiter Priester hat im Nachbarort Räume bereitgestellt. Beide haben in Absprache mit ihrem Erzbischof gehandelt. Und sie haben sich auf die italienische Verfassung berufen, die auch Ausländern das Gebet garantiert. Was das Rathaus geschlossen hat, hat die Kirche geöffnet. Rechte Medien haben getobt. Unter dem Schlagwort der Islamisierung des Abendlandes läuft überall in Europa ein massiver Kulturkampf. Doch während Rechtsextreme das Christentum bedroht sehen, reichen die katholischen Autoritäten die Hand.
Don Flavio sitzt vor einem Regal voller Ordner. Er trägt Hemd und Brille und hat graue Haare. Auf seinem Hemd sind Muster, die an die Malerei an Kirchenfenstern erinnern.
„Ich habe versucht, mich so gut wie es ging nie in die Politik einzumischen“, sagt Don Flavio. „Aber vor allen Dingen habe ich einen sehr starken Zwiespalt wahrgenommen in der Gemeinde. Zum einen, dass sie extrem stolz waren, dass es diesen menschlichen Zusammenhalt gibt. Aber es gab auch Menschen, die die Öffnung der Kirche für die Muslime als einen Verrat empfanden. Sie fanden, dass genau sowas der Grund sei, wieso die Bangladeschis zurückgeschickt werden sollten. Diese Menschen hatten das Gefühl, dass ich und die Gemeinde einen Riesenfehler gemacht haben.“
Was entgegnet er denjenigen, die so kritisch eingestellt sind?
Als katholischer Pfarrer hat er Kontakt zu vielen Menschen in der Gemeinde Monfalcone. Auch zu denen, die den Kurs seiner Kirche kritisieren und gegen Migration sind.
„Ich gehe nicht spezifisch auf die Kritik ein, sondern ich sage zu allen Menschen dasselbe“, erklärt er. „Es kommt darauf an, wie du den Menschen siehst. Wenn du den Menschen als Feind oder als Problem siehst oder als Mensch, der dir Angst macht, dann macht es natürlich Sinn, dass du dagegen bist, dass das Christentum die Türen für die Muslime öffnet. Aber wenn man sie als Brüder sieht, versucht sie zu verstehen, kennenzulernen, Gemeinsamkeiten zu finden, dann ist das ganz was anderes. Und es ist mir sehr wichtig, dass man die Regeln respektiert. Wir bieten ihnen einen Raum an, weil sie keinen haben. Aber es ist so, dass wir in Italien sind und dass hier gewisse Regeln herrschen und die gehören von allen respektiert, egal von welcher Religion. Ansonsten bereitet es mir viel mehr Sorgen, wenn eine getaufte Person nicht als Christ lebt, als dass Muslime da sind.“
Die mediale Berichterstattung, erzählt Don Flavio, würde häufig polarisieren. Es werde so dargestellt, als würden die Muslime Italien überrennen und aktiv etwas gegen das Christentum unternehmen. Dabei rufe Italien diese Migranten selbst ins Land.
„Es gibt dieses Gesetz, es heißt Bossi-Fini“, sagt Don Flavio. „Da geht es darum, dass die diese Menschen gerufen haben, weil sie Arbeitskraft brauchen, und nicht, weil sie so unendlich gütig sind oder jemandem einen Gefallen tun möchten, sondern weil das eine Arbeit ist, die die Italiener nicht machen wollen und weil das für die andere Seite auch günstig ist, weil sie mehr Geld bekommen als in ihrem Heimatland. Das andere ist auch, dass viele Menschen, wie die aktuelle Lega-Regierung nicht wirklich einverstanden sind mit gewissen kulturellen Aspekten, die damit einhergehen und dann wollen sie wieder das Problem beseitigen, aber verstehen nicht, dass sie sich damit selber ins Knie schießen. Meiner Meinung nach kann man nicht alles haben: die Arbeitskraft und dann erwarten, dass diese Menschen sich nicht kulturell einbringen würden, weil die sind auch da und wollen ihrer Kultur einen Ort geben.“
Don Flavio sieht schon auch die kulturellen Konflikte, die Migration mit sich bringt. Im Gespräch erzählt er mir, dass er schon vor Jahrzehnten in Monfalcone gewohnt hat. Damals sind viele Leute aus Süditalien nach Monfalcone gekommen. Auch da ist nicht alles sofort gut gelaufen. Er findet, Konflikte gehören zu Migration dazu, ob nun Italiener kommen oder Bangladeschis.
Don Flavio sagt: „In Monfalcone gibt es schon noch eine gewisse Melancholie von den älteren Einwohnern, dass sie sich fremd im eigenen zuhause fühlen, weil früher war es so, dass Monfalcone ein großes Dorf war und dass sich jeder gekannt hat und dass man höchstens die Leute nach Regionen oder Dialekten einordnen konnte und jetzt kennt sich niemand mehr. Das ist natürlich ein reales Problem. Und ich sage, dass das viele politische Parteien ausnutzen, um zu sagen, ihr fühlt euch doch wie Fremde in eurem eigenen Land, wir müssen sie wegschicken. Aber ich versuche als Kirche zu vermitteln, diese gemeinsame Sprache zu finden.“
Don Flavio findet, dass es stimme, dass das Zusammenleben nicht immer leicht sei. Er sagt, dass er es wichtig findet, dass man das wahrnimmt und den älteren Einwohnern von Monfalcone ihre Sicht nicht abspricht. Er ist aber lösungsorientiert und glaubt an ein gemeinsames Zusammenleben.
Einer der sich für den geschlossenen Verein Darus Salam und die Belange der Muslime in Monfalcone einsetzt, ist Bou Konate. Er trägt ein marineblaues Dashiki, ein in Westafrika geläufiges Hemd mit V-Schnitt und Stickmustern. Konate war der Ehrenpräsident von Darus Salam. Der 63-jährige Umweltingenieur ist kräftig gebaut und strahlt Selbstbewusstsein aus. Wir treffen uns in seinem Büro.

Als Ehrenpräsident von Darus Salam hat Bou Konate den Verein in der Öffentlichkeit repräsentiert. Er findet, der Konflikt um die geschlossenen Kulturzentren sei eigentlich gar keiner zwischen Darus Salam und der Kommune Monfalcone.
„In Wirklichkeit besteht der Konflikt mit einer Person, der ehemaligen Bürgermeisterin, die im Vorgehen gegen die Muslime ein Mittel sah, mehr Stimmen zu gewinnen“, sagt Konate. „Und das ist nicht nur sie, sondern ihre Partei allgemein, die Partei der Lega.“
Anna Maria Cisint ist nicht mehr Bürgermeisterin. Inzwischen sitzt sie für die Lega im Europaparlament. Ihr Nachfolger Luca Fasan ist ebenfalls von der Lega. Konate erzählt, wie die Lega zuerst die Autonomie der Lombardei gegen die anderen Italiener behaupten wollte. Und wie sie dann als Partei der Norditaliener gegen die Süditaliener gewettert hat.
„Dann hat sie gesehen, dass das nicht reicht, weil diese Art von Kampf nach einer Weile aus der Mode kommt, und jetzt hat sie einen anderen Gegner gesucht, den man bekämpfen kann, und das wären die Ausländer, die Einwanderer“, sagt Konate.
Konate findet, dass es in Monfalcone nicht nur um die Stadt Monfalcone ginge.
„Monfalcone ist in Wirklichkeit ein Übungsplatz für die Lega“, sagt er. „Weil sie denken, wenn sie es schaffen, solche Dinge hier zu machen, können sie sie mehr oder weniger überall anwenden. Warum? Weil in Monfalcone ein Drittel der Bevölkerung eingewanderter Herkunft ist.“
Die Angst der Lega, dass die Einwanderer morgen ein anderes Monfalcone schaffen würden, findet er nicht nachvollziehbar.
„Wenn man gut regiert, werden die Kinder der Einwanderer, die hier geboren werden, in jeder Hinsicht Italiener“, sagt Konate.
Monfalcone braucht Arbeiter, Fincantieri braucht Arbeiter, und dann ist die Lega gegen die Arbeiter und will, dass sie gehen. Dabei hat sich die Zahl der Bangladescher in der Stadt mehr als verdoppelt, seit die Lega das Rathaus übernommen hat. Wie passt das zusammen? Konate lacht.
„In Wirklichkeit ist das eine zwiespältige Sache, in dem Sinne, dass die Lega etwas will, das genau das Gegenteil dessen ist, was der reale Kapitalismus heute sucht“, sagt er.
„Und warum verschlechtert sie sich?“, fragt er. „Sie verschlechtert sich auch, weil es Parteien wie die Lega gibt. Warum? Weil man bei Untersuchungen gesehen hat, dass unser Gebiet trotz seines Reichtums wenig attraktiv ist. Es zieht allgemein keine Arbeiter an, es bringt keine Leute hierher, weil die Leute diesen Ort nicht attraktiv finden.“
Bou Konate besorgt es, dass die Stadtverwaltung nun viel Geld für die juristischen Kämpfe gegen die muslimische Gemeinde ausgeben wird. Er spricht von einer sechsstelligen Summe für Anwälte. Das konnte ich nicht unabhängig überprüfen. Konate findet, dass diese Ressourcen anderswo fehlen würden, zum Beispiel für Familien in Monfalcone, die Unterstützung von der Kommune brauchen könnten.
„Oder dieser ganze Kampf, den wir geführt haben, die Energie, die dafür aufgewendet wurde, von unserer Seite, von Seiten der Gemeinde, diese ganze Energie hätte dazu dienen können, das Leben hier zu verbessern, nicht dazu, untereinander zu kämpfen“, sagt Konate.
Parteien wie die Lega bauen auf eine identitäre Politik. Darus Salam ist nicht nur geschlossen worden. Der Verein ist enteignet worden, jetzt gehört das Gebäude der Kommune. Ende Juli dieses Jahres hat Italiens höchstes Verwaltungsgericht das bestätigt. Konate findet, das würde nicht nur Monfalcone etwas angehen.
„In Wirklichkeit ist es ein europäisches Problem“, sagt er. „Monfalcone wird, wenn wir in Europa nachschauen, der einzige Ort sein, die einzige Stadt, wo Muslimen das Beten verboten wird.“
Monfalcone schaffe einen gefährlichen Präzedenzfall. Unter dem Vorwand des Baurechts werde faktisch die Religionsfreiheit eingeschränkt. Die muslimische Gemeinde macht ernst.
„Inzwischen haben wir jedenfalls eine Beschwerde beim Europäischen Gerichtshof eingereicht, wir warten darauf, was daraus wird“, sagt Konate. „Und jetzt werden wir auch noch eine letzte Beschwerde beim Kassationsgerichtshof hier in Italien einlegen, mal sehen, ob wir irgendwie da rauskommen, denn es ist inakzeptabel, dass so etwas passiert.“
Das zweite geschlossene Kulturzentrum. (Fotos: Alieren Renkliöz)
Das zweite geschlossene Kulturzentrum. (Fotos: Alieren Renkliöz)
Das zweite geschlossene Kulturzentrum. (Fotos: Alieren Renkliöz)
Das zweite geschlossene Kulturzentrum. (Fotos: Alieren Renkliöz)
Die Klage der muslimischen Gemeinde von Monfalcone ist schon im vergangenen Jahr beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte eingereicht worden. Doch der Prozess dauert lange. Und der Streit bleibt nicht in Monfalcone. Ende August hat in Mestre, auf dem Festland von Venedig, ein bengalischer Verein mit Streik gedroht. Der neue Bürgermeister hat dort ein Moscheeprojekt gestoppt. Viele Bangladescher in Venedig arbeiten auf der Fincantieri-Werft in Marghera. Und Monfalcones Ex-Bürgemeisterin Anna Maria Cisint? Die hat sich von Brüssel aus gemeldet und gemeint, der Bürgermeister könne dasselbe tun wie sie: die Kulturzentren einfach schließen.
Rahims Freund, mit dem wir Mensch ärgere dich nicht gespielt haben, ist vor einer Weile nach Hause gegangen. Es ist spät nachts und draußen schüttet es wie aus Eimern. Rahim und ich haben uns in einem bengalesischen Restaurant verschanzt. Wir warten darauf, dass der Regen aufhört. Rahim erzählt, was die ganze Geschichte mit den geschlossenen Kulturzentren mit seiner Zukunftsplanung gemacht hat.
„Vielleicht nächsten Monat“, sagt er. „Ich habe ein Auto gekauft. Ich kann schweißen. Ich spreche Italienisch. Ich habe entschieden, dass ich diese Stadt verlassen muss, wegen dieses Problems. Sobald ich meine Frau und meine Tochter herholen kann, ziehe ich in eine Großstadt wie Venedig oder Mailand. Denn ich brauche Frieden im Leben und bei der Arbeit. Ich will in eine Stadt, wo es ein Kulturzentrum gibt, eine Moschee. Dort will ich wohnen, ein Zuhause finden und bleiben. Die Italiener mögen keine Bangladescher. Sie denken, Bengalen und andere Muslime sind eine Art Terroristen. Aber ich bin kein Terrorist. Als ich herkam, hatte ich geplant, vielleicht eine Wohnung zu kaufen, um hier mit meiner Familie zu leben, mit meiner Frau. Aber jetzt ist meine Tochter fünf Jahre alt. Ich denke an ihre Zukunft. Hier geht das nicht.“
