Was bleibt nach der Männerdemo gegen Gewalt an Frauen?
Dieser Artikel ist für dich kostenlos
Du kannst diesen Beitrag lesen oder anhören, weil ein JETZT-Mitglied ihn mit dir geteilt hat. Schließe eine Mitgliedschaft ab, um auch unabhängigen Journalismus zu unterstützen!

„Damit habe ich nicht gerechnet. Ihr seid super“, sagt Manfred Zeisberger, Initiator der Demo „Männer gegen Gewalt an Frauen“, am Samstag vor dem Wiener Parlament. Er habe mit hundert Teilnehmerinnen und Teilnehmern gerechnet. Die Landespolizeidirektion Wien hat keine genauen Zahlen, aber gekommen sind gefühlt knapp tausend. Der Großteil der anwesenden Meute sind männlich gelesene Personen. Immer, wenn Sätze wie „Gewalt gegen Frauen ist ein Männerproblem“ fallen, jubeln sie. Eine Rednerin und drei Redner hat Zeisberger eingeladen. Zum Abschluss gibt es dann noch eine Gedenkminute für alle Femizidopfer in Österreich. Etwas mehr als eine Stunde dauert die Veranstaltung. Was bleibt und wo kann Mann im Alltag Zeichen gegen Gewalt setzen? Ich spreche direkt nach der Demo mit Simon Březina von White Ribbon Österreich. Weil das Interview relativ kurz ist und ich vorproduzieren konnte, gibt es heute ausnahmsweise ein Transkript statt einer Zusammenfassung der wichtigsten Erkenntnisse aus dem Gespräch.

JETZT: Simon, du bist von White Ribbon Österreich. Der Veranstalter und Initiator hat alle „Ehrenmänner“ aufgerufen, hier hinzukommen. Was glaubst du, wie viele Ehrenmänner waren heute hier?
Simon Březina: Ich glaube, es waren auf jeden Fall über 1.000, vielleicht sogar 2.000 Leute da. Ich bin extrem beeindruckt. In der Vorbereitung der Kundgebung haben wir gesagt, okay, vielleicht ein paar hundert Leute. Ich bin wirklich überrascht und dankbar, dass so viele Männer auch bereit sind, sich zu engagieren gegen Gewalt an Frauen.
Rein statistisch gesehen müssten ja auch einige Täter darunter gewesen sein. Was glaubst du: Wie viele Täter waren heute hier?
Das kann ich nicht sagen. Ich glaube, wenn man jemand anderem Gewalt angetan hat, dann kann man sich auch ändern und dann ist man auch herzlichst eingeladen. Manfred Zeisberger, der Initiator, hat es uns ja auch vorgemacht, dass es auch wenn man jemanden anderen wehgetan hat, einen Weg gibt in die Gewaltfreiheit, Wege aus der Gewalt.
Wenn dich interessiert, worauf Simon hier anspielt...
hör oder lies in den zweiten Teil unserer Geschichte „Ich doch nicht“ rein. Da habe ich mit Manfred Zeisberger über das Herauskommen aus der Täterrolle gesprochen.
Jetzt hat der Manfred Zeisberger ja auch einiges getan. Er hat auf Bluesky geschrieben, dass nicht nur Leute aus den inneren Bezirken hier in Wien herkommen, wo man vielleicht annehmen darf, dass die eh schon eine gewisse Haltung mitbringen. Was kann man deiner Einschätzung nach machen, auch jene Männer zu erreichen, die vielleicht nicht für Social Media etc. pp. empfänglich sind?
Ich selbst komme aus Favoriten. Ich wurde auch angesprochen. Ich glaube, man darf den Fehler nicht machen, dass nur weil man die Sprache spricht, dass man deswegen gewaltfrei ist. Gewaltfreiheit und sich mit der eigenen Männlichkeit auseinandersetzen, geht uns alle etwas an. Das bedeutet natürlich auch, dass wir nicht nur die bildungsbürgerliche Sprache sprechen, sondern auch proaktiv dorthin gehen, wo ganz intensiv Männlichkeit erlebt wird. An die Sportplätze, an die großen Sportevents, an die Arbeitsplätze. Und ich glaube, je mehr auch Organisationen, Verbände, Unternehmen, Betriebe erkennen, dass sie strukturell Verantwortung tragen für gewaltfreie Männlichkeit, desto besser können wir die Männer auch dort erreichen, wo sie auch zum Mann gemacht werden.
Was tut ihr ganz konkret dafür? Du sagst: deren Sprache sprechen und dorthin gehen, wo sie sind. Was tut ihr noch?
Wir machen seit über zwei Jahren ein gemeinsames Projekt mit dem österreichischen Eishockeyverband. In Zusammenarbeit mit der kanadischen Botschaft, den kanadischen Eishockeyspielern und White Ribbon Kanada senden wir bei den Spielen klare Botschaften. Die Spieler tragen bei den Spielen die Ribbons auf den Schultern und zeigen damit klare Haltung: Fair Play, was am Spielfeld gilt, das gilt auch in allen Beziehungen. Und da sprechen wir einfach die Sprache des Sports; übersetzen in eine gewaltfreie, gleichgestellte Beziehung.
Vielleicht kannst du für alle, die White Ribbon überhaupt nicht kennen, ganz kurz sagen, woher das kommt? Das ist eine internationale Bewegung, vielleicht kannst du uns das ein bisschen einsortieren.
Wir sind eine internationale Bewegung von Männern gegen Gewalt an Frauen. White Ribbon wurde ursprünglich 1991 in Kanada gegründet, als Antwort auf einen Massenfemizid, wo Männer gesagt haben, wir sind nicht mehr bereit zuzuschauen; wir setzen uns ein, Haltung zu zeigen gegen Gewalt an Frauen. In Österreich gibt es diese Kampagne seit 25 Jahren und seither arbeiten wir daran, dort, wo wir können und dort, wo es auch möglich ist, Männer zu sensibilisieren für positive Männlichkeit, für gleichstellungsorientierte Beziehungen und für ein gewaltfreies Miteinander.
Es gibt immer noch genügend Männer da draußen, die fast reflexartig sagen: „Mich betrifft das nicht und mir geht es am Arsch, dass mir immer unterstellt wird, dass ich auch ein Täter bin oder dass Männer gewalttätig seien.“ Wie können wir die denn irgendwie mit ins Boot holen?
Ich habe Verständnis dafür, dass man davon irritiert ist. Ich glaube, es ist wichtig festzustellen, weswegen man irritiert ist. Ich kann nicht jenen, die Bedrohungen ausgesetzt sind, die Gewalt ausgesetzt sind, einen Vorwurf machen, das zu systematisieren. Wenn wir nicht mehr mit den gewaltvollen Männern in einen Topf geworfen werden wollen, dann müssen wir mit diesen Männern arbeiten und dann müssen wir die Gewalt beenden.
Es gibt ja die Möglichkeit, bei euch oder mit euch auch ein White Ribbon zu tragen. Was sage ich damit aus?
Man kann sich den Pin jederzeit bei uns abholen, wir senden ihn auch zu. Mit dem White Ribbon signalisieren wir, dass wir als Männer eine klare Haltung einnehmen gegen Gewalt an Frauen.
Noch einmal zurück zur Veranstaltung heute hier. Ist dir irgendeine Veranstaltung bekannt, wo Männer gegen Männergewalt auf die Straße gegangen sind?
Ich glaube, das ist auf jeden Fall eine der größten, die ich mitbekommen habe. Ich glaube, etwas, worauf die Männer, die dabei sind, auch immer stolz sein können, ist, dass wir auch immer schon bei den 8. März-Demos mitmarschiert sind. Und das werden wir hoffentlich morgen auch wieder tun.
Was können wir vielleicht noch den Zuhörern da draußen, unseren Mitgliedern, mitgeben, was ganz konkret ab heute möglich ist und was sie vielleicht möglich machen können, um nicht nur ein Zeichen zu setzen, sondern auch eine Handlung zu setzen?
Ich glaube, es geht ganz klar um Alternativen. Es geht nicht nur darum, etwas nicht zu machen, sondern es geht darum zu sagen: Wie kann ich etwas anders machen? Wie kann ich auf Augenhöhe mit anderen Männern umgehen? Wie kann ich fürsorglich mit anderen Männern umgehen? Da lernen wir es: von anderen Männern, mit anderen Männern. Und andere Männer einzuladen, anderen Männern zu sagen: Wir gehen jetzt auf eine Reise weg vom Patriarchat, hin zur Gleichstellung. Und am Ende dieser Reise wird es uns allen erheblich besser gehen damit.
Da ist ja total viel Scham im Spiel. Unter Männern kann man sich vielleicht nicht vorstellen, dass man auch über Themen spricht, wo man sich selbst nicht wieder erkennt. Hast du da Tipps, habt ihr da Tipps, wie man vielleicht diese erste Schwelle überwindet?
Ich glaube, es hilft immer, jemanden anderen zu finden, der das ähnlich sieht. Also wenn ich in einem Rahmen bin, wo ich das Gefühl habe, dass ich alleine nichts sagen kann, wird es mindestens eine andere Person geben, die das anders sieht. Sich da auch abzusprechen und sich gemeinsam Wege zu überlegen: Wie kann ich noch mehr Männer einladen, auch auszusprechen, dass ihnen das eigentlich nicht passt?
Und wenn ich mich selbst nicht in der Lage fühle als Mann, solche Anlässe zu nutzen oder vielleicht auch solche Räume aufzumachen?
Ich kann jederzeit bei der MÄNNERINFO anrufen, 0800 400 777. Da kann ich mich auch professionell unterstützen lassen, zu jedem Zeitpunkt, sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag. Da ist jemand, der dir zuhört und im besten Fall auch mit dir gemeinsam überlegen kann, was die nächsten Schritte sind.
Wir haben gerade das Thema gehabt, auch eine „einfachere Sprache“ zu sprechen. Kannst du uns noch einmal in einfachen Worten sagen, warum es sich lohnt, gegen Männergewalt auf die Straße zu gehen und sich einzusetzen?
Ich glaube, es lohnt sich immer. Ich glaube, es ist auf jeden Fall eine Lebensqualität, die wir alle haben, wenn wir in einer gewaltfreien Gesellschaft leben. Und es ist auch eine Pflicht von uns, solidarisch mit Frauen, mit Gewaltopfern jeden Geschlechts einzutreten. Es ist unsere Pflicht, auf der Seite von Gewaltopfern jeden Geschlechts zu stehen.
Das waren jetzt aber keine einfachen Worte.
Das sind die Worte, die ich aktuell habe. Wir können gerne ein anderes Mal noch einmal darüber reden.
Super. Danke dir für das Gespräch, Simon.
Sehr gerne.
Bei der Demo zum Weltfrauentag, die einen Tag später von der Wiener Stadthalle Richtung Heldenplatz marschiert ist, waren noch einmal deutlich mehr Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Falls du bei keiner der beiden Demos dabei sein konntest: Ein paar Straßeneindrücke vom Weltfrauentag haben die Kolleginnen und Kollegen von meinbezirk zusammengetragen. Den gesamten Live-Mitschnitt der Männerdemo gegen Gewalt an Frauen findest du beim Cultural Broadcasting Archive. Hier geht es zu den Angeboten von White Ribbon Österreich.
Wenn du magst, lass uns in den Kommentaren noch ein paar mehr Ideen schmieden, wie wir Männer im Alltag Zeichen gegen Gewalt setzen können.
Einen schönen Nachmittag wünscht dir
Henric Wietheger