Wann ist ein Ort ein „Brennpunkt“? Der Kampf der Worte hat in Favoriten reale Folgen

Messerattacken, Waffenverbotszone, Unsicherheit – kaum ein Bezirk in Wien wird medial und politisch so oft zum „Brennpunkt" erklärt wie Favoriten. Medien und Politik lieben solch dramatische Zuschreibungen. Bei genauerer Betrachtung zeichnen nicht nur die Zahlen ein anderes Bild – doch das Image hat echte Konsequenzen für viele Menschen im Bezirk.

Wann ist ein Ort ein „Brennpunkt“? Der Kampf der Worte hat in Favoriten reale Folgen
Foto: Luca Niederdorfer

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Es ist ein lauer Sommerabend in Wien und ich spaziere über den Reumannplatz in Favoriten. Vor einem bekannten Wiener Eisgeschäft stehen die Menschen Schlange – vom Spielplatz auf der anderen Seite des Reumannplatzes hört man Kinder spielen und lachen.

Ich bleib kurz bei der U-Bahn-Station mitten am Reumannplatz stehen. Alles sehr hektisch hier. Rund um mich sehe ich gestresste Gesichter von Menschen, die aus der U-Bahn-Station strömen, um noch rechtzeitig die nächste Straßenbahn oder den nächsten Bus zu erreichen.

Aber in dem ganzen Getümmel – überall am Reumannplatz verteilt – beobachte ich auch genau das Gegenteil. Menschen sitzen seelenruhig auf den Parkbänken und den Betonstufen, die die Bäume und andere Begrünungsflächen einfassen. Die Leute quatschen, essen ihr Eis, lesen in Ruhe die Zeitung und genießen die Abendsonne.

Es ist ein Ort zwischen Alltagsstress und Freizeitgenuss – wie so viele Orte in Wien. Und trotzdem, wenn man die Leute hier fragt, was sie für Bilder vom Reumannplatz kennen, dann sieht das ganz anders aus.

Gemütlich ein Eis am Reumannplatz oder doch ein kurzer Sprint zum nächsten Bus? (Foto: Luca Niederdorfer)

Ich treffe zwei junge Studierende. Sie kommen gerade von der Pädagogischen Hochschule, die sich nicht weit vom Reumannplatz entfernt befindet. Beide sitzen auf einer Parkbank und kosten gerade gegenseitig von ihrem Eis, als ich sie anspreche und frage, wie sich denn das Bild vom Reumannplatz in echt von der medialen Darstellung unterscheidet. Die Anfang 20 Jahre alte Studentin erzählt mir, sie hätte schon auch irgendwie Angst gehabt vor dem Reumannplatz, weil oft einfach negativ darüber gesprochen wird. Sie liest von Messerangriffen oder ähnlichen Geschichten. Als sie neu hierhergezogen ist, hätten sie Bekannte sogar davor gewarnt, in den 10. Bezirk zu ziehen. Aber seit sie hier wohnt und studiert, merke sie, dass der 10. Bezirk ganz ein normaler Ort ist. Sie findet es „schon irgendwie krass, wie darüber gesprochen wird, wie eben auch Angst gemacht wird.“

Die andere Person, ebenfalls Anfang 20, beschreibt ein unwohles Gefühl, als sie vor Kurzem das erste Mal selbst am Reumannplatz war. Und dieses unwohle Gefühl, das findet sie schlimm, weil eigentlich ist der Reumannplatz ein schöner Platz. Man kann gemütlich Eis essen und die Sonne genießen. Sie fühlt sich hier nicht unwohl, selbst wenn dann manchmal wer rumschreit – das können man in Wien ja überall haben.

Eine Bank weiter sitzt ein älterer Herr und liest die Heute-Zeitung. Er ist der Meinung, dass die Zeitung, das Radio oder die Sozialen Medien oft schon ein bisschen übertreiben würden. Er sagt aber auch, dass es in Favoriten viele Ausländer gäbe, die sich ständig schlagen. Allerdings vermutet er, dass da schon ein bisschen Absicht dahinterstecke, dass gerade junge Männer provozieren und laut sind, um auf sich aufmerksam zu machen.

Reumannplatz mit Blick auf die Favoritenstraße. (Foto: Luca Niederdorfer)

Als jemand, der erst seit drei Jahren in Wien lebt, habe ich mich schon öfter gefragt, warum gerade Favoriten diesen Ruf von einem „gefährlichen“ Bezirk hat. Seit ich hier lebe und mich intensiver mit der österreichischen Medienlandschaft beschäftigt habe, kann ich mir zumindest etwas besser zusammenreimen, wie dieses Bild von Favoriten in die Köpfe der Menschen gezeichnet wurde.

Dieses Bild entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern durch viele unterschiedliche Pinselstriche von Medien, Politik, persönlichen Erfahrungen, Erzählungen und so weiter.

Einige dieser Pinselstriche kommen von Überschriften und Artikeln wie diesen:

  • Messerstiche vor Eisgeschäft in Wien-Favoriten (19. März 2024, derstandard.at)
  • Nächste Bluttat: Erneut Mann (20) niedergestochen (19. März 2024, krone.at)
  • Wiener trägt am Reumannplatz täglich Stichschutzweste (26. März 2024, heute.at)
  • Wieder Messerattacke am Reumannplatz (18. Juli 2024, oe24.at)
  • Lebensgefahr nach Attacke am Reumannplatz (6. September 2025, wien.orf.at)
  • Wieder Schlägerei und Messerattacke am Reumannplatz (4. Dezember 2025, oe24.at)
  • Wieder Messerstich in Waffenverbotszone am Reumannplatz (4. Dezember 2025, wien.ORF.at)
  • Brutale Attacke am Reumannplatz: Täter auf der Flucht (4. Dezember 2025, kurier.at)
  • Messerattacke am Reumannplatz: Zwei Jugendliche verletzt (16. Dezember 2025, kurier.at)

Und andere Pinselstriche kommen wiederum von Politikern, die im Vorfeld von Wahlen – oder ganz generell – um die Aufmerksamkeit der Menschen buhlen. Zwei solcher Inszenierungen sind 2023 beispielsweise von der ÖVP Wien unter dem damaligen Parteichef Karl Mahrer entstanden. Karl Mahrer hat damals auf YouTube und seinem Facebook-Kanal eine ganze Reihe solcher Videos veröffentlicht, in denen es um sogenannte „Brennpunkte“ geht.

In einem der Videos kommen auch zwei besorgte Bürger zu Wort. Doch kurz nach Veröffentlichung hat der Standard aufgedeckt, dass die zwei „besorgten Bürger“ in Wahrheit ÖVP-Funktionäre waren.

Aber auch abseits dieser Inszenierung lohnt sich ein genauerer Blick: Das Video zeigt Marktstände, fremdsprachige Geschäftsschilder und eine belebte Fußgängerzone – unterlegt sind diese Bilder mit Musik, wie Menschen sie traditionell im Südwesten Asiens spielen. Das ist kein Zufall. Solche Klänge sollen das Gezeigte als fremd markieren. Es geht nicht um konkrete Vorfälle. Es geht um ein Gefühl. Das Fremde wird zur Bedrohung. Und das Video soll damit genau das erzeugen, wovor es warnt: Unsicherheit. Aber was bringt es, einen Ort als unsicher zu markieren? Und wie wird denn Sicherheit überhaupt definiert?

Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, treffe ich mich mit der Kriminalsoziologin Hannah Reiter. Sie forscht am Wiener Zentrum für sozialwissenschaftliche Sicherheitsforschung und ich besuche sie in ihrem Büro im 4. Bezirk.

Kriminalsoziolgin Hannah Reiter vom Wiener Zentrum für sozialwissenschaftliche Sicherheitsforschung (VICESSE). (Foto: privat)

Ich frage die Kriminalsoziologin, wie das Gefühl von Sicherheit überhaupt entsteht. „Es ist eigentlich eine Paradoxie“, sagt Reiter. Schon allein die Frage, ob man sich sicher fühlt, stellt die Sicherheit infrage, die man vorher vielleicht empfunden hat. Etwas Ähnliches passiere auch im medialen Diskurs, so Reiter weiter: „Wenn ich in medialen Diskursen diverseste Kriminalität, Ausschreitungen, Sonstiges zeige, dann konstruiere ich somit quasi ein Unsicherheitsgefühl, das ich dann vermeintlich auch wieder bekämpfen kann, mit eben repressiver Politik.“ Reiters Fazit: „Die Sicherheit ist eigentlich dann da, wenn man sie nicht hinterfragt oder wenn man gar nicht daran denkt.“

Aber wenn diese Frage nach Sicherheit erstmal im Raum steht, dann braucht es Antworten. Die Politik liefert sie in Form von Waffenverbotszonen, Videoüberwachung und mehr Polizei vor Ort. Doch was bringen diese Maßnahmen?

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Waffenverbotszone Favoriten Grafik: Eigene Darstellung nach Landespolizeidirektion Wien, 2024

„Sie sind schnell sichtbar, sie sind schnell umsetzbar“, sagt Reiter, „aber die eigentlichen Ursachen von Kriminalität werden dadurch nicht verändert.“ Es sei letztlich Symptombekämpfung, denn mehr Überwachung bedeute nicht automatisch weniger Gewalt oder weniger Kriminalität. „Es bedeutet einfach nur eine intensivere Kontrolle bestimmter Bevölkerungsgruppen.“

Mehr Kontrolle führt also zu mehr Anzeigen. Mehr Anzeigen führen zu höheren Statistiken. Das Innenministerium veröffentlicht jährlich die polizeiliche Kriminalstatistik. Sie soll zeigen, wie sich die Kriminalität in Österreich entwickelt. Auf Basis dieser Daten plant die Polizei Maßnahmen zur Verbrechensbekämpfung – beispielsweise Videoüberwachung oder Waffenverbotszonen. Hannah Reiter erklärt, was uns die Kriminalitätsstatistik tatsächlich zeigt.

„Kriminalitätsstatistik zeigt uns die polizeiliche Anzeigenstatistik“.


Es gehe dabei nicht um Verurteilungen oder tatsächlich erlebte bzw. passierende Kriminalität, sondern schlicht darum, was angezeigt wird und wie häufig. „Die Kriminalitätsstatistik ist grundsätzlich keine Statistik der objektiven Kriminalität, sondern eben der Anzeigen, die bei der Polizei eingebracht werden.“

Doch besonders Boulevardmedien wie die Krone, Heute oder OE24 nutzen die Kriminalitätsstatistik jedes Jahr, um auf eine vermeintliche Unsicherheit hinzuweisen. OE24.TV berichtet auf Social Media zum Beispiel unter dem Titel „Das sind die gefährlichsten Bezirke“, dass man sich mit der Veröffentlichung der neuen Kriminalitätsstatistik die einzelnen Wiener Bezirke genau angesehen hätte. Der OE24-Reporter steht am Reumannplatz und sagt, „dass Wien-Favoriten trauriger Tabellenführer in dieser Statistik ist. Und zwar sind im Jahr 2024 sage und schreibe 26.218 Straftaten registriert worden“.

Anders als angekündigt, spricht der OE24-Reporter nicht über die Kriminalitätsrate, sondern über die absoluten Zahlen. Doch genau das ist das Problem: Favoriten ist Wiens zweitgrößter Bezirk – natürlich fallen dort auch mehr Anzeigen an. Rechnet man die Zahlen aber pro Kopf, ergibt sich für Favoriten laut Hannah Reiter ein anderes Bild.

Hannah Reiter betont an der Stelle erneut, dass die Kriminalitätsstatistik auf Anzeigen basiert. Es geht – anders als die Bezeichnung es vermuten ließe – nicht darum, wie viel Kriminalität tatsächlich passiert, sondern wie viele Anzeigen erstattet werden. Favoriten hatte 2024 zwar numerisch die meisten Anzeigen, war aber damals mit rund 220.000 Einwohnerinnen und Einwohnern auch Wiens zweitgrößter Bezirk. Übrigens sind das mehr Menschen, als in Linz leben, Österreichs drittgrößter Stadt.

Dazu kommt auch noch eine besonders hohe Frequenz, wie die Kriminalsoziologin betont: Man denke nur an den Hauptbahnhof und die vielen Menschen, die dort täglich ein- und ausgehen. Rechne man die Zahlen pro Kopf um, liege Favoriten „quasi im oberen Mittelfeld, also eigentlich immer noch sehr gut“, so Reiter.

Und damit schließt sich dann auch der Kreis zu dem, was Hannah Reiter zuvor bereits beschrieben hat: Wird ein Ort einmal zu einem „Brennpunkt“ erklärt, folgt mehr Polizei, folgen mehr Kontrollen und damit auch mehr Anzeigen. In anderen Worten: Jene repressive Politik, die laut der Kriminalsoziologin oft als Antwort auf ein Unsicherheitsgefühl folgt, füttert am Ende genau die Statistik, die dieses Gefühl erst begründet hat. Für Hannah Reiter ist das „ein bisschen so ein Radl, das sich dann dreht“.

Viele Politikerinnen und Politiker vom rechten Rand nutzen die Kriminalitätsstatistik außerdem, um vor kriminellen Menschen aus dem Ausland zu warnen.
Und die Medien? Die begleiten diesen Prozess. Oft übernehmen sie dabei Presseaussendungen und Aussagen von Politikerinnen und Politikern unkritisch. Schlimmstenfalls schließen sie sich dadurch der teils hetzerischen Sprache sogar an.

Wie unkritische Medien beispielsweise Presseaussendungen von Parteien übernehmen, zeigt folgender Vergleich:

Screenshot von einem Onlineartikel, der auf oe24.at veröffentlicht wurde

Die FPÖ hat im März 2024 eine „SOKO Favoriten“ gefordert und FPÖ-Chef Dominik Nepp warnt in der Presseaussendung, dass „die Willkommenspolitik der Wiener SPÖ afghanische Messerstecher, Vergewaltiger und Mörder nach Wien gelockt“ habe. Für einen Artikel unter dem Titel „Favoriten ist gefallen: FPÖ fordert eigene Einsatzgruppe“ hat OE24 dieses Zitat und weite Teile der restlichen FPÖ-Aussendung fast wortgleich übernommen. Ohne kritische Einordnung, ohne Gegenposition, ohne journalistische Sorgfalt.

Allee im Waldmüllerpark in Favoriten. (Foto: Luca Niederdorfer)

Bei all den Schlagzeilen frage ich mich, ob und wie sich das eigentlich auf jene Menschen auswirkt, die in Favoriten leben. Um dieser Frage nachzugehen, suche ich mir aber ein ruhigeres Plätzchen und spaziere vom Reumannplatz durch das dicht besiedelte Innerfavoriten Richtung Hauptbahnhof. Ich treffe mich im Waldmüllerpark mit der Journalistin Rukhsana Ahmad. Sie ist 24 Jahre alt, in Wien aufgewachsen und wohnt im 10. Bezirk.

„Favoriten ist halt sehr lebendig“


Auf meine Frage, wie sie den 10. Bezirk erlebt, führt sie mich erzählerisch durch Favoriten: „Es lebt halt einfach, es ist nicht so still“, sagt Rukhsana. Man gehe eine Straße entlang, komme am Würstelstand vorbei und gleich danach an einem Café, in dem alte Onkeln sitzen und Sonnenblumenkerne essen und die Schalen auf den Boden werfen. Ein Stück weiter kommt dann der Ferhat-Döner, für den gefühlt ganz Wien in den 10. Bezirk komme. Allein auf der Favoritenstraße gibt es schon so viele Dinge auf einer einzigen Straße. „Favoriten ist halt sehr lebendig“, erzählt Rukhsana mit enthusiastischer Stimme.

„Bitte lass es keinen Ausländer sein.“


Doch die Freude in ihrer Stimme nimmt deutlich ab, als wir anfangen darüber zu sprechen, wie die meisten Medien über Favoriten berichten. Gerade die Art und Weise, wie Medien oft berichten und was diese Art der Berichterstattung auslösen kann, beschäftigen Rukhsana: „Ich bin von den österreichischen Medien sehr gewohnt, wie sie über den 10. Bezirk reden oder generell auch über Menschen mit Migrationsgeschichte – ich bin es sehr gewohnt.“

Diese Gewohnheit zeigt sich bei Rukhsana jedoch nicht in Gleichgültigkeit. Sie zeigt sich in einer Form von Sorge – Sorge darüber, dass bei jedem Vorfall in Favoriten die Herkunft einer Person eine größere Rolle spielt als die Tat selbst: „Bitte lass es keinen Ausländer sein, der das war“, ist eine der ersten Befürchtungen, die Rukhsana durch den Kopf gehen. Nicht weil sie die Tat relativieren würde, sondern weil sie genau weiß, was darauf folgt: Dieselben Debatten im Fernsehen, im Radio, in den Medien. Dieselben Sätze über „diese Leute“ – diese Ausländer. Und das führt laut Rukhsana dazu, dass man sich mitgemeint fühlt. Wenn es ein Ausländer war, fühle man sich einfach, als wäre man Teil von dem ganzen Ding.

Natürlich weiß Rukhsana, dass die Berichterstattung nicht aus dem Nichts kommt. Es gibt natürlich reale Konflikte in Favoriten – sie kennt sie aus nächster Nähe. Im 10. Bezirk kommen „schon viele Nationen zusammen“, die sich untereinander nicht immer verstehen. Ihr eigener Vater kommt beispielsweise aus Pakistan, „Pakistanis und Afghanen verstehen sich zum Beispiel nicht“, erzählt Rukhsana. Solche Spannungen seien manchmal sogar am eigenen Esstisch Thema gewesen. Bei jungen Männern, die unter Bedingungen aufgewachsen seien, die sich mancher Österreicher gar nicht vorstellen könne, könnten diese Konflikte manchmal auch in Gewalt münden.

Nach meinem Gespräch mit Rukhsana bleibe ich noch ein bisschen im Waldmüllerpark. Ein paar Schritte weiter begegne ich Aldin mit seiner Frau. Sie sitzen mit einem befreundeten Paar an einem Tisch, essen gemeinsam und ihre Kinder spielen am Spielplatz daneben.

Spielplatz und Sitzgelegenheiten im Waldmüllerpark. (Foto: Luca Niederdorfer)

Aldin schenkt mir eine Tasse Tee ein und ich frage ihn, was ihm an Favoriten gefällt. Schon im ersten Satz hebt er hervor, dass in Favoriten immer was los sei, ordnet aber gleichzeitig ein, dass genau diese Eigenschaft von Favoriten oft negativ verwendet werde. Trotzdem hält er daran fest und führt aus, dass hier Menschen aus Serbien, Rumänien oder der Türkei leben: „Es gibt mehr Diversität und Akzeptanz im 10. Bezirk“. Als Beispiel nennt er den Viktor-Adler-Markt, den er manchmal nur zum Spazierengehen besuche. Man komme mit anderen ins Gespräch. „Ich fühle mich im 10. Bezirk nicht einsam.“

Auch Aldin beschreibt damit ein Favoriten, das sich ganz anders anhört als das, was man aus den Schlagzeilen kennt. Ich frage ihn, ob er die Berichterstattung über den Bezirk verfolgt und was er davon hält. Er nickt, meistens bekomme er das über Social Media mit. Zwar gebe es laut Aldin Hotspots, aber da rede man von konkreten Orten. Allerdings ist Favoriten einer der größten Bezirke Wiens und wenn man einfach alles in einem Bild präsentiere, sei das schlicht „nicht fair“, sagt Aldin.

Ohne Gewalt zu relativieren oder kleinzureden, sollte klar sein, dass es nicht fair ist, einen ganzen Bezirk und alle Menschen, die dort leben, über einen Kamm zu scheren. Klar ist: Konflikte gibt es in einer Stadt immer und wird es immer geben – in Favoriten und überall dort, wo viele Menschen auf engem Raum zusammenleben. Doch genau solche Orte werden in der öffentlichen Debatte schnell zum Brennpunkt erklärt – ein Wort, das in Schlagzeilen und politischen Reden häufig fällt, wenn es um Favoriten geht.

Luftaufnahme von der Hochschule Campus Wien. (Foto: HCW/Emozio Communications)

Ich verlasse den Waldmüllerpark und fahre mit der U1 aus dem dicht besiedelten Innerfavoriten Richtung Süden ins Grüne – an die Hochschule Campus Wien. Hier treffe ich FH-Professor Christoph Stoik. Er forscht zu öffentlichen Räumen und Stadtentwicklung. Zum Begriff Brennpunkt sagt er: „Das Schwierige daran ist, dass mit diesen Begriffen immer eine Form von Stigmatisierung verknüpft ist. Nämlich einerseits in Bezug auf diese Orte und andererseits natürlich in Bezug auf die Menschen, die dort leben, wohnen oder diese Orte nutzen, und dass damit auch Nachteile verknüpft sind für diese Personen.“

Diplomierter Sozialarbeiter und FH-Professor Christoph Stoik. (Foto: HCW/Schedl)

Christoph Stoik hat in seiner praktischen Arbeit erlebt, was es bedeutet, wenn Stadtteile einen bestimmten Ruf haben und wie dieser Ruf dazu führen kann, dass sich Menschen ausgeschlossen und nicht als Teil der Gesellschaft fühlen. „Ich muss immer wieder verteidigen und sagen: Na, aber so schlimm ist es ja gar nicht“, sagt Stoik. Er gehe aber noch weiter: Als Bewohner oder Bewohnerin von so einem Stadtteil werde man in den Medien dauernd negativ reproduziert, immer wieder darauf verwiesen, „eigentlich weniger wert“ zu sein, weil man nicht bestimmten Normvorstellungen entspreche. „Und das macht natürlich was mit den Menschen.“

In einem Onlinegespräch spreche ich außerdem mit David Petzl. Er ist Sozialarbeiter und Sozialforscher bei Team Focus – einer Einrichtung des Fonds Soziales Wien. Mit ihm spreche ich über seine Schwerpunkte: die Analyse sozialer Räume und niederschwellige Soziale Arbeit im öffentlichen Raum. Das Team Focus analysiert dabei auch die Berichterstattung.

David Petzl vom Team Focus. (Foto: FSW)

Am härtesten treffe es die, die ohnehin schon am Rand stehen. „Ich würde schon sagen, es ist eher frustrierend“, sagt Petzl, weil es dabei vor allem um Menschen in prekären Situationen gehe. Einerseits müssten diese froh sein, dass es solche Orte überhaupt gebe. Andererseits werde oft sehr negativ über sie berichtet – und das bekämen die Betroffenen natürlich mit. „Das ist belastend. Das geht nicht spurlos an einem vorüber.“ Problematisch sei das vor allem deshalb, weil es Menschen betreffe, die von Armut und Ausgrenzung betroffen und damit ohnehin schon stigmatisiert seien: „Diese negative mediale Berichterstattung befördert das natürlich“, erklärt Petzl.

Wir reden in Wien ja gerne von der sogenannten Kaffeehauskultur. Also im Kaffeehaus sitzen, Freunde treffen, quatschen und gemeinsam Zeit verbringen. Aber das ist ein Privileg. Und nicht alle Menschen können sich dieses Privileg leisten.

Für viele Menschen sind öffentliche Plätze oft die einzige Möglichkeit, am sozialen Leben teilzunehmen. David Petzl hebt hervor, dass es für viele Menschen darum gehe, sich willkommen zu fühlen. Es sei wichtig, dass es konsumpflichtfreie Räume gibt, denn für viele Menschen sei das aus ökonomischen Gründen einfach nicht möglich, sich wie „andere ins Kaffeehaus setzen zu können oder ins Restaurant gehen zu können, um sich zu treffen oder um was trinken zu gehen“, sagt Petzl.

In diesem Zusammenhang betont auch Christoph Stoik, wie wichtig öffentlicher Raum für Menschen ist, die nur über wenig oder gar keinen Wohnraum verfügen. Gerade im dicht besiedelten Norden von Favoriten ist der Platz in den Wohnungen oft knapp. Das zeigen auch Zahlen der Stadt Wien bzw. der Statistik Austria. In Wien stehen einer Person nämlich durchschnittlich rund 35 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung. In Favoriten sind es mit rund 31 Quadratmetern ganze vier weniger. [Anm. d. Red.: In einer früheren Version bezog sich die Angabe zur Wohnfläche fälschlicherweise auf zwei Personen statt auf eine.]

Wenn es zu Hause also eng wird, werden Parks und Plätze zum erweiterten Wohnzimmer. Doch für Christoph Stoik geht die Bedeutung öffentlicher Räume noch weiter, denn öffentliche Räume haben auch zwei weitere Funktionen. Einerseits dienen sie als Begegnungsorte und andererseits machen sie laut Stoik Themen sichtbar, die ansonsten vielleicht verborgen bleiben würden – und machen somit etwas sichtbar, was gesellschaftlich relevant sein könnte. „Man könnte sagen: So wie der öffentliche Raum funktioniert in einer Stadt, so gut funktioniert eine vielfältige demokratische Gesellschaft.“

„Soziale Akzeptanz für unterschiedliche Gruppen und Interessen herzustellen, ist sehr wichtig.“


Aber damit diese Orte auch weiterhin so funktionieren können, braucht es Menschen, die vor Ort sind und das Zusammenleben aktiv begleiten. Für David Petzl ist das auch die Aufgabe von Sozialer Arbeit im öffentlichen Raum. Petzl sagt, es sei wichtig, soziale Akzeptanz für unterschiedliche Gruppen und Interessen herzustellen. Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen können im öffentlichen Raum erheblich dazu beitragen, weil sie mobil sind, die Leute kennen und Kontakte herstellen können. Außerdem können sie in gewissen Situationen auch deeskalierend wirken und „ein bisschen Luft rausnehmen, wenn sich Konflikte anbahnen“, erklärt Petzl und fügt hinzu: „Das ist etwas, worauf man in Wien aus meiner Sicht stolz sein kann.“

Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter sorgen nicht nur für ein besseres Miteinander. Viele Menschen halten sich an öffentlichen Plätzen auf, weil sie von Armut oder Suchterkrankungen betroffen sind und kaum Alternativen haben. Genau dort sucht Streetwork – also die aufsuchende Soziale Arbeit – sie auf, baut Vertrauen auf und vermittelt dann konkrete Hilfe in Form von gesundheitlicher Versorgung oder Beratung. „Ich setze Angebote, die ich an Personen herantragen kann, die ich sonst nicht erreichen würde – das ist ein bisschen der Hintergrund dieser aufsuchenden sozialen Arbeit“, erklärt Christoph Stoik.

Die aufsuchende soziale Arbeit unterstützt Menschen vor Ort. (Foto: SHW/Alexander Gotter)

Doch genau diese Arbeit wird zunehmend erschwert. Denn wenn die mediale Berichterstattung Orte zu Brennpunkten erklärt, folgen oft politische Maßnahmen: Waffenverbotszonen, Videoüberwachung oder Alkoholverbote. Das Problem: Diese Maßnahmen lösen keine Probleme – sie verdrängen sie. Genau diesen Verdrängungseffekt beobachten nicht nur David Petzl und Christoph Stoik in ihrer täglichen Arbeit. Auch Hannah Reiter vom Wiener Zentrum für sozialwissenschaftliche Sicherheitsforschung bestätigt das: Durch die hohe Kontrolldichte, die etwa Waffenverbotszonen oder Alkoholverbotszonen mit sich bringen, verlagere sich das vermeintlich ungewollte Verhalten „einfach auf andere Plätze“.

In diesem Zusammenhang ergänzt Christoph Stoik noch einen weiteren Aspekt, der vor allem auf junge Erwachsene gravierende Auswirkungen haben kann. Mangelndes Vertrauen in die Polizei führe dazu, dass sich gerade junge Erwachsene von der Gesellschaft ausgeschlossen fühlen. Die Polizei untergrabe damit jegliches Vertrauensbildungspotenzial für Jugendliche und junge Erwachsene. Und zwar „nicht nur in Bezug auf die Polizei, das ist ja nur die Vertretung, sondern auf die Gesamtgesellschaft“. Was übrig bleibe, sei die Botschaft: „Die österreichische Gesellschaft ist nicht interessiert an euch.“ Laut Stoik können diese Maßnahmen für die Betroffenen „wirklich weitreichende Konsequenzen“ haben.

Verdrängung, Stigmatisierung, Vertrauensverlust – die Folgen sind bekannt. Und trotzdem dreht sich die Spirale weiter: Medien berichten über vermeintliche Brennpunkte, die Politik nutzt das Thema öffentlichkeitswirksam und reagiert mit Sicherheitsmaßnahmen, die die Probleme oft nicht lösen, sondern verdrängen – und genau das liefert wieder Stoff für die nächste Schlagzeile. Aber warum funktioniert dieser Mechanismus so gut? Christoph Stoik hat dazu zwei Thesen. Zum einen eignen sich öffentliche Räume, in denen sich Problemgeschichten erzählen lassen, gut dafür, Schlagzeilen zu produzieren. Zum anderen lasse sich damit politisches Kapital schlagen. „Das hat ja die ÖVP auch gemacht und in Favoriten Skandalvideos gedreht, die sehr fragwürdig sind, wenn man sich die Fakten anschaut“, sagt Stoik – denn auch so könne man politisch sichtbar werden und gleichzeitig bestimmte Positionen vertreten.

Aber was wäre, wenn Medien anders berichten würden? David Petzl vom Team Focus wünscht sich genau das: Einen Blick, der nicht nur die Probleme und Defizite in den Vordergrund stellt, sondern auch einmal die Vielfalt hervorhebt – zeigt, was an dem Ort gut funktioniert und was der Ort zu bieten hat. Zwar verstehe Petzl auch die Medienlogiken, aber „es nimmt einem Sozialraum oder einem Ort, wo viele Menschen zusammenkommen, eine gewisse Dramatik, wenn man diese Berichterstattung etwas langfristiger anlegt und sich einen Ort einfach über einen gewissen Zeitraum anschaut und nicht ein bestimmtes Ereignis herausgreift und dann so tut, als würde das dort ständig und immer und dauernd so sein“, appelliert Petzl.

Der Waldmüllerpark in Favoriten: Wo Wohnungen klein sind, wird öffentlicher Raum zur Verlängerung des Wohnzimmers. (Foto: Luca Niederdorfer)

„Mehr Geld für soziale Arbeit!“

Nach den Einschätzungen von den Expertinnen und Experten fahre ich wieder zurück in den Waldmüllerpark. Mich interessiert, was sich die Menschen eigentlich von ihrem Bezirk wünschen würden.

Nach einem kleinen Rundgang treffe ich auf Sabine. Sie wohnt im 10. Bezirk und hat hier auch zwei Jahre in der offenen Kinder- und Jugendarbeit gearbeitet. Ich frage sie, was sie sich sowohl medial als auch politisch wünschen würde. „Mehr Geld für soziale Arbeit!“, sagt sie, ohne zu zögern. Zwar räumt sie ein, dass das in Favoriten eh passiert, aber es könne „halt immer viel, viel mehr sein.“

Medial würde sich Sabine wünschen, dass man Menschen mehr über die verschiedenen Aspekte und Tätigkeitsbereiche von sozialer Arbeit aufklären würde. Sie habe den Eindruck, viele Leute wissen oft gar nicht, was Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen leisten, was das bringt und warum die Politik da auch Geld reinstecken sollte.

Als ehemalige Sozialarbeiterin in der offenen Kinder- und Jugendarbeit hat Sabine auch viele Probleme hautnah miterlebt. Oft hätten gerade armutsgefährdete Familien zu wenig Geld für ausreichend Essen gehabt. Von Jugendzentren hört Sabine nach wie vor, dass gerade Kinder aus diesen Familien immer Hunger haben, da es zu Hause anscheinend nicht genug Essen gibt.

Ein weiteres Problem, das Sabine immer wieder mitbekommen hat, ist das Problem mit dem engen Wohnraum – vor allem jetzt im Sommer. Die Hitze mache vielen zu schaffen, weil es kaum Möglichkeiten gebe, ihr zu entkommen. Die Wohnungen sind sehr heiß, und ein Schwimmbadbesuch kostet eben Geld. „Hier ist man dann wirklich wie gefangen in einem Hitzekessel“, sagt Sabine. Für große Familien, die nur über engen Wohnraum und beispielsweise keinen Balkon verfügen, sei das eine Belastung im Sommer

Foto: Luca Niederdorfer

Nach meinem Gespräch mit Sabine interessiert mich natürlich auch noch die Perspektive junger Menschen. Vorhin habe ich eine Gruppe junger Mädchen an den Tischtennistischen gesehen – mittlerweile sitzen sie zusammen an einem Picknicktisch und plaudern miteinander. Ich frage sie, was sie sich von Favoriten wünschen würden: „Schöne Schwimmbäder! Mehr Schwimmbäder“, sagt eine von ihnen. Es werde ja immer wärmer und wenn man weiter weg von einem Schwimmbad wohnt – wie beispielsweise dem Amalienbad am Reumannplatz – verliere man viel Zeit.

Ein anderes Mädchen würde sich wünschen, dass man die teils alten Wohnungen im Zehnten besser renovieren würde – auf die würde nämlich neben den größeren, schöneren Wohnungen vergessen werden.

Schön finden die Mädchen, dass der 10. Bezirk so multikulturell ist und es dort so viele Menschen aus anderen Ländern gibt. Die Leute hier würden sich besser verstehen als in anderen Bezirken, fügt eines der Mädchen hinzu: „Leute sind mehr sozial und so und man kann halt mit jedem eigentlich reden, sie sind nett. Und es gibt auch sehr schöne Essensplätze und so, schöne Parks, wo man mit Freunden spielen kann.“

Das Amalienbad am Reumannplatz in Favoriten. (Foto: Luca Niederdorfer)

Ich bleibe noch ein bisschen im Waldmüllerpark und lasse die ganzen Eindrücke etwas auf mich wirken. Wie viele Menschen habe ich Favoriten davor nur aus den Schlagzeilen gekannt. Und diese Schlagzeilen erzählen selten die ganze Geschichte – das war mir auch schon vorher bewusst. Sie prägen nicht nur den Bezirk, sondern sie prägen auch die Art und Weise, wie wir über den Bezirk denken und sprechen.

Aber meine Erfahrungen und die Gespräche, die ich mit Menschen hier geführt habe, haben mir vor allem eines sehr eindrucksvoll gezeigt: Favoriten ist lebendig und Favoriten ist vielfältig. Das merkt man vor allem dann, wenn man sich Zeit nimmt und den Menschen zuhört.

Und ja, auch in Favoriten gibt es Konflikte und Probleme, die gelöst werden wollen. Und zwar auf Basis von Fakten und mit Rücksicht auf alle Menschen, die hier leben.

Auf meinem Weg nach Hause muss ich an einen Satz denken, den Sabine vorhin gesagt hat: „Ich mag das, also ich hab so ein Gefühl von Miteinander und guter Gemeinschaft – so ein Grätzlgefühl, was ich sehr mag. Auch die Favoritenstraße und so. Es ist irgendwie einfach ein Platz für alle und ich hab das Gefühl, dass die Leute im Zehnten überhaupt nicht gegeneinander sind, aber dass das von außen so dargestellt wird, als wäre das so.“

Audioproduktion und Sounddesign: Simon Altorff und Patrik Haas
Mixing und Mastering: Patrik Haas
Sprecherin (Headlines): Mia-Valentina Kordesch