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Der Begriff Heimweh wurde in der deutschen Schweiz geprägt. 1688 beschrieb der Arzt Johannes Hofer Heimweh als eine Krankheit, bei der Fieber, unregelmäßiger Herzschlag oder Magenschmerzen auftreten würden und die sogar zum Tod führen könnte. Auch wenn wir es heute besser wissen – Heimweh kann sich genau so anfühlen. So war es auch für Franz, eines der letzten Schwabenkinder aus Vorarlberg. Diese Kinder, die meistens zwischen sechs und 14 Jahren alt sind, wandern für das halbe Jahr von Zuhause aus Tirol und Vorarlberg weg, um bei Bauern im Schwabenland zu arbeiten. Bei über 10.000 Kindern kann man mittlerweile belegen, dass sie zwischen dem 17. Jahrhundert und Mitte des 19. Jahrhunderts mindestens einmal ins Schwabenland gewandert sind. Mehr zur Geschichte von Franz und den Schwabenkindern erfährst du in Teil 1 dieser Geschichte:

Franz stammt aus dem verarmten Silbertal im Montafon, wo seine Familie auf einem kleinen Hof mit ein paar Tieren oben am steilen Hang lebt. Mit 13 Jahren wird er 1937 ins Schwabenland geschickt und landet bei einem kinderlosen Bauern-Ehepaar in Kißlegg bei Wangen im Allgäu. Franz muss dort hauptsächlich Schweine hüten. Die Arbeitszeiten sind zwar lang, aber das Ehepaar behandelt ihn nicht schlecht – schlägt ihn zum Beispiel nicht, wie es von vielen anderen Schwabenkindern überliefert ist. Aber Franz plagt eben das schreckliche Heimweh. Auch weil es für die Schwabenkinder fast unmöglich war, mit der Familie Kontakt aufzunehmen. Deswegen sieht Franz nur eine Option:
„Er ist ausgerissen und wollte heim”,
erzählt Franz’ Tochter Doris. Ohne Geld ist der Weg von Kißlegg ins Silbertal gar nicht so einfach zu bewältigen. Aber Franz schafft es, sich in einen Zug zu schleichen und versteckt sich dort erfolgreich, bis er in Schruns ankommt, von wo er die letzten acht Kilometer nach Hause läuft. Dass Franz überhaupt so starkes Heimweh entwickelt, ist erstaunlich.
Schruns im März 2026. 4.000 Menschen leben heute dort. (Foto: Ines Janas für JETZT)
Schruns im März 2026. 4.000 Menschen leben heute dort. (Foto: Ines Janas für JETZT)
Schruns im März 2026. 4.000 Menschen leben heute dort. (Foto: Ines Janas für JETZT)
Denn Zuhause hat er es nicht immer leicht, wie Doris berichtet:
„Er ist sehr arm aufgewachsen und hat es nicht gut gehabt – vor allem mit dem Vater. Obwohl wir mittlerweile davon ausgehen, dass der nicht sein leiblicher Vater war. Und Franz es deswegen so schlecht gehabt hat.”
Franz macht daheim also einiges durch – auch, weil er rebellisch ist und aneckt. Dass er von der Familie ins Schwabenland geschickt wird, das verletzt und traumatisiert ihn lange. „Das war für ihn sehr sehr verletzend – das hat ihn sehr enttäuscht”, sagt Doris. Umso mehr verwundert es, dass Franz im Sommer 1937 aus Kißlegg wegläuft.
„Trotz der schlechten Kindheit hat er Heimweh gehabt. Das ist eigentlich das Wahnsinnige – du hast eine schlechte Kindheit und spürst trotzdem dieses Heimweh.”
Als Franz erschöpft beim Haus der Eltern ankommt, wird er aber nicht so empfangen, wie er es sich vorgestellt hat.
„Er ist heimgekommen und die Mutter hat ihn genommen und hat ihn am nächsten Tag zum Bahnhof gebracht und er musste wieder gehen. Das hat er sehr sehr oft erzählt – das war prägend für ihn.”
Ein Schock für Franz, der ihn sein Leben lang begleitet. Und auch im Tal finden viele falsch, wie mit Franz umgegangen wird. Doris erzählt von einem verwandten Ahnenforscher, der ihr berichtet hat, dass die Geschehnisse durchaus kritisch gesehen wurden. Ich frage Doris auch, wie sie selbst über das Verhalten von Franz’ Eltern damals denkt: „Mein Gefühl heute ist, dass ich auf seine Eltern wütend bin. Sie haben ihm einfach keine schöne Kindheit gemacht.” Weil Franz aber nie über seine Eltern geschimpft hat, hat sie nie wütend sein können. Erst beim Tod der Großeltern erfährt Doris langsam, was in der Familie alles passiert ist.
Schaffe' statt Schulbank
Neben den persönlichen Schicksalen und Misshandlungen, von denen im ersten Teil die Rede war, ist auch die Bildung ein Thema, bei dem die Schwabenkinder vernachlässigt werden. Denn die Kinder sind oft von März bis November im Schwabenland und bekommen dort keinen Unterricht, weil sie komplett mit Arbeit eingedeckt sind. Im Königreich Württemberg herrschte zwar eine Schulpflicht, aber die schwäbischen Bauern ignorierten sie.

Auch in den österreichischen Herkunftsgemeinden gab es im 19. Jahrhundert Schulpflicht. Die Gemeinden haben die Kinder aber kurzerhand davon befreit. Das war eigentlich gesetzeswidrig, aber aus Kostengründen wurden hier auf Gemeindeseite beide Augen zugedrückt. Leidtragende waren natürlich die Kinder, die keine faire Bildungschance hatten. Im Roman „Die Schwabenkinder” beschreibt Autor Elmar Bereuter die Sicht des amerikanischen Journalisten Peter Whitehead auf die Lage so:
„Nachdenklich blieb der Amerikaner auf dem Platz zurück und sah ihnen nach, bis der Zug verschwunden war. Gewiss sahen die Kinder viel gesünder und besser genährt aus als im Frühjahr. Aber deswegen hatte doch niemand das Recht, sie von den Eltern wegzureißen, sie um ihre Kindheit zu betrügen und als halbe Analphabeten ins Leben zu schicken.”
Im Montafon äußert sich das konkret in einem Bericht des Schulkommissär von 1789. Er berichtet, dass in Schruns weniger als die Hälfte der Kinder die Schule besuchten und dass wegen der Armut vielen Kindern die Schuhe fehlten. Erst im 20. Jahrhundert bessert sich die Bildungssituation für die Schwabenkinder.
Hoch hinaus – die Entwicklung des Montafon
Das Montafon hat sich in den vergangenen 100 Jahren wie viele Bergregionen gewandelt – hat dabei dennoch einige Besonderheiten. Einerseits beim Tourismus – der nimmt im Montafon zu Anfang des 19. Jahrhunderts durch das Aufkommen des Skifahrens richtig an Schwung auf und entwickelt sich in der Nachkriegszeit noch einmal verstärkt.
Historische Postkarten zeigen die Idylle und dünne Besiedelung im Silbertal. Sie sind gleichzeitig Zeugnis der Touristifizierung. Foto von 1963 (Fotos: Ansichtskartensammlung, Vorarlberger Landesbibliothek)
Historische Postkarten zeigen die Idylle und dünne Besiedelung im Silbertal. Sie sind gleichzeitig Zeugnis der Touristifizierung. Foto von 1963 (Fotos: Ansichtskartensammlung, Vorarlberger Landesbibliothek)
Historische Postkarten zeigen die Idylle und dünne Besiedelung im Silbertal. Sie sind gleichzeitig Zeugnis der Touristifizierung. Foto von 1963 (Fotos: Ansichtskartensammlung, Vorarlberger Landesbibliothek)
Historische Postkarten zeigen die Idylle und dünne Besiedelung im Silbertal. Sie sind gleichzeitig Zeugnis der Touristifizierung. Foto von 1963 (Fotos: Ansichtskartensammlung, Vorarlberger Landesbibliothek)
Heute stehen im Montafon rund 16.000 Gästebetten in 1.400 Tourismusbetrieben. Allerdings ist die Zahl der privaten Vermieter immer noch außergewöhnlich hoch. 70 Prozent der Zimmer werden privat vermietet. Auch Doris hat eine kleine Ferienwohnung und sieht sich als leidenschaftliche Gastgeberin. Die touristische Entwicklung im Silbertal findet sie richtig:
„Ich hab 30 Jahre auf der Gemeinde gearbeitet. 1956 ist der erste Tourismusgast im Silbertal gewesen, ab da gab es einen Aufbau. Aber dadurch, dass es kein Durchzugstal ist, sondern ein Seitental, haben wir es noch verhältnismäßig gut.”
Maßgeblich dafür war auch die Entwicklung der Infrastruktur im Montafon – zum Beispiel durch den Ausbau von Eisenbahnstrecken. „Durch die Vorarlbergbahn bis Bludenz – oder etwas später die Arlbergbahn – wird es für die Leute immer leichter, in diese Region zu kommen. Vorher ist das schon eine ziemliche Reise.” Das erklärt Michael Kasper, er ist Historiker, Direktor des Vorarlberg Museum und hat sich intensiv mit der Geschichte des Montafons und der Schwabenkinder auseinandergesetzt. Nach der Errichtung der Bahnlinien findet eine Umstrukturierung der Region statt. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass aus alten Wirtshäusern kleine Hotels werden. Dadurch kommt auch neue Arbeit ins Montafon: „Es braucht auf einmal alle möglichen Dienstleistungsberufe – vom Bergführer zur Köchin und so weiter. Da beginnt ein leichter Wohlstandsaufschwung.”

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges setzt sich dieser Aufschwung fort – auch durch den Ausbau der Energiewirtschaft durch die Illwerke. „Es werden Stauseen, Kraftwerke und ganze Stollen gebaut – das alles schafft Arbeit.” Einen Unterschied zur Entwicklung in anderen Bergregionen macht Michael Kasper an der Struktur der Tourismusbetriebe fest.
„Es ist relativ demokratisch, wenn man so will. In jedem alten Bauernhaus werden ein paar Zimmer vermietet – es gibt nicht irgendwelche externen Investoren, die große Hotels hinstellen.”
Und damit verschwindet auch die extreme Armut, die das Montafon über lange Zeit geprägt hat. Damals gab es eine relativ große Schicht, die um das Notwendigste kämpfen musste und aus der auch viele Schwabenkinder kamen. Diese extreme Armut existiert heute so im Montafon nicht mehr. Kasper sagt dazu: „Wenn man heute durchs Montafon fährt, dann sieht man das. Eine Mittelschicht, die sich mitunter ein oder zwei Autos leisten kann, Freizeitverhalten, Reisen und so weiter. Extreme Armut wie früher existiert in der Form nicht mehr.” Sich die Lebenslagen mancher früher im Montafon vorzustellen, ist nicht immer leicht. Dabei ist der Aufschwung noch nicht so lange her.
„Man muss sich vor Augen führen, dass das nicht so weit weg ist eigentlich – vor gut 100 Jahren war das noch so.”
Franz erlebt den Wandel im Montafon mit. Über seine Zeit in Schwaben redet er lange nicht, auch weil das Thema früher ein Tabu war. „Das war es auf jeden Fall. Der Krieg zum Beispiel war kein Tabu, weil in jeder Familie jemand dabei war. Aber als Schwabenkind warst du schon eher ein Aussätziger”, sagt Doris. Obwohl Franz die Zeit als Schwabenkind schmerzlich in Erinnerung hat, sind ihm die Bauersleute aus Kißlegg nicht unsympathisch. Und so besucht er mit 75 Jahren noch einmal den Hof im Allgäu. Er erkennt viele der Orte wieder, die sein Leben 60 Jahre zuvor geprägt haben. Und sogar manche Einheimische trifft er, die sich an den Jungen aus dem Montafon erinnern. „Das war ganz toll für ihn. Er ist abends wieder daheim gewesen und gar nicht mehr aus der Freude rausgekommen.”

Doris beschreibt ihren Vater generell als glücklichen Menschen, der sein Lebensende aktiv und mit Freude gestaltet hat. In gewissen Weisen hat ihn die Schwabengängerei trotzdem nachhaltig geprägt. Doris erzählt, wie wichtig es ihm war, dass seine Kinder es besser haben sollten als er. Und auch wenn Franz selbst im späteren Leben in gutem Wohlstand leben konnte, hat sich eine Sache bei ihm ganz besonders eingeprägt – die Geschichte mit den Blaubeeren. Doris erklärt das grinsend: „Also wir haben immer Blaubeeren gehabt, alles war voll – immer ist er los zum Blaubeer suchen. Die Mama hat schon gesagt, dass sie nicht mehr weiß, was sie damit machen soll. Dann hat sie angefangen, sie heimlich zu verkaufen, weil er das auf keinen Fall zugelassen hätte – es sollte immer genug zu essen da sein – dabei haben wir ja sowieso genug gehabt.” Doris, die oft beim Blaubeerputzen mithelfen musste, hatte sich eigentlich geschworen, keinen Mann zu heiraten, der „in die Blaubeeren geht“. Ein Versprechen, das sie nicht halten konnte, wie sie amüsiert erzählt. Ich frage Doris, wer ihrem Mann das Blaubeerbrocken nahegebracht hat. „Natürlich der Papa – der an manchen Wochenenden bis zu 300 Kilo heimgebracht hat”. Aber Doris kann den Vater verstehen – die Blaubeere war die Frucht, die Franz schon als Kind sammeln musste und die ihm geholfen hat, nicht zu verhungern.
Das Silbertal in Richtung Südosten im März 2026. (Foto: Ines Janas für JETZT)
Das Silbertal in Richtung Südosten im März 2026. (Foto: Ines Janas für JETZT)
Das Silbertal in Richtung Südosten im März 2026. (Foto: Ines Janas für JETZT)
Am Ende meines Gesprächs mit Doris frage ich sie noch, was man aus der Geschichte ihres Vaters lernen kann und mitnehmen sollte: „Dass man zu sich und seiner Geschichte steht – zum Beispiel, wenn man nicht mit dem leiblichen Vater groß wird. Dass das nicht unter den Teppich gekehrt wird.”
Letztendlich schließt sich im Leben von Franz auch dieser Kreis wieder. Denn als Doris und ihre Geschwister in der Schule sind, spricht Doris’ Mutter einen schicksalhaften Gedanken laut aus: „Wenn man mir da ein Kind vor die Tür legen würde, das würde ich sofort nehmen.” Und als hätte sie es geahnt, steht kurz darauf die Fürsorge vor der Tür. Sie hätten ein Kind, das dringend untergebracht werden müsse, und sie wissen nicht, wohin. „Erst hat die Mama gesagt, dass das ja nur so dahingesagt war, aber die Fürsorge hat gesagt: Das wäre so gut bei euch aufgehoben – und am nächsten Tag hatten wir ein Kleinkind.”
So konnte Franz, der ohne leiblichen Vater aufgewachsen ist, einem Kind mit dem gleichen Schicksal der Vater sein, den er selbst gebraucht hätte.
Die Geschichte der Schwabenkinder ist vielfältig. Je nach Herkunft, Zeitraum und einzelnen Bauern erleben die Kinder mehr oder weniger Schlimmes. Die Bergbevölkerung im Montafon, die einst bitter ums Überleben kämpfen musste, lebt heute in relativem Wohlstand. Doris ist dankbar, dass ihr die Eltern ein Leben ohne Armut ermöglicht haben. Sie ist und bleibt im Silbertal – das Tal, das auch ihr Vater so gemocht hat: „Wir haben eine schöne Kindheit gehabt, waren nie hungrig. Wir haben es gut gehabt – das Silbertal ist einfach ein schönes Tal und ich bin sehr dankbar, dass ich hier wohnen darf. Wenn ich weg bin, dann komme ich immer wieder gern zurück. Das sind einfach meine Wurzeln.”
Den ersten Teil von „Mein Vater, das Schwabenkind“ kannst du hier noch einmal nachlesen oder hören.
Wenn du eine Frage zu den Schwabenkindern, oder zur Entwicklung des Montafon hast, dann schreib gerne einen Kommentar. Michael Kasper, Historiker und Direktor des Vorarlberg Museum, wird über die Kommentare schauen und versuchen, auf alle Fragen einzugehen.
Audioproduktion und Mix: Yannik Milz
