Nach dem antisemitischen Anschlag in Sydney: Wie können wir jüdisches Leben schützen?
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Am Sonntag haben zwei Männer in Sydney in Australien einen antisemitischen Anschlag verübt. Am Strand Bondi Beach haben sich jüdische Menschen getroffen, um gemeinsam den Beginn von Chanukka zu feiern – ein Wochenend-Community-Event, wie man es kennt: Menschen kommen zusammen, essen, feiern und haben eine schöne Zeit – bis die zwei Täter in die Menge geschossen haben. 15 Tote gibt es bisher laut Medienberichten und viele Verwundete. Einer der Täter ist von der Polizei erschossen worden, der andere liegt schwer verletzt im Spital.
Antisemitismus steigt seit Jahren an. 2024 hat die Antisemitismus-Meldestelle der Israelitischen Kultusgemeinde 1.520 antisemitische Vorfälle gezählt – über ein Drittel mehr als 2023 und eine Verdreifachung innerhalb von sieben Jahren.
In einem Online-Video sieht man, wie ein Zivilist bei Bondi Beach einen der Täter entwaffnet. Der Mann wird wegen seines Akts der Zivilcourage jetzt als Held gefeiert. Was können wir als Gesellschaft und was kann die Politik Antisemitismus entgegensetzen, um jüdisches Leben und jüdische Menschen zu schützen?
Dazu spreche ich mit meiner Kollegin Celeste Ilkanaev, die Jüdin ist und sich in ihren Recherchen schon viel mit Antisemitismus beschäftigt hat.
Hinweis: Wir haben im Text zuerst "Israelische Kultusgemeinde" stehen gehabt und so auch im Audio drin. Im Text haben wir es jetzt ausgebessert zum richtigen Begriff "Israelitische Kultusgemeinde". Wir bitten um Entschuldigung für den Fehler und danken für die Hinweise.
JETZT: Celeste, danke, dass du dich so spontan bereit erklärt hast, heute mit mir zu sprechen. Hast du das Gefühl, dass du in Wien und in Österreich offen als Jüdin leben kannst?
Celeste Ilkanaev: Was heißt offen? Also, ich habe keine Scham davor, zu sagen, ich bin jüdisch. Angst wäre zu viel gesagt. Verunsicherung schon eher. Es ist für mich immer eine Frage, in welchen Räumen ich mich bewege und wie wohl ich mich allgemein fühle. Und ich würde das weiter fassen als nur jüdisch sein, sondern wie wohl ich mich fühle als Person, die vielleicht nicht weiß gelesen wird oder als weibliche Person und dann noch dazu als jüdische Person. Man muss viele verschiedene Sachen zusammendenken. Wenn ich in einem Raum bin, wo ich das Gefühl habe, die Leute sind sehr rechts, würde ich nicht so offen sagen, dass ich jüdisch bin. In einem Raum, wo die Leute offen und tolerant sind, sollte das kein Problem sein.
JETZT: Du hast verschiedene Settings angesprochen. Wie anders reagierst du oder trittst du anders auf, wenn du zum Beispiel in Wien unterwegs bist versus am Land oder in einem anderen Land? Was checkst du für dich ab?
Ilkanaev: Weil ich in Wien geboren und aufgewachsen bin, fühle ich mich dort viel sicherer und weiß genau, wo ich hingehe und wo Gefahren lauern könnten oder nicht. Da bin ich viel offener und fühle mich wohler. Wien ist eher eine linkere Stadt, da gehe ich davon aus, dass die Leute offener und toleranter sind. Am Land ist es oft so, dass die Leute gar nicht negativ rassistisch sind, sondern positiv rassistisch – was auch Rassismus ist. Da kommen oft Sätze wie, ich sei exotisch oder es sei toll, dass ich so gut Deutsch spreche. Das Praktische an einem Religionsbekenntnis ist ja, dass man es niemandem ansieht. Außer man trägt Merkmale wie eine Kippa. Bei mir würde man auf der Straße nicht denken, dass ich jüdisch bin. Am Land habe ich eine größere Hemmschwelle zu sagen, dass ich jüdisch aufgewachsen bin, weil ich nicht zu Hause bin und nicht weiß, was mich erwarten könnte. Und weil ich, blöd gesagt, auch eigene Vorurteile habe und Angst, dass die Leute eher konservativ sind – konservativ im Sinne von Angst vor anderen und vor neuen oder „exotischen“ Leuten.
JETZT: Wie hat sich das Sicherheitsgefühl in den vergangenen Jahren in der jüdischen Gemeinschaft verändert?
Ilkanaev: Extrem. Das hat mit den Corona-Demos begonnen, die den Diskurs über Antisemitismus ins Öffentliche gebracht haben. Die antisemitischen Vorfälle sind stark gestiegen. 2021 gab es über 900 gemeldete Vorfälle, im Vorjahr über 600. Danach kam der 7. Oktober und hat eine neue Welle an Antisemitismus ausgelöst. Ich würde nicht sagen, dass das aus dem Nichts entstanden ist, sondern dass die Leute jetzt öffentlich weniger ein Problem damit haben, ihren Antisemitismus auszuleben. Ich glaube nicht, dass die Leute durch den 7. Oktober angefangen haben, antisemitisch zu werden, sondern dass es jetzt weniger Scham gibt. Das Leben für jüdische Personen hat sich dadurch sehr verändert, besonders für Kinder, Jugendliche und Studierende, die in Institutionen sind, wo ständig über solche Themen gesprochen wird.
JETZT: Was waren die wichtigsten Faktoren in den vergangenen Jahren, die das Problem verstärkt haben?
Ilkanaev: Einerseits der Umgang mit dem Nahostkonflikt – nicht nur in der Zivilgesellschaft, sondern auch in Medien, Schulen und Universitäten. Wenn so ein Thema gemieden wird, heißt das nicht, dass es am Stammtisch nicht diskutiert wird. Das macht es schlimmer. Ohne Moderation explodiert der Diskurs. Die digitalen Medien spielen auch eine große Rolle – wie der Diskurs auf Social Media geführt wird, wie polarisiert das ist und wie Algorithmen Inhalte fördern, die schockieren und die Leute länger dranhalten. Mit jeder großen Krise kommt mehr Antisemitismus. Es wird immer darauf zurückgeführt, dass jüdische Personen schuld wären. Das gehört zum Antisemitismusbegriff. Dann kommen immer wieder die alten Sagen von jüdischer Elite oder großen Mächten. Diese Krisen führen dazu, dass Antisemitismus immer mehr explodiert.
JETZT: Wie muss der Diskurs über Antisemitismus aussehen, damit wir als Gesellschaft besser gerüstet sind?
Ilkanaev: Der erste Schritt ist, Antisemitismus nicht zu leugnen. Wenn eine jüdische Person von Erfahrungen berichtet, sollte man das nicht verharmlosen oder leugnen. Das klingt banal, aber da beginnt es oft schon, dass der Diskurs aufhört. Man sollte auf eine humane Art und Weise miteinander reden, sich streiten dürfen, aber nicht diffamieren oder entmenschlichen. Die Entmenschlichung passiert oft – bei jüdischen wie auch bei palästinensischen Personen. Es braucht Räume, in denen das nicht passiert. In Institutionen sollten Menschen Verantwortung übernehmen, etwa Lehrpersonen oder Professorinnen, die Gespräche moderieren und nicht meiden. Zuhören, darauf eingehen und Fakten checken sind auch wichtig. Diese Kleinigkeiten gelten für jeden Konflikt und jedes Gespräch.
JETZT: Der Umgang von Lehrpersonal und Institutionen mit Antisemitismus ist ein wichtiger Punkt in der nationalen Strategie gegen Antisemitismus. Was findest du im Bildungskontext besonders wichtig, was fehlt, was überrascht dich?
Ilkanaev: Es gab schon 2021 die 49 Maßnahmen, jetzt ist es eine Weiterentwicklung davon. Wichtig sind die Dialogprogramme wie „Likrat“ und die Website www.erinnern.at mit Workshops. Es gibt schon viel, aber das größte Problem ist, dass es an der einzelnen Lehrperson hängt, ob diese Angebote genutzt werden. Viele Maßnahmen sind nicht verpflichtend. Das sollte im Curriculum integriert sein.
„Likrat“ ist ein Beispiel: Jüdische Jugendliche gehen in Klassen und sensibilisieren für Antisemitismus, beantworten Fragen. Das zeigt, dass jüdisches Leben ganz normal ist. Es gibt den Podcast „Gläserne Wand“, aber Jugendliche werden nie von selbst www.erinnern.at googeln. Es sollte mehr verpflichtend sein. Ab 2026 soll im Lehramts-Master über Rassismusformen und Antisemitismus unterrichtet werden. Ich war überrascht, dass das nicht schon früher so war. Das erklärt, warum viele migrantische Jugendliche Rassismus vom Lehrpersonal erfahren – weil sie das nie gelernt haben. Es ist gut, dass es jetzt gemacht wird, aber ein Wahnsinn, dass es bisher nicht gemacht wurde.
JETZT: Was passiert, wenn Jugendliche aus verschiedenen Gruppen aufeinandertreffen – welches Potenzial hat das?
Ilkanaev: Ich habe eine große Recherche zu Antisemitismus in Schulen gemacht und mit verschiedenen Jugendlichen gesprochen. Leider haben sie oft sehr schlimme Erfahrungen gemacht. In zwei Fällen wurde ihnen geraten, auf eine jüdische Schule zu wechseln – das ist kein Umgang. Ich selbst war auf einer internationalen Schule mit vielen Kulturen und Sprachen, da gab es viel weniger Rassismus und keinen Antisemitismus. In einer Klasse mit 30 verschiedenen Kulturen interessiert es kaum jemanden, woher man kommt oder welche Religion man hat. Das war eine sehr coole Erfahrung – wir hatten viele „Geheimsprachen“ und konnten in der U-Bahn auf Französisch oder Russisch reden.
JETZT: In Österreich ist die Erinnerung an das Dritte Reich und rechter Antisemitismus sehr präsent. In der Statistik von 2024 steht aber erstmals Antisemitismus aus muslimischer Richtung an erster Stelle, dahinter linker Antisemitismus. Wie ordnest du das ein?
Ilkanaev: Diese Statistik wird viel diskutiert. Es ist eine Frage der Definition von Antisemitismus und israelbezogenem Antisemitismus. Die meisten linken Vorfälle sind israelbezogen, etwa bei Pro-Palästina-Demos, wo islamistische Flaggen gezeigt werden – das gilt als Antisemitismus. Es sind andere Formen als von rechts oder von muslimischen Personen. Die Frage ist, wie sich Antisemitismus ausdrückt – physische Gewalt, verbale Gewalt, Massenzuschriften. Von links sind es oft Massenzuschriften, von muslimischen Personen auch. Früher kam physische Gewalt meist von rechts, jetzt mehr von muslimischen Personen. Letztes Jahr waren es sieben muslimische Personen von 16 Angriffen, eine Person von links, drei von rechts. An Universitäten gibt es viel Antisemitismus, besonders bei Pro-Palästina-Demos. Ich habe eine Recherche zu Kunstuniversitäten gemacht, da haben jüdische Personen von Ausgrenzung berichtet, obwohl sie kritisch gegenüber der israelischen Regierung waren.
JETZT: Von Protesten ausgeschlossen?
Ilkanaev: Generell aus der Gruppe, im universitären Kontext. Sie haben sich unwohl gefühlt und Freundinnen verloren. Ich persönlich erlebe keinen Antisemitismus von links oder von muslimischen Personen, aber ich weiß nicht, ob ich repräsentativ bin. Wenn ich Antisemitismus erlebe, dann meistens von rechten Personen.
JETZT: Was kann die Zivilgesellschaft tun, damit jüdisches Leben öffentlich sicher ist?
Ilkanaev: Es ist wichtig, Zivilcourage zu zeigen. Wenn man Antisemitismus sieht oder hört, sollte man einschreiten – auch wenn keine jüdische Person im Raum ist. Wenn ein antisemitischer Witz fällt, sagen: „Das ist nicht lustig, das ist grenzüberschreitend.“ Sich klar dagegen zu positionieren ist enorm wichtig. Man sollte auch darauf achten, keine Mikroaggressionen zu äußern, wie „Du sprichst ja so gut Deutsch“ oder „Das ist ein exotischer Name“. Solche Aussagen sind verletzend. Viele sagen zu mir: „Du bist die erste Jüdin, die ich kennengelernt habe.“ Ich frage mich, was sie erwarten – Gratulation? Wer nicht antisemitisch sein möchte, sollte reflektieren, was er sagt und ob er das selbst hören wollen würde.
JETZT: Es gibt die 3D-Regel, um zu erkennen, ob eine Aussage antisemitisch oder legitime Kritik am Staat Israel ist. Hilft sie?
Ilkanaev: Auf jeden Fall. Wenn man ein ungutes Gefühl bei einer Aussage hat, kann man sich fragen, ob sie antisemitisch ist. Es ist alles legitim, solange man nicht alle jüdischen Personen mit Israel gleichsetzt. Verallgemeinerung ist das Schlimmste. Man sollte auf sein Bauchgefühl vertrauen und überlegen, bevor man etwas sagt.
JETZT: Wie beurteilst du das Vorgehen der Regierung gegen Antisemitismus?
Ilkanaev: Wenn etwas Schreckliches passiert, sind plötzlich alle empört. Aber wenn gerade kein Aufschrei da ist, passiert gar nichts. Es ist gut und ambitioniert, einen über 200 Seiten langen Plan zu haben. Aber wenn jemand wie Walter Rosenkranz Nationalratspräsident ist, haben wir eigentlich alle unsere Ziele verfehlt.
Zum Abschluss möchte ich dir noch den Drei-D-Test mitgeben, der dir bei der Einschätzung helfen kann, ob etwas israelbezogener Antisemitismus ist oder legitime Kritik an israelischer Politik. Er ist vom israelischen Wissenschaftlicher und Politiker Natan Sharansky entworfen worden. Die Europäische Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit und auch die österreichische und deutsche Regierung orientieren sich daran.
Die drei Ds sind: Dämonisierung, Doppelstandards und Delegitimierung.
Wenn eine Person aus deinem Umfeld eine Aussage tätigt, die du einordnen möchtest, dann überlege dir, ob die drei Ds erfüllt sind:
Wenn die Person Israel dämonisiert – beispielsweise mit Nazi-Deutschland gleichsetzt – oder palästinensische Flüchtlingslager mit den Konzentrationslagern der Nazis gleichsetzt, in denen systematisch gemordet wurde, dann ist das erste D erfüllt.
Wenn die Aussage Doppelstandards enthält, ist das zweite D erfüllt. Also zum Beispiel, wenn etwas an Israel oder der israelischen Politik kritisiert wird, was an anderen Staaten nicht kritisiert wird – etwa, wenn es um Menschenrechtsverletzungen geht.
Das dritte D steht für Delegitimierung des Staates Israel, also, dass das Existenzrecht von Israel infrage gestellt wird. Das impliziert nämlich meist auch, dass Israel kein Recht auf Selbstverteidigung hat und die Menschen dort kein Recht auf ein sicheres Leben.
Es gibt Kritik, dass der Test konkretisiert werden sollte. Es wird immer wieder darauf hingewiesen, dass auch andere Faktoren eine Rolle spielen können bei der Bewertung. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass der Test für mich hilfreich ist, auf die Schnelle zu reflektieren: In welche Richtung geht eine Aussage? Und außerdem, wie Celeste gesagt hat: Auf dein Bauchgefühl hören!
Hier findest du außerdem die Vermittlungsinitiativen, die Celeste im Gespräch erwähnt hat, und den Nationalen Aktionsplan gegen Antisemitismus:
Falls du jüdisch bist: Wie geht es dir in der aktuellen Situation? Wie sicher fühlst du dich? Und für alle, die nicht jüdisch sind: Wie gut klappt es für dich, Antisemitismus und legitime Kritik am Staat Israel auseinander zu halten? Gab es irgendetwas, was dir dabei geholfen hat, die Grenzen besser zu verstehen?
Einen schönen Nachmittag wünscht dir
Pia Miller-Aichholz