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Es ist im Februar gewesen. Simeon Weber ist gerade in eine neue Wohngemeinschaft im Wiener Gemeindebezirk Simmering eingezogen. Der Mitte 20-jährige macht es sich auf dem Sofa im Wohnzimmer gemütlich. Eingekuschelt in einer Decke, liest er ein Buch, als er plötzlich laute Stimmen hört. Es müssen zwei Personen sein: eine männliche und eine weibliche. Sie werden immer lauter und beginnen heftig miteinander zu streiten. „Der Mann war viel lauter zu hören. Man hat die Aggression bemerkt, es war ein sehr emotionaler Streit“, sagt Simeon.
Er lauscht weiter. Viele Gedanken gehen ihm gleichzeitig durch den Kopf. Er versucht, die Geräusche einzuordnen. „Werden Türen zugeschlagen? Hört man Kinder schreien?”, fragt er sich. Kinderstimmen hört er keine. Simeon legt das Buch zur Seite. Er geht in der Wohnung auf und ab, folgt den Stimmen und versucht herauszufinden, woher sie kommen und was dort genau passiert.
Als Simeons Mitbewohnerin nach Hause kommt, sind die Stimmen bereits verstummt. Er erzählt ihr von der Situation. Auch sie hat die lauten Streite schon öfter gehört. Die beiden Studierenden sitzen im Wohnzimmer und fragen sich: „Was sollen wir jetzt machen? Sollen wir die Polizei rufen? Sind sie überhaupt die richtige Ansprechstelle?“, sagt Simeon.
Kurz überlegen sie, ob sie nicht selbst bei der Nachbarwohnung klingeln sollen – auf gut Glück fragen, ob alles in Ordnung ist oder ob man helfen kann.
„Im Endeffekt haben wir gar nichts gemacht. Wir haben darüber geredet, aber nicht gehandelt“, sagt Simeon.
Die lauten Wortgefechte aus der Nachbarwohnung wiederholen sich. Immer wieder stellen sich dieselben Fragen. Und wenn das Geschrei vorbei ist, wird es verdrängt. „Ich habe das eher auf die leichte Schulter genommen“, sagt Simeon.
Mit dieser Erfahrung ist er nicht alleine. Wir haben in unserer Redaktion, in unserem Umfeld und bei euch, unseren Mitgliedern, nachgefragt.
Hast du schon einmal weggeschaut oder weggehört, als du Anzeichen für Gewalt gegen eine Frau wahrgenommen hast, dir aber nicht sicher warst, was gerade passiert?
Andreas Posch ist JETZT-Mitglied und hat sich bei uns gemeldet. Er ist Anfang 60 und wohnt in der 3000-Einwohnerinnen-Gemeinde Steinbrunn im Burgenland. Wir haben mit ihm telefoniert. Er erzählt, dass es ihm schon öfter ähnlich gegangen ist wie Simeon, zum Beispiel beim Dorffest.
„Wenn die Männer angesoffen sind, behandeln sie ihre eigenen Partnerinnen oft schlecht”, sagt Andreas. Das geschehe manchmal nur wenige Meter entfernt. Er beobachte Situationen, bei denen er eigentlich eingreifen sollte. Doch es entstehe eine Hemmschwelle, manchmal auch durch Bequemlichkeit.
„Da ist mein Bewusstsein besser ausgeprägt als mein Handeln”, sagt Andreas.
Simeon und Andreas sind beide in Kreisen sozialisiert, in denen Gewalt an Frauen als absolutes Tabu gilt. Und dennoch fällt es auch ihnen nicht leicht, in entsprechenden Situationen einzuschreiten.
Warum wir handeln müssen
In Österreich sind heuer bis dato 15 mutmaßliche Femizide begangen worden. Mit dem Mord an Jennifer S., die 2018 spurlos verschwunden ist, erhöht sich die Zahl auf 16. Da ihr Fall sonst in keiner offiziellen Statistik erfasst ist, zählen wir sie an dieser Stelle bewusst mit.
Zusätzlich werden heuer bislang 37 schwere Gewalttaten gegen Frauen gezählt. Doch nicht jede Gewalttat wird angezeigt. Die tatsächliche Zahl dürfte deutlich höher liegen.
Juristisch ist der Begriff „Femizid” in Österreich nicht definiert. Grundsätzlich wird ein Mord dann als Femizid eingeordnet, wenn drei Kriterien erfüllt sind:
- Die getötete Person ist weiblich.
- Die Tat wurde vorsätzlich begangen.
- Die Tat steht in Zusammenhang mit dem Geschlecht der Frau.
Das bedeutet: Die Frau wird wegen ihres Frauseins oder im Kontext geschlechtsspezifischer Gewalt getötet. Dabei gibt es unterschiedliche Formen von Femiziden. Meist wird das Verhältnis zwischen Täter und Opfer beurteilt. Am häufigsten werden Femizide von (Ex-)Partnern begangen.
Besonders gefährlich ist für Frauen die Zeit rund um eine Trennung vom Intimpartner. Besitzdenken, das Ausüben von Kontrolle über Frauen und psychische Gewalt gelten als ausschlaggebende Risikofaktoren für Frauen. Das erhebt eine aktuell veröffentlichte Femizid-Studie aus Wien. Untersucht worden sind vier Femizide und sechs Mordversuche durch aktuelle oder ehemalige Intimpartner, die zwischen dem 1. Jänner 2022 und dem 30. Juni 2023 in Wien begangen worden sind. Die meisten Opfer und Täter im untersuchten Zeitraum waren zwischen 50 und 59 Jahre alt.
Gewalt an Frauen ist kein alleiniges Problem der älteren Generation. Eine repräsentative Umfrage aus Deutschland aus dem Jahr 2023 zeigt, dass jeder dritte Mann zwischen 18 und 35 Jahren es „akzeptabel” findet, wenn ihnen oder anderen Männern im Streit mit der Partnerin gelegentlich die „Hand ausrutscht”.
Diese Ergebnisse decken sich mit den Erfahrungen von Frauen, die die Statistik Austria erhoben hat. In einer Stichprobe sind 6240 Frauen, die in Privathaushalten leben, befragt worden. Die Hochrechnung ergibt:
Jede dritte Frau
in Österreich ab 15 Jahren hat bereits körperliche oder sexuelle Gewalt erfahren.
513.934
davon in intimen Beziehungen.
Unter sexueller Gewalt verstehen die Verfasserinnen der Studie erzwungene sexuelle Handlungen bis hin zu Vergewaltigungen.
Wo Gewalt beginnt
Die Ursachen für diese Zahlen liegen weit vor der physischen Gewalt. Patriarchale Strukturen prägen unsere Gesellschaft tiefgreifend. Sie zeigen sich unter anderem in der Normalisierung gewaltverharmlosender und sexualisierter Sprache gegenüber Frauen.
Andreas kennt das aus eigener Erfahrung. Etwa dann, wenn am Stammtisch ein vermeintlich harmloser Frauenwitz gemacht wird. In solchen Situationen versucht er, Haltung zu zeigen. „Ich merke dann schon, dass man oft allein dasteht oder als Spaßverderber oder überkorrekt wahrgenommen wird”, sagt Andreas.
Dabei sei er meistens nicht der Einzige, dem solche Aussagen unangenehm sind – auch viele Männer empfänden das so. „Viele schweigen, machen mit oder halten sich zurück, aber stellen sich nicht. Das muss man sich einfach trauen und das muss man lernen”, sagt Andreas.
Herablassende Sprache trifft Frauen nicht nur indirekt, sondern im Alltag, zum Beispiel beim sogenannten „Catcalling”. So nennt man sexuell anzügliches Rufen, Reden, Pfeifen oder sonstige Laute gegenüber Frauen. Das Projekt „Safer Place – Sicher unterwegs, dank dir!” untersucht zwischen Oktober 2023 und Juni 2025 sexuelle Übergriffe in öffentlichen Verkehrsmitteln. In einem Online-Fragebogen sind 1069 Frauen und Mädchen befragt worden. Mehr als die Hälfte davon hat angegeben, bereits sexuelle Belästigung in öffentlichen Verkehrsmitteln erlebt zu haben.
Wie häufig Außenstehende bei Übergriffen im öffentlichen Raum eingreifen, ist nicht bekannt. Dazu gibt es in Österreich keine Zahlen. Was es jedoch gibt, sind Studien, die zeigen, dass sich Betroffene deutlich mehr Zivilcourage und Solidarität wünschen. Eine solche Studie ist vom Verein Frauen beraten Frauen durchgeführt und vom Bundeskanzleramt gefördert worden. An ihr hat unter anderem Dr. Bettina Zehetner mitgewirkt. Sie ist Philosophin, psychosoziale Beraterin und Vorständin des Vereins. Wir treffen sie in ihrem Büro im sechsten Wiener Gemeindebezirk.
Warum schauen wir weg?
Bettina Zehetner eilt zu dieser Zeit im Jahr von einem Termin zum nächsten. Wir treffen uns am 10. Dezember, dem letzten Tag der UN-Kampagne „Orange the World”. In den 16 Tagen zwischen dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen und dem Internationalen Tag der Menschenrechte wird weltweit auf Gewalt gegen Frauen aufmerksam gemacht. In dieser Zeit greifen sehr viele Medien das Thema auf. „Heuer sind es nochmal mehr”, sagt Zehetner. Die Aufmerksamkeit für geschlechtsspezifische Gewalt steigt nach ihrem Empfinden. „Aber gleichzeitig habe ich den Eindruck, wir wollen es gar nicht so genau wissen”, sagt die Expertin.
Dass es uns schwerfällt, über Gewalt an Frauen zu sprechen und zu handeln, liegt laut Zehetner vor allem daran, dass diese Gewalt meist „in nahen Beziehungen, in Liebesbeziehungen“ stattfindet. Wie bereits erwähnt, haben mehr als 500.000 Frauen in Österreich Gewalt in intimen Beziehungen erlebt. 80 Prozent haben diese wiederholt vom selben Partner erfahren.
Die Täter sind jene Personen, in die man sich verliebt hat, mit denen man Kinder hat oder haben wollte, mit denen man das Leben teilt.
„Das ist so unerträglich, dass das wirklich im Herzen unserer Gesellschaft, mitten in den Familien, so häufig stattfindet”, sagt Zehetner.
Dass das so ist, wollen wir nicht wahrhaben. Das führt laut Zehetner auch dazu, dass wir in Situationen, in denen wir Anzeichen von Gewalt wahrnehmen, nicht einschreiten. „Wir schauen nicht hin, wir gehen weg und machen uns damit zu Mittätern und Mittäterinnen. Denn dann unterstütze ich die gewaltausübende Person, indem ich sie machen lasse. Gleichzeitig schwäche ich die Person, die gerade Gewalt erlebt“, sagt Zehetner.

Was kann ich konkret tun?
Befindet man sich in einer Situation wie jener, die Simeon damals in seiner Wohnung erlebt hat, empfiehlt die Expertin einen klaren ersten Schritt: hingehen, anklopfen oder anläuten.
„Einfach zu fragen: Gibt es ein Problem? Brauchen Sie vielleicht etwas?“, sagt Zehetner. Öffnet die betroffene Person die Tür und wirkt offensichtlich hilfsbedürftig, sollte man sie konkret fragen, was sie benötigt.
Öffnet die gewaltausübende Person die Tür, sei es besonders wichtig, auf sich selbst zu achten: nicht konfrontativ zu sein und die Situation nicht eskalieren zu lassen. Man könne etwa sagen, man habe etwas gehört und wolle nachsehen, ob alles in Ordnung ist oder jemand Hilfe braucht. Auch scheinbar banale Fragen, nach Mehl oder einer Tasse Milch, können helfen, die Situation zu unterbrechen. Wirkt die Lage bedrohlich, sei es ratsam, die Polizei oder die Frauenhelpline zu kontaktieren, die rund um die Uhr erreichbar ist.
Im Wohnhaus könne es außerdem hilfreich sein, Informationsmaterial von Beratungsstellen am schwarzen Brett aufzuhängen oder in Briefkästen zu verteilen. Damit wird signalisiert: Es gibt Unterstützung, und sie ist erreichbar.
Was man hingegen auf keinen Fall tun sollte:
„Ich höre nichts, ich sehe nichts, ich mische mich nicht ein”, sagt Zehetner.
Im öffentlichen Raum fällt das Einschreiten vielen noch schwerer. Auch Andreas hat erzählt, dass es ihm beispielsweise beim Dorffest nicht leichtfällt, etwas zu sagen. Dabei gelten die gleichen Regeln:
- Hingehen
- Situation unterbrechen
- Nachfragen, ob Hilfe benötigt wird
Alternativ könne man auch nach der Uhrzeit oder der nächsten Straßenbahnhaltestelle fragen. „Das kann schon hilfreich sein. Einfach, um einen Aha-Effekt auszulösen“, sagt die Expertin.
Am Ende geht es um Zivilcourage und die erfordert Mut. „Es geht darum, solidarisch miteinander zu sein. Gewalt nicht zu belohnen, niemanden mit Gewalt durchkommen zu lassen, sondern gemeinsam dagegen aufzustehen”, sagt Zehetner. Diese Haltung müsse früh gestärkt werden, am besten durch Bildungsmaßnahmen. Schon im Kindergarten sei es wichtig zu vermitteln, wann es richtig ist, sich in einen Streit einzumischen, zum Beispiel, wenn ein Kind zu weinen beginnt. „Dann ist klar: Das ist nicht lustig, das ist nicht in Ordnung. Da darf man und soll man einschreiten”, sagt Zehetner.
Die Verantwortung liegt natürlich nicht nur bei uns als Zivilgesellschaft. Gewalt an Frauen ist ein strukturelles Problem. Und hinschauen muss vor allem die Politik. Sonst wird sich nichts ändern.
Schaut die Politik hin?
33,6 Millionen Euro stellt der Bund für Frauenangelegenheiten und Gleichstellung bereit. Im kommenden Jahr sollen es 34,1 Millionen Euro sein. Das Budget bleibt damit etwa auf dem gleichen Niveau wie 2024. Angesichts der Teuerung bedeutet das jedoch keine reale Erhöhung: Eine Indexanpassung ist ausgeblieben.
Der größte Teil des Jahresbudgets, rund 18 Millionen Euro, fließt in Gewaltschutz. Dazu gehört die finanzielle Absicherung von Gewaltschutzzentren, Frauenschutzunterkünften und den Gewaltambulanzen in Wien, Graz und Innsbruck. In den anderen Bundesländern sind momentan nur mobile Gewaltambulanzen verfügbar. Das bedeutet für Betroffene lange Wartezeiten, bis mobile Teams eintreffen, oder weite Anreisen bis in die Gewaltambulanzen. Diese sind deshalb wichtig, damit Spuren und Beweise nach gewalttätigen Übergriffen dokumentiert werden.
Ende November hat die Bundesregierung den Nationalen Aktionsplan zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen präsentiert. Die Frauenministerin Eva-Maria Holzleitner (SPÖ) hat diesen bereits bei ihrem Amtsantritt im März angekündigt. Nun liegt er vor.
Der Plan umfasst 24 Seiten und listet insgesamt 158 Maßnahmen auf. Sie sollen bis zum Ende der Legislaturperiode 2029 umgesetzt werden. Zu jeder Maßnahme ist angeführt, ab wann oder bis wann sie gelten soll, sowie welches Ministerium für die Umsetzung und damit auch für die Finanzierung verantwortlich ist. Der Aktionsplan ist breit angelegt.
Im Bereich Justiz plant die Regierung ab 2026 unter anderem Verschärfungen beim Betretungsverbot für Sexualstraftäter. Dieses soll künftig auch für Orte wie Fitnesscenter oder Schwimmbäder gelten.
Für Hochrisikogewalttäter soll es bald elektronische Fußfesseln geben und für Betroffene von Gewalt Armbänder, die Alarm schlagen, wenn sich ein Gefährder nähert.
Zudem soll ein einheitliches Untersuchungskit für Opfer sexualisierter Gewalt eingeführt werden, entsprechend internationalen Standards.
Neue Formen sexualisierter Gewalt sollen in Zukunft strafrechtlich erfasst werden, unter anderem Deepfake-Pornografie.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Prävention. Schulen sollen gendersensible Arbeit mit Buben und jungen Männern ausbauen, mit besonderem Fokus auf den digitalen Raum. Denn cyberbasierte Gewalt nimmt stark zu.
Auch die Täterarbeit soll gestärkt werden: Männer, die als Risikofälle eingestuft werden, sollen verpflichtend an Anti-Gewalt-Trainings teilnehmen müssen. Bestehende Angebote der Täterberatung sollen flächendeckend ausgebaut werden.
Uneinigkeiten der Schwarz-Rot-Pinken-Regierung
In einigen Fragen herrscht innerhalb der Koalition noch keine Einigkeit, zum Beispiel bei der Verschärfung des Sexualstrafrechtes. Es ist ein Thema, das seit Jahren auf der politischen Agenda steht. Im Aktionsplan steht dazu aktuell: „Evaluierung und Verschärfung des Sexualstrafrechts mit dem Ziel, Lücken zu schließen und einen strengeren Vollzug sicherzustellen.“ Das soll bis zum zweiten Quartal 2026 geschehen.
Frauenministerin Holzleitner betont, dass es nicht um punktuelle Änderungen einzelner Paragrafen geht, sondern es eine umfassende Überarbeitung des Sexualstrafrechts braucht. Eine zentrale offene Frage bleibt, ob Österreich künftig nach dem Konsensprinzip urteilt, dem sogenannten „Ja-heißt-Ja-Modell”. Opfer von Sexualdelikten müssten dann nicht mehr nachweisen, dass sie sich mit einem „Nein” gewehrt haben. In 18 europäischen Ländern gilt dieses Prinzip bereits. Schweden führte es 2018 als erstes Land ein.
Kritik am Nationalen Aktionsplan
Der Aktionsplan ist ambitioniert. Genau das bemängeln auch die Kritiker und Kritikerinnen. Das Wording lasse an mehreren Stellen befürchten, dass der Plan am Ende ein Plan bleibe und nicht konsequent umgesetzt werde. Formulierungen wie „stärkere Berücksichtigung”, „Weiterentwicklung” und „Verbesserung” seien vage und würden keine konkreten Schritte garantieren.
„Zum Beispiel heißt es, die Familienrechtsreform muss jetzt in die Gänge kommen und sich mit Gewalt in der Familie, Gewalt durch Partner und Ex-Partner befassen. Natürlich muss sie das, aber wie genau?”, sagt Zehetner. Sie sagt, dass ohne klare Vorgaben und verbindliche Maßnahmen die Wirkung des Aktionsplans begrenzt bleiben könnte.
Auch wenn Frauen beraten Frauen und andere Beratungsstellen an der Ausarbeitung des Aktionsplans mitgewirkt haben, sagt Zehetner, dass viele wichtige Punkte noch nicht darin enthalten sind. Insbesondere das Thema digitale Gewalt gegen Frauen werde nicht ausreichend berücksichtigt. Zudem seien verpflichtende Schulungen für Polizei sowie Richter und Richterinnen zu geschlechtsspezifischer Gewalt dringend notwendig. Zehetner hofft, dass diese Empfehlungen im weiteren Prozess noch aufgegriffen werden.
Unterm Strich lässt sich festhalten: Die österreichische Regierung schaut hin, wenn es um Gewalt gegen Frauen geht. Doch hinschauen und handeln sind zwei Paar Schuhe. Ob der Nationale Aktionsplan über Ankündigungen hinaus Wirkung entfaltet, wird sich erst zeigen. Einige der Maßnahmen sollen bereits ab 2026 umgesetzt werden.
Wer schon lange hinschaut, das sind Hilfs- und Beratungseinrichtungen. Das erste Frauenhaus eröffnete 1978 in Wien. Damals machten Aktivistinnen der zweiten Frauenbewegung häusliche Gewalt gegen Frauen und Kinder erstmals öffentlich zum Thema. Zuvor wurde sie als Privatsache angesehen. Heute sind auf der Website des Frauenministeriums 87 Einrichtungen angeführt, die Hilfsangebote bei Gewalt gegen Frauen bereitstellen.
Erst 22 Jahre nach der Eröffnung des ersten Frauenhauses hat die Kampagne „White Ribbon” Österreich erreicht. Sie ist die erste größere Initiative, die von Männern ausgegangen ist. Ihr Ziel: sich für gewaltfreie Beziehungen einzusetzen und Gewalt gegen Frauen klar abzulehnen. Ins Leben gerufen wurde die Kampagne 1991 in Kanada. Seither haben sich weltweit immer mehr Männer der Bewegung angeschlossen. Das Bewusstsein steigt laut Zehetner.
„Ich zähle schon auch auf Männer, die Frauen keine Angst machen wollen und eine Männlichkeit entwickeln möchten, die auf Respekt in der Partnerschaft basiert und gleichzeitig mehr Freiheit für männliche Lebensweisen bedeutet”, sagt Zehetner.
Auch das Sozialministerium setzt auf Männer in der Präventionsarbeit. 2021 wurde die Kampagne „Mann spricht’s an“ gestartet. Auf der dazugehörigen Website sind auch Beratungsstellen für Männer aufgelistet. Solche Initiativen sollen Männer stärker in die Gewaltprävention einbinden und dazu bewegen, sich aktiv gegen Gewalt an Frauen zu positionieren.
Anfang 2019 hat der Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser in Wien das Gewaltpräventionsprojekt „StoP – Stadtteile ohne Partnergewalt“ gestartet. Die Idee ist es, Menschen in ihrer Nachbarschaft zu ermutigen, hinzuschauen, Zivilcourage zu zeigen und Partnergewalt nicht zu verschweigen oder zu dulden. So soll ein gewaltfreies Umfeld in der Nachbarschaft entstehen. Stand 2024 gibt es österreichweit 33 Standorte und mehr als 40 ausgebildete StoP-Koordinatorinnen und -koordinatoren. Sie machen Aufklärungsarbeit und Bewusstseinsbildung zum Thema häusliche Gewalt. Allein in Wien sind 2024 durch Veranstaltungen mehr als 42.000 Menschen erreicht worden, rund 1200 Personen haben an StoP-Schulungen und Workshops teilgenommen.

Wie viele Frauen und wie viele Männer diese Angebote in Anspruch nehmen, wird von den Autonomen Österreichischen Frauenhäusern nicht systematisch erhoben. Ihren Schätzungen zufolge sind jedoch rund 80 Prozent der Teilnehmenden Frauen. Auch Zehetner teilt diesen Eindruck. „Frauen schauen deutlicher auf Gewalt im Generellen hin, weil sie existenzieller im privaten Raum und im Beziehungsgeschehen davon betroffen sind. Nicht unbedingt nur im öffentlichen Raum, aber auch im öffentlichen Raum”, sagt Zehetner.
„Hey, ich halte zu dir”
Wir haben in der Redaktion darüber gesprochen, ob wir schon einmal in einer Situation waren, wo wir froh waren, dass jemand Zivilcourage gezeigt hat. Tini Engel, unser Head of Social Media, hat uns von einer Erfahrung erzählt, die ihr vor Kurzem passiert ist.
Es ist zwei Uhr morgens. Tini ist gerade auf dem Weg nach Hause. Sie steht alleine am Westbahnhof und wartet auf die U6. Ein fremder Mann nähert sich ihr. Er stellt sich neben sie und fixiert sie mit seinem Blick. Der Mann macht sie an, fragt nach ihrer Nummer. „Ich habe ihn mehrmals abgewiesen und gesagt: ,Nein, geh bitte. Lass mich in Ruhe’ ”, sagt Tini. Doch er bleibt. Wäre es eine Situation, in der sie wirklich Angst hat, hätte sie diese verlassen. Aber dem war nicht so. „Das hat mich in dem Moment einfach wütend gemacht, weil ich mir gedacht habe: Warum muss ich jetzt die Situation verlassen?”, sagt sie. Der Mann lässt sie nicht in Ruhe. Und dann stellt sich eine Frau an ihre Seite.
„Einfach um demonstrativ zu zeigen: Hey, ich halte zu dir. Es war ein schönes Beispiel von weiblichem Zusammenhalt im öffentlichen Raum, weil ich die Frau nicht kannte. Ich glaube, jede Frau hat schon einmal eine Situation im öffentlichen Raum erlebt, wo sie belästigt wurde. Ich fand es schön, dass sie sich zu mir gestellt hat. Für mich war es einfach symbolisch und emotional wichtig”, sagt Tini.
Hilfsangebote für betroffene Frauen und Helfende
Frauenhelpline: 0800 222 555
Gewaltschutzzentren in den Bundesländern: 0800 700 217
Frauenhäuser in den Bundesländern
Beratungsstellen mit dem Schwerpunkt „Gewalt gegen Frauen und Kinder in der Familie“
Opfernotruf: 0800 112 112
TAMAR Beratungsstelle für misshandelte und sexuell missbrauchte Frauen, Mädchen und Kinder: 01/334 04 37
Kraftwerk gegen sexuelle Gewalt an Frauen mit Lernschwierigkeiten: 01/714 39 39
Anonyme Online-Beratung von Frauen beraten Frauen
Beratungstelefon für Gewalt im Alter: 0699 11 20 00 99
Hilfe bei Zwangsverheiratung: 01 728 97 25
Bund Autonome Frauenberatungsstellen bei sexueller Gewalt
Interventionsstelle für Betroffene von Frauenhandel: 01/796 92 98
Hilfsangebote für Männer in Krisensituationen
Männerberatungsstellen in Österreich: 0662 88 34 64
Männerberatung in Wien: 0800 400 777
Männernotruf: 0800 246 247
Zivilcourage zeigen
https://www.linz.at/images/files/leitfaden_zivilcourage_gegen_gewalt.pdf
https://www.wendepunkt.or.at/_files/ugd/11edf2_3e8486ac3e70432699feebad5c584094.pdf
Sounddesign und Audioproduktion: Katharina Darya Ressl
Mixing und Mastering: Patrik Haas
