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16. März 2026

Renaissance oder Risiko? Warum von der Leyens Atomkraft-Pläne an der Realität scheitern könnten


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Das Atomkraftwerk in Mochovce in der Slowakei ist eines der nächsten zu Österreich und wird als unsicher kritisiert. (Foto: IMAGO / imagebroker)

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat vergangene Woche die Renaissance der Atomenergie in Europa ausgerufen. Europa soll damit in der Energiebeschaffung unabhängiger werden, die Energiewende soll leichter gelingen – die EU möchte bis 2050 klimaneutral sein – und die Strompreise sollen niedrig gehalten werden. Damit das gelingt, möchte die EU die Entwicklung von Small Modular Reactors fördern (SMR) – umgangssprachlich „Mini-AKWs“ genannt. Das Versprechen ist: Sie sind kostengünstiger zu produzieren, effizienter und flexibler auszubauen als traditionelle Großkraftwerke und sicherer. Von der Leyen sagt, Anfang der 2030er-Jahre soll die Technologie marktreif sein. In Österreich kritisieren SPÖ, Grüne und FPÖ sowie Greenpeace und Global 2000 von der Leyens Ankündigungen: Atomenergie sei teuer und mit zu viel Risiko verbunden.

Österreichs Situation ist etwas paradox: Wir sind zwar per Verfassung seit 1999 atomfrei und nützen offiziell keinen Atomstrom. Aber weil wir unseren Strombedarf alleine nicht decken können, müssen wir Strom importieren. Weil wir mit dem europäischen Stromnetz verbunden sind, kann rein physikalisch auch Atomstrom nach Österreich fließen. Genaue Zahlen dazu, wie groß der Anteil ist, gibt es nicht. Die Angaben schwanken zwischen 3 und 15 Prozent – je nach Berechnungsart.

Brauchen wir Atomenergie, um langfristig günstigen und klimaneutralen Strom zu erzeugen? Und, sollten wir auf mehr nukleare Energie setzen: Welche Antworten haben wir auf die Sicherheitsrisiken, die dadurch aufkommen, sowie auf die Frage, wie wir radioaktive Abfälle lagern?

Darüber habe ich mit Nikolaus Müllner von der Universität für Bodenkultur gesprochen. Er leitet dort das Institut für Sicherheits- und Risikowissenschaften und beschäftigt sich seit etwa 20 Jahren mit dem Thema nukleares Risiko und nukleare Sicherheit und auch mit dem Thema Kernenergie.

Es gibt günstigere, schneller verfügbare und sicherere Energiequellen als Atomkraft, sagt Nuklear-Experte Nikolaus Müllner. Foto: privat
  • Es ist schwer einzuschätzen, ob die Atomenergie die vielen Versprechen einhalten kann, die propagiert werden. Mit Blick auf die vergangenen 50 Jahre ist Nikolaus Müllner skeptisch.

  • In der Energiewende auf Atomkraft zu setzen ist riskant, weil die Errichtung von Reaktoren in den USA und Europa realistischerweise 20 Jahre brauchen. Denn die Technologie ist hochkomplex, erfordert viel Planung und hohe Sicherheitsstandards, weil Kernkraft schwierig zu beherrschen ist.

  • Müllner plädiert dafür, nicht nur darüber nachzudenken, wie wir unseren Energiebedarf decken, sondern auch unseren Energiebedarf selbst.

  • Gegenüber Atomkraftwerken sind Solarpaneele oder Windkraftparks wesentlich leichter aufzustellen – mit weniger Vorab-Finanzierungsbedarf.

  • Small Modular Reactors (SMR) sind in Wahrheit gar nicht so klein, sagt Müllner. Als Richtwert dafür, was als SDR gilt, wird eine elektrische Leistung von 300 Kilowatt pro Stunde herangezogen – wobei es keine fixe Definition gibt. Das Atomkraftwerk in Beznau in der Schweiz – die beiden Reaktoren sind zwei der ältesten Europas, die noch in Betrieb sind – produziert auch etwa 360 Megawatt pro Stunde pro Reaktor.

  • Die Vorteile, die man sich von SDRs verspricht: geringeres Gefahrenpotenzial dadurch, dass sich weniger Spaltprodukte ansammeln und die Möglichkeit, das gesamte Reaktormodul in einem zu liefern – Reaktor plus Reaktorkühlkreislauf. Wie gut das funktioniert, bleibt abzuwarten. Soweit man Module anliefern und damit bestehende Reaktoren erweitern kann, wird das ohnehin bereits getan.

  • Es stellt sich auch die Frage, wie wirtschaftlich SDRs sind. Mit der Zeit sind Reaktoren immer größer geworden, weil die Kosten pro Kilowatt im Reaktor sinken, je größer er ist. Außerdem können bei kleinen Reaktoren die Brennelemente aus technischen und physikalischen Gründen nicht so effektiv ausgenützt werden wie bei großen. Damit geht einher, dass sie pro Kilowattstunde mehr radioaktive Abfälle produzieren.

  • Beim Bau der SDRs könnten dieselben Herausforderungen aufkommen wie bisher, wenn Kernkraftwerke gebaut wurden. Müllner rechnet nicht damit, dass SDRs bis 2030 oder 2035 einsatzfähig sein werden.

  • Bisher haben wir spannende Konzepte dafür, wie wir die Menge an radioaktiven Abfällen verringern könnten, aber nichts Konkretes, was geologische Tiefenlager ersetzen könnte. Frankreich hat mehrere Jahrzehnte lang viel Geld für Forschung zu sogenannten Schnellreaktoren ausgegeben. Die Idee ist, dort radioaktiven Abfall als Brennstoff zu verwenden und dadurch zur Energiegewinnung zu nützen. Aber selbst nach dieser sogenannten Transmutation würde noch ein Rest an radioaktivem Material übrig bleiben und es ist offen, wie gut der Prozess funktioniert. Frankreich hat die Forschung dazu auf Eis gelegt.

  • Die Sicherheitskonzepte, die wir für Atomkraftwerke haben, schließen mittlerweile sehr viele Szenarien ein. Was in Müllners Augen noch fehlt, ist eine Auseinandersetzung mit Kriegsszenarien. Wenn man mal ein AKW gebaut hat, muss man damit rechnen, dass man es mindestens 60 Jahre lang auf dem neuesten Stand der Sicherheitsforschung halten und einen Rattenschwanz an Problemen bewältigen muss. Am Ende bleibt aber immer ein Restrisiko und die Gefahr, dass man eine mögliche Bedrohung nicht einkalkuliert hat. Und in der Vergangenheit haben wir das Risiko falsch eingeschätzt.

  • Die Hoffnung aus den Frühzeiten der Atomenergie, dass AKWs so günstigen Strom produziert, dass man nur die Bereitstellung in Rechnung stellt, hat sich nicht bewahrheitet. Errichtung und Betrieb sind sehr teuer. SDRs werden im Betrieb pro Kilowattstunde eher noch teurer werden und nur initial weniger Investitionskapital erfordern. Solange der Betrieb funktioniert, ist die Atomkraft aber eine stabile Energiequelle und auch wesentlich CO₂-ärmer als fossile Energieträger.


Ich hoffe, du bist gut in die neue Woche gestartet.

Einen schönen Nachmittag wünscht dir

Pia Miller-Aichholz

B-Seite-Team