Die UN kritisiert Sterilisationen von Menschen mit Behinderung. Ein Film dokumentiert nun den Missstand in Österreich
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In Österreich und Deutschland werden Frauen mit Behinderung überdurchschnittlich oft sterilisiert. In den meisten Fällen ist es nicht ihre eigene, informierte, selbstbestimmte Entscheidung. Das inklusive Magazin andererseits hat dazu recherchiert.
Am Montag hat das Medium die Dokumentation zur Recherche präsentiert, mit dem Titel „Hauptsache, du kriegst kein Kind“. Darin sprechen unter anderem Betroffene über ihre Sterilisation. Die Recherche zeigt, dass Menschen mit Behinderung im Gesundheitssystem nicht ausreichend ernst genommen werden. Ihre sexuelle und körperliche Selbstbestimmung wird außerdem nicht nur beim Thema Verhütung missachtet und verletzt. Für echte Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung gibt es eine ganze Reihe an Hürden.
Ich habe mit den Journalistinnen hinter der Recherche gesprochen: mit andererseits-Autorin Ramona Arzberger, die für den Film Regie geführt hat, und der freien Autorin Chiara Joos, die andererseits immer wieder bei Recherchen unterstützt.

Die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Gespräch:
Von unfreiwilligen Sterilisationen sind nicht nur Frauen betroffen, aber für diese Recherche hat andererseits sich besonders mit dem Wunsch, Mutter zu werden, auseinandergesetzt. Die Journalistinnen sind auf weitere Fälle gestoßen, die sie weiter verfolgen werden.
Die Dunkelziffer von Betroffenen dürfte hoch sein. Hat man Betroffene ausfindig gemacht, ist es schwer und braucht es viel Zeit, mit ihnen zu sprechen, weil man über andere Personen gehen muss, etwa Betreuungspersonen, Angehörige oder eine gesetzliche Vertretung.
Ramona Arzberger hat im Mai 2025 angefangen, zu recherchieren. Zusammen mit ihrer Kollegin Luise Jäger hat sie Aufrufe in leichter Sprache gemacht. Sie haben Menschen mit Behinderung dazu eingeladen, mit ihnen über ihren Kinderwunsch zu sprechen, über Verhütung und ihr Wissen über Sex. Im Sommer ist Chiara zum Team gestoßen. Zu diesem Zeitpunkt hat die Recherche zu konkreten Fällen begonnen.

Die Betroffenen haben oft im Gefühl, dass ihnen etwas angetan worden ist, das nicht richtig ist. Aber sie kennen ihre Rechte meist nicht. Sie sind in einem System aufgewachsen, in dem sie auf Unterstützung angewiesen sind, in dem viele Entscheidungen von anderen für sie getroffen werden. Zu realisieren, dass ihnen Unrecht angetan worden ist, ist ein langer Prozess. Dazu kommt, dass jede dritte Person, die in einer betreuten Einrichtung lebt, nicht über Sexualität aufgeklärt ist. All das erschwert die Selbstbestimmung.
Es gibt kaum Unterstützungs- und Wohnangebote für Eltern mit Behinderung.
Im Gesundheitssystem herrscht große Unwissenheit über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Gleichzeitig müssen behandelnde Ärzte und Ärztinnen spontan darüber urteilen, ob eine Person mit Behinderung einwilligungsfähig ist, wenn es um die Sterilisation geht – ohne die Person gut zu kennen. Nur, wenn die Frage, ob eine Sterilisation durchgeführt werden soll, vor dem Betreuungsgericht verhandelt wird, gibt es eine genaue Analyse.
Es gibt zu wenig Fachwissen im Umgang mit Menschen mit Behinderung, zu wenig Wissen über verschiedene Behinderungen generell. Der Zugang zu Medizin ist auch nicht für alle gleich, obwohl die UN-Behindertenrechtskonvention das eigentlich fordert. Barrierefreiheit ist nicht damit erreicht, dass eine Praxis mit einem Rollstuhl zugänglich ist. Sie beginnt mit verständlicher Sprache, durch die Menschen mit Lernschwierigkeiten oder Behinderungen wirklich aufgeklärt werden.

Die Vereinten Nationen haben schon 2023 festgestellt, dass es in Deutschland und Österreich fragwürdige Sterilisationspraktiken gibt. Die Politik hat auf Anfragen von andererseits allerdings meist ahnungslos reagiert. Es fehlen Daten, auf Basis derer dann politische Entscheidungen getroffen werden können. Ein Prüfungsschwerpunkt der Volksanwaltschaft von 2024 hat gezeigt, dass Aufholbedarf besteht. Aber bis jetzt ist nicht viel passiert. Nur einzelne Politiker und Politikerinnen auf nationaler und internationaler Ebene engagieren sich für Menschen mit Behinderung. Die große Debatte fehlt. "Wie ganz oft bei Menschen mit Behinderungen", sagt Ramona Arzberger.
Es kommt selten vor, dass mutmaßliche Verletzungen der körperlichen Unversehrtheit von Menschen mit Behinderungen vor Gericht verhandelt werden. Die Anwältin Julia Zinsmeister, die in der Dokumentation zu Wort kommt, hat ein Projekt eingereicht, im Zuge dessen sie Erhebungen dazu machen will.
In der Dokumentation zeigt andererseits auch Positivbeispiele auf. Das Aufklärungsangebot für Menschen mit Behinderung oder Lernschwierigkeiten verbessert sich – allerdings sehr langsam und zu wenig strukturell. Immer noch sind es vor allem engagierte Einzelpersonen, die viel leisten.
Die Dokumentation ist online kostenlos zu sehen. andererseits hat die wichtigsten Informationen aus der Recherche in einem Info-Dokument zusammengefasst – mit Empfehlungen für Angehörige, Menschen mit Lernschwierigkeiten sowie Ärzte und Ärztinnen.
Recherchen wie die von andererseits kann man nicht mit KI generieren. Das ist harte, lange Arbeit von echten Menschen, denen ein Thema ein wirkliches Anliegen ist – Menschen, die finden, dass etwas erzählt gehört. Daher: dankeschön, falls du unabhängige Medien bei ihrer Arbeit unterstützt. Danke auch für deine Unterstützung von JETZT, falls du schon Mitglied bist.
Mich persönlich hat schockiert, wie mit der sexuellen und körperlichen Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen umgegangen wird. Die Dokumentation hat mich zum Nachdenken gebracht – auch darüber, wie voreingenommen und uninformiert ich selbst bin, wenn es um die Sexualität von Menschen mit Behinderung geht.
Einen schönen Nachmittag wünscht dir
Pia Miller-Aichholz