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Wer 2026 einen dystopischen Blick aufs Internet werfen will, tut sich nicht schwer: Staaten wie der Iran zensieren es oder blockieren den Zugang; sie überwachen Bürgerinnen und Bürger. Tech-Konzerne sammeln höchstpersönliche Daten und verkaufen sie. Sogenannte Soziale Medien erzeugen Sucht, Algorithmen belohnen Hass. KI-Unsinn und Propaganda überschwemmen das Web.
Es ist ein enormer Kontrast zu dem, was der Erfinder des Web, Tim Berners-Lee, sich erdacht hat: Wir vernetzen uns, kollaborieren und schaffen digitales Gemeingut. Es ist nicht so, dass das nicht mehr existiert — das tut es (die Wikipedia feiert genau heute, am 15. Jänner 2026, ihren 25. Geburtstag!) —, doch oft tritt es in den Hintergrund. Der britische Informatiker Tim Berners-Lee ist 70 Jahre alt und stellt fest: „Heute erzeugt das Online-Leben eher Unbehagen als Vergnügen.“
Und gerade deswegen möchten wir Anfang 2026 eine Digital-Serie mit einem Text starten, der über die Anfänge des Internets erzählt — oder genauer: des World Wide Web. Mit Berners-Lees Ursprungsidee und seiner Vision, die dem Web zum Erfolg verholfen hat. Diese Geschichte beginnt in den 1980er-Jahren in Genf.

Ein globales Computernetzwerk, ein Inter-Net, existiert bereits und man hat sich auf eine gemeinsame globale Sprache, das Protokoll TCP/IP, geeinigt: Daten werden in kleine Pakete zerstückelt, übertragen und auf der anderen Seite der Welt wieder zusammengesetzt. „E-Mail war die erste Killer-App im Internet“, schreibt Tim Berners-Lee. Man kann persönliche Textnachrichten um die Welt schicken. Und schon damals kann man Dateien mit einer speziellen Anwendung zwischen Computern übertragen. Aber noch wissen nicht viele, wie das geht.
Gedanken austauschen wie in der Kaffeeküche
Der Physiker und Informatiker Tim Berners-Lee arbeitet zu dieser Zeit in einem kleinen Büro am CERN, der Europäischen Organisation für Kernforschung in Genf. Ende der 1980er-Jahre hat dort bereits jeder eine E-Mail-Adresse, erinnert er sich in seinem Buch „This Is for Everyone“ (2025). Aber verschiedene Abteilungen haben verschiedene, inkompatible Dokumentensysteme. Die Forschenden müssen sich untereinander austauschen, wie man ein bestimmtes System bedient – und dabei helfen ungeplante Begegnungen und Gespräche in der Kaffeeküche.
Tim Berners-Lee stellt sich die Frage: Wie kann man das digital nachbilden? Wie Systeme und Dateien miteinander verknüpfen? Aus heutiger Sicht scheint die Antwort banal: Hyperlinks. Links, das sind Verbindungen, Beziehungen. Denn es sind „Beziehungen zu anderen Menschen, die definieren, wer wir sind“, so Berners-Lee. Wie auch unsere Gedanken springen können, so kann man mit einem Klick auf einen Link ganz woanders sein.
Mit dem WWW wird das Internet populär
Logisch war dieser Gedanke damals, Anfang der 1990er, nicht: Jede Datei hatte einen Ordner, es gab ein Verzeichnis. Es gab Struktur. Wie auch auf unseren heutigen Computern. Mit dem Hyperlink-System wollte Berners-Lee die Dateien „in die freie Wildbahn“ entlassen — sie verknüpfen. Nicht nur auf einem Computer, sondern über mehrere Computer hinweg. Das System nannte der damals 34-Jährige das „World Wide Web“. Der Name bildete seine Vision ab: das Web als Netz, das anders als ein (Verzeichnis-)Baum nicht nur einen Ursprung hatte. Die Grundlage dafür bilden Dinge, die selbst den Nicht-Informatikern unter uns heute als Kürzel vertraut scheinen: HTTP, HTML, URLs.
Internetkürzel
HTTP: das Hypertextprotokoll, das Computer miteinander reden lässt
HTTPS: das sichere (verschlüsselte) Hypertextprotokoll
HTML: die Sprache von Webseiten
URL: die Adresse einer Webseite

Das Web freilich ist anfangs klein, sehr klein, es besteht aus nur einem einzigen Computer, dem von Berners-Lee. Im Dezember 1990 läuft die weltweit erste Webseite auf seinem Bürorechner in Genf. Man kann heute noch auf die Seite zugreifen: https://info.cern.ch. Gut zwei Jahre später gibt es rund 50 Webserver weltweit. Die Community ist so überschaubar, dass Berners-Lee noch E-Mails erhielt von Leuten, die eine neue Webseite gestalten – und die die Adresse mit ihm teilen wollen.
Nur, wie auf die Seiten zugreifen? Es braucht ein „Fenster in den Cyberspace“, wie das ein Experte 1993 gegenüber der New York Times bezeichnet. Das erste erfolgreiche Fenster ist Mosaic, ein Webbrowser, oder wie die New York Times damals schreibt:
„Ein neues Softwareprogramm, das Unternehmen und Privatpersonen kostenlos zur Verfügung steht, hilft selbst unerfahrenen Computernutzern, sich im globalen Internet zurechtzufinden – dem Netzwerk der Netzwerke, das zwar reich an Informationen ist, dessen Navigation jedoch verwirrend sein kann.“
Mit Metaphern ist das, was da entsteht, einfacher zu verstehen: Das Web, das ist der Informationssuperhighway, die Datenautobahn. Auf dem „cruist“ man zuerst noch, bis eine amerikanische Bibliothekarin in einer Lokalzeitung dazu aufruft, dass junge Leute auf dem neuen Bibliothekscomputer im Internet „surfen“ können, erinnert sich Berners-Lee. Wobei, wer sagt heute noch „im Internet surfen“? Heute gehen wir einfach ins Internet. Oder nein, wir müssen nirgendwohin mehr gehen. Wir sind einfach immer online.
Ist Tim Berners-Lee 1990 noch der einzige Nutzer seiner Erfindungen, nutzen sechs Jahre später schon rund 45 Millionen Menschen das Web. Im Jahr 2000 sind rund eine Milliarde Menschen online, heute sind es rund sechs von acht Milliarden — drei Viertel der Menschheit.

Dass das Web so erfolgreich wurde – es gab durchaus Alternativen —, hat mit Tim Berners-Lees Vision zu tun: Seine Internet-Protokolle sollten gemeinfrei bleiben. Kostenlos. Niemand sollte das Web kontrollieren können, auch nicht er. Das war nicht selbstverständlich, erinnert er sich. Manche Kollegen wunderten sich, warum er das Web nicht als Unternehmen führt und für seine Erfindungen Lizenzgebühren verlangt. Doch Berners-Lee hielt am freien Zugang fest.
Das World-Wide-Web-Konsortium (W3C), das sich mit offenen (nicht-kommerziellen) Webstandards beschäftigt und das er ab 1994 leitet, existiert noch heute. Mittlerweile finden sich unter den mehr als 300 Mitgliedern große Player wie US-Techkonzerne, aber auch Stiftungen und Universitäten wie die Wirtschaftsuniversität Wien. WU-Informatiker entscheiden etwa darüber mit, wie bestimmte Daten im Web maschinenlesbar sein können.
Das Internet reparieren
Die Digitalphilosophin Sabria David stellt im Interview mit der ZEIT Anfang 2026 fest:
„Auf der einen Seite haben wir offene Systeme, den Gedanken von Teilhabe, transparente Aushandlungsprozesse und gemeinsam geschaffenes Wissen.“
Auf der anderen Seite gebe es…
„den Versuch von großen Konzernen, geschlossene Systeme zu etablieren, Grenzen hochzuziehen, Zugänge nur noch in bestimmten Systemschranken zu erlauben“.
Das freie Web sei durch die Monetarisierung des digitalen Raums zunehmend bedroht, sagt sie.
Aber das ist die positive Interpretation: Es existiert nach wie vor. Und es wird verteidigt. Etwa im Kampf um digitale Privatsphäre (ein Internet ohne Überwachung) und um Netzneutralität (das Prinzip, dass alle im Internet übertragenen Daten gleich behandelt werden). Oder im Kampf gegen Marktmonopole und Datensammelei. Es existiert weiter in Ideen wie der Wikipedia (auch wenn diese nicht vor KI-Müll und Manipulation gefeit ist) und in offenen Netzwerken, die miteinander kompatibel sind, dem sogenannten Fediverse. Ein solches soziales Netzwerk ist zum Beispiel Mastodon, eine dezentrale und datenschutzfreundliche Alternative zu Plattformen wie X, das unter Elon Musk zur Hass-Schleuder wurde.
Der Erfinder des Web, Tim Berners-Lee, schon lange zum britischen Sir geadelt, ist überzeugt: „Wir können das Internet reparieren.“
Zu tun gibt es genug. Im November habe ich mich an dieser Stelle bereits mit amerikanischer Big Tech und digitaler Souveränität beschäftigt — eine Frage, die Europa noch lange beschäftigen wird. Meine Kollegin Valentine wird sich demnächst anschauen, wie KI-produzierte Inhalte das Internet zumüllen. Und wir publizieren einen langen Atlantic-Essay des Philosophen Kwame Anthony Appiah über Künstliche Intelligenz. Er ordnet darin das von ihm prognostizierte „Zeitalter von Kompetenzverlust“ historisch ein und analysiert, was die neue Technik (vor allem Chatbots) für uns als Gesellschaft bedeutet. Hört rein, versprochen: Es lohnt sich.
Sounddesign und Audioproduktion: Katharina Darya Ressl
Mixing und Mastering: Patrik Haas