Warum ist es so schwer, über Israel zu reden? Es war nie einfach, aber jetzt ist es fast unmöglich.

Das hier ist die Art Geschichte, bei der ich am liebsten tausend Fußnoten vorwegschicken würde.

Warum ist es so schwer, über Israel zu reden? Es war nie einfach, aber jetzt ist es fast unmöglich.
Hafenmauer in Jaffa (Foto: Michael Kohls)

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Ich habe das Gefühl, man kann eigentlich nicht über Israel und den Krieg in Gaza sprechen, ohne auf allen Seiten alle möglichen Menschen wütend zu machen, und genau das ist das Thema hier, das ist das Problem. Die Frage ist: Geht das überhaupt noch?

Mein Eindruck kommt aus den Medien, den sozialen Medien, aus persönlichen Gesprächen und von einer ganzen Reihe von Demonstrationen, die ich vom Rand aus beobachtet habe. Das ist also einerseits ein persönlicher Eindruck, der sich aber ganz gut empirisch belegen lässt, und er lautet: Eigentlich findet gar kein echtes Gespräch mehr statt über das, was Israel in Gaza tut und getan hat, ob das gerechtfertigt war oder nicht oder was man stattdessen tun sollte. Im Kern geht es also darum, warum das Reden miteinander unmöglich geworden ist.

Aber Reden ist wichtig. Es ist genau genommen der einzige Weg, den wir haben, um in Demokratien zu Haltungen und Lösungen zu kommen. Deshalb würde ich gerne Ideen suchen, wie es vielleicht doch gehen könnte.

Wir kennen die Gründe, warum es so schwer ist, über Israel zu reden. Da ist ganz vorne der Holocaust. Mein deutscher Großvater war ein Nazi. Ich bin also ein Nachfahre eines Täters im Holocaust. Mein Opa hat, soweit wir das wissen, niemanden mit seinen eigenen Händen umgebracht, aber er war Mitglied der Mörderbande – und sogar aktives Mitglied, als Lokalpolitiker in der NSDAP, er war Bürgermeister einer kleinen Stadt, die heute in Polen liegt. Mein Opa war kein Mitläufer, er war überzeugter Nazi.

Ich trage persönlich keine Schuld an dem, was mein Großvater getan hat, das weiß ich. Aber er war ein Nazi, und ich erwarte nicht, dass Nazi-Opfer und ihre Nachfahren kein unangenehmes Gefühl haben, wenn sie mir begegnen. Und ich ihnen gegenüber auch.

Da ist Scham. Da ist die Angst, etwas Falsches zu sagen oder etwas zu triggern. Ich bin jedenfalls nicht locker in Gegenwart – vor allem alter – Juden. Und ich bin auch nicht locker beim Sprechen über sie. Jetzt gerade bin ich nicht locker, weil ich das Gefühl habe, ich sage gleich irgendetwas, das antisemitisch ist oder als antisemitisch verstanden werden kann, oder – und das ist der nächste Punkt – das irgendjemand als antisemitisch verstehen will. Denn das passiert ja auch oft, die sogenannte Instrumentalisierung des Antisemitismus-Vorwurfs“, wir kommen da später nochmal genauer drauf zu sprechen. Aber jetzt einmal plakativ und extrem vereinfacht: Wenn jemand öffentlich zum Beispiel Israel kritisiert, dann meldet sich immer irgendjemand und findet die Kritik antisemitisch. Das passiert gefühlt schon automatisch. Einer erwähnt Israel, jemand schreit Antisemitismus!“ Unabhängig davon, was da gesagt wurde. Und man müsste als Beobachter schon sehr genau folgen und einschätzen können, was berechtigt ist und was nicht. Dafür haben die allermeisten Menschen weder Zeit noch Lust, und deshalb haben sich zwei für die Diskussion ganz furchtbare Folgen eingeschliffen.

Michael Kohls ist Fotograf aus einer jüdisch-deutsch-israelischen Familie und lebt in Hamburg. In seinen freien Projekten setzt er sich mit der Sicht- und Unsichtbarkeit von jüdischem Leben sowie der Vielfältigkeit jüdischer Identitäten in Deutschland auseinander. Links auf dem Foto ist die Zitrusfrucht Etrog zu sehen, die in der jüdischen Tradition während des Laubhüttenfestes eine wichtige Rolle spielt. Daneben der Granatapfel, der in Israel und Palästina angebaut wird.

Wenn Vorwürfe Waffen werden

Die erste Folge ist, dass kaum jemand mehr eine vernünftige Definition von Antisemitismus so verinnerlicht und so parat hat, dass er oder sie normal über Israel sprechen kann. Ich habe eben schon von der Unlockerheit gesprochen, die ich sowieso habe, wenn es um Juden geht, und weil Israel auch per Eigendefinition der jüdische Staat ist, eben auch, wenn es um Israel geht. Dazu kommt dann noch die Verkrampftheit, nicht aus Versehen etwas Antisemitisches zu sagen, weil man in den hitzigen Debatten irgendwie das Gefühl hat, man weiß überhaupt nicht mehr, was denn nun eigentlich alles antisemitisch ist.

Das führt auch dazu, dass Juden überall auf der Welt außerhalb Israels Antisemitismus erleben – es wird ihnen aber nicht geglaubt. Da wird dann behauptet: Nein, du hast keinen Antisemitismus erlebt, das war nur berechtigte Kritik an Israel – und das ist dann gleich ein doppelter Angriff: erst die Herabwürdigung, und dann auch noch sagen, das hast du nur falsch verstanden.“

Das lässt sich wissenschaftlich noch gut beobachten. Es gibt Antisemitismusforschung, und durch die weiß man, dass viele Menschen auf der ganzen Welt Schwierigkeiten haben, klar zu sagen, was antisemitisch ist und was nicht. Das können wir übrigens lösen, dazu komme ich gleich auch noch. Ich glaube aber, es gibt noch eine zweite Folge von diesem automatischen“ Antisemitismus-Vorwurf. Die kann ich aber nicht belegen, das ist nur mein persönlicher Eindruck, und wir können ihn gerne nachher diskutieren. Also: Mein Eindruck ist, dass viele Menschen einfach den Mund halten, wenn es um Israel geht, aber diejenigen, die etwas sagen, haben innerlich schon eingepreist, dass man ihnen Antisemitismus vorwerfen wird. Das heißt, die pumpen sich mental schon vorher auf und sagen sich, es wird mir sowieso gleich vorgeworfen werden, dass ich Antisemit bin, dann kann ich es auch gleich knallhart sagen“. Und dann sagen sie es härter, als es sein müsste, einfach weil sie quasi innerlich schon die Fäuste hoch haben. Wie gesagt, das ist mein persönlicher Eindruck. Es kann sein, dass ich da völlig falsch liege.

Aber jetzt habe ich schon eine Reihe von Schwierigkeiten aufgezählt, und dabei bin ich noch gar nicht beim schwierigsten Punkt. Wenn wir darüber sprechen, wie schwer es ist, miteinander zu reden, dann müssen wir uns auch anschauen, was da eigentlich gesagt wird. Und beim Thema Israel ist man dadurch seit gut zwei Jahren automatisch beim Thema Gaza. Und da wird es dann sofort richtig hitzig.

Der Krieg in Gaza

Seit zwei Jahren, seit dem grausamen Überfall von Hamas-Kämpfern auf israelische Zivilisten, führt Israel in Gaza Krieg gegen die Hamas. Und versuche jetzt, die Dinge so zu formulieren, dass sie möglichst unstrittig sind. Der Überfall der Hamas mit mehr als 1200 Toten und mehr als 250 verschleppten Geiseln war grausam. Israel hat natürlich völlig berechtigt und notwendigerweise reagiert, und es gehört zur lange bekannten Strategie der israelischen Armee, dass ihre militärischen Antworten nicht verhältnismäßig sind. Das gehört zur Abschreckung. Du schlägst mich, und ich schlage sehr viel härter zurück. Aber die berechtigte israelische Reaktion hat sich gesteigert von unverhältnismäßig zu exzessiv, zu mutmaßlichen Kriegsverbrechen und bis hin zu Kriegshandlungen, die teilweise nicht mehr zu unterscheiden sind von dem, was man tun würde, wenn man in Gaza einen Völkermord beginnen wollte. Wir erleben gerade eine Phase der Hoffnung, dass sich diese Dynamik aufhalten lässt, aber wir wissen auch, dass sich hier die zwei schlimmsten denkbaren Konstellationen gegenüberstehen. Die Hamas hat schon lange bewiesen, dass sie ohne jede Rücksicht ihr eigenes Volk benutzt und unterdrückt und um jeden Preis an der Macht festhält. Und auf der anderen Seite steht mit dem Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu und seiner – mindestens in Teilen – rechtsradikalen und rassistischen Regierung jemand, dem die Leben selbst unschuldiger Palästinenser offensichtlich nicht viel bedeuten. Die sind, vorsichtig formuliert, ganz klar nicht die Priorität.

Und damit sind wir bei der obersten Stufe der Unmöglichkeiten. Wenn man in diesem Konflikt für die eine oder andere Seite argumentiert, dann argumentiert man automatisch gleich im Sinne einer dieser Gruppen, die beide auf ihre Art schrecklich sind – in einem Konflikt, der so wahnsinnig komplex ist, dass jede Meinung dazu automatisch angreifbar ist – und mit ziemlicher Sicherheit auch falsch.

Wie soll man da noch reden?

Das ist ein guter Moment, mir Hilfe zu holen. Wenn man sich mit dem Thema beschäftigt, dann stößt man praktisch sofort auf ein Buch mit dem Titel Über Israel reden“. Geschrieben hat es Professor Dr. Meron Mendel. Er ist Historiker und Pädagoge und Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main in Deutschland, wo er seit mehr als 20 Jahren lebt. Geboren ist er in Israel. Er ist verheiratet mit einer Muslimin. Für mich wirkt er wie so ein Leuchtturm der Vernunft und des Ausgleichs in einer Diskussion, die sich normalerweise anfühlt, als würden sich beide Seiten nur gegenseitig anschreien.

Ich habe ihn gefragt, Herr Mendel, wie spricht man eigentlich miteinander in einer Situation, in der überhaupt niemand mehr mit irgendetwas recht hat?

Also, ich würde natürlich behaupten, ich habe recht – na ja, aber das sagt jeder. Spaß beiseite: Ich würde eine Perspektive anbieten. Die Haupthese meines Buches ist, dass die Diskussion über Israel – bezogen auf Deutschland, Österreich schließe ich mit ein – viel mehr um unser Wir“ hier in Europa geht und viel weniger um die konkrete Lage vor Ort in Palästina und Israel. Die Hauptfunktion der Debatte besteht darin, dass bestimmte Gruppen ihre eigene Gruppenidentität verfestigen: Es geht um ich, ich, ich“, um mein Recht, meine Gruppe, wer zu mir gehört, wer meine Feinde sind – klar zu definieren. Selten wird die Frage gestellt: Was kann ich tun, um den Menschen vor Ort – Palästinensern, Israelis – ihr Leben, ihre Zukunft zu unterstützen, damit es ihnen besser geht? Meine Rechthaberei – selbst wenn ich beweisen würde, dass ich absolut recht habe – bringt den Menschen vor Ort keinen Millimeter weiter. Dass ich recht behalte, hilft den Menschen nicht.“

Meron Mendel hat nicht nur Standpunkte. Er hat auch die Fähigkeit, sie zu vermitteln. (Foto: David Bachar)

Das ist eine neue Perspektive, und mir hilft sie sehr. Einmal kurz innezuhalten und sich zu fragen: Warum rede ich eigentlich? Ich habe vorhin gesagt: Reden ist überlebenswichtig, weil Reden das wichtigste Werkzeug der Demokratie ist. Aber ein Werkzeug braucht man nur, wenn man etwas erschaffen möchte. Wenn ich nur rede, um recht zu bekommen, und mein Gegenüber auch, und wir streiten uns dann völlig ohne sinnvolles Ergebnis – dann haben wir es vielleicht nicht besser verdient.

Denn in einem sind wir uns hoffentlich alle einig: Wir möchten alle, dass das Leiden und Sterben Unschuldiger endet. Die Frage, die Mendel aufwirft ist ja: Was nützt es den betroffenen Menschen, wenn wir hier streiten?

Kritik wird effektiv, wenn man es schafft, im Ausland – also nicht in Israel/Palästina – eine Koalition zu bilden, um effektiven Druck auf die israelische Regierung auszuüben, damit sie beispielsweise die Kriegsverbrechen – die sicherlich stattgefunden haben – im Rahmen des Angriffs auf Gaza stoppt und den Krieg beendet. Wir hatten eine ziemlich absurde Situation: In der Gesamtbevölkerung (ich nehme Deutschland in den Vordergrund, in Österreich ähnlich) gab es zwischen 70 und 80 Prozent, die dafür waren, nicht nur den Krieg zu beenden, sondern Druck auf die israelische Regierung auszuüben. Wenn man aber auf die Pro-Palästina-Solidarität schaut, haben sie es nicht geschafft, diese 80 Prozent zu bündeln, sie auf die Straße zu bringen, effektiven Druck auf die Regierungen zu übersetzen. Stattdessen sah man eine immer stärkere Radikalisierung in der Blase. Wenn jemand sich für Palästinenser äußerte, kam sofort der Druck, der Vorwurf: Warum machst du das jetzt? Warum hast du es nicht am 7. Oktober gemacht? Warum sagst du nur Kriegsverbrechen, warum nicht Genozid?“ Die Logik: Wir sind die einzigen reinen Palästina-Unterstützer. Nur unsere Formulierung ist legitim. Alles, was einen Millimeter abweicht, ist Verharmlosung, moralisch abgründig.“ Diese Haltung hat die Funktion, das Reinheitsgefühl zu stärken – ich bin der einzige Echte“. Das kennen wir aus der Werbungslogik. Aber es hat den großen Nachteil: Es schafft keine Mehrheiten und keine politische Änderung.“

Das war noch einmal Meron Mendel, und ich weiß nicht, wie viele aus der JETZT-Community ihn vor dieser Geschichte schon kannten oder wie bewusst allen die riesige Meinungsvielfalt unter Israelis ist. Er ist natürlich nur einer und spricht nur für sich, aber er ist überhaupt keine Ausnahme als ein Israeli, der die israelische Regierung kritisiert. Bei den Demonstrationen in Tel Aviv sind es Hunderttausende. Ich glaube, auch das ist wichtig, weil wir sehr oft eben zwei Seiten präsentiert bekommen oder uns zumindest zwei Seiten vorstellen, von denen die eine diese Meinung hat und die andere die gegenteilige. Das wirkt dann völlig unversöhnlich. Die Realität ist aber vielschichtiger und damit komplexer, aber es gibt eben auch viel mehr Überschneidungen zwischen den beiden, als es oberflächlich den Anschein macht.

Ich kenne die jüdische Community sehr gut, und durch meine muslimische Frau kenne ich auch die muslimische Community von innen. Ich weiß, wie viel Konformitätsdruck in beiden besteht: Bloß nicht aus der Reihe tanzen. Die Argumentation ist identisch: In der jüdischen Community sagen viele leise: Ja, wir finden Netanjahu schlimm, aber bloß nicht nach außen sagen – wir spielen den Antisemiten in die Hände.“ In der muslimischen Community hört meine Frau oft: Ja, die Hamas ist eine schlimme Organisation, aber bloß nicht sagen – nicht den Rassisten in die Hände spielen.“ Man kann diese Logik verstehen, aber sie ist destruktiv. Gerade wenn man die Pluralität in der Community nicht versteckt, nimmt man Rassisten und Antisemiten zugleich die Argumentation. Denn Rassisten und Antisemiten argumentieren immer: Alle Juden sind …“, Alle Muslime sind …“ Indem man zeigt: Nein, es gibt persönliche Meinungen, und das ist gut so“, wird viel Wind aus den Segeln genommen.“

„Über Israel reden – Eine deutsche Debatte“ von Meron Mendel

Warum ist die Debatte über Israel so vergiftet? Mendel hat ein kluges und hilfreiches Buch geschrieben. Er beleuchtet eine Debatte, die hitzig und mit allen Mitteln geführt wird, besonnen und menschlich, ohne dabei seine eigenen Haltungen zu verstecken. Das Buch ist erschienen bei Kiepenheuer & Witsch.

Das ist für mich gut, aber vor allem wichtig zu hören, weil ich natürlich genauso bin. Ich diskutiere auch oft so, als gäbe es hier zwei homogene Blöcke mit Einheitsmeinung. Und das ist in der Diskussion wahrscheinlich manchmal einfach notwendig – die Israelis, die Palästinenser –, aber man muss aufpassen, dass man aus so einer Denkfigur, die einem gerade in der Diskussion hilft, nicht eine Realität in seinem Kopf erschafft, die mit der Welt draußen nichts mehr zu tun hat. Aber jetzt ist noch einmal der Begriff Antisemitismus“ gefallen, und jetzt drehen wir echt ganz kurz die Schleife und ziehen für uns einmal fest, was das heißt. Also, wie man ihn erkennt.

Was ist eigentlich antisemitisch – und was nicht?

Was es heißt, wissen wir, es ist der Hass auf Juden, und den gibt es seit Jahrhunderten. Antisemitismus ist eine Sonderform des Rassismus, weil er sich – anders als alle anderen Formen von Rassismus – nicht nach unten abgrenzt, sondern gegen eine angebliche Elite. Rassisten sagen: Diese oder jene Nation oder Ethnie oder was auch immer ist irgendwie minderwertig.“ Antisemitismus sagt historisch betrachtet: Die Juden ziehen im Hintergrund die Fäden und führen eine Weltverschwörung und beherrschen heimlich die Welt oder wollen das zumindest.“

Die praktikabelste Definition, wie sich Antisemitismus äußert, ist die sogenannte 3D-Regel. Wenn eine Äußerung eine der drei Ds erfüllt, ist sie antisemitisch, und die Ds sind Dämonisierung – also: die Juden sind böse –, Delegitimierung des Staates Israel – also: Israel sollte es nicht geben, das ist Palästina, from the River to the Sea, also vom Jordan bis zum Mittelmeer – das ist offensichtlich antisemitisch. Und das dritte D ist Doppelstandards – wenn ich also von Israel Dinge erwarte, die ich von anderen Demokratien nicht erwarte. Auch das ist antisemitisch. Dämonisieren, Delegitimieren, Doppelstandards – 3D-Regel. Das ist zumindest ganz gut händelbar.

Wir können ganz kurz durchspielen: Es gibt das Argument, die Israelis hätten ja das Land der Palästinenser quasi besetzt und die Staatsgründung wäre eben nicht legitim. Das ist völkerrechtlich so falsch, wie es nur irgendwie geht. Es gibt praktisch keinen anderen Staat, der völkerrechtlich so eindeutig legitimiert ist wie Israel, samt Beschlüssen der UN-Vollversammlung und so weiter. Das ist das Musterbeispiel für Delegitimierung, also antisemitisch. Und wir fragen nicht nach der Legitimation von Australien, obwohl es durch Besatzung entstanden ist. Das ist dann ein Doppelstandard.

Sonderfrage: Ist das Leugnen des Holocaust eigentlich antisemitisch? Ja, natürlich, weil es implizit behauptet, die ganzen Überlebenden hätten sich ihre Geschichten übereinstimmend ausgedacht, in einer Verschwörung. Das ist Dämonisierung.

Aber eine andere Frage, die man oft hört: Wie kann es sein, dass ein Volk, das selbst Jahrhunderte der Verfolgung erlebt hat, den Palästinensern Rechte vorenthält? Ist das auch ein Doppelstandard? Wir fragen ja die Hamas auch nicht, welche Rechte sie im Gazastreifen zum Beispiel Frauen gibt oder Homosexuellen. Und die Antwort ist: nein. Wenn wir an Israel dieselben Standards anlegen wie an jede andere Demokratie, dann ist das genau kein Antisemitismus, sondern berechtigt. Allerdings wird es natürlich Menschen geben, die behaupten, das wäre antisemitisch.

Es gibt eben, wie gesagt, diese sogenannte Instrumentalisierung des Antisemitismus-Vorwurfs, und wahrscheinlich macht das niemand effektiver als Benjamin Netanjahu.

Ja, er hat es auf jeden Fall perfektioniert. Und da findet eine Vermischung statt: Es gibt einen Bereich, das ist Antisemitismus, und der andere Bereich ist politische Kritik. Politische Kritik kann richtig oder falsch sein. Aber in dem Moment, in dem ich behaupte, die Kritik – in dem Fall an der israelischen Regierung – sei falsch, vielleicht kann ich sogar nachweisen, dass diese Kritik falsch ist: Das macht diese Kritik nicht automatisch antisemitisch. Ich kann immer noch falsche Kritik an Großbritannien, an der Türkei und an Israel äußern, ohne dass es problematisch ist. Dagegen hilft ein Gegenargument. Also, wenn ich sage: Israel begeht in Gaza einen Völkermord, einen Genozid – dann können wir diese Diskussion führen. Ich meine, die Diskussion wird geführt; sie wird im Internationalen Gerichtshof geführt; sie wird zwischen ernst zu nehmenden Juristen geführt; auch Menschenrechtsorganisationen und so weiter – es gibt Argumente. Ich bin persönlich der Meinung, dass man zum jetzigen Zeitpunkt nicht beweisen kann, dass ein Genozid verübt wurde. Aber das ist meine Meinung, nachdem ich mir selbst ein Urteil gemacht habe. Ich kann aber bei Weitem nicht behaupten, dass jeder, der diesen Genozidvorwurf äußert, antisemitisch ist. Ich kann sagen: Ich finde, diese Person liegt falsch, und ich suche und finde die Argumente, warum ich dieser Meinung bin. Aber das ist politische Kritik am Handeln – auch Genozid zu verüben ist ein politisches, militärisches Handeln – und das zu kritisieren oder diesen Vorwurf zu erheben, ist nicht antisemitisch.“

Ich, für mich, finde, das hilft. Es hilft, über Israel zu reden. Zwei Fragen: Warum reden wir hier? Ist es, damit ich hinterher das Gefühl haben kann, ideologisch rein zu sein und vor allem recht zu haben? Dann kann und sollte man es wahrscheinlich einfach mal lassen und ein anderes Thema wählen. Und zweitens: Ist das hier legitime Kritik, die zumindest nicht ausblendet, dass wir es, wie Mendel erklärt hat, mit zwei traumatisierten Communities zu tun haben, die den Druck der Welt brauchen, um in kleinen Schritten Stück für Stück in die richtige, friedliche Richtung geschubst, geschoben und gezerrt werden müssen?

Das sollten wir tun. Und dafür sollten wir die Energie aufbringen, glaube ich. Lass uns also reden.

Sounddesign und Audioproduktion: Katharina Darya Ressl
Mixing und Mastering: Patrik Haas