Das kann doch nicht sein! Wenn ein Satz diesen Moment in der Geschichte beschreiben kann, dann ist es dieser

Über die Unfassbarkeit des Augenblicks und den Versuch, es nicht persönlich zu nehmen.

Das kann doch nicht sein! Wenn ein Satz diesen Moment in der Geschichte beschreiben kann, dann ist es dieser
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Wir könnten jeden Tag des vergangenen Jahres nehmen. Wahrscheinlich jeden Tag der vergangenen zehn Jahre, aber niemand kann sich an all das erinnern, was passiert ist. Es ist zu viel, zu schnell. Nur ein Beispiel: Erinnerst du dich, dass ein Mann versuchte, mit einem Gewehr und einem Benzinkanister in Mar-a-Lago einzudringen, Donald Trumps Privatklub in Florida? Er wurde von Sicherheitsbeamten erschossen. Sein Name war Austin Tucker Martin, er war 21 Jahre alt. Schon mal gehört? Kommt dir das irgendwie bekannt vor? Der Vorfall ist erst etwa zehn Tage her, aber es ist so viel passiert seitdem, dass die Nachricht in einem Strom aus Informationsschlamm versunken ist. Von allen mentalen Zumutungen einmal kurz abgesehen, die unsere Zeit für jeden denkenden Menschen bereithält, ist auch einfach unsere physische Kapazität ausgereizt. Wir haben gar nicht genug Augen, Ohren oder gar Aufmerksamkeit für alles, was uns in jeder wachen Sekunde entgegenschwappt. Und das ist noch unser kleinstes Problem.

Das kann doch nicht sein!“ Man kann diesen Satz jeden Tag vielfach verwenden, für die großen Ungereimtheiten genauso wie für die irrwitzigen Details. Manches davon gab es wahrscheinlich immer schon, und man hat es einfach nicht so geballt mitbekommen. Aber vieles ist auch tatsächlich neu. Die Ära von Donald Trump und Wladimir Putin, von Tech-Bros und AI Slop, geht mit ihren Zumutungen weit über den immer schon Weltschmerz verursachenden Zustand der Menschheit hinaus. Wir erinnern uns: Elon Musk, der reichste Mann der Welt, hat als Trumps besonderer Regierungsangestellter“ den ärmsten Menschen der Welt die humanitäre Hilfe gestrichen. Als direkte Folge sind nach Expertenschätzungen wahrscheinlich mehr als 600.000 Menschen gestorben, weil ihnen medizinische Hilfe oder Nahrung fehlte – viele davon Kinder. Ich sage es noch einmal: Der reichste Mann der Welt hat den ärmsten Kindern der Welt die Medikamente und das Essen weggenommen. Sterbenden Kindern. Ich persönlich habe keine Ahnung, wie ich das meinen eigenen Kindern erklären soll. Mir fällt dazu nur ein Satz ein: Das kann doch nicht sein!

Es ist eine Machtdemonstration

Die Unfassbarkeit des Augenblicks. Wir haben kein Wort für das Gefühl, das sie auslöst. Denn es ist ja nicht nur Weltschmerz, den wir empfinden über das, was die Mächtigen tun. Donald Trump ist nicht deshalb ein besonderer US-Präsident, weil er ein Rassist ist und korrupt ist, weil er Länder bombardieren lässt und lügt. Das traf auch auf viele seiner Vorgänger zu, einzelne Punkte davon auf praktisch alle. Aber es gab eine Zeit, da haben amerikanische Präsidenten – und andere Politiker – noch gelogen, um die Wahrheit zu verschleiern. Sie wollten nicht, dass wir ihnen auf die Schliche kommen. Wer beim Lügen erwischt wurde, der schämte sich oder trat sogar von seinen Ämtern zurück. Heute wissen wir nicht nur, dass Donald Trump lügt. Dass Wladimir Putin lügt. Das schockt uns längst nicht mehr. Aber sie versuchen gar nicht, zu verschleiern, dass sie lügen. Sie wissen, dass wir wissen, dass sie lügen. Sie tun es trotzdem, weil sie es können. Es ist eine Machtdemonstration. Absolute Dominanz – denn was können wir dagegen tun? Wir sind machtlos, und das ist demütigend.

Aber während über Donald Trump ja bekanntlich gesagt wird, man solle ihn ernst nehmen, aber nicht wörtlich, wird nie diskutiert, ob wir ihn eigentlich persönlich nehmen dürfen. Es wird nie gefragt, was es eigentlich mit uns macht, dass wir jeden Tag beschallt werden mit den schrillen Lügen-Tiraden eines psychisch auffälligen, verurteilten Betrügers und gerichtlich festgestellten Vergewaltigers, der gefährlich viel Macht über unser aller Wohlergehen hat, dazu eine offensichtliche sadistische Neigung und zu allem Unglück auch noch einen sagenhaft schlechten Geschmack.

Ich glaube, es macht eine Menge mit uns. Es ist Stress. Es ist eine Form von psychischer Gewalt, die uns zwar nur mittelbar und aus der Ferne betrifft, aber sie nagt an uns mit tausend Nadelstichen. Und ich glaube, wir können gar nicht anders, als das persönlich zu nehmen. Denn das kann doch nicht sein! Die Forschung zeigt, dass es einfacher ist, Dinge zu verarbeiten, wenn man sie benannt hat. Das ist der Versuch hier. Und ich möchte einmal klar sagen: Man muss das nicht am Beispiel Donald Trump durchspielen, es ist nur aus meiner Sicht das einfachste und klarste Beispiel, weil uns amerikanische Präsidenten relativ nah sind. Aber natürlich ginge es auch mit Putin und einer ganzen Reihe weiterer mächtiger Menschen auf der Welt. Ich benutze jetzt Trump, aber spiel du es gerne durch, mit wem du willst.

Es geht los, bitte folge mir in die sieben Kreise der Hölle unserer Zeit, und weil ich Pantelouris heiße, nenne ich sie selbstverständlich Pantes Inferno“.

Der erste Kreis der Hölle ist die „Gewalt der Stimme“

Was Trump sagt. Was er Grausames, Dummes, Falsches, Beleidigendes, Würdeloses, Überhebliches sagt, praktisch sobald er den Mund aufmacht. Es ist für Journalistinnen und Journalisten extrem schwierig, über Donald Trump zu berichten, weil er in seiner wörtlichen Rede wirklich dauernd totalen Wortsalat fabriziert, den man eigentlich nicht zitieren kann. Die Kollegen, die täglich mit Trump zu tun haben, versuchen deshalb, den Sinn dessen, was er sagt, zu extrahieren und so aufzuschreiben, dass man es überhaupt verstehen kann. Das ist zunächst mal ein relativ normales Vorgehen, weil wir alle nicht druckreif sprechen. Der Sinn dessen, was wir sagen, erschließt sich für unser Gegenüber nicht nur aus dem, was wir sagen, sondern aus dem gesamten Kontext, samt Betonungen und Gestik und Mimik und so weiter. Bei den meisten Menschen kann man aber sehr einfach sinnvolle Zitate daraus machen, indem man die Sprache ein bisschen poliert“, also ein fehlendes Verb einsetzt oder so. Bei Trumps Wortsalaten geht es aber um viel mehr. Da geht es oft nicht mehr ums Polieren, sondern um den Versuch, aus etwas Ausgeschiedenem wieder ein Gericht zu konstruieren. Das heißt, wir Journalisten lassen Trump oft viel vernünftiger klingen, als er eigentlich ist.

In Wahrheit ist schon lange nicht mehr klar, wie viel Kontakt zur Realität er eigentlich noch hat und ob er zum Beispiel die vielen falschen Informationen in seiner Rede zur Lage der Nation letzte Woche wirklich glaubt oder ob er sie bewusst erfindet. Was auch immer der Grund ist: Trumps Sprache ist an keine der Regeln gebunden, die für uns gelten und die Sprache erst zu einem Werkzeug des Dialogs machen. Sie ist losgelöst von Fakten oder gar Wahrheit, von Würde und Menschlichkeit oder auch nur Höflichkeit. So wird aus dem geschliffenen Werkzeug die stumpfe, aber mächtige Waffe eines Trolls. Das treffendste Bild dafür stammt nicht von mir, aber ich klaue es jetzt. Es sagt: Mit Trump zu diskutieren ist, als würde man gegen eine Taube Schach spielen – sie schmeißt alle Figuren um, scheißt aufs Brett und stolziert dann herum, als hätte sie gewonnen.“

Höllenkreis Nummer zwei ist die „Gewalt der Handlung“

Wenn Donald Trump nur ein Troll wäre, dann wäre er zwar der mächtigste Troll der Welt, aber irgendwie noch zu ignorieren. Aber er tötet Menschen. Wir haben die entzogene Hilfe für die Ärmsten der Welt schon genannt, aber er lässt auch angebliche Drogenkuriere vor der Küste Venezuelas bombardieren – gegen amerikanisches Recht, gegen internationales Recht, es sind schlicht Morde. Die offensichtlichen Morde von ICE-Abschiebe-Agenten an Bürgern im eigenen Land. Das Deportieren von Menschen ohne Prozess in Foltergefängnissen in Salvador. Der Angriff und das Kidnapping des venezolanischen Präsidenten Maduro waren völkerrechtswidrig, auch wenn man, wie ich finde, dass Maduro es verdient hat – und er hat Menschenleben gekostet.

Ich könnte die Liste lange fortsetzen. Das sind alles Handlungen, die durch Gewalt Angst erzeugen sollen. Dazu gehört auch das regelmäßige Begnadigen von Gewalttätern, weil das seine Anhänger zu weiterer Gewalt ermutigt. Das alles führt zum ersten Anzeichen dafür, dass die USA ein totalitärer Staat geworden sind, nämlich der Frage: Wird es teuer, Opposition gegen das Regime zu leisten? Die Antwort ist: ja. Wenn man Angst haben muss, dass die eigene Familie in Gefahr ist, wenn man etwas gegen Trump sagt, weil er seine Anhänger zur Gewalt aufhetzt; oder weil seine ICE-Agenten Menschen, die widersprechen, ins Gesicht schießen oder in den Rücken, wenn sie längst am Boden liegen – das sind Zeichen, dass man schon in einem autoritären Staat lebt, selbst wenn der noch nicht gefestigt ist. Und für uns hier, als Beobachter, ist dieses Missverhältnis, immer zu behaupten, man sei das Land der Freien und der Tapferen und überhaupt – U.S.A., U.S.A. –, während man gleichzeitig gerade in den Faschismus abrutscht, ist ein bisschen so, als würde man pausenlos die Welt von einem präpotenten Teenager erklärt kriegen, dem man keine reinhauen darf, weil man wegen irgendeiner dieser merkwürdigen Wendungen des Schicksals mietfrei bei ihm wohnen muss. Es ist demütigend und sehr, sehr anstrengend.

Der dritte Kreis der Hölle: „Die Gewalt der treuen Anhänger“

Er wäre nichts ohne die Jubler, ohne die Arschkriecher und Steigbügelhalter. Seine Fans betreiben einen Personenkult religiöser Qualität um ihn, und es ist schmerzhaft, zu beobachten, wie selten ihm überhaupt irgendein Widerspruch entgegengesetzt wird. Es gibt Millionen von Amerikanern, die gegen ihn demonstrieren, aber Trump selbst lebt in einer Blase, in der es keine andere Meinung mehr gibt, als dass er der Größte, Beste, Tollste und überhaupt und mit Sahne obendrauf ist. Dank sei Gott, dem Allmächtigen. Und das ist hier nicht wie bei Fußballmannschaften, wo natürlich alle, die einem anderen Verein zujubeln als meinem, unrecht haben und wahrscheinlich ein schlimmes Schicksal haben, das sie auf die falsche Bahn gebracht hat. So etwas passiert. Trotzdem weiß ich, dass sie wie ich sind. Sie leiden, sie hoffen, sie haben manchmal eine Sekunde der Freude und dann leiden sie wieder. Wer seine Mannschaft liebt, hat ja immer Angst vor dem nächsten Spiel. Das ist eine gemeinsame Erfahrung, über alle Stammesgrenzen hinweg, und sie verbindet. Aber diese Amerikaner mit den roten MAGA-Kappen? Die sind nicht wie ich. Seit zehn Jahren versuchen Reporter, der Welt zu erklären, wie diese Amerikanerinnen und Amerikaner ticken, die Donald Trump zweimal zum Präsidenten gewählt haben, und die Wahrheit ist: Die Welt versteht es immer noch nicht. Beim ersten Mal: meinetwegen. In der ganzen Welt werden rechte Populisten gewählt. Aber zweimal?

Trump hatte schon einmal bewiesen, dass er gar nicht daran interessiert ist, seine Versprechen umzusetzen. Ich verstehe es nicht. Ich bin mir auch fast sicher, du verstehst es nicht. Und ehrlich gesagt finde ich, es ist an der Zeit, einmal festzuhalten: Es ist eine ziemliche Zumutung – ja, eben, eine Hölle –, dauernd von uns zu verlangen, wir müssten uns auf das Niveau denken können oder gar Verständnis haben für jemanden, der ernsthaft Donald Trump für einen auch nur irgendwie geeigneten Präsidenten der USA hält. Er ist gewählt, und damit müssen wir leben. Aber wir müssen nicht so tun, als gäbe es dafür irgendeine Rechtfertigung. Es läuft offensichtlich etwas fundamental falsch im US-amerikanischen Bildungssystem, aber das zu ändern liegt ja in der Verantwortung der Amerikaner selbst (die Bildungsministerin unter Trump hat vor ihrer Ernennung beruflich Wrestling-Meisterschaften organisiert. Es ist schon auch irgendwie witzig).

Wir kommen zum vierten Höllenkreis: Die „Gewalt des Glaubens“

Denn unter den fanatischsten Anhängern Donald Trumps sind nicht nur solche, die glauben, Amerika wäre besonders frei, weil hier so viele Menschen Waffen tragen (was für Europäer eher kontraintuitiv ist), sondern auch besonders viele derer, die sich für besonders christlich halten. Ich habe keine Umfragen oder gar Untersuchungen dazu gefunden, aber die Christen in Europa, die sich zu Wort melden oder mit denen ich in den letzten zehn Jahren gesprochen habe, finden gerade das besonders rätselhaft und auch verletzend. Donald Trump ist auf keiner Ebene das, was wir uns hier unter einem guten Christen vorstellen. Auch sonst niemand in seiner Regierung ist das, dafür lügen sie allein schon viel zu viel, und zwar alle. Wir erinnern uns: Eine der Voraussetzungen, um überhaupt einen Posten haben zu können, ist, dass man zumindest nicht widerspricht, dass Trump die Wahl 2020 gewonnen haben soll – obwohl er sie gegen Joe Biden verloren hat. Das ist die große Ur-Lüge, die Amerika spaltet. Und das achte Gebot verbietet das Lügen. Das macht es für uns schon schwierig, dieses ja auch noch sehr offensive, pathetische Christentum überhaupt ernst zu nehmen, bei dem sie sich im Kreis um den Präsidenten versammeln und beim Beten die Hände auf seine Schulter legen, aber gleichzeitig offensichtlich okay finden, dass er alle Gebote gleichzeitig bricht. Oder sein Vizepräsident, der gerade erst zum Katholizismus übergetreten ist, aber regelmäßig dem Papst erklärt, wie die Bibel auszulegen ist und dass Jesus für Abschiebungen ist. Das ist alles so eine Beleidigung von allem, woran wir glauben, was wir für richtig halten, was wir für notwendig halten, damit die Welt einigermaßen human funktioniert. Man muss selbst kein tief religiöser Mensch sein, um davon beleidigt zu werden. Es ist ein moralisches Schwindelgefühl, das aufkommt. Ich nenne es Moral-Vertigo. Es ist eines der Hauptsymptome der Unfassbarkeit. Wir wissen, wir stehen auf dem Boden, aber um uns herum schwankt alles.

Das führt uns zum fünften Kreis: „Gewalt der Anbiederer“

Zu denen auch unsere eigenen gewählten Anführerinnen und Anführer hier in Österreich und Europa zählen. All jene, die sich bei ihm und seiner Gang von Einflüsterern einschleimen, damit er nicht plötzlich irrlichternd neue Zölle erfindet oder Schlimmeres. Aber es sind auch die Einflüsterer selbst, und damit sind nicht die menschgewordenen Karikaturen gemeint, die bisher Fernsehkommentatoren waren oder Verschwörungs-Podcaster, und die heute das Militär oder die Bundespolizei führen dürfen, sondern vor allem diejenigen, die mal selber denken konnten, aber ihre Integrität verkauft haben. Der Vizepräsident JD Vance zum Beispiel, der Trump vor der ersten Amtszeit noch als Amerikas potenziellen Hitler bezeichnet hat. Oder Außenminister Marco Rubio, dessen Seele man regelmäßig dabei zusehen kann, wie sie seinen Körper verlässt, wenn sein Boss spricht. Trump selbst kann uns ja nicht mehr enttäuschen. Wir erwarten ja nichts Vernünftiges von ihm. Die Enttäuschung mit Amerika, mit weiten Teilen der Menschheit, wird angeführt von denen, die es eigentlich besser wüssten.

Der sechste Kreis in der Hölle der Unfassbarkeit ist die „Gewalt der Korruption“

Trump und Familie haben nach neuesten Berichten wahrscheinlich im letzten Jahr etwa vier Milliarden Dollar in ihre privaten Taschen geschaufelt. Und sie haben das offen getan. Sie haben eigene Kryptowährung-Kanäle eingerichtet, teilweise noch in den letzten Tagen vor seinem Amtsantritt, damit interessierte Kreise ihnen die Millionen direkt schicken können. Das Ausmaß der Korruption ist so groß und so absurd offensichtlich, dass es kaum zu verarbeiten ist. An dieser Stelle muss einmal gesagt werden: Natürlich ist Putins Korruption um ein Vielfaches größer. Wahrscheinlich ist Wladimir Putins Reichtum eher in der Region eines Elon Musk und er lächelt über Trumps läppische vier Milliarden. Aber dass ein amerikanischer Präsident sich so offen aufführt wie ein Mafiapate, lässt das Moral-Vertigo kreiseln wie eine Waschtrommel im Schleudergang.

Der siebte Kreis der Hölle: „Gewalt des freien Geleits“

Womit wir beim siebten, dem innersten Kreis sind in Pantes Inferno“, der „Gewalt des freien Geleits“. Wir wissen alle, dass Trump keinerlei negative Konsequenzen seiner Verbrechen spüren wird. So wie Putin. So wie die mächtigen Komplizen des Kinderschänders Jeffrey Epstein oder der Mörder von Renee Good, der Mutter von drei Kindern in ihrem Familienauto, der ein ICE-Agent ins Gesicht schoss, weil sie ihm nicht gehorchen wollte. Donald Trump wird eines Tages friedlich sterben und wahrscheinlich wirklich denken, er wäre der beste Präsident aller Zeiten gewesen, und allseits geliebt. Das ist die tiefste Hölle. Er wird nie einsehen, was er ist. Keinen winzigen Hauch davon, keinen kleinen Moment lang. Wenn es eine Gerechtigkeit für ihn geben sollte, müsste es eine höhere sein als die auf der Erde. Hier wird er reich, auch erfolgreich, ableben. Und ja, das darf man meiner Meinung nach persönlich nehmen, weil es gegen alles steht, was wir gelernt haben und unseren Kindern beibringen. Man darf es persönlich nehmen – aber man sollte es nicht.

Wir wissen ja, wie unperfekt die Welt ist, wie verletzlich die Demokratie in unserer postfaktischen Welt und wie dünn der Firnis der Zivilisation. Wir wissen, wie verlogen die öffentliche Diskussion ist. Du erinnerst dich an die Geschichte vom Anfang, von Austin Tucker Martin, der versuchte, mit einem Gewehr und einem Benzinkanister in Mar-a-Lago einzudringen. Ich habe die Geschichte benutzt, um zu zeigen, wie schnell wir vergessen und verdrängen, aber ich habe dabei eine Sache nicht erwähnt: warum Martin offenbar einen Anschlag auf das Haus, vielleicht sogar auf das Leben des amerikanischen Präsidenten, versucht hat. Briefe, die man in seinem Auto gefunden hat, deuten darauf hin, dass sein Motiv der Umgang mit den sogenannten Epstein-Files war, den Ermittlungsakten im Fall des Kinderschänders und Trump-Freundes. Austin Martin kommt aus einer Familie von Trump-Fans, und er war auch selbst einer, aber der Umgang mit den Akten, der inzwischen auch vielen Trump-Anhängern vorkommt, als würden dort mächtige Päderasten geschützt werden, war für ihn unerträglich. Hätte Austin Martin ein anderes Motiv gehabt, wäre er zum Beispiel ein Linker gewesen, der gegen die Brutalität der ICE-Agenten in Minneapolis demonstriert hätte, würden wir mit Sicherheit jeden Tag davon hören. So verlogen ist die öffentliche Debatte. Daran muss man nicht jeden Tag teilnehmen. Die Antwort sollte das Gegenteil sein: auf der Wahrheit bestehen. Und die Welt im Ganzen sehen, nicht fixiert bleiben auf das, was schlecht läuft. Psychologen empfehlen, ein Dankbarkeitstagebuch zu führen, um sich jeden Tag ein bisschen zu zwingen, auf die guten Dinge zu schauen.

Für mich zum Beispiel heute, dass wir hier miteinander reden können. Denn natürlich interessiert mich brennend, wie du das siehst. Wie gehst du mit der Hölle der Unfassbarkeit um?

Sounddesign und Audioproduktion: Katharina Darya Ressl
Mixing und Mastering: Patrik Haas