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Ich brauchte einen Tag, bis mir auffiel, dass der Sonnenaufgang nie enden würde. Wir waren spätabends in Keflavik gelandet und hatten uns in dem gemieteten 4x4 durch die Schneenacht gekämpft. Das Hotel lag mitten in einem Nationalpark, und jetzt, Anfang Januar, die meiste Zeit des Tages umgeben von Dunkelheit, und in Nächten wie diesen, wenn der Schnee aus dichten Wolken fällt und ein Sturm die Flocken im Licht der Scheinwerfer waagerecht über die Straße bläst, umgeben von schwarzem Nichts. Immer wieder schüttelte der Wind das Auto, und krallte mich so sehr an das Steuerrad, dass wahrscheinlich die Gefahr bestand, ich würde meine Hände nie wieder richtig öffnen können. Für mich war es von allen Gefahren die am wenigsten dringende. Der Schnee. Der Sturm. Die endlose, menschenleere Weite Islands in einer Januarnacht, Sicht nahe null, die Temperatur zweistellig im Minus. Eiseskälte.
Wir waren wegen der Nächte gekommen. Meine Tochter und ich wollten unbedingt Nordlichter sehen, die Aurora Borealis, ein Traum auf der Bucket List, aber daran war bei diesen dichten Wolken heute nicht zu denken. Im Hotel ließen wir uns auf die Aurealis-Wake-Up-Call-Liste setzen und gingen schlafen bis zum Sonnenaufgang. Der kommt in Island Anfang Januar gegen 11 Uhr. Und dann bleibt er.
Hier wurde das Althing gegründet, das älteste noch tagende Parlament der Welt – etwa im Jahr 930, von Wikingern. An dieser Stelle im Pingvellir Nationalpark tagte es bis 1798. (Fotos: JETZT)
Hier wurde das Althing gegründet, das älteste noch tagende Parlament der Welt – etwa im Jahr 930, von Wikingern. An dieser Stelle im Pingvellir Nationalpark tagte es bis 1798. (Fotos: JETZT)
Hier wurde das Althing gegründet, das älteste noch tagende Parlament der Welt – etwa im Jahr 930, von Wikingern. An dieser Stelle im Pingvellir Nationalpark tagte es bis 1798. (Fotos: JETZT)
Hier wurde das Althing gegründet, das älteste noch tagende Parlament der Welt – etwa im Jahr 930, von Wikingern. An dieser Stelle im Pingvellir Nationalpark tagte es bis 1798. (Fotos: JETZT)
Es macht erstaunliche Dinge mit dir, wenn das einzige Licht des Tages das des Sonnenaufgangs ist. Technisch betrachtet natürlich auch das des Sonnenuntergangs, der fünf Stunden später kommt, aber weil beides ineinander übergeht und du wach und unterwegs bist, wenn die Sonne aufgeht, fühlt es sich wie ein ewiger Sonnenaufgang an. Er gibt dir das Gefühl, du wärest früh aufgestanden und würdest den Tag nutzen, selbst wenn es halb zehn war, als du im Dunkeln ins Auto gestiegen bist und dich auf den Weg gemacht hast. Die Sonne aufgehen zu sehen lässt sich den ersten Moment des Tages schon anfühlen, als hättest du etwas erreicht, und ein Sonnenaufgang über der weißen, weiten Landschaft des winterlichen Island fühlt sich an wie ein Versprechen auf ein Abenteuer. Ein Leben, das den Namen verdient. Das Gegenteil von Tod.
Es gibt tausend Gründe, warum Island besonders ist, aber wenn ich nur einen nennen dürfte, dann würde ich sagen, es ist weil dort den ganzen Winter alles Licht vom Sonnenaufgang kommt, dem besten Licht. Es lässt dich Leben spüren.
Kennst du das Gefühl, ein Gedicht zu lesen oder ein Lied zu hören, und es erzählt dir eine absolute Wahrheit, das spürst du, aber die Worte sind nicht einfach verständlich? Man kann sie nicht direkt ansehen, die Wahrheit in der Poesie sieht man immer nur im Augenwinkel, von schräg hinten, wie sie sich gerade versteckt. So ist Island. Du siehst das Leben, selbst im Winter unter der dichten Decke aus Eis und Schnee. Du siehst es vielleicht nicht direkt, aber im Augenwinkel. Die poetische Wahrheit. Die Isländer nennen sie Elfen und Trolle, und sie bauen ihnen kleine Häuser und stellen im Zweifel Verkehrsschilder auf, damit niemand eine Elfe gefährdet. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung der 400.000 Isländer glaubt an sie. Der Rest ist sich nicht ganz sicher.
Der unbändige Drang nach Freiheit, der die Isländer auszeichnet, ist in Wahrheit das am wenigsten Besondere an ihnen. Man findet ihn überall im nördlichen Polarkreis, bei den indigenen Völkern eher noch stärker als bei den Wikingern. Die Isländer haben vielleicht die EU nicht nötig, aber ein Inuit fährt mit einem Kayak aus lederbespannten Walknochen aufs Meer, um zwischen Eisbergen zu jagen. Das sind andere Welten, für die Jäger der Arktis ist die Unabhängigkeit jeden Tag unter Lebensgefahr erarbeitet. Was die Isländer, die Wikinger, so unabhängig macht, ist nicht der unbedingte Wille. Es ist eine Fähigkeit.
Reykjavik im Schneematsch. Unprätentiös schön, nichts zu groß, alles greifbar.
Reykjavik im Schneematsch. Unprätentiös schön, nichts zu groß, alles greifbar.
Reykjavik im Schneematsch. Unprätentiös schön, nichts zu groß, alles greifbar.
Reykjavik im Schneematsch. Unprätentiös schön, nichts zu groß, alles greifbar.
Reykjavik ist eine charmante Stadt mit dem Lebensgefühl eines Dorfes. 140.000 Einwohner. Bunte Häuser. Ein skandinavisch modernes wie moderates Opernhaus. Ein isländisch elfenhaushaftes Punk-Museum in einem Keller. Und überall Ausländer. Meine angeblich schon erwachsene Tochter lässt sich ihr erstes Tattoo in Reykjavik stechen, von einer jungen Berlinerin. Island ist Einwanderungsland für Menschen, die etwas suchen, das sie vielleicht gar nicht ganz genau beschreiben können, aber sie spüren es hier. Bei jeder Begegnung kommt die Variation derselben Antwort: „Es ist einfach … einfacher hier.“ Was erstaunlich ist auf einer rauen Insel in einer unnachgiebigen See. Aber Island ist anders, weil man hier Dinge anders macht.
In der Finanzkrise war man pleite. Heute unvorstellbar, aber 2008, nachdem in den USA Lehman Brothers zusammengebrochen war und in der Folge ein ganzes System fauler Kredite, die Banken sich gegenseitig weitergaben, trockneten weltweit die Geldflüsse aus und es wurde sichtbar, dass die drei größten Banken Islands sich geradezu absurd überschuldet hatten. Erst Anfang des Jahrtausends waren sie dereguliert worden, und offenbar hatten wildgewordene junge Männer in den Banken die neue Freiheit genutzt, wahnwitzige Kredite für Beteiligungen aufzunehmen – zwischenzeitlich beliefen sich die Schulden auf das elffache des gesamten Bruttoinlandsproduktes der Insel. Als der Kapitalfluss weltweit zum Erliegen kam, brach wie in vielen Ländern auch das System in Island zusammen. Alle Länder reagierten damals ähnlich: Der Staat, also die Steuerzahler, also du und ich, retteten die Banken mit Milliarden in so genannten Bail Outs. Auch in Österreich, Stichwort zum Beispiel Hypo Alpe Adria. Wenn man heute nachrechnet, dann war das für den österreichischen Steuerzahler – dich – ein Minusgeschäft von fünf Milliarden Euro. Also mehr als das, was die Regierung gerade einspart. Die Kürzungen, die du gerade erlebst, sind quasi direkt an Banken gegangen.
Island hat es anders gemacht. Die Regierung hat die Banken verstaatlicht, die ausländischen Beteiligungen abgestoßen, gleichzeitig Kapitalverkehrskontrollen eingeführt, damit nicht alles Kapital außer Landes fließt, hat die Währung abgewertet (weil Island anders als Österreich eine eigene Währung hat) und einige andere Maßnahmen. Anders als alle anderen Staaten haben sie gesagt, wenn die Banken so riskante und rücksichtslose Geschäfte machen, dann sollen das Risiko die Investoren dieser Banken tragen und nicht die Steuerzahler, die nichts dafür können. Es ist ein komplexer Prozess, den ich hier nicht ausführlich darstellen werde, aber das Ergebnis ist: Island hat praktisch alles anders gemacht als alle anderen – darunter viele Dinge, von denen es hieß, sie würde nicht gehen, und Island hat sich auch mit anderen Ländern angelegt dabei, aber im Ergebnis haben die isländischen Steuerzahler durch die Bankenverstaatlichung Gewinn gemacht und die Wirtschaft ist schon kurz nach der Krise wieder stark gewachsen.
In Ländern wie Griechenland, die sich an alle Vorgaben gehalten haben, haben die Steuerzahler die Banken gerettet, die Wirtschaft hat viel länger gebraucht um zu wachsen und eine ganze Generation der damals jungen Arbeitnehmer hat bis heute in Griechenland nie richtige Jobs bekommen. Die Situationen sind natürlich nicht eins zu eins vergleichbar, anders als in Griechenland war die isländische Wirtschaft vor der Bankenkrise viel solider, und vor allem auch, weil in der Euro-Zone die Länder keine eigenen Währungen haben, die sie abwerten können wie die Isländer es gemacht haben – aber in dieser Antwort steckt auch wieder ein kleines bisschen Antwort auf die Frage, warum die Isländer gerne unabhängig sind.
Der Große Geysir ist der Namensgeber aller Geysire der Welt – und die Menschen direkt rechts neben ihm lassen erahnen, wie groß er wirklich ist. (Fotos: JETZT)
Der Große Geysir ist der Namensgeber aller Geysire der Welt – und die Menschen direkt rechts neben ihm lassen erahnen, wie groß er wirklich ist. (Fotos: JETZT)
Der Große Geysir ist der Namensgeber aller Geysire der Welt – und die Menschen direkt rechts neben ihm lassen erahnen, wie groß er wirklich ist. (Fotos: JETZT)
Im zweiten Jahr der Finanzkrise wählten die Einwohner von Reykjavik einen neuen Bürgermeister. Damals war noch nicht annähernd absehbar, dass die Krise zu handeln sein würde. Familien verloren gerade reihenweise ihre Häuser, verkauften ihre Autos und konnten mit der abgewerteten Isländischen Krone nicht mehr ins Ausland in den Urlaub fahren. Vielleicht hatten sie einfach nichts mehr zu verlieren, aber mehr als ein Drittel der Wähler gaben ihre Stimme bei der Wahl einem Ex-Punk und Komiker, der im Wahlkampf gefordert hatte, verdeckte Korruption durch ehrliche, offene Korruption zu ersetzen, das Parlament innerhalb von zehn Jahren drogenfrei zu machen und natürlich alle Wahlversprechen zu brechen. Jón Gnarr wurde Bürgermeister, Dienstherr von mehr als 8000 städtischen Angestellten und Verwalter der Stadt, in der ein Drittel der Isländer lebt, mitten in einer gewaltigen Finanzkrise. Selbst seine Freunde gaben ihm ein halbes Jahr, bis er hinwerfen würde. Doch er hielt durch: Am Ende der Legislaturperiode war der Haushalt der Stadt saniert und die Isländer gaben ihm in Umfragen den Titel des „ehrenwertesten Politikers“ des Landes (für eine weitere Amtszeit trat er nicht an, obwohl er die Wahl höchstwahrscheinlich gewonnen hätte). Sogar politische Gegner nannten ihn einen „Glücksfall für Reykjavik“. Island hatte wieder gewonnen damit, alles anders zu machen.
Der Große Geysir ist so etwas wie das Original, das allen heißen Springquellen der Welt ihren Namen gegeben hat, genau wie dem Vulkangebiet im Süden Islands, aus dem er regelmäßig heißes Wasser in die Luft schleudert. Rundherum sind heute Souvenirshops und Cafés, in denen noch mehr von den glücklichen Ausländern arbeiten, weil es einfach … du verstehst schon. Vor 30 Jahren war hier nichts, da kam vormittags und nachmittags je ein Bus aus Reykjavik, heute parkt hier selbst im Januar eine zweistellige Zahl gemieteter SUVs wie unserer. Island erkennt seine Chancen und nutzt sie. An manchen Stellen nutzt die Insel die Hitze der Magma im Inneren einfach für Energie. An anderer Stelle die heißen Quellen zum Baden. Hier als Lockruf für die Besucher, die im Café ein Stück Kuchen und danach eine Kappe kaufen können für Preise, die Mitteleuropäern stärker brennendere Tränen in die Augen treiben als der Boden sie ausspuckt. Die Preise sind skandinavisch, mindestens. Ein Pizza im Imbiss kostet mehr als 25 Euro. Das Bier dazu 11 Euro. Und trotzdem kommen alle her. Weil es so schön ist.
Das erste Nordlicht meines Lebens war kein gigantisches, übermäßig beeindruckendes. Aber magisch.
Das erste Nordlicht meines Lebens war kein gigantisches, übermäßig beeindruckendes. Aber magisch.
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Das erste Nordlicht meines Lebens war kein gigantisches, übermäßig beeindruckendes. Aber magisch.
Das erste Nordlicht meines Lebens war kein gigantisches, übermäßig beeindruckendes. Aber magisch.
Gegen 16 Uhr wird es dunkel. Der Sonnenaufgang endet mit der Nacht. Nach dem ersten Tag in diesem Licht fühlt sich nichts mehr gefährlich an auf dieser Insel, die tatsächlich in allen Statistiken als einer der sichersten Orte der Welt auftaucht. Es gibt praktisch keine Gewaltkriminalität auf Island, und Angst hat man hier höchstens vor Amerika, denn Island hat keine stehende Armee und Donald Trump verwechselt dauernd Island mit Grönland, das er sich ja einverleiben will, und die Verwechselung ergibt einen Sinn, denn schließlich hört man dauernd, dass die Namen vertauscht sind: In der Realität ist Island ein „Grünland“ und Grönland ein „Eisland“, wenn man nicht gerade im Januar kommt (da sähen sie gleich aus, aber Grönland ist komplett dunkel).
Die Angst ist offensichtlich nicht groß genug, um die Isländer davon zu überzeugen, dass sie in die EU kommen müssten, am Sonntag haben sie weitere Gespräche über einen Beitritt mit knapper Mehrheit abgelehnt. Sie sind lieber allein. Wer einmal auf der Insel war, hat ein Gefühl dafür, warum es so ist. Vielleicht kann man nicht ganz genau den Finger darauf legen, es versteckt sich … wie ein Troll – wenn man zu grade darauf schaut.
In der Nacht weckte uns das Aurora-Telefon. Manche Träume werden einfach wahr.
Die B-Seite zum Thema: Island sagt „Nein“ zu EU-Beitrittsgesprächen. Verliert die Union ihren Reiz?
Audioproduktion und -mix: Yannik Milz
