B-Seite

15. Jänner 2026

Jede dritte Frau erlebt Gewalt durch Männer: JETZT-Mitglieder erzählen von ihren Erfahrungen.


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Kundgebung gegen Femizid in Berlin im November 2019. Foto: Imago

Hinweis: In der heutigen B-Seite sprechen wir über Gewalt an Frauen. Falls du davon betroffen bist, könnte dich der Beitrag belasten oder retraumatisieren. Am Ende dieses Textes findest du Stellen, an die du dich für Hilfe wenden kannst – für dich, andere Betroffene und auch, wenn du nicht weißt, wie du einer betroffenen Person helfen kannst. Falls du als Mann Hilfe dabei benötigst, gewaltfrei mit Frust und Wut umzugehen, findest du ebenfalls unten Hilfsangebote.

Das neue Jahr ist zwei Wochen alt und in dieser Zeit sind zwei mutmaßliche Femizide öffentlich geworden. Die Autonomen Österreichischen Frauenhäuser (AÖF) führen eine Liste dazu. Es gibt nämlich keine behördlichen Statistiken. Vergangenes Jahr haben die AÖF auf ihrer Liste 15 mutmaßliche Femizide vermerkt und 45 mutmaßliche Mordversuche sowie Fälle schwerer Gewalt gegen Frauen.

Aber geschlechterspezifische Gewalt beginnt schon früher und kann ganz verschiedene Formen annehmen. Und während wir uns meist vor Fremden fürchten, schätzt die Polizei, dass in 90 Prozent der Fälle die Gewalt innerhalb der Familie oder im nahen sozialen Umfeld ausgeübt wird. Statistisch gesehen hat jede dritte Frau zwischen 18 und 74 Jahren in Österreich nach ihrem 15. Lebensjahr körperliche und/oder sexualisierte Gewalt erlebt.

Es ist ein Thema, das mitten in unserer Gesellschaft ist. Deshalb habe ich weibliche JETZT-Mitglieder angerufen und sie gefragt, wie präsent das Thema Gewalt von Männern gegen Frauen in ihrem Leben ist und wie sie damit umgehen.

Ich habe fünf Frauen erreicht – keine repräsentative Grundgröße. Aber von diesen fünf Frauen haben vier entweder selbst geschlechterspezifische Gewalt von Männern erfahren oder sie in ihrem Umfeld mitbekommen.

Astrid

„Ich sehe zwei Themen: Das Eine ist, was man selbst für Erfahrungen gemacht hat, wo einem im Nachhinein bewusst wird, wie sehr man betroffen war. Das zweite, was ich schon seit eineinhalb Jahren erlebe, ist, wie viele Menschen im Umkreis betroffen sind – und auch quer durch alle Gesellschaftsschichten, durch alle Altersklassen. Und wie schwierig es ist, da auch einen Weg hinaus zu finden.

Eines der Hauptprobleme ist, dass es ganz schwer ist, wenn man in einer Beziehung steckt, in der Gewalt angewendet wird – sei es physische, verbale oder psychische Gewalt. Ich bin erschrocken, wie viele das betrifft und wie schwer es ist, etwas dagegen zu machen.

Also ist dann so, dass dann einem erst die Augen geöffnet werden, weil man selber vielleicht auch noch zu jung war, um das so klar zu sehen. Man beginnt sicher auch jetzt durch die mediale Aufmerksamkeit, sich bewusst zu machen: Wo sind eigentlich meine Grenzen oder wo hätten sie sein sollen, was waren Übertritte?

Weil wir die Nachrichten gehört haben, hat mich mein neunjähriger Sohn gestern gefragt: „Was ist ein Femizid?“ Da fängt es auch an, zu erklären, was es ist und warum es einen eigenen Ausdruck dafür gibt.

Es ist ein verdammt wichtiges Thema und es ist vor allem wichtig, da nicht in ein allgemeines Männer-Bashing zu verfallen. Das ist, glaube ich, falsch, weil es sich dadurch noch weiter zuspitzt.

Ich habe eine 14-jährige Tochter und sie ist ein sehr, sehr starkes Mädchen. Sie betreibt viel Sport und ich bin darauf gekommen, wie glücklich ich bin, dass sie so kräftig ist, weil ich keine Angst um sie haben muss, wenn sie auf der Straße unterwegs ist. Man merkt, sie kann sich verteidigen.“

Claudia

„Das Thema ist nach wie vor präsent, aber über die Medien. Es war mal persönlich präsent, aber das ist nicht mehr der Fall. Es war vor kurzem auch präsent innerhalb meiner nahen Familie und hat mich natürlich auch sehr betroffen.

Ich habe das Gefühl, dass sich nicht viel getan hat – von männlicher Seite her sehr wenig. Ich habe das Gefühl, dass es immer noch normal ist, dass man über Frauen bestimmt – oder auch Gewalt gegenüber Frauen. Das ist eher etwas, was toleriert wird.

Es ist eigentlich schrecklich, nach Jahrzehnten oder schon über einem Jahrhundert feministischer Aktivität, dass sich da kaum etwas tut. Ich habe auch das Gefühl, dass die jungen Leute einen Rückschritt machen. Da herrscht zum Teil ein Konservativismus, der erschreckend ist. Der gehört in die 50er-Jahre.

Wie man behandelt wird, wenn man betroffen ist, von Polizisten zum Beispiel, ist erschreckend. Als Opfer wird dir immer eine Teilschuld gegeben. Als hättest du das provoziert. Etwas in der Art kommt immer wieder. Mir kommt vor, viele Polizisten sind vielleicht auch nicht geschult, mit so einem Thema umzugehen. Sie sagen eigentlich nur, dass sie ja eigentlich nichts machen können.

In der Familie wird sehr offen darüber gesprochen, weil wir betroffen waren. Ich glaube, dass die Statistik falsch liegt, wenn sie sagt, dass jede dritte Frau ist betroffen. Ich bin überzeugt davon, dass fast jede Frau einmal im Leben betroffen ist – zumindest von Belästigung.“

Maria

„In meinem Alltag [erlebe ich es] im Prinzip nicht – eher über die Medien und Gespräche mit Bekannten und Freunden. Also ich habe keine persönliche Erfahrung in diesem Sinne.

Es wird von Frauen vermehrt darüber gesprochen, dass Dinge vorkommen oder, dass man bei anderen so ein Verhalten beobachtet oder vermutet. Die Männer vermeiden das ein bisschen und wenn [sie darüber reden], dann bestätigen sie es. Zumindest die Männer, mit denen ich zu tun habe, geben uns recht. Aber das Thema an sich anschneiden – das tun, finde ich, vermehrt Frauen.

Wenn ich nachdenke, weiß ich jetzt niemanden, der persönlich betroffen ist. Als Studentin habe ich in einem Haus gewohnt, da wurde leider eine Frau getötet. Aber das ist schon Jahrzehnte aus. Ich meine, ein bisschen unangenehmes Benehmen gegenüber Frauen beobachtet man schon öfters, bekommt man erzählt oder erlebt man vielleicht auch selbst. Diese bekannten blöden Witze und solche Geschichten, wo ja eigentlich die Gewalt anfängt. Aber das ist alles relativ, würde ich sagen.

Man hat einfach sozusagen von vornherein als Frau in sich gewisse Grund-Vorsichtsverhaltensweisen. Das ist unangenehm, dass es so sein muss. Das haben wir alle quasi mit der Muttermilch gelernt: dass wir auf die andere Straßenseite gehen, dass wir Abstand halten, dass wir Dunkelheit vermeiden, dass wir bei gewissen Typen, wenn wir sie sehen, eher auf Distanz gehen und so weiter.“

Sibylle

„Ich bin in Pension und lebe auf dem Land. Für mich gibt es keine wahrnehmbare Gewalt von Männern gegen Frauen. Allerdings in meiner beruflichen Welt von früher gab es durchaus immer wieder nicht nur verbale, sondern auch physische Gewalt.

Ich war Krankenschwester in großen Krankenhäusern in Österreich, in Wien vor allen Dingen. Da zeigt sich im Arbeitsalltag nicht nur herablassendes Verhalten von männlichen Kollegen, sondern auch herablassendes und oft auch verbal attackierendes, manches Mal auch physisch attackierendes Verhalten von Männern, die in speziellen Situationen sind. Wenn sie im Krankenhaus sind, sind sie ja doch in einer Ausnahmesituation. Das kommt sehr häufig vor. Da kenne ich keine Gewalt von Frauen gegen Frauen. Also ja, natürlich kommt das auch mal vor. Aber was ich meine ist: Grundsätzlich im System wird Gewalt von Männern gegen Frauen anders gesehen.

Es hat sich meiner Meinung nach die Gewalt verstärkt in den Häusern, in denen ich noch Kontakte habe. Es ist allerdings schon so, dass man sich mit dem Thema jetzt anders beschäftigt als früher. Also ich höre, dass Sätze wie ‚Es wird schon wieder!‘ und ‚Tu dir nichts an, dir ist ja nichts passiert!‘ Jetzt nicht mehr fallen. Es wird mehr ernst genommen und es gibt ein größeres Ausmaß an Unterstützung. Das ist das, was ich von meinen früheren Kollegen und von Freunden höre.“

Petra

„Ich habe über zehn Jahre mit betroffenen Frauen zusammenarbeiten und sie auch betreuen dürfen. Auch im Austausch mit dem Psychologen ist dieses Thema immer präsent gewesen – in den letzten Jahren noch sehr viel präsenter, weil in Österreich so viel aufgedeckt wird.

Ich war erst vorgestern Opfer dieser ÖBB-Katastrophe. Ich war vier Stunden am Hauptbahnhof und dann beschleichen einen allenthalben manchmal Gefühle des Unwohlseins, also gerade wenn es finster ist.

Ich habe drei erwachsene Söhne und darüber sprechen wir sehr stark. Weil wir allenthalben beginnen herauszufiltern, wo Gewalt wirklich beginnt. Die beginnt ja auch schon in der Kommunikation und ich bin dankbar, dass ich drei feministische Söhne habe. Ich habe sehr viel mit Musliminnen zusammenarbeiten dürfen im Präventionsbereich. Dort wird das Thema ganz anders behandelt – auch in der vierten Generation der Musliminnen. Das ist anders als bei jungen Frauen um die 30 in Österreich im urbanen Bereich, wie in Wien zum Beispiel. Wenn wir die regionalen und auch sozialen Unterschiede bedenken, dann muss man dieses Thema sehr viel sensibler angehen.

Die Gewalttätigkeiten, die da aufgedeckt werden, waren immer da. Aber wir haben jetzt mehr Bewusstsein dafür entwickelt und es ist auch die Hemmschwellen sehr stark gesenkt worden durch die Bevölkerung. Wir haben eine sehr große Migrationsbewegung – Gott sei es gedankt auch –, aber wir müssen lernen, mit anderen kulturellen Formen umzugehen.

Ich gehöre einer Generation an, die über Jahre gewisse Dinge als ‚normal‘ betrachtet hat. Meine Generation hat eher schlecht gelernt, Grenzen zu ziehen, weil wir immer gefallen wollten. Heute ist es ein bisschen anders. Ich sehe das aber auch sehr skeptisch bei den ganz jungen Frauen, weil die wiederum ins andere Gegenteil abdriften.

Ich würde gerne dem Thema breiten Raum geben – das Spüren, das Fühlen, wann etwas zu viel ist. Die Erwartungshaltung kleinen Kindern im Kindergarten gegenüber freundlich zu sein, höflich zu sein, Bussi auch in der Familie zu geben – das ist schon für mich ein Thema, über das ich gerne sprechen würde.“

Wir würden künftig gern immer wieder Mitglieder in unsere Recherchen einbeziehen. Falls du dafür offen bist, dass wir dich einmal kontaktieren, und du uns nicht schon auf anderem Weg Kontaktmöglichkeiten weitergegeben hast, dann melde dich gern bei mir, und ich nehme dich in unsere Liste auf. Danke noch einmal für eure Zeit und eure Offenheit, Astrid, Claudia, Maria, Sibylle und Petra.

Ich freue mich über Austausch unter dem Beitrag. Teil gern deine Erfahrungen, wenn du möchtest – ob du jetzt ein Mann oder eine Frau bist. Es ist ein sensibles und emotionales Thema, deshalb möchte ich darum bitten, dass alle respektvoll und konstruktiv diskutieren.


Wie nimmst du die gesellschaftliche Debatte und Entwicklung im Umgang mit geschlechtsspezifischer Gewalt gegen Frauen wahr?

Einen schönen Nachmittag wünscht dir

Pia Miller-Aichholz

B-Seite-Team