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Die Gegend um die Metro-Station Lukjanivka wäre eine schöne Gegend: Dichte Bäume an den Straßenrändern, zurückgesetzte Häuser hinter breiten Grünstreifen, ein paar Geschäfte, Cafes, in den Hinterhöfen dichtes Grün, dass man die Bauten kaum sieht. Ein junger Mann mit modisch tätowierten Armen und Beinen führt hier gerade seinen Hund aus, er hat ein Plastiksackerl über der Hand, hält inne.
„Dort hat es vor einem Monat eingeschlagen“, sagt er und deutet auf die Hofseite eines Gebäudes an der Dehtiarivska-Straße – die Fassade ist rußschwarz. „Dort war es vor einer Woche.“ Sein Arm schwenkt in Richtung Biloruska-Straße aus. Er hebt das Geschäft seines Hundes auf, stülpt den Sack um, knotet ihn zu, breitet die Arme aus: „Überall hier.“ Er ruft seinen West Highland heran, der durch das hohe Gras zu ihm hüpft, verabschiedet sich. Er habe wenig geschlafen in dieser Nacht. Es war wieder laut in Kiew.
Kaum eine Region in der ukrainischen Hauptstadt wird in so steter Regelmäßigkeit von Russland gezielt beschossen, wie dieser Teil der Stadt. Und so liegt der durchdringende Geruch von Verbranntem über dem Grün. Im Zuge der intensiven Angriffe der vergangenen Wochen hat auch dieses Viertel wieder viel abbekommen. Fenster sind mit Spanplatten zugenagelt. An beschädigten Häusern tönt hämmern und bohren.
So auch aus dem Haus mit der verkohlten Hofseite an der Dehtiarivska-Straße Nummer 26. Im Hinterhof: Ein Haufen Sperrmüll – verbeulte Kühlschränke, Türen, Zargen, Kücheneinbaugeräte. Das Haus hat keine Straßenseite mehr. Auf 20 Metern ist die gesamte Vorderseite des Gebäudes eingestürzt. Im dritten Stock stehen noch ein paar Teller auf einem Regal an der wand – die Küche ist nicht mehr. Blumen auf dem Gehsteig erinnern an die Opfer. Drei Menschen sind hier gestorben. Zwei alte Frauen, die in ihren Wohnungen geblieben waren und eine junge Frau, draußen auf der Straße. Sie war gerade auf dem Weg zur nahen U-Bahn-Station, um dort Schutz zu suchen – aber auch die U-Bahn-Station wurde bereits zwei Mal gezielt beschossen. Eine ältere Dame geht an den Blumen vorbei, bekreuzigt sich, zieht weiter.
Russischen Angriffe sind zu einer gewissen Routine geworden
„Wir dachten, es wären weit mehr“, sagt Anna Ostrovska. Im Bezirk Shevchenkivski der Stadt Kiew ist sie es, die nach Angriffen vor Ort ist und abseits von Lösch- und Rettungsmaßnahmen alles koordiniert, was sonst noch zu koordinieren ist: „ Zwei Treppenhäuser in der Dovzhenko-Straße 8 sind abgebrannt, da ist alles verbrannt, sie waren nur in Nachthemden und sind nachts ohne Hab und Gut geflohen“, sagt sie. Sie brauchen Unterkünfte, neue Dokumente, psychologische Assistenz, und dann vor allem auch finanzielle Kompensation für all das, was beschädigt und repariert werden muss, oder unwiederbringlich weg ist.
Anna Ostrowska deutet in Himmelsrichtungen, nennt Straßennamen, Hausnummern, das jeweilige Ausmaß des Schadens. Sie sagt: „Wir haben Wohnungen in diesem Viertel, da mussten die Leute im Zuge dieses Krieges bereits vier Mal die Fenster erneuern.“
Im Lebensalltag sind die russischen Angriffe auf die ukrainische Hauptstadt zu einer gewissen Routine geworden – tönt der Alarm, so gehen viele mit gepacktem Koffer, Yogamatten und Verpflegung in die U-Bahn oder einen nahen Luftschutzraum. Die Verwaltung der Stadt allerdings haben die vor allem zuletzt intensivierten Angriffswellen an ihr Limit gebracht.

Anna Ostrowska rechnet es anhand des Hauses Dehtiarivska-Straße Nummer 26 vor. Das Haus ist unbewohnbar. Nummer 26 hatte vier Stiegen, in Summe 70 Wohnungen. Gemeldet waren hier 110 Menschen. „Möglicherweise haben hier aber weit mehr Menschen gelebt“, sagt sie. In den allermeisten Fällen sind die Bewohner die Eigentümer. Kompensation gibt es jedenfalls nur für die Eigentümer: 20.000 Griwna, also rund 390 Euro, pro Monat, um zwischenzeitlich eine Wohnung zu mieten, bis ihre Wohnungen wiederhergestellt sind. Denn Kiew hat keinen kommunalen Wohnbau, also auch keinen eventuell frei stehenden Wohnraum zu vergeben. 390 Euro entsprechen in etwa der Hälfte einer Miete für eine Zwei-Zimmer-Wohnung in einer vergleichbaren Regionen in Kiew. So oder so: Bei 70 Wohnungen macht das 27.300 Euro pro Monat, bis das Haus wiederhergestellt ist. Anna Ostrovska sagt: „Das ist ein Jahr hier, das sind zwei Jahre dort.“
An einer Adresse seien es aber auch bereits drei Jahre. Das hänge vom jeweiligen Schaden ab. Klar ist nach Begutachtung der Ruine hier: Das Haus Dehtiarivska-Straße Nummer 26 wird wieder aufgebaut. Für den Wiederaufbau ist die Munizipalverwaltung zuständig. Das Ausmaß des allgemeinen Reparaturbedarfs quer durch Kyiv bringt das Budget der Stadt allerdings zum glühen. Das ist der Punkt, an dem Anna Ostrovska in alle Himmelsrichtungen zeigt, Hausnummern und Straßen nennt. Für die unmittelbare Umgebung von Lukjanivka sagt sie: „15 Dächer an 15 Häusern zu erneuern, kostet den Haushalt 55 Millionen Griwna“. Das sind rund 300.000 Euro. Mittlerweile sind es aber weit mehr Häuser. Und das ist gerade einmal der allerdringendste Reparaturbedarf an Gebäuden, die grundsätzlich noch bewohnbar sind.

Das Problem, so sagt sie: Bei manchen Häusern sehe man den Schaden nicht auf den ersten Blick, aber das Dach ist weg. „Ohne Dach kann man aber keinen Winter überstehen.“ Wenn ein Haus kein Dach habe, mache es auch keinen Sinn, in die Behebung von Schäden in Wohnungen zu investieren. Und es ist zwar brütend heiß an diesem Tag, aber eines ist fast so sicher wie der nächste russische Angriff auf Kiew: Der nächste Winter kommt bestimmt und mit ihm Minusgrade im zweistelligen Bereich.
Stadtgärtner kehren Glasscherben aus einem Grünstreifen. An einer Ecke: Ein Gemüsestand. In einem Hinterhof: Ein von herabfallenden Mauertrümmern flach gedrücktes Auto. Im Fall der Dehtiarivska-Straße geht es allerdings darum, den ganzen Abschnitt eines Hauses wieder aufzubauen. Das ist dann weit mehr Geld, als für ein Dach aufgebracht werden muss. Wie viel sei in diesem Fall noch nicht abschätzbar, sagt Anna Ostrovska. Allerdings ist ein Wiederaufbau auch weitaus günstiger als ein Neubau.
Und der Wohnraum wird benötigt: Kiew hat mittlerweile, nicht zuletzt auch durch Fluchtbewegungen aus dem Osten der Ukraine, wieder rund vier Millionen Einwohner. Von der Dehtiarivska-Straße grollt der Verkehr. Die Gegend liegt nahe am weiträumigen Zentrum. Das ist kein Schlafbezirk. Hier ist Tag und Nacht viel los – auch wenn der Büroturm an der U-Bahn-Station ein Gerippe ohne Fenster und der Markt an der Station ausgebrannt ist.
All die bereits hier aufgelisteten Ausgaben betreffen allerdings nur direkt getroffene Adressen: In der Dehtiarivska-Straße Nummer 24, dem Nachbarhaus der Nummer 26, aber sind alle Fenster mit Spanplatten vernagelt. Die Schockwelle hat nur wenige Fenster verschont. Das Haus ist aber bewohnbar. Bedeutet: Hier haben so gut wie alle Eigentümer Kompensationen zur Reparatur von Schäden innerhalb ihrer Wohnungen erhalten, Also eine gedeckelte kleine Summe Geld für neue Fenster, neue Türen, Zargen, etwas Reparaturmaterial oder auch Strom-Kochplatten, weil es in Häusern wie diesen aus Sicherheitsgründen oft kein Gas gibt. Dabei handelt es sich um vergleichsweise kleine Summen. Aber in der ganzen Gegend und überall in der Stadt sind Fenster vernagelt.

Generell machten die Angriffe und das Ausmaß der Schäden die Budgetplanung so gut wie unmöglich, sagt Anna Ostrovska. Bedient werden diese Ausgaben zur Behebung der Schäden momentan aus dem Reservefonds der Stadt, sagt sie. Aber dieser Fonds sei bereits am Limit. Der nächste Schritt, wann dieser Topf austrocknet: Mittel aus dem Staatsbudget. Sie sagt allerdings: „Die Sache ist: Das bürokratische System ist so aufgebaut – seien wir ehrlich –, dass es sehr kompliziert ist, Mittel aus dem Staatshaushalt zu bewilligen.“
Da stelle sich dann die Frage: Woher das Geld nehmen?
Der Staatshaushalt der Ukraine speist sich aktuell zu etwas mehr als 50 Prozent aus ausländischen Zuwendungen. Eingefrorene russische Gelder werden bisher nur in sehr geringem Umfang zur Deckung ukrainischer Bedürfnisse, die aus russischen Angriffen resultieren oder Ausgaben für die Abwehr derselben, herangezogen.
Ein Internationaler Kompensationsmechanismus des Europarates, die „Internationale Kommission für Schadenersatz für die Ukraine“, der die Schaffung eines Schadens-Registers sowie die Ausschüttung von Schadensersatzzahlungen beinhaltet, ist zwar bereits eingerichtet, aber noch nicht operativ. Der Plan ist es, diesen Fonds aus eingefrorenen russischen Mitteln zu bedienen. So weit ist es aber noch nicht. Hinzu kommt das nicht zu beziffernde Volumen der materiellen Schäden. Ausgegangen wird landesweit von hunderten Milliarden Euro alleine für Schäden an Wohnraum, Industrie und Infrastruktur.
Anna Ostrovska sagt zu dem in der Finalisierung befindlichen Mechanismus des Europarates: „Ich denke durchaus , dass das funktionieren könnte, aber die Sache ist die: Wir leben im Hier und Jetzt und haben keine Zeit, viel an die Zukunft zu denken – in anderthalb Monaten beginnt der Winter.“
Die russischen Angriffe reißen ein Riesenloch in die Finanzen
Das Loch in den Finanzen, dass die russischen Angriffe in das Budget reißen, ist folglich der zwar am wenigsten sichtbare Schaden dieser Attacken – allerdings einer, mit mittelfristig schwerwiegenden Folgen. „Im Moment reden wir vor allem über den Winter und darüber, wie wir den Winter überstehen sollen: denn ohne Dächer – Regen, Schnee, Niederschläge – ohne Dächer wird es einfach sehr schwierig werden.“ Und Geld ist dabei nur einer Faktoren. Arbeitskraft ist eine anderer. Mit Aussicht auf den Winter ist die Schadensbehebung an Wohnraum aber eine lebensrettende Maßnahme.
Der herannahende Winter, der ist so ein Thema, bei dem Anna Ostrovska den Kopf leicht zur Seite legt, ein „Pfff…“ durch die Zähne zischen lässt und einmal tief durchatmet – dann zählt sie auf: Da gehe es um Wärmepakete, Schlafsäcke, Jacken, die Organisation von Aufwärmzentren in Schulen, Kindergärten oder Verwaltungsgebäuden – aber jedenfalls Orten, die einen eigenen Heizraum und auch Luftschutzraum hätten. Sie holt tief Luft: Da gehe um die Erfassung bettlägeriger, chronisch kranker oder immobiler Menschen und die Organisation derer Betreuung entweder zu Hause oder in temporären Massenunterkünften – und all das bei beschränkten Ressourcen, sowohl was Finanzen aber auch Personal angeht. Sie macht noch eine Pause: 400 Wärmepakete für bedürftige Haushalte hat sie bereits über Fonds und Hilfsorganisationen aufgestellt. 1200 fehlen aber noch. Und die Uhr tickt.
Ein paar Gassen weiter zieht ein älteres Ehepaar die Straße entlang. Sie zieht einen Einkaufstrolley hinter sich her, in dem Tapetenrollen und Spachtelmasse sind. Er hat Kunststoffpaneele unter dem Arm. Sie kommen vom Baumarkt. Das zweite Mal hat es ihre Wohnung zum Glück nur leicht erwischt: „Drei kaputte Fensterscheiben, ein Riss in der Wand, ein Fensterbrett hat es in die Wohnung gedrückt“, sagt der Mann, er nennt sich Oleg. Das alles sei nichts, sagt seine Frau. Das sei nur Zeug, das könne man reparieren, ersetzen. Bisher habe Gott sie beschützt, sagt sie. Dann ziehen sie weiter.
Sprecher: Ingo Hasewend
Audioproduktion und Sounddesign: Katharina Darya Ressl
Mixing und Mastering: Patrik Haas
