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Jeden Tag eine Walnuss. Mehr soll der Heilige Svorad in den Wochen vor Ostern nicht zu sich genommen haben. Wegen der Fastenzeit. Der fromme Kirchenmann hatte es sich da auch zur Gewohnheit gemacht, in einer hohlen Eiche zu hocken. Die war innen mit Dornen gespickt. Sobald der Heilige Svorad beim Beten kurz einnickte, riss ihn ein stechender Schmerz sofort wieder aus dem Schlaf.
So oder so ähnlich soll es sich zugetragen haben, im 11. Jahrhundert, in Trenčin, im Westen der Slowakei, unweit der Grenze zu Tschechien. Genauer: in Velka Skalka. Das ist der Name einer Pilgerstätte, die dort errichtet wurde, wo einst Sankt Svorads Eiche stand. Die Leute in der Gegend um Trenčin kennen diese Geschichte gut. Es ist eine Geschichte der Frömmigkeit, der eisernen Disziplin. Und die Geschichte eines Mannes mit gewaltigem Sendungsbewusstsein, der dafür sorgte, dass man noch tausend Jahre später über ihn und seine Werte spricht. Auch wenn man diese für eher merkwürdig halten mag.
Ein reicher Katholik mit Sendungsbewusstsein.
Das alte Pilgerhaus wurde vor ein paar Jahren sehr schön renoviert. Möglich wurde das durch einen großzügigen Mäzen, der nun wie Sankt Svorad von Trenčin aus christliche Werte verbreiten möchte. Er macht das bloß zeitgemäß im Internet, über ein Magazin namens Statement, das im Sommer letzten Jahres unter anderem Namen in Wien gegründet wurde. Es erweitert das breite Feld der sogenannten Alternativmedien um eine neue Facette: Propaganda, aber mit Stil.
Der reiche Mann heißt Martin Saidler, er ist 59 Jahre alt und gebürtiger Österreicher – auch wenn ihn hierzulande kaum jemand kennt. Saidler lebt seit gut drei Jahrzehnten im Schweizerischen Zug, wo man sehr niedrige Steuern zahlt. Er hat ein Vermögen gemacht mit Online-Dienstleistungen. Sein wohl bekanntestes Produkt war „Numbrs“: eine Handyapp, die sofort den günstigsten Kredit, die beste Versicherung oder die angesagtesten Aktien anzeigte.

Ein paar Mal tippen und der Vertrag war abgeschlossen. Numbrs galt 2017 als Unicorn: So nennt man Start-ups, die binnen eines Jahres einen Wert von einer Milliarde Dollar erreichen. Aber auf Dauer war die Sache nicht wirklich einträglich. Vor ein paar Jahren kündigte Saidler die Hälfte der Belegschaft und modelte Numbrs zu einer Art elektronischen Tresor für Kryptowährungen um.
Redaktionen in Bratislava und New York
Das Geschäft lief für ihn schon einmal besser, aber es läuft. Er hat jedenfalls genug Geld, um sich ein teures Sprachrohr für seine Weltanschauung zu leisten. Wie reich Saidler übrigens wirklich ist, weiß niemand so genau. Er lässt sich da nicht in die Karten blicken. Man darf auf jeden Fall von einem höheren dreistelligen Millionenbetrag ausgehen.
In dem 50.000-Seelen-Städtchen Trenčin hat er seinen Zweitwohnsitz. Hier wurde seine Mutter geboren, die einst aus der kommunistischen Tschechoslowakei flüchten musste. Da hatte sie als streng gläubige Katholikin Zores mit der Obrigkeit bekommen. Die Religiosität hat Saidler von seiner Mutter übernommen. Und eine tiefe Abneigung gegen den Kommunismus. Wobei man schon sagen kann, dass für ihn bald mal was kommunistisch ist.
In Trenčin ist auch der Firmensitz von Statement. Das wurde im Sommer vergangenen Jahres unter dem Titel Blog.at gegründet, dann firmierte es als Statement.at, später als Statement.com. Eine Weile geschah dort nicht viel. Aber seit ein paar Wochen ist etwas in Bewegung geraten, es kommen laufend neue Texte dazu. Nach eigener Darstellung bekennt man sich zur „transatlantischen Partnerschaft“, wobei damit wohl der gute Draht zu Donald Trumps Maga-Lager gemeint ist. Rund 40 Journalistinnen und Journalisten würden laut offiziellen Angaben für Statement arbeiten, in mehr als zehn Ländern. Auch in New York, das neben Bratislava einer von zwei Redaktionssitzen sei.
Transparenz sieht anders aus
Wo genau weiß man übrigens nicht, es werden keine Adressen angezeigt, nur Bilder. Jenes der New Yorker Niederlassung zeigt den noblen Metropolitan Club, man findet dasselbe Bild auch auf anderen Seiten im Internet. Sagen wir es einmal so: allzu großen Wert auf Transparenz legt man hier nicht. Ich habe einige Male versucht, mit Saidlers Medienhaus Kontakt aufzunehmen. Weil ich Fragen hatte: zur publizistischen Ausrichtung, zum Geschäftsmodell, zu Martin Saidlers Motivation. Man wollte dort offenbar nicht mit mir reden.

Aber man kann sich selbst auf der Seite ein Bild machen. Es ist, wie gesagt, ein Medium mit christlich-konservativer Ausrichtung und einer gewissen Sympathie für halbautokratische Systeme. Männer sollten Männer sein und Frauen Frauen. Männer sollten eher nicht mit Männern ins Bett gehen und Frauen nicht mit Frauen. Oder das zumindest nicht an die große Glocke hängen. Frauen sollten nach der Hochzeit viele Kinder kriegen und sich dann auch vorrangig um diese kümmern.
Das mit dem menschengemachten Klimawandel sei jedenfalls hinterfragenswert. Politikerinnen und Politiker in Europa sollten sich ein Vorbild am ungarischen Premier Viktor Orbán nehmen. Und an seinem slowakischen Amigo Robert Fico. Donald Trump sei ein guter Präsident und Wladimir Putin besser als sein Ruf. Die eigentlichen Feinde säßen jedenfalls in Brüssel.
Die angebliche Verschwörung der Eliten
Ja, man kennt die Ausrichtung von anderen Online-Portalen. Alternativmedien nennen sich diese, in Abgrenzung zum sogenannten Mainstream. Ihr Verkaufsargument klingt aufs Erste nicht unplausibel. Ist es nicht so, dass mittlerweile alle Medien – vom linken Falter über den ORF bis hin zur konservativen Presse im Grunde vielfach dieselben Ansichten haben: zu den Corona-Maßnahmen, zum russischen Krieg gegen die Ukraine, zur Erderwärmung oder dazu, dass Donald Trump augenscheinlich einen an der Waffel hat?
Die Geschäftsgrundlage dieser neuen Medien beruht auf der von ihnen propagierten Grundhypothese, dass am Ende alle anderen unter einer Decke stecken: die großen Medien genauso wie die demokratischen Parteien. In den oft auffällig russlandfreundlichen Texten der Alternativmedien gibt es ein beständiges Hintergrundrauschen: „Es gibt eine Verschwörung der Eliten.”
Viele dieser Alternativmedien wie Info-Direkt, AUF1 oder Report24 gehören de facto zum publizistischen Arm der FPÖ. Dort, wo die Blauen an der Macht sind, bekommen diese Portale daher auch üppige Inserate zugeschanzt. Andere Portale agieren stärker im Graubereich zwischen der bürgerlichen Mitte und Rechtsaußen. Was allen gemein ist: Es handelt sich um krawallige Onlinemagazine, die mit der zunehmenden Gereiztheit unserer Gesellschaft arbeiten. Mit ihrem Zorn, ihren Ängsten und ihrer Überforderung. Dazu viel Blingbling und grelle Werbung.
Lange Texte, schöne Formulierungen.
Letzteres gibt es bei Statement nicht. Das Design ist aufgeräumt und nüchtern, ohne nervige Werbebanner für Goldanleihen, Weltuntergangs-Survival-Kits oder Globuli. Die Texte sind vergleichsweise lang und durchwegs ohne Geschmacksverstärker verfasst. Man merkt, dass sie von Leuten geschrieben werden, die ihr Handwerk verstehen und an einzelnen Sätzen schmirgeln. Es fühlt sich auf den ersten Blick so an wie sauberer Journalismus: für gebildete Bürgerliche, die gute Manieren schätzen.
Statement geht die gesellschaftliche Mitte an. Sie soll sich gegenüber AfD und FPÖ öffnen. Weil der dann entstehende rechts-konservative Block eine deutliche Mehrheit im Parlament hätte. Und weil man dann gemeinsam allerhand unternehmen könnte: harte Eindämmung der Migration, Rücknahme von Klimaschutzmaßnahmen, mehr Betonung christlicher Familienwerte.
Erst waren die Texte auf Deutsch, jetzt erscheinen sie auf Englisch. Ich habe die KI-Anwendung Google Gemini gebeten, sich die Inhalte einmal genauer anzusehen, auf Merkwürdigkeiten. Eine davon ist, dass es bei einigen Artikeln slowakische Textbausteine gibt. Sie wurden wohl erst in dieser Sprache verfasst und dann automatisch übersetzt. Das ist heute alles kein Problem mehr, man kann sich als Leserin oder Leser die englischen Texte auch problemlos zurückübersetzen lassen. Alles nur eine Frage der Einstellung beim Browser. Fremde Sprachen sind durch die neuen digitalen Technologien längst keine Hürde mehr. Damit vergrößert sich die Zielgruppe für solche Publikationen enorm.
Die Chefredakteurin kennt man in Deutschland.
Ursprünglich war Richard Schmitt als Redaktionsleiter vorgesehen. Der ist in der journalistischen Branche kein Unbekannter. Schmitt war lange Chefredakteur bei der Gratiszeitung Heute, dann Chef der Onlineausgabe der Kronen Zeitung, schließlich bis zu seinem Abgang Chefredakteur bei eXXpress, dem hierzulande wohl bekanntesten Alternativmedium.
Den besten Ruf als Journalist hat er nicht. „Wenn Richard Schmitt etwas schreibt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass es nicht stimmt, recht hoch.“ Das darf man offen sagen, ohne einen Anwaltsbrief fürchten zu müssen. Er hat Helge Fahrnberger wegen dieser Aussage geklagt. Fahrnberger ist Medienkritiker und Gründer des Watchblogs Kobuk. Vor Gericht konnte er mit einem umfangreichen Dossier den Wahrheitsbeweis erbringen. Schmitt blitzte mit seiner Klage ab.

Inzwischen ist er von Bord gegangen. Neue Chefredakteurin ist Birgit Kelle, eine in Deutschland recht bekannte katholische Journalistin und Bestseller-Autorin. Der deutsche Medienkritiker Stefan Niggemeier – er ist auch JETZT-Autor – nennt sie eine „gut gelaunte Provokateurin“, die ein großes Talent dafür hat, sehr rechte Positionen anschlussfähig für den Mainstream zu machen. Kelle ist gern gesehener Gast bei Talkshows von Sandra Maischberger oder Markus Lanz, wenn es um Themen wie Feminismus oder Gender geht. In der Vergangenheit hat sie sowohl in konservativen Medien wie WELT oder FOCUS publiziert als auch bei den so genannten alternativen Rechtsmedien. „Sie schlägt eine Brücke zwischen CDU und CSU einerseits und der AfD andererseits“, sagt Niggemeier.
Aus eigener Kraft sind diese Medien am Markt nicht lebensfähig.
Mit an Bord ist auch der frühere eXXpress-Redakteur Rene Rabeder. Der hat seine Karriere bei dem rechtsextremen und schwer Putin-lastigen Portal Wochenblick begonnen. Der Wochenblick musste schließlich Konkurs anmelden. Wenn du dich fragst warum: Weil kaum wer bereit ist, für verschwörungstheoretische Texte mit starkem Rechtsdrall Geld auszugeben. Lesen ja, zahlen nein.
Und jetzt kommen wir zum Kern der Sache. Einen großen Teil dieser Medien, die uns allen immer wieder in den sozialen Medien in die Timeline gespült werden, gibt es nicht aufgrund des Gesetzes von Angebot und Nachfrage. Am freien Markt könnten sie nicht bestehen, weil sie unrentabel sind und ihre erhebliche Reichweite nur durch den Einsatz von viel Geld erreichen. Wir werden mit diesen Inhalten konfrontiert, weil sehr reiche Menschen mit einer sehr starken politischen Agenda dafür zahlen. Und zwar nicht wenig.
Der eXXpress hat beispielsweise im Jahr 2024 nicht weniger als 6,9 Millionen Euro Verlust geschrieben. Und das trotz staatlicher Förderungen in der Höhe von weit mehr als einer Million Euro in den ersten Jahren. Gerettet hat das Portal eine Beteiligung der deutschen Vius-Gruppe, die das Online-Portal NiUS herausbringt. Dort hat der frühere BILD-Chefredakteur Julian Reichelt das Sagen. Reichelt musste dort einst nach Vorwürfen von Machtmissbrauch gegenüber jüngeren Kolleginnen gehen. Auch NiUS schreibt gewaltige Verluste: 2023 machte das Medium fast 14 Millionen Euro Miese. Neuere Zahlen wurden noch nicht veröffentlicht.
Weg mit der Brandmauer
Finanziert wird die Vius-Gruppe vom Milliardär Frank Gotthardt. Der hat mit einer Software für Apotheken und Arztpraxen ein Vermögen gemacht. Jetzt leistet er sich zwei lautstarke Online-Magazine, die Tag für Tag seine Botschaften trompeten: weniger Migration, mehr christliche Werte in der Familienpolitik. Und: Die Konservativen in Österreich und Deutschland sollten sich einen Ruck gegen und endlich mit den Rechtsaußenparteien zusammenarbeiten. Weg mit der Brandmauer gegen Rechtsaußen.

Das sieht übrigens auch der frühere ÖVP-Bundeskanzler Sebastian Kurz so, der bei eXXpress und NiUS immer ziemlich gut wegkommt. Eine seiner wichtigsten Wegbegleiterinnen, Vera Regensburger, ist dort Geschäftsführerin. Regensburger hat einst gemeinsam mit Kurz am Konzept der türkisen ÖVP gefeilt, nach seinem Abgang als Kanzler wurde sie Geschäftsführerin seiner AS2K GmbH. Das ist eine Investmentfirma, die er gemeinsam mit Alexander Schütz gegründet hat. Dem Ex-Mann von eXXpress-Herausgeberin Eva Schütz. Neue Chefredakteurin von eXXpress ist übrigens die frühere ÖVP-Generalsekretärin Laura Sachslehner, ebenfalls eine Kurz-Vertraute.
Man kennt sich.
Das slowakische Muttermagazin hat keinen guten Ruf
Auch Statement gibt es nur, weil Martin Saidler das so möchte. Weil er dafür viel Geld ausgibt, das er möglicherweise nicht zurückbekommt. Vor einigen Jahren hat er als Investor die Gründung eines neuen, konservativen slowakischen Onlinemagazins namens Denník Štandard ermöglicht. Dahinter stand zunächst Peter Núñez, ein umtriebiger Fernsehmann, der früher Reality-Shows produzierte. 2020 gründete er das neue Medium, mit finanzieller Unterstützung von Martin Saidler.
Der Austro-Schweizer spricht fließend Slowakisch. In den Nuller-Jahren hat er in der Slowakei zahlreiche Online-Handelsportale gegründet oder mitfinanziert. 2011 zog er sich allerdings ganz aus dem Land zurück und verkaufte den überwiegenden Teil seiner Beteiligungen. Das liberale Onlinemagazin Dennik N hat mit einigen seiner ehemaligen Geschäftspartner gesprochen. Deren Aussagen lassen sich zusammenfassen mit: Sie würden mit Saidler keine Geschäfte mehr machen.
Persönlich blieb der Unternehmer seiner zweiten Heimat Trenčin allerdings treu. Auf Vermittlung des Bürgermeisters stieg er bei dem neuen slowakischen Onlinemedium ein. Inzwischen hat er dort die Mehrheit der Anteile und damit das Sagen. Denník Štandard hat sich inzwischen in der slowakischen Publizistik als rechtskonservative Stimme etabliert. Wenn auch mit zweifelhaftem Ruf: Das Medien-Watchblog Konšpirátori veröffentlichte vor drei Jahren eine auf längeren Recherchern basierende Einschätzung zu dem Portal: Die Inhalte seien hochgradig unjournalistisch, manipulativ und von russischer Propaganda durchzogen. Diese Einschätzung schlug Wellen. Denník Štandard klagte dagegen und blitzte ab. Das Gutachten von Konšpirátori klebt.
Zumindest finanziell unabhängig
Das sieht Saidler naturgemäß anders. Im Vorjahr gab er seinem eigenen Magazin Denník Štandard eines seiner raren Interviews. Man sei ein konservatives, an reinen Tatsachen orientiertes Onlinemedium mit hohem Anspruch. Saidler sprach in dem Interview davon, dass er in der Vergangenheit allein in Denník Štandard 6,5 Millionen investiert hatte, weitere zwei Millionen für die Expansion. Als Haupteigentümer werde er auch für mögliche Verluste der beiden Schwestermedien geradestehen. Das, meint Saidler in dem Interview, sei ein Garant für die Unabhängigkeit des neuen Mediums.
Er meint damit wohl eher die Unabhängigkeit von politischen Parteien, NGOs und staatlichen Geldern. Und weniger die Unabhängigkeit der Redaktion von ihrem Eigentümer.
Erratum
In der Audioversion des Textes habe ich Helge Fahrnberger – den Gründer von Kobuk – versehentlich als Paul Fahrnberger vorgestellt. Der Fehler ist inzwischen korrigiert, bitte um Verzeihung.
Im Audio wurden folgende Beiträge und Musiken zitiert:
Die Internationale
MAURICE – Numbrs - In 1 Minute 10€ verdienen! (31.07.2019)
CNN – Trump calls himself a 'stable genius' again (13.07.2018)
report24news – Medien schweigen, Menschen verarmen – Journalisten-Legende Richard Schmitt rechnet ab (06.02.2026)
Kirche in Not Deutschland – Birgit Kelle & Hedwig von Beverfoerde: Die christliche Familie – das Fundament Europas!?, Teil 1 (13.05.2021)
Achtung, Reichelt! – Kämpfen! An NIUS entscheidet sich JETZT die Meinungsfreiheit ( 14.01.2026)
Audioproduktion und Mix: Yannik Milz
