Die Stadt, in der der Wurm drin ist. Die Kärntner Landeshauptstadt Klagenfurt steht kurz vor der Zahlungsunfähigkeit.

Und trotzdem hat man nicht den Eindruck, dass die Politik den Ernst der Lage erkannt hat. Was ist da los im Süden? Eine Spurensuche am Wörthersee.

Die Stadt, in der der Wurm drin ist. Die Kärntner Landeshauptstadt Klagenfurt steht kurz vor der Zahlungsunfähigkeit.
Fotos: Karlheinz Fessl für JETZT

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Wann genau sich die Sache zugetragen haben soll, weiß kein Mensch. Ist ja auch eine Kärntner Sage. Aber man kann natürlich eins und eins zusammenzählen. Und demnach müsste es wohl im späten 12. Jahrhundert gewesen sein. Damals war die Gegend östlich des Wörthersees eine einzige Sumpflandschaft, das ist geschichtlich verbrieft. Dort, so heißt es, habe ein böser Drache sein Unwesen getrieben. Pfeilschnell soll sich der Lindwurm auf seine Opfer gestürzt haben, um sie mit Haut und Haaren zu verzehren.

Das machte er so lange, bis ein paar Knechte einen gewitzten Plan schmiedeten. Sie legten einen fetten Stier als Köder aus, der an Ketten festgebunden war, die einen Widerhaken umschlangen. In der Tat stürzte sich das hungrige Biest alsbald auf das herzergreifend muhende Opfer und verschlang es. Der Wurm hing an der Angel, die tapferen Männer konnten ihn mit Knüppeln erschlagen. Da, wo er zuvor gewütet hatte, baute man eine Stadt. Chlagenuurt wurde sie genannt.

Der Wurm aber bleibt dort bis heute allgegenwärtig: als steinernes Monument am Neuen Platz der heutigen Landeshauptstadt Klagenfurt, die sich längst mit „K“ und „f“ schreibt. Als Plüschmaskottchen namens „Lindi“, die Kinder lieben es. Und als geflügeltes Wort unter den Einheimischen: „In Klagenfurt ist der Wurm drin“, heißt es, weil hier seit einiger Zeit so einiges schiefläuft. Langsam wundert sich aber auch der Rest des Landes: Was um alles in der Welt ist in Klagenfurt eigentlich los?

„Die am schlechtesten verwaltete Landeshauptstadt Österreichs.“

„Ich würde mich schon trauen zu sagen, dass Klagenfurt die am schlechtesten verwaltete Landeshauptstadt Österreichs ist“, sagt die Politikwissenschafterin Kathrin Stainer-Hämmerle, die sich an der Fachhochschule Kärnten unter anderem mit Kommunalpolitik beschäftigt. Die gebürtige Vorarlbergerin ist vor gut zwei Jahrzehnten an den Wörthersee gezogen. Mitte August, erzählt sie, sei auf einmal die Straße vor ihrem Haus aufgerissen worden – ganz ohne Vorankündigung. „Wir wussten nicht, wie wir zu unserem Haus kommen sollten“, sagt sie. Irgendwann sei ein Zettel aufgetaucht: Die Arbeiten sollten bis September abgeschlossen sein, stand darauf. Tatsächlich habe es bis Oktober gedauert. „Die Anrainerinnen und Anrainer haben schließlich begonnen, die Baugitter wegzuschieben. Sie waren ganz auf sich allein gestellt.“

Schwer vorstellbar, dass derlei in einer anderen Stadt mit knapp 105.000 Einwohnerinnen und Einwohnern vorkommt.

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RumpelpisteDass das Geld an allen Ecken und Enden fehlt, sieht man mittlerweile auch den Straßen an.

Aber das sind bloß die kleinen Ärgernisse des Alltags in Klagenfurt. Viel beunruhigender sind die großen Entwicklungen. Denn die sechstgrößte Stadt des Landes ist am Rande der Zahlungsunfähigkeit. Spätestens 2027 wird sie womöglich nicht mehr in der Lage sein, ihre Rechnungen zu bezahlen. Und das auch nur, wenn schleunigst harte Sparmaßnahmen ergriffen werden. Sollte das nicht der Fall sein – und danach sieht es aus –, droht die Pleite schon nächstes Jahr.

Das geht aus einem Bericht hervor, den ein Stab von Expertinnen und Experten unter Federführung des Ökonomen und Experten für öffentliche Verwaltung Peter Pilz von der internationalen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO erstellt hat. Die Fachleute haben eine ganze Reihe von Empfehlungen zusammengetragen, von denen einige den Stadtoberen so gar nicht schmecken. Also hat Bürgermeister Christian Scheider den örtlichen Steuerberater Ulrich Kraßnig beauftragt. Der möge sich die Sache noch einmal anschauen, als Einheimischer sozusagen. 72.000 Euro hat das gekostet. Kraßnigs Analyse fällt im Ton etwas verbindlicher aus. Aber im Großen und Ganzen kommt er zum selben Schluss: Wenn nicht bald etwas passiert, wird es schon kommendes Jahr eng. Verdammt eng.

Allen Gemeinden geht es schlecht. Der Fairness halber muss gesagt werden, dass es derzeit wohl keine Kommune in Österreich gibt, die nicht unter den enormen Teuerungen der vergangenen Jahre bei gleichzeitigem Anstieg der Ausgaben stöhnt. Und in Kärnten ist die Lage besonders ernst: Nach Schätzungen des Gemeindebundes werden heuer 100 von 132 Kommunen nicht in der Lage sein, ausgeglichen zu budgetieren. Noch vor ein paar Jahren war die Zahl dieser sogenannten Abgangsgemeinden – die nur mit Extrageld von Bund und Land einen ordentlichen Haushalt zustande bringen – im einstelligen Bereich. Das größte Problem sind die enorm gestiegenen Zuschüsse für Spitäler und Sozialleistungen, die alle Gemeinden gemäß ihrer Größe zu leisten haben. Die schwierige finanzielle Lage des Staates schlägt auf der untersten politischen Einheit besonders heftig durch.

Das allein ist aber keine Erklärung für die finanzielle Schieflage in Klagenfurt. Seit Jahren gibt die Stadt mehr aus, als sie einnimmt, sie kann nur mit Tricks budgetieren. Weil ihr inzwischen keine Bank mehr Geld borgt, hat sie in der Vergangenheit Töpfe ausgeräumt, die für etwas ganz anderes bestimmt sind. Es handelt sich um Rücklagen aus den Gebühren für Wasser, Kanalisation und Müll, die für teils überfällige Investitionen gebunkert wurden. Eine neue Kläranlage etwa, die mehr als 70 Millionen Euro kostet. Die alte ist schon ziemlich „am lemper“, wie man in Kärnten sagt. Lange wird sie es nicht mehr machen.

Aber das Geld dafür ist nicht mehr da, weil ein großer Teil der zweckgewidmeten Ersparnisse in den regulären Haushalt geflossen ist. „Interne Darlehen“ nennt man so etwas in der Fachsprache. Der Kunstgriff ist nicht grundsätzlich verboten, solange das Geld binnen weniger Jahre wieder zurückgezahlt wird. Aber das geht sich nach Stand der Dinge beim besten Willen nicht aus.

„Klagenfurt am Fuß des Wörthersees.“

Was tun? Im Gespräch mit JETZT beschwichtigt Bürgermeister Scheider. Das Geld für die neue Kläranlage werde ja nicht sofort auf einmal fällig. Die erste Tranche ließe sich noch aus den verbliebenen Reserven bezahlen, den Rest werde man bis 2030 zurückzahlen. Irgendwie. Die finanzielle Lage der Stadt sei zwar angespannt. Aber man stünde nicht schlechter da als andere Kommunen: „Vielleicht haben die anderen nur keinen Konsolidierungsbeirat und deswegen ist das nicht hinausgegangen.“ Klagenfurt gehe demnach nur ehrlicher mit den finanziellen Problemen um. So sieht das jedenfalls Scheider. Zudem habe man bereits Sparmaßnahmen eingeleitet: einen Aufnahmestopp im öffentlichen Dienst, mehr Parkgebühren, Kürzungen bei Subventionen. Die drohende Zahlungsunfähigkeit sei im Übrigen nicht so dramatisch, dafür stehe man bei den Banken weniger in der Kreide als andere große Städte: „Es ist sogar besser, sie kämpfen um die Liquidität, als sie haben eine um 30 oder 40 Prozent größere Verschuldung.“

Scheider ist ausgebildeter Heeressportler. In den 1980er-Jahren hat er dem damaligen FPÖ-Chef und späteren Landeshauptmann Jörg Haider beigebracht, wie man Tennis spielt. Der mochte den jungen Mann und holte ihn in die Politik. Ab den Nullerjahren engagierte sich Scheider für Haiders FPÖ in Klagenfurt. Als der eine neue Partei namens BZÖ gründete, zog Scheider mit. Er wurde Stadtrat für Soziales und 2009 – da war sein Ziehvater Haider bereits verstorben – Bürgermeister der Landeshauptstadt Klagenfurt. Überregional bekannt wurde er als singender Stadtchef, der selbst getextete Schlager zum Besten gab. In einer Liebeserklärung an seine Stadt schwärmte er einmal von „Klagenfurt am Fuß des Wörthersees“.

Eine gewisse Entscheidungsschwäche. Sechs Jahre später wurde der leutselige Stadtchef von der SPÖ-Kandidatin Maria-Luise Mathiaschitz abgelöst, einer nüchternen Umweltmedizinerin, die unpopuläre Sparmaßnahmen umsetzte. 2021 kam Scheider zurück als Bürgermeister, diesmal auf dem Ticket von Team Kärnten, einer populistischen Lokalpartei im Süden, mit der er sich im Vorjahr überwarf. Scheider gründete eine neue Partei namens „Freie Soziale Bürgerpartei“, FSP. Die naheliegende Abkürzung FSB war schon vergeben, so heißt der russische Inlandsgeheimdienst.

Scheider ist in Klagenfurt immer noch sehr beliebt. „Er weiß schon, worauf seine Popularität gründet”, sagt Politikexpertin Stainer-Hämmerle. „Wenn es um kleine Gesten geht, etwa darum, dass im Sommer bei den Trinkwasserbrunnen Näpfe für Hunde aufgestellt werden, dann ist er sehr fleißig. Aber bei den größeren Projekten scheint er doch eine gewisse Entscheidungsschwäche und mangelnde Durchsetzungskraft zu zeigen.“

Da sei er freilich in Klagenfurt nicht der Einzige, erzählt Barbara Maier, die bis zu ihrer Pensionierung vor zwei Jahren Public Relations für die Universität Klagenfurt/Celovec machte. Eine Weile mischte sie sehr aktiv bei den Grünen in der Stadtpolitik mit. Nun ärgert sie der Stillstand und die Entscheidungsunwilligkeit der Regierenden: „Die Stadtverantwortlichen sind fast durch die Bank inkompetent“, sagt sie. „Hier traut sich niemand hin, der wirklich Politik machen will und klug genug ist, etwas durchzudrücken.“

Stadt der Literatur. Sie und ihr Mann Lojze Wieser sitzen im Esszimmer ihres Einfamilienhauses im Osten der Stadt. Die beiden sind JETZT-Mitglieder der ersten Stunde, sie haben sich bereit erklärt, mit uns über Klagenfurt zu reden – wenn auch unter gewissen Schmerzen. „Ich lebe hier in einem besonders schönen Eck von Klagenfurt. Aber von der Stadt selbst habe ich mir nie viel erwartet“, sagt Wieser. Und damit sei er bisher gut gefahren. Der 71-Jährige hat vor bald vier Jahrzehnten den Wieser-Verlag gegründet, in dem bevorzugt Übersetzungen mittel- und osteuropäischer Literatur erscheinen. Klagenfurt, meint er, sei auch eine Stadt der Verlage. Ohnehin der Literatur.

Kein Sinn für Kultur

Keine andere Landeshauptstadt hat so viele weithin bekannte Schriftstellerinnen und Schriftsteller hervorgebracht: Robert Musil, Ingeborg Bachmann, Gerd Jonke, Maja Haderlap. Aber das spiele in der Stadt keine Rolle: „Ich habe Politiker immer daran gemessen, ob sie ein Ohr für die Kultur haben“, sagt Wieser. „In Klagenfurt ist das bei keiner Partei der Fall.“ Ingeborg-Bachmann-Bewerb hin oder her.

Und das sei schon immer so gewesen. Als wäre die Stadt mit ihrem reichen kulturellen Erbe überfordert, auch mit jenem in slowenischer Sprache, die lange kaum sichtbar gewesen sei. Wieser hat da eine Theorie: Noch gegen Ende der Donaumonarchie war Klagenfurt eine weitgehend unbedeutende Kleinstadt. 30.000 Menschen lebten dort zur Jahrhundertwende, zum überwiegenden Teil mit bäuerlichem oder kleinbürgerlichem Hintergrund. Das politische und kulturelle Zentrum sei aber damals jenseits der Karawanken gelegen, in Slowenien. „Ljubljana war die Außenstation der k.-u.-k.-Bürokratie“, sagt Wieser. Dort spielte die Musik. Nicht in Klagenfurt, wo es bis 1970 nicht einmal eine Universität gab.

Viel teures Personal. Erst nach Zerfall der Monarchie wurde Klagenfurt/Celovec zur wichtigen Regionalhauptstadt, mit einer traditionell aufgeblähten Verwaltung. Besonders stark wuchs der Personalstand im Magistrat in den 1980er-Jahren unter dem damaligen ÖVP-Bürgermeister Leopold Guggenberger. Er sorgte auch dafür, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Rathaus ein besonders attraktives Dienstrecht bekamen, mit vielen Zulagen, Urlaub am Faschingsdienstag und De-facto-Unkündbarkeit.

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Barbara MaierDie Grün-Stadtpolitikerin hat so ihre Zweifel an der Kompetenz der Regierung im Rathaus

Alle wollen so sein wie Guggi

Auch Guggenberger war für seine Leutseligkeit bekannt und für seine Musikalität. Immer wieder packte er die Gitarre aus und sang. Mit wem kümmerte ihn weniger. „Ich erinnere mich, dass er einmal in Krumpendorf mit Mitgliedern der Waffen-SS gesungen hat“, erzählt der ehemalige Chef der Kärntner Zentralpersonalvertretung, Gernot Nischelwitzer. „Am selben Tag fuhr er zu einer Veranstaltung der KPÖ in Klagenfurt, wo er die Internationale mitträllerte.“ Es heißt, dass der junge Jörg Haider einst viel von „Guggi“ abgekupfert hat. Und auch der aktuelle Bürgermeister Scheider sieht sich in der Nachfolge des Volkstribuns Guggenberger. Der hat die Stadt seinerzeit modernisiert und durchlüftet. Das muss man ihm zugute halten.

Guggenbergers Personalpolitik ist allerdings die Wurzel des wahrscheinlich größten finanziellen Problems der Landeshauptstadt. 1800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten im städtischen Magistrat. Gemessen an der Einwohnerzahl ist das um gut ein Drittel mehr als in vergleichbaren anderen Landeshauptstädten wie Innsbruck oder Salzburg. 127 Millionen gibt die Stadt heuer für Personalkosten aus, bei einem Jahresbudget von 400 Millionen. Wenn Bürgermeister Scheider und sein Stadtsenat die Liquiditätsprobleme der Stadt mittelfristig in den Griff bekommen wollen, müssen sie wohl oder übel an diesem Haushaltsposten schrauben.

Ganz so einfach ist das zugegebenermaßen nicht. Zwar wurde vor einigen Jahren ein neues, halbwegs zeitgemäßes Dienstrecht beschlossen. Das gilt aber nur für jene Leute, die neu in den städtischen Dienst eintreten. Kündigungen sind zudem nicht nur rechtlich heikel, sondern auch politisch: In einer Stadt mit knapp 100.000 Einwohnerinnen und Einwohnern sind 1800 übellaunige Bedienstete und deren Familien eine nicht zu unterschätzende Gefahr bei Wahlen. Nicht zuletzt, weil die Menschen in Klagenfurt auf die örtliche Politik ohnehin nicht viel geben: Zuletzt gingen gerade einmal 57 Prozent zur Gemeinderatswahl.

Die Parteien sind heillos zerstritten

Keine stabilen politischen Mehrheiten. Aber nicht nur im städtischen Magistrat ist der Personalstand außergewöhnlich hoch. Auch der Gemeinderat ist mit 45 Mitgliedern viel größer als in anderen Städten. Das ist nicht bloß ein Kostenfaktor. Es führt auch dazu, dass die Mindesthürde für eine Partei, in den Gemeinderat einzuziehen, extrem niedrig ist. Sechs Fraktionen gibt es, die einander allesamt spinnefeind sind. „Es gibt schon lange keine stabilen Mehrheiten mehr, nur ständig wechselnde Allianzen“, sagt Stainer-Hämmerle. Das macht die Politik nicht nur träge, sondern verursacht indirekt auch zusätzliche Kosten, weil Mehrheiten oft nur durch teure Abtauschgeschäfte erreicht werden können.

Und noch etwas erschwert das Regieren ungemein. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs ist die SPÖ die stärkste Partei im Gemeinderat. Trotzdem hat sie in den vergangenen 50 Jahren mit Mathiaschitz nur einmal die Nummer eins im Rathaus gestellt. Wer dort das Sagen hat, kann in der Regel nicht mit einer stabilen Mehrheit im Stadtparlament rechnen. In keiner anderen Landeshauptstadt hat sich die Farbe der Bürgermeisterpartei so oft geändert. Und das, meint Stainer-Hämmerle, habe nicht nur dazu geführt, dass jede Fraktion zusätzliche Vertrauensleute in den Behörden untergebracht hat. Sondern auch, dass sich im Magistrat unterschiedliche Fraktionen gebildet haben, die einander leidenschaftlich bekämpfen. Nicht nur in der Politik ist der Wurm drin. Auch in der Verwaltung. All das kostet gar nicht so wenig.

Auf einmal waren die Toiletten doppelt so teuer

Teure Toiletten. Und dann kommen noch unzählige größere und kleinere Fälle von Steuergeldverschwendung und Misswirtschaft dazu, die in Summe auch zur finanziellen Schieflage der Stadt beitragen. Viele davon wurden von Franz Miklautz aufgedeckt, einem freien Journalisten, der mit seiner Onlineplattform Mediapartizan den Mächtigen in Klagenfurt auf die Finger blickt. Da wäre etwa die Sache mit den Kosten für Toiletten am Christkindlmarkt, die sich schlagartig verdoppelt haben. Bis vor zwei Jahren gab es da einen Vertrag mit einem Betreiber, der dem Magistrat für die Häuseln 18.000 Euro verrechnet hatte. Dann wurde eine neue Firma beauftragt, die für dieselbe Leistung fast 36.000 Euro verlangte und zusätzlich eine Benützungsgebühr von 50 Cent einhob. Im Vorjahr wurde diese auf einen Euro pro Toilettengang erhöht. Das Spannende daran: Zum Zug kam eine Firma, die von ehemaligen Geschäftspartnern des Klagenfurter Vizebürgermeisters Patrick Jonke – einem engen Vertrauten Scheiders – geführt wird. Das belegt Miklautz mit Firmenbuchauszügen.

Hauptsache keine Bäume im Stadion.

Aus dem Klagenfurter Rathaus heißt es nur, dass alle Vergaberichtlinien eingehalten wurden. Mehr ist dazu nicht zu hören, ebenso wie zu den meisten Enthüllungen des Klagenfurter Investigativjournalisten. Dafür musste er vor zwei Jahren eine Hausdurchsuchung über sich ergehen lassen, weil er über besonders üppige Überstundenzulagen des früheren Magistratsdirektors berichtet hatte, belegt mit den entsprechenden Gehaltszetteln. Auf Wunsch des Rathauses wollte die Staatsanwaltschaft Klagenfurt seinen Laptop und sein Handy beschlagnahmen. Erst nach einem Machtwort der damaligen grünen Justizministerin Alma Zadić ließ man davon ab.

Miklautz macht sich keine Illusionen darüber, dass sich in Zukunft in der Stadt viel ändern könnte. Bürgermeister Scheider sei weiterhin der mit Abstand populärste Politiker. Es sei nicht auszuschließen, dass er in drei Jahren wiedergewählt werde – selbst wenn die Stadt dann bankrott ist. „Er ist der beste Wahlkämpfer, den das Rathaus hat“, sagt der Aufdecker. „Scheider hat mehr Energie als die meisten 40-Jährigen und er ist ständig unter den Leuten.“ Das zähle, nicht die finanzielle Lage der Stadt.

Diese Einschätzung bestätigt sich bei einem Lokalaugenschein beim Pumpe, dem bekanntesten Wirtshaus der Stadt, gleich gegenüber dem Markt. Wer hier einen Kaffee bestellt, wird von der Kellnerin ausgelacht. Viel mehr als Bier und Spezi für die Kinder wird an den abgewetzten Holztischen nicht als Getränk serviert. Im Innenhof zündet sich ein Pensionist im Skipulli neben einem Stehtisch eine Zigarette an. Seinen Namen will er nicht nennen. Aber sonst redet er gern. „Der Bürgermeister ist ein lieber Kerl“, sagt er. Besser jedenfalls als seine Vorgängerin, die den Leuten auf der Straße nicht die Hand gegeben habe. Die Sozialdemokratin Mathiaschitz möge klug sein. Aber eben zu wenig nahbar. Das brauche es halt, um in Klagenfurt für voll genommen zu werden.

Und dann war da noch die Sache mit dem Stadionwald: Unter Mathiaschitz Amtszeit ließ der Schweizer Künstler Klaus Littmann im Klagenfurter EM-Stadion – einem überdimensionierten Großprojekt aus der Haider-Ära – 299 Bäume aufstellen. Er wollte damit unter anderem auf den Klimawandel hinweisen, die Kosten berappte Littmann übrigens aus eigener Tasche. Das Projekt entzückte die Kunstwelt, die es mit der spektakulären Verhüllung des deutschen Reichstages durch das Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude im Jahr 1995 verglich. Vielen Einheimischen war es hingegen zuwider. „So ein Schmarrn“, sagt der Pensionist und drückt seine Zigarette aus. Die Sache wurmt ihn immer noch gewaltig.

Die Schulden wären nicht das Problem

Im Wahlkampf 2021 ließ der heutige Bürgermeister Plakate kleben, auf denen stand: „Wer sie nicht will, wählt Christian.“ Der Slogan war ziemlich frauenfeindlich. Aber er zog. In der Stichwahl setzte sich der Herausforderer durch. Mathiaschitz hat sich mittlerweile völlig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Sie hat, sagen Leute, die sie gut kennen, die Nase voll.

Dabei bekommt sie nachträglich Anerkennung, auch von unerwarteter Seite. „Sie hat auf jeden Fall einiges richtig gemacht. Leider ist vieles davon wieder rückgängig gemacht worden“, sagt Julian Geier. Der 31-Jährige ist Chef der Klagenfurter ÖVP und seit Oktober Stadtrat für Wirtschaft und Tourismus. Kein einfacher Job, weil seine Partei im Gemeinderat in Opposition zum Bürgermeister steht. In Klagenfurt steht noch allen größeren Parteien ein Platz im Stadtsenat zu.

Geier ist überzeugt, dass man die finanziellen Probleme in den Griff bekommen könnte. „Die Stadt hat ein Liquiditätsproblem, aber kein Schuldenproblem“, sagt er. Klagenfurt steht bei den Banken mit 109 Millionen Euro in der Kreide, kaum mehr als ein Viertel des Jahresbudgets. Das wäre das kleinere Problem, meint Geier. Weitaus gefährlicher seien die internen Darlehen – also jenes Geld, das sich die Stadt aus dem Gebührenhaushalt geborgt hat und das sie in absehbarer Zeit nicht zurückzahlen kann.

Budgetnöte Die Schulden, meint ÖVP-Chef Julian Geier, seien nicht das größte Problem.

Geier hätte sich gewünscht, dass der Gemeinderat einer besonders unpopulären Empfehlung des Konsolidierungsbeirates gefolgt wäre: den Bau eines geplanten Hallenbades abzublasen und mit dem dafür reservierten Geld zumindest die gröbsten Löcher im Budget zu stopfen. Als es der Stadt finanziell noch besser ging, hat sie einen Kredit über 50 Millionen Euro aufgenommen, um ein großes Schwimmbad zu bauen. Das alte ist seit Jahren nicht mehr in Betrieb, weil es so baufällig war, dass die Sicherheit für die Schwimmenden nicht mehr garantiert werden konnte.

Lange wurde über den richtigen Standort gestritten, über die Größe und die Länge der Schwimmbecken. Dann hat sich Bürgermeister Scheider für eine besonders aufwändige Variante entschieden. Allein der von der Stadt zu zahlende jährliche Abgang wird in internen Dokumenten mit 800.000 Euro beziffert. Und dann kommen noch die Raten für den Kredit dazu. „Mit einem einfachen Gemeinderatsbeschluss hätte man den Kredit umwidmen können“, sagt Geier. Ähnlich sieht man das bei Grünen und Neos. Aber die drei Parteien konnten sich am Ende nicht durchsetzen, FSP und SPÖ beschlossen im Sommer, dass das Bad gebaut wird. Im Oktober rollte auf dem Grundstück der erste Bagger auf. Die Sache ist gelaufen.

Das Kronjuwel der Stadt lässt sich noch verkaufen.

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Teures Projekt50 Millionen Euro gibt die Stadt für ein neues Hallenbad aus. Im Oktober sind die ersten Bagger aufgerollt.

Kronjuwelen als Ausweg. Hat man sich sehenden Auges dafür entschieden, die Zahlungsunfähigkeit in Kauf zu nehmen? Womöglich gibt es einen Ausweg, ohne allzu harte Einsparungsmaßnahmen. Spürnase Miklautz tippt darauf, dass die Stadt am Ende neben verschiedenen Liegenschaften, Wertpapieren wohl ihr Kronjuwel opfern könnte, um wieder liquide zu werden: die Energie Klagenfurt (EKG), den höchst erfolgreichen städtischen Anbieter für Strom und Fernwärme. Steuerberater Kraßnig hat den Wert der hundertprozentigen Anteile der Stadt an dem Unternehmen mit rund 100 Millionen Euro beziffert. „Die Veräußerung von beispielsweise 40 oder 60 Prozent der Anteile stellt eine Konsolidierungsmaßnahme dar, welche unbedingt einer vertieften Evaluierung unterzogen werden sollte“, schreibt er in seinem Gutachten. Damit müsste die Stadt in Zukunft zwar auf einen Teil der üppigen Renditen verzichten. Aber sie wäre vorerst aus dem Schneider.

Bürgermeister Scheider dementiert auf Nachfrage JETZT, dass der Verkauf der EKG geplant sei: „Das kommt politisch nicht infrage.“ Er hofft, dass das Land Kärnten und der Bund in Zukunft mehr Geld zuschießen.

Ein Komiker als Bürgermeister

Man dürfe die Schuld an der Misere nicht allein den Verantwortlichen in der Politik geben. Davon ist der Schriftsteller und Satiriker Egyd Gstättner überzeugt. Schließlich seien diese von der Bevölkerung mehrheitlich gewählt worden. „Das ist schon ein besonderer Fall an Masochismus“, sagt er. „Man kann an der Demokratie langsam verzweifeln.“ Gstättner hat beschlossen, nun selbst zu kandidieren. Sollte er die nötigen 300 Unterstützungserklärungen zusammenbekommen, will er selbst in den Ring steigen, um Bürgermeister zu werden. Sein erklärtes Vorbild ist Jón Gnarr, ein isländischer Komiker, der völlig ohne politische Vorkenntnisse 2010 als Bürgermeister von Reykjavík kandidierte und überraschend das Rennen machte.

Wider Erwarten gelang es Gnarr, die Stadtfinanzen der zuvor arg heruntergewirtschafteten Stadt zu sanieren. Nach einer Amtszeit zog er sich wieder ins Privatleben zurück. So würde es auch Gstättner halten: ohne Rücksicht auf Verluste beim Personal sparen und auch sonst jene unpopulären Sparmaßnahmen umsetzen, vor denen andere Politikerinnen und Politiker aus Angst vor der kommenden Wahl zurückschrecken. Um sich dann zurückzuziehen und den Lebensabend zu genießen. „Das wäre mein Altersgeschenk an meine Stadt“, sagt Gstättner. „Vorausgesetzt, sie nimmt es auch an.“

Sounddesign und Audioproduktion: Katharina Darya Ressl
Mixing und Mastering: Patrik Haas

Korrekturen

In einer ersten Version war fälschlicherweise davon die Rede, dass Barbara Maier Gemeinderätin der Grünen war. Tatsächlich war sie sechs Jahre lang im Duett mit einem Kollegen Parteichefin, aber nie Gemeinderätin. Sie ist bis heute Ersatzgemeinderätin. Und: Der Spatenstich für das neue Hallenbad erfolgte im Oktober. Nicht wir ursprünglich geschrieben im September. Bitte um Verzeihung.