Der falsche Sohn und der Tod Eine Weihnachtsgeschichte

Wie ich zwischen den Feiertagen nächtlichen Besuch von einem freundlichen Geist bekam und warum es dafür keine wissenschaftliche Erklärung gibt.

Der falsche Sohn und der Tod Eine Weihnachtsgeschichte
Foto: Getty Images

Dieser Artikel ist für dich kostenlos

Du kannst diesen Beitrag lesen oder anhören, weil ein JETZT-Mitglied ihn mit dir geteilt hat. Schließe eine Mitgliedschaft ab, um auch unabhängigen Journalismus zu unterstützen!

In der fünften Szene des ersten Aktes bekommt der arglose Dänenprinz Hamlet Besuch von seinem toten Vater, dem König. Er kommt als Geist und fordert Rache an Hamlets Onkel. Der hat den Papa nämlich auf dem Gewissen.

Als Shakespeares Hamlet vor mehr als 400 Jahren auf die Bühne kam, glaubte man in weiten Teilen Europas noch an Hexen und Dämonen, an Wahrsagerei und die Kraft von Amuletten. Aber die Vorstellung, dass sich Tote mit Lebenden unterhalten, war selbst für das zeitgenössische Publikum einigermaßen abwegig.

Auch Hamlets Kumpel Horatio meldet Zweifel an. Die Antwort des jungen Prinzen ist berühmt: „Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, Horatio, als eure Schulweisheit sich träumen lässt.“ Davon handelt diese Geschichte. Es geht um eine Erscheinung, wenn auch keine rachsüchtige. Es geht um einen – wenn man so will – freundlichen Geist. Der hat mich vor 20 Jahren zur Weihnachtszeit besucht. Nicht das Christkind, sondern ein Verstorbener. Oder vielleicht ein Sterbender, so eindeutig ist das nicht. Hey, nicht abdrehen, gib mir eine Chance. Ich habe dazu auch mit einem Wissenschafter gesprochen. Der hat mich immerhin nicht für verrückt erklärt.

Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, Horatio, als eure Schulweisheit sich träumen lässt.

Damals stolperte ich über eine Todesanzeige, die mir kurz den Atem stocken ließ. Von einem alten, schwer kranken Holzknecht. Jahre zuvor hatte ich ihn in einem Pflegeheim kennengelernt und danach nicht mehr groß an ihn gedacht. Das Irritierende war nicht die Tatsache seines Ablebens, es war der Zeitpunkt. Drei Tage zuvor hatte ich von ihm geträumt, am Tag seines Todes. Hat er sich von mir „verabschiedet“?

Verabschiedung: Dieser Begriff ist Leuten, die in Pflegeheimen arbeiten, geläufig. Zumindest einigen, mit denen ich dazu für diese Geschichte geredet habe. Sie haben mir bestätigt, dass auch sie manchmal von ihren Schützlingen träumen. Und zwar von solchen, zu denen sie eine besondere Verbindung haben. Wenn sie dann aufwachen, wissen sie: Er oder sie ist jetzt tot.

Sie wundern sich nicht, wenn sie tags darauf zur Arbeit kommen und das Bett leer ist. Sie hinterfragen das nicht groß: Der Herr Müller oder die Frau Maier haben sich vor der großen Reise noch verabschiedet. Unter den Leuten, mit denen ich mich unterhalten habe, sind übrigens auch solche, die alles andere als religiös oder spirituell sind. Sie sagen: „Ja, eh. Ist halt so, keine Ahnung.“

Nicht für alles gibt es eine Erklärung.

Aber gibt es dafür eine Erklärung? Man könnte einwenden, dass das alles Zufälle sind. Dass sich der Tod bei sehr kranken Menschen ohnehin abzeichnet: Man hat darüber nachgedacht und dann davon geträumt. Denkbar auch, dass solche Erlebnisse in der Kaffeeküche bei einer schnellen Zigarette gerne aufgebauscht werden.

Oder steckt da mehr dahinter? Naturwissenschaft ist nicht meine Stärke. Aber ich erinnere mich an einen Vortrag von Anton Zeilinger, dem berühmten Physiker, der einen Nobelpreis bekommen hat. Es ging um Quantenphysik, ich habe über weite Strecken nur Bahnhof verstanden. Aber eine Sache glaubte ich kapiert zu haben: dass es Teilchen gibt, die miteinander verschränkt sind – auch wenn ein Ozean dazwischenliegt. Sie kommunizieren zwischen New York und Unterstinkenbrunn, ganz ohne Internet.

Zeilinger war auf die Schnelle nicht erreichbar. Wohl aber Mario, ein Schulfreund von mir, der Physik immer schon liebte. Heute arbeitet er im CERN bei Genf, dem wichtigsten europäischen Institut für die Wissenschaft von den Teilchen. Ich war froh, dass er mich nicht für einen Spinner erklärt hat. Mario meinte aber auch, dass er als Fachmann für Quantenphysik der falsche Ansprechpartner sei.

Er sagt: „Über ein mathematisches Modell kann man das jedenfalls nicht erklären.“ Und das mit den Teilchen funktioniere anders: Bisher konnte man nur nachweisen, dass sie über sehr geringe Distanzen kommunizieren, viel weniger als der Durchmesser einer Nadelspitze. Von wegen Atlantik. Deswegen muss das mit der Verabschiedung aber nicht falsch sein, meint er. Man dürfe den Menschen ihre Erfahrung nicht absprechen. Es gibt bloß noch keine plausible Erklärung dafür.

Der Korridor der Normalität wird immer enger.

So wie für viele andere Phänomene. Die Menschheit hat sich in den letzten Jahrtausenden viele Tonnen an Wissen angeeignet. Im 21. Jahrhundert glauben wir, alles zu verstehen. Aber das ist ein Irrtum. Vielleicht sogar einer unserer größten. Und nein, wir reden jetzt nicht über Gott, Jesus oder so Sachen wie die unbefleckte Empfängnis. Ich habe damit auch nichts am Hut.

Ich habe den Namen des alten Holzknechts verdrängt. Nennen wir ihn Herrn Gruber. Vor vielen, vielen Jahren hatte er einen schweren Unfall: Jemand anders fällte einen Baum, der in die falsche Richtung fiel und Herrn Gruber traf. Er überlebte knapp, war aber danach gelähmt und konnte das Bett nicht mehr verlassen. Später kam ein Schlaganfall dazu, der ihm auch noch die Fähigkeit zu sprechen raubte.

Ich lernte ihn kennen, weil ich in seinem Heim Zivildienst machte. Es war eine ziemlich triste Einrichtung, wo die Menschen nicht gut behandelt wurden. Jahre später wurde sie deswegen geschlossen. Auf der Station, der ich zugeteilt wurde, gab es nur Männer. Die meisten von ihnen waren körperlich und geistig schwerbehindert. Erwachsene Männer auf dem Entwicklungsstand eines Säuglings, die ihr Essen püriert eingeflößt bekamen. Sie hatten nie gelernt, wie man kaut.

Damals lag auf meinem Nachttisch „Wahnsinn und Gesellschaft“, ein dicker Wälzer des französischen Philosophen Michel Foucault. Er hatte sich mit der Geschichte der Irrenhäuser beschäftigt. Foucault legte dar, wie sich der Umgang der Gesellschaft mit psychisch kranken Menschen im Laufe der Jahrhunderte verändert hat. Einerseits zum Guten, weil man die Leute immer verständnisvoller behandelte. Andererseits aber wurde die Grenze dessen, was als abnormal gilt, immer weiter gezogen. Früher ließ man den anderen mehr durchgehen, ohne sie gleich als psychisch krank abzustempeln. Der Korridor der Normalität wird immer enger.

Der falsche Sohn

Im Gegensatz zu den meisten anderen Bewohnern war Herr Gruber geistig noch recht rüstig: Er bekam mit, was um ihn herum geschah – nur eben durch einen gewissen Filter. Ich hatte Mitleid mit dem alten Mann, der viel weinte und sich über jede Zuwendung freute. Besonders an mir hatte er einen Narren gefressen. Den Grund dafür erfuhr ich erst später von einer Nonne.

Es war nämlich ein sehr katholisches Heim. Immer wieder kamen die Ordensschwestern und beteten mit den Leuten. Ob die nun gläubig waren oder nicht: Sie freuten sich über die Aufmerksamkeit. Denn das ist ein knappes Gut in Pflegeheimen.

Eine dieser Nonnen kannte Herrn Gruber von früher, beide kamen aus der Gegend. Irgendwann nahm sie mich zur Seite und erzählte mir von ihrer Theorie: Der alte Mann würde mich wohl für seinen Sohn halten, der mir in der Tat recht ähnlich sei. Zumindest vom Aussehen her. Ich kann das nicht beurteilen, der Filius ließ sich nie blicken.

Die Hypothese erschien mir jedenfalls schlüssig und irgendwie veränderte das meine Beziehung zu dem alten Mann. Nicht, dass ich etwas gesagt hätte. Aber ich akzeptierte seine Wahrnehmung und schaute etwas öfter bei ihm vorbei. Wenn man mit vergleichsweise geringem Aufwand etwas Gutes bewirken kann, sollte man das erst recht tun. Fand ich damals. Finde ich heute noch immer.

Mein Jahr als Zivildiener ging vorüber, ohne dass ich Foucault zu Ende gelesen hatte. „Wahnsinn und Gesellschaft“ steht immer noch in meinem Bücherregal. Mit einem Knick, so auf Seite 400. Ich war froh, wieder frei zu sein. Ein-, zweimal streifte ich den Gedanken, dass Herr Gruber von nun an wohl wieder jeden Tag vergeblich auf seinen Sohn warten würde. Aber so etwas verdrängt man gern, besonders wenn man sehr jung ist und hungrig auf das Leben. Das Gewissen biss selten zu und sehr zaghaft. Irgendwann dachte ich wirklich nicht mehr an den alten Mann.

Falsch verbunden?

Ich dachte daran, dass ich Journalist werden wollte. Und so ergriff ich die Chance, als eine örtliche Zeitung Studierende suchte, die sich um das Korrektorat kümmern sollten. Der Job war ganz gut bezahlt und ich lernte allerhand darüber, wie eine Redaktion funktioniert. Weil wirklich jeder noch so kleine Text durch meine Finger ging, auch die Todesanzeigen. Das war auch eine Lektion darüber, was das Menschsein ausmacht: Wer macht sich schon mit Anfang 20 Gedanken darüber, dass das Leben irgendwann endet? Mich jedenfalls hat die Sache mit der Vergänglichkeit nicht umgetrieben. Ich war auf Spaß gebürstet. Was in dem Alter völlig in Ordnung ist.

Vielleicht hat mich diese eine Sterbeanzeige auch deshalb durcheinandergebracht. Zum einen, weil der zeitliche Zusammenhang zwischen Tod und Traum so auffällig war. Aber auch, weil das alles eine ganz andere Frage aufwarf. Angenommen, Herr Gruber hatte sich in seinen letzten Minuten wirklich über Kommunikationskanäle, die zu kompliziert sind, um sie zu erklären, von mir verabschiedet: Hat er dann mich als Zivildiener adressiert? Oder galt das Adieu eigentlich seinem Sohn, wurde aber durch einen bekannten Fehler zu mir durchgestellt?

Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass es ein angenehmer Traum war, der nichts Unheimliches an sich hatte. Was blieb, war ein Gefühl von – nun ja – Vergebung. Und die haben wir vermutlich ohnehin alle nötig, nicht nur zu Weihnachten. Schöne Feiertage.

Sounddesign und Audioproduktion: Henric Wietheger
Mixing und Mastering: Patrik Haas