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Lass dir diese Geschichte von Michalis Pantelouris erzählen!
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Es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen Wissen und Verstehen. Das eine verhält sich zum anderen wie Holz zu einem Tisch. Das eine ist Material, das andere hat eine Funktion. Wir können es benutzen. Guter Journalismus ist mehr als eine Sammlung von Informationen, er macht verständlich, und was die britische Journalistin Heidi Blake in ihrer epischen Reportage über den rechten Vergewaltigungs-Influencer Andrew Tate zusammengetragen hat, gehört zum besten Journalismus überhaupt. Was ihr Text verständlich macht, ist die furchteinflößendste Erkenntnis der vergangenen Jahre, wenn nicht Jahrzehnte.
Blake erzählt in der Zeitschrift New Yorker die Geschichte eines Mannes, der sich als Kick-Box-Champion aus den für ihn zu begrenzten Verhältnissen seiner Jugend herauskämpft, sein Geschäftsfeld ausweitet auf Online-Pornografie, auf eine Art digitale Zuhälterei, und bemerkt, wie er Kundschaft und Follower gewinnt, wenn er seine Erfolge in den Sozialen Medien ausstellt. Das alles ist schmierig genug, aber Andrew Tate bemerkt noch etwas, das wirkt wie eine dunkle Falltür, die alles auf den Kopf stellt, wenn man hindurchfällt, so als käme man auf der anderen Seite der Welt wieder zum Vorschein, wo Oben plötzlich Unten ist und umgekehrt: Tates Follower lieben seine Geschichten und Videos, in denen er Frauen rekrutiert, unterwirft, vergewaltigt und für seine Pornoseiten ausnutzt (er bestreitet die Vergewaltigungen. Es gibt in mehreren Ländern Ermittlungen gegen ihn. Bis zum Beweis des Gegenteils gilt die Unschuldsvermutung). Aber die Männer folgen ihm nicht nur, sie wollen sein wie er. So wird der Kern seiner Unternehmungen ein anderer: Er bildet Männer aus. In Online-Kursen bringt er ihnen das Rekrutieren und Unterwerfen von Frauen bei, samt Vergewaltigungen als Mittel zum Zweck. Sein Weltbild: Geld, Stärke, Macht – mithilfe von Gewalt, Demütigung und Unterwerfung. Von Heidi Blake konfrontiert tut er diese Kurse als Show ab, als Unterhaltungsprogramm, nicht ernst gemeint, aber sie haben ernste Folgen. Überall auf der Welt weigern sich zum Beispiel schon junge Burschen, auf Lehrerinnen zu hören und brüllen stattdessen Tates Motto „Make me a Sandwich“. Gewalt gegen Mädchen steigt. Und immer wieder gibt es Fälle, wie gerade in Großbrittanien und den USA: Männliche Jugendliche verletzen und ermorden Mädchen, nachdem sie Tate-Videos gesehen haben (auch hier bestreitet Tate – wie alle Influencer, die ähnliche Inhalte verbreiten – jeden Zusammenhang und jede Verantwortung).
All das ist bekannt, nicht erst seit Blakes Reportage, und Andrew Tate und sein Bruder Tristan sind bei Weitem nicht die einzigen Influencer, die mit gewaltvollem Frauenhass Follower generieren. Was Blakes Reportage schon jetzt zu dem außergewöhnlichsten Stück Journalismus des Jahres macht, ist die Tiefe, die Anhäufung von Fakten, die schiere Länge, die nicht nur das Ausmaß der mutmaßlichen Verbrechen deutlich macht, sondern auch aufzeigt, wie die politischen Verbindungen der Tate-Brüder sie bisher zumindest davor bewahren, Konsequenzen für ihre Taten fürchten zu müssen.
Flucht nach Rumänien
Nach Ermittlungen in England verlegte Andrew Tate die „Geschäfte“ der Brüder nach Rumänien. Als dort nach Jahren und unzähligen Hinweisen die Polizei endlich das Anwesen der Brüder stürmte, um eine junge, von den Brüdern festgehaltene Amerikanerin zu befreien, nahm sie den Tates ihre Pässe ab. Blake weist nach, wie sie sie zurückbekamen: durch direkte Einflussnahme der Trump-Regierung. Richard Grenell, der ehemalige US-Botschafter in Deutschland und eine Art Ein-Mann-Eingreiftruppe des Präsidenten (er war zuletzt zum Beispiel Sondergesandter für Venezuela und Leiter des Kennedy Center for Performing Arts) fragte auf der Münchner Sicherheitskonferenz persönlich bei dem rumänischen Außenminister nach, was mit den Tates sei. Die bekamen sofort ihre Pässe geliefert, mit guten Wünschen für die Reise. Seitdem leben sie wieder ungestört in den USA, reisen herum, ein aktuelles Interview von Tate wurde in der Nähe von Moskau aufgezeichnet.

Spätestens an dieser Stelle in Blakes Geschichte drängte sich die Frage auf: Warum schon wieder? Warum setzte sich diese US-Regierung, wie bei Epstein, schon wieder für Männer ein, denen massenhafte Vergewaltigung vorgeworfen wird? Und es ist Blakes Recherche, an der die Frage endgültig zerschellt und die Welt vom Kopf auf die Füße gestellt wird, mit der einzigen Antwort, die einen Sinn ergibt – und die ich selbst lange nicht zu erkennen bereit war, weil sie zu schmerzhaft ist: Die Regierung Trump setzt sich nicht für die Tates ein, obwohl ihnen Vergewaltigung vorgeworfen wird, genauso wie der Rest der internationalen Neuen Rechten sich nicht deswegen mit den Tates solidarisiert, obwohl ihnen massenhaft Vergewaltigung vorgeworfen wird. Sie solidarisieren sich, WEIL die Tates selbsterklärte Vergewaltiger sind. Der Frauenhass, die Vergewaltigungen, die Unterdrückung sind kein Nebenprodukt der Bewegung. Sie sind der Zweck. Wir befinden uns längst mitten in einem Krieg, und dieser Krieg richtet sich – vielleicht nicht ausschließlich, aber vor allem anderen – gegen Frauen.
Die offene psychische und körperliche Gewalt, zu der in der virtuellen Manosphäre* aufgerufen wird, und die in der realen Welt ihre brutale Ausführung findet, ist das verbindende Element. Wir stellen uns immer noch die Frage, warum Jeffrey Epstein so viel Einfluss gewinnen konnte, obwohl er ein Vergewaltiger war. Warum Donald Trump Präsident sein kann, obwohl ihn eine Jury in seiner Heimatstadt New York als Vergewaltiger einstufte. Wir protestieren gegen den obskuren schwarzen Neo-Nazi Kanye „Ye“ West wegen seiner antisemitischen Ausfälle, und übersehen dabei geblendet von all den blitzenden Granaten die einzige Haltung, die er konsequent vertritt: Er inszeniert seine (inzwischen offenbar ehemalige) Lebensgefährtin in einer permanenten öffentlichen, fast cartoonhaft sexualisierten Demütigungs-Show, in dem er sie nackt an einer Hundeleine über Rote Teppiche zerrt. Es wird als eine Art Kunst- oder Fashion-Aktion verharmlost, aber es ist nichts als öffentliche Erniedrigung von Frauen. Und noch ein Beispiel, wie dieses: Warum wird ein Alexander Acosta, der als Staatsanwalt Jeffrey Epstein praktisch Immunität garantierte, dafür nicht bestraft, sondern von Trump (in seiner ersten Amtszeit) zum Arbeitsminister ernannt?
Wir können diese Fragestunde quasi ewig fortsetzen: Welche Überzeugung haben Donald Trump und Wladimir Putin wirklich gemeinsam? Eine Antwort – und ich wage zu behaupten, in vielen Fällen DIE Antwort – auf alle diese Fragen ist die Überzeugung, dass Frauen nicht dieselben Rechte haben sollten wie Männer, und das alles recht ist, was bisher erkämpfte Frauenrechte untergräbt. Der Hass auf Frauen übertrifft jeden anderen. Er übertrifft den Hass auf Ausländer, denn wie wir sehen, ist die Neue Rechte absolut international. In ihrem Hass auf Juden war sie sich nie einig, und ihr Hass auf die so genannte Wokeness zeigt sich ja vor allem offen als der Hass auf alles, was als feminin wahrgenommen werden kann. Ich sage es noch einmal: Die Vergewaltigungen sind das Programm.
Das Problem erkennen
Es ist fatal, wie sehr wir das Problem von der falschen Seite betrachten. Die Geschichte von Heidi Blake im New Yorker hat nicht nur uns hier in der JETZT-Redaktion erschüttert, sondern Menschen überall auf der Welt. Junge Frauen posten auf Social Media, um aufzurütteln, und sie erzählen dabei von den schrecklichsten Details von Tates Taten, immer noch in der Annahme, dass die Menschen ihn verurteilen – auf allen Ebenen verurteilen, juristisch wie moralisch –, wenn sie nur wissen, was er getan hat. Dabei hat er die ganze Zeit offen gesagt, was er getan hat. Es folgen ihm gerade deshalb Millionen von Männern. Es zahlen ihm deswegen Männer Millionen, weil sie lernen wollen, zu tun was er tut: Zuhälter werden, Frauen unterdrücken, vergewaltigen, sich überlegen fühlen. Der so genannte Führer der freien Welt, Donald Trump, ist ein Vergewaltiger. Seine ganze Regierung ist damit beschäftigt, Vergewaltiger und Kinderschänder zu verteidigen, während sie gleichzeitig die Rechte von Frauen beschneidet.

Im Standard ist vor einigen Tagen zu Blakes Geschichte ein Kommentar erschienen mit dem Tenor, man soll doch dem „Loser“ Andrew Tate nicht noch mehr Aufmerksamkeit schenken, das mache ihn sinngemäß nur stärker. Das zeigt perfekt, wie blind wir sind. Es ist rührend, wenn beim Standard jemand denkt, Andrew Tate mit seinen teilweise zwölf Milliarden Aufrufen innerhalb von Monaten allein auf TikTok wäre für Aufmerksamkeit irgendwie auf klassische Medien angewiesen, oder auf irgendwen sonst. Aber vor allem ist es blind zu glauben, man könnte sich den Losern gegenüber überlegen fühlen, wenn sie auf ihrer Seite die mächtigsten Armeen der Welt haben, die Gerichte, die Polizei, die verdammten Atomwaffen. Der „Loser“ rekrutiert im Zweifel gerade deinen Sohn, damit er meine Tochter umbringt. Ich glaube nicht, dass es irgendwie hilft, ihn nicht zu beachten.
All unsere Aufmerksamkeit
Deshalb haben wir hier in der JETZT-Redaktion beschlossen, das Gegenteil zu tun. Wir widmen dem Krieg gegen Frauen all unsere Aufmerksamkeit, zumindest eine ganze Woche lang. Heute ist der Auftakt, wir werden in den nächsten Tagen verschiedene Aspekte dieses Krieges beleuchten, unter anderem, wie genau es dazu kommen konnte, wer die kriegführenden Parteien sind, und vielleicht schaffen wir es sogar ein Stück weit, Wege aufzuzeigen, wie wir da wieder rauskommen.
Denn Entwarnung kann es nicht geben. In Großbritannien haben die Behörden Gewalt gegen Frauen bereits zu einem nationalen Notstand erklärt, und wir haben die Befürchtung, Österreich wird letztlich nur noch ein bisschen dadurch geschützt, dass der größte Teil der Manosphäre auf Englisch kommuniziert und viele der jüngsten österreichischen Follower die Sprache noch nicht gut genug sprechen – eine Hürde, die dank Künstlicher Intelligenz sehr bald nichtig sein könnte.
Ich weiß, dass alles, was ich hier schreibe, alarmistisch klingt, oder sogar nach einer Verschwörungserzählung. Aber nichts davon passiert im Verborgenen. Wir können nur unseren Augen nicht glauben. So wie man bei manchen Medien immer noch glaubt, wir wären „die Öffentlichkeit“; so wie die engagierten, wütenden Frauen auf Social Media annehmen, die Beschreibungen der Vergewaltigungen würden Menschen abstoßen, während die Wahrheit ist, dass offensichtlich viele Millionen sie feiern. Trump ist nicht trotz „grab them by the pussy“ gewählt worden, sondern deswegen. Epstein hatte nicht trotz seiner Vergewaltigungen Einfluss, sondern deswegen. Andrew Tate ist nicht trotz seiner gewalttätigen Frauenverachtung ein Held der Neuen Rechten, sondern deswegen.
Die großartige Leistung von Heidi Blake in ihrer Reportage „Andrew Tate’s Empire of Abuse“ ist, dass sie aus all diesem Wissen ein Verstehen gemacht hat: Das ist ein Krieg. Und wenn man einmal etwas weiß, kann man nicht mehr zurück.
Audioproduktion und -mix: Yannik Milz
