„Ich doch nicht!“ – Männlichkeit und Gewalt | Teil 1 Bevor die Krise eskaliert

In welchen Lebenssituationen sind wir Männer besonders krisenanfällig, und was kann helfen, damit die Krise nicht außer Kontrolle gerät?

„Ich doch nicht!“ – Männlichkeit und Gewalt | Teil 1 Bevor die Krise eskaliert
Foto: Getty Images

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Hinweis

In dieser Geschichte kommt es immer wieder zu recht bildhaften Beschreibungen von Gewalt. Bitte lest oder hört diese Geschichte nur, wenn ihr euch damit wohlfühlt oder wenn ihr mit jemandem darüber sprechen könnt.

Ja, grüße Sie, Herr P. Ich hoffe, Sie haben gut hergefunden zu uns, zum Verein NEUSTART. Ich werde jetzt mit Ihnen die Gewaltpräventionsberatung durchführen, zu der Sie verpflichtet sind, nachdem ein Betretungs- und Annäherungsverbot gegen Sie von der Polizei ausgesprochen worden ist.“

Das ist Frau Kundrat. Sie ist Sozialarbeiterin bei NEUSTART in Wien. Herr P., das bin ich – zumindest für eine Stunde. Ich versetze mich in einen Mann, der seiner Ex-Partnerin damit gedroht haben soll, den Kopf abzuschneiden. Frau Kundrat ist meine Beraterin. Im zweiten Teil dieser Geschichte nehme ich euch mit zu meiner Gewaltpräventionsberatungssitzung.

Das hier ist ein zweiteiliger Beitrag über Männlichkeit und Gewalt. Im ersten Teil geht es um die Momente, bevor eine Krise zu Gewalt eskaliert – im zweiten Teil um das Danach: Was passiert, wenn eine Krise eskaliert ist? Beide Teile gehören zu einer Reihe über Gewalt gegen Frauen, die wir vor ein paar Wochen gestartet haben. Meine Kolleginnen Eva und Celeste haben schon mit euch dorthin geschaut, wo weggeschaut wurde. Ihren Artikel über mangelnde Zivilcourage in Bezug auf Gewalt gegen Frauen findet ihr hier:

Im Artikel zitieren Eva und Celeste eine repräsentative Umfrage aus Deutschland. Anscheinend findet es jeder dritte Mann zwischen 18 und 35 Jahren „akzeptabel”, wenn ihm oder anderen Männern im Streit mit der Partnerin gelegentlich die „Hand ausrutscht”. In Österreich hat laut Statistik Austria jede dritte Frau ab 15 Jahren bereits körperliche oder sexuelle Gewalt erfahren.

Wenn – wie zu Beginn des Jahres – Femizide bekannt werden, liest man immer wieder davon, dass Gewalt im privaten Umfeld en gros ein Männerproblem sei; nicht zu Unrecht, wenn man sich die Zahlen anschaut. Dann heißt es, dass Männer etwas machen müssen oder aktiv werden sollen – auch von Männern. An anderer Stelle heißt es: #notallmen.

„Das ist schlimm, aber ich bin doch kein Täter.“

Dieses „Ich doch nicht“ hält sich hartnäckig. Ich werde es mit euch zerlegen. Ich will mit euch dorthin schauen, wo aus dem „Ich doch nicht“ ein „Ich doch“ wird und was zum „Ich nicht“ beitragen kann. Vielleicht, liebe Männer, ist diese zweiteilige Geschichte hier eine Chance, uns der Diskussion über Männlichkeit und Gewalt ein bisschen offener zu stellen – ohne Vorverurteilungen und Sensationslust. Starten wir im ersten Teil. Bevor es eskaliert. Bei einem unverfänglichen Telefonat.

Es ist 2020. Viele befürchten, dass die Corona-Lockdowns zu mehr häuslicher Gewalt führen. Zwei Mitarbeiter – der eine von der Männerberatung Wien, der andere vom Verein Männer- und Geschlechterthemen Steiermark – schlagen vor, eine telefonische Krisenberatung für Männer einzurichten: die MÄNNERINFO. Drei weitere Beratungsstellen finden die Idee gut und machen mit. 2021 bekommt die MÄNNERINFO ihren ersten Förderzuschlag vom Sozialministerium. Die Förderung kam aus einem Topf, den die damalige Regierung anlässlich einer Reihe von Femiziden für Gewaltschutz und Täterarbeit freigemacht hat.

Mittlerweile ist die MÄNNERINFO in ihrer vierten Förderperiode. Bis Ende 2026 sei sie auf jeden Fall mal finanziert, sagt Projektleiter Manfred Kummer. Dank der Förderungen und einem ca. 20-köpfigen Team aus acht Beratungsstellen ist das kostenlose Krisentelefon rund um die Uhr besetzt. Wer nicht telefonieren mag, erreicht die Berater montags bis sonntags von 16.00 bis 22.00 Uhr per Chat. Die MÄNNERINFO verspricht Vertraulichkeit. Darum, meint Kummer, gebe es auch nicht viele Daten oder Details über die Anrufer und ihre Anliegen. Es seien aber tatsächlich hauptsächlich Männer in Krisensituationen, die sich beim Krisentelefon melden.

„Alle gegen dich?“ Auf der Website der MÄNNERINFO findet Mann alle Unterstützungsangebote. (Screenshot:maennerinfo.at)

Wann tritt spürbar eine Krise beim Mann ein? „Dann, wenn die Frau mit der Trennung droht oder wenn es eine gravierende Beziehungskrise gibt. Oder wenn Männer nach der Scheidung Angst haben, ihre Kinder nicht sehen zu dürfen”, sagt Kummer. Man muss sich nicht in einer Krise befinden, um bei der MÄNNERINFO anzurufen, alles habe Platz. Es werde zum Beispiel auch über psychische Erkrankungen, zu viel oder zu wenig Arbeit und Sexualität gesprochen. Der häufigste Gesprächsanlass seien aber definitiv Partnerschaften. Die meisten Anrufer seien zwischen 30 und 50 Jahren alt, sagt Kummer. Das sei nämlich die Altersspanne, in der langjährige Beziehungen scheitern: „Wenn ich in einer quasi traditionellen Beziehung oder Ehe lebe, wenn ich an meinem Family-Building – klischeehaft – mit Haus, Hund, Kind und Kegel arbeite und das dann bricht, ist das tatsächlich eine krisenauslösende Situation. Trennungszeiten sind einfach gefährliche Zeiten.“

Trennungszeiten sind gefährliche Zeiten, das wird uns im zweiten Teil dieser Geschichte noch einmal unterkommen, wenn ich euch zur Gewaltpräventionsberatung bei NEUSTART mitnehme. Kummer meint, dass sich Männer generell ungern in die hilfsbedürftige Rolle begeben und dass sie nicht gerne beraten werden. Die MÄNNERINFO ermuntert Männer und Burschen trotzdem, sich frühzeitig zu melden, z. B. im Rahmen der Kampagne „Mann spricht’s an“. Er bietet ihnen einen einfachen Merksatz an:

„Wenn es mir schlecht geht, ist die Zeit gekommen, mir Hilfe zu holen.“

„Je existenzieller die Situation wird und je mehr Gedankenschleifen und Grübelspiralen den Horizont einengen, desto dringlicher ist es, in Beratung zu gehen oder sich anderweitig Unterstützung zu holen“, sagt Kummer. Aber was passiert denn nun, wenn man sich nicht für den Chat entscheidet und bei der MÄNNERINFO anruft? Kummer versichert: Ein Kollege ist immer in Bereitschaft. Wenn der gerade in einem Beratungsgespräch ist, läuft eine Tonbandansage und man wird zurückgerufen. Außer der Rückruf dauert länger als eine halbe Stunde. Die Berater wollen nicht stören, wenn der Anrufer vielleicht schon ganz woanders ist, zum Beispiel mit Freunden oder Freundinnen unterwegs. Muss ja keiner wissen, dass man beim Krisentelefon angerufen hat. Oft komme es nicht vor, dass besetzt sei, meint Kummer. Zu Beginn der MÄNNERINFO hätten alle drei bis vier Stunden jemand angerufen. Mittlerweile alle zwei Stunden. Und was passiert dann?

„Wir bieten uns als Berater zu hundert Prozent an und versuchen, mit dem Anrufenden ein erstes Erkennen hinzukriegen, was los ist. Das führt oft zu einer ersten Entlastung. Wir versuchen dann auch, erste Handlungsschritte zu entwickeln.“ Das könne eine einfache Empfehlung sein, sagt Kummer, zum Beispiel für eine Männerberatung vor Ort, eine medizinische Behandlung oder ein Gespräch mit einem Rechtsanwalt. Für viele Anrufer sei es das erste Beratungsgespräch überhaupt. Da könne so eine Handlungsperspektive schon sehr viel helfen, auch wenn der Anrufer nicht sofort aktiv werde.

Sparsame Ratschläge

Mit Ratschlägen seien die Berater der MÄNNERINFO eher sparsam, meint Kummer. Außer: „Wenn die Person wirklich in der Krise ist, dann ist es auch mal okay, ihn wirklich bei der Hand zu nehmen, ihm zu helfen, konkrete Schritte vorzubereiten oder selber durchzuführen.“ Akute Notfälle würden laut Kummer etwa ein bis zwei Mal im Monat vorkommen. Wenn Selbst- oder Fremdgefährdung droht, sprechen sich die Berater der MÄNNERINFO unter vier Augen ab und geben die Infos, die sie haben, an die Polizei weiter.

Leider kündigt sich nicht jeder Notfall am Krisentelefon an. Ich hätte versuchen können, für diese Geschichte hier mit Gewalttätern zu sprechen und sie zu fragen, was passiert ist und wie es nach der Tat weitergegangen ist. Meine Sorge war aber, dass ich damit den „Ich-doch-nicht“-Effekt befeuere, dass man sich zu easy davon distanzieren kann. Ich wollte versuchen, so authentisch wie möglich mitzuerleben, was passiert, wenn aus dem „Ich doch nicht“ ein „Ich doch“ geworden ist. Und ich wollte darüber berichten. Dankenswerterweise hat sich der Verein NEUSTART auf dieses Experiment eingelassen. Eine Premiere, wie Geschäftsführer Nikolaus Tsekas sagt.

Kurz ein paar Hard Facts zu NEUSTART: Die Hauptaufgaben des Vereins sind Resozialisierungshilfe für Straffällige, Unterstützung von Opfern und Prävention. In Wien, Niederösterreich, Oberösterreich, der Steiermark und dem Burgenland ist der Verein die einzige Adresse für Gewaltpräventionsberatungen. Wer dort nach einer mutmaßlichen Gewalttat ein Betretungs- und Annäherungsverbot bekommt, wird zu sechs Stunden Gewaltpräventionsberatung bei NEUSTART verpflichtet. Nach einer einstweiligen Verfügung sind es zehn bis sechzehn Stunden. Allein in Wien bearbeitet NEUSTART monatlich etwa 300 Fälle. 12 Prozent aller Klientinnen und Klienten von NEUSTART sind weiblich. Knapp 80 Prozent der Klientinnen und Klienten schließen die verpflichtenden Gewaltpräventionsberatungen ab.

Meine Beratung startet am 21. Jänner 2026. Ein paar Tage davor schickt mir NEUSTART-Geschäftsführer Tsekas diese E-Mail. Es ist ein echter Fall, in den ich mich hineinversetzen soll. Solche oder so ähnliche Fälle würden sehr häufig vorkommen, meint er.


Die Polizei wird am 16.1. um 23.06 Uhr über den Notruf zu einer Wohnung im 10. Bezirk gerufen. Herr P. (38), italienischer Staatsbürger – lebt schon lange in Österreich –, hat seine Ex-Lebensgefährtin, die sich nach den Feiertagen von ihm getrennt hat (sie wohnt vorübergehend mit ihrem Sohn (12) aus einer früheren Beziehung bei den Eltern), massiv bedroht. Er sei komplett ausgerastet und habe ihr gedroht, sie umzubringen, wenn sie nicht aufmacht, und ihr den Kopf abzuschneiden. Beim Eintreffen der Polizei flieht er und begeht eine Sachbeschädigung am Auto der Ex-Lebensgefährtin. Er wird von den Beamt:innen nicht aufgefunden, eine Nachschau zu Hause ist auch nicht erfolgreich – telefonisch meldet er sich ebenfalls nicht! Er ruft aber am nächsten Tag bei der Polizei unter der Nummer zurück, und es wird bereits telefonisch das Betretungs- und Annäherungsverbot (BV/AV) verhängt. Am nächsten Tag (17.1.) kommt er ins Wachzimmer zur Einvernahme. Herr P. ist dort bemüht, höflich, ruhig und behauptet, dass es ein Missverständnis sei und sie „wie immer massiv übertreibt“. Er wird informiert, dass das BV/AV aufrecht bleibt und er verpflichtet ist, sich einer Gewaltpräventionsberatung im Ausmaß von sechs Stunden zu unterziehen und sich aktiv bei NEUSTART melden soll. Am 19.1. meldet er sich telefonisch und bekommt für den 21.1. um 9.15 Uhr einen Termin bei Frau Kundrat.


Auf dem Weg zur Gewaltpräventionsberatung bei NEUSTART (Foto: JETZT)

Im Aufzug merke ich zum ersten Mal, dass meine Pumpe geht. Ich läute an, sage Bescheid, dass ich einen Termin habe, und setze mich in den kargen Wartebereich. Frau Kundrat, meine Beraterin, begrüßt mich und führt mich in einen Büroraum. Der sieht aus wie jeder andere: weiß, grau und ein bisschen Holz. Ein Schreibtisch mit Computerbildschirm, Tastatur und ein paar Dokumenten. An einer Magnetpinnwand hängen Postkarten. Auf einer steht „Rote Karte für Gewalt”, auf einer anderen „Nie wieder Femizide”. Auf dem Tisch, an den Frau Kundrat und ich uns setzen, stehen zwei Gläser und eine Wasserkaraffe. Und dann geht es los. Ich bin Herr P.

Was ich in meiner Beratungssession erlebe, lest oder hört ihr morgen, am 17. Februar, im zweiten Teil dieser Geschichte. Bis dahin: Lasst einen Kommentar da, wenn euch etwas zum „Ich-doch-nicht“-Effekt einfällt. Ich freue mich auf die Diskussion.

Sounddesign und Audioproduktion: Katharina Darya Ressl
Mixing und Mastering: Patrik Haas