Männermangel War der Macho-Typ nicht gestern noch ein Auslaufmodell?

Heute ist er zurück: so laut wie noch nie, so mächtig wie lange nicht mehr, zugleich unsicherer denn je. Wie sollen wir damit umgehen? Ein Aufruf zum Gespräch in Zeiten des Testosteron-Kults, der rechtsextremen Wahlerfolge und der brennenden Welt.

Männermangel War der Macho-Typ nicht gestern noch ein Auslaufmodell?
Foto: Getty Images

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Lasst uns über Männlichkeit reden, es ist mal wieder an der Zeit. Ein angenehmes Thema? Kommt darauf an, würde ich sagen. Vor allem darauf, was für Männerbilder vorherrschen: in der Politik und in der Wirtschaft, in den öffentlichen Debatten und in den sozialen Medien. Geben in diesen Bereichen Männer den Ton an, die sich autokratische Verhältnisse wünschen, Deportationen planen, Kriege anfangen; Männer, die unsere Lebensgrundlagen zerstören und auch das gesellschaftliche Klima vergiften? Dann wird das Gespräch über Männlichkeit unangenehm. Und so ist es leider gerade.

So muss es aber nicht bleiben. Darum soll es in diesem Essay gehen. Er will zugleich eine Bestandsaufnahme sein, ein Appell und eben ein Gesprächsangebot. Wobei ich selbst, was Gender und sexuelle Orientierung betrifft, ein langweiliger Typ bin, hetero, Familienvater. Trotzdem kann ich mich mit den meisten traditionellen Männerbildern nicht identifizieren. Schon gar nicht mit Männerbildern, hinter denen nichts anderes steckt als panische Angst vor feministischem Fortschritt und vor Queerness – und eine Haltung von »Lieber soll die Welt untergehen, als dass wir unsere Lebensweise ändern«.

In gewisser Weise knüpft mein Text an die JETZT-Serie über den Krieg gegen Frauen an, die wir im Sommer veröffentlichten. Und ich habe drei aktuelle Gründe, ihn zu schreiben.

Männliche Mehrheiten

Der erste dieser drei Gründe ist der Erdrutschsieg einer extrem rechten Partei bei den Parlamentswahlen im deutschen Bundesland Sachsen-Anhalt. Hätten dort am 6. September nur die von Männern abgegebenen Stimmen gezählt, wäre die AfD nicht auf knapp 44 Prozent gekommen, wie im Gesamtergebnis. Sondern auf 50 Prozent und damit bequem zur absoluten Sitzmehrheit. Zugleich ist Sachsen-Anhalt das deutsche Bundesland mit dem höchsten Männerüberschuss bei jungen Erwachsenen. Die Altersgruppe 18 bis 29 Jahre zählt dort nach Angaben des Statistischen Bundesamts auf 1000 Männer nur 856 Frauen. Auch bei den bis 49-Jährigen sind die Frauen deutlich in der Minderheit.

Solchen Phänomenen und den damit verbundenen speziellen Männerbildern widmet sich Ralph Gerstenbergs soeben veröffentlichtes Buch Der ostdeutsche Mann. Es bildet den zweiten Anlass für diesen Text, und ich lese es im Kontrast zu Notes on Being a Man von Scott Galloway, das in deutscher Übersetzung – Untertitel: »Was bedeutet es heute, ein Mann zu sein?« – ebenfalls kürzlich erschienen ist.

Während der in Ostberlin aufgewachsene Journalist und Autor Ralph Gerstenberg das Klischeebild vom »ostdeutschen Mann« zum Anlass für eine »soziokulturelle Selbsterkundung« nimmt (so lautet wiederum bei seinem Buch der Untertitel), versucht der in Los Angeles aufgewachsene Unternehmer und Marketing-Dozent Scott Galloway das Genre der persönlichen Erfolgsstory in Zeiten des dröhnenden MAGA-Machismo in eine Anleitung zur verantwortungsvollen Männlichkeit zu verwandeln.

Narziss vor dem Hormonspiegel

Womit wir, Stichwort MAGA-Machismo, beim dritten aktuellen Anlass für meinen Text sind: dem Hormon-Fetisch des Pete Hegseth. Dieser Mann ist nicht Verteidigungsminister, sondern »Kriegsminister« der USA, darauf legt er Wert. Sein Ministerium nennt er »The High T Department of War«. Das T steht für Testosteron. Hegseth ist besessen von der Vorstellung, nur ein hoher Spiegel dieses Sexualhormons könne das amerikanische Militär auf »die höchsten männlichen Standards« in Sachen Kampfkraft oder, wie er sich ausdrückt, »Tödlichkeit« – bringen. Im Sommer kündigte er verpflichtende Testosteron-Tests für alle männlichen Soldaten ab 30 Jahren im Rahmen ihres jährlichen Gesundheits-Checks an.

Pete Hegseth (Foto: IMAGO / ZUMA Press Wire)

Dass die Gleichsetzung von Virilität mit hohen Testosteronwerten medizinisch nicht haltbar ist, stört die heutige US-Regierung ebenso wenig, wie dass Pete Hegseth vor seinem Amtsantritt zugab, 50.000 Dollar Schweigegeld an eine Frau gezahlt zu haben, die ihn der Vergewaltigung bezichtigte. Für die MAGA-Sekte um den verurteilten Sexualstraftäter Donald Trump gelten solche Details im Lebenslauf als politische Qualifikation. Und während sich die Testosteron-Truppen im Krieg gegen Iran blamieren, bemüht sich Scott Galloway in seinem Buch Notes on Being a Man, ein positives heterosexuelles Männerbild in Abgrenzung zur MAGA-dominierten »Manosphäre« zu zeichnen.

Samthandschuhe für den Backlash

Notes on Being a Man ist in den USA zum hochgelobten Beststeller geworden. Kein Geringerer als der Schauspieler Ben Stiller stellte das Buch im lockeren Geplauder mit dem Autor auf YouTube vor, ich war also auch erstmal beeindruckt. Beim Lesen kam dann die Ernüchterung. Scott Galloway und sein Ghostwriter (schreiben ließ er das Buch von einem Helfer, der nur in der Danksagung zum Schluss als »Peter Smith, unser Autor« erwähnt wird) holen mit Fragen wie »Warum gibt es niemanden, der Männer verteidigt und sich für sie einsetzt?« und mit Thesen wie »Es gibt keine ›toxische Männlichkeit‹« ihre zartbesaiteten Leser irgendwo ab, wo diese sich vor der Wirklichkeit verstecken.

Scott Galloway (Foto: Piotr Sikora)

Es folgen erbauliche Ausflüge durch Galloways Erfolgsbiografie, durchsetzt mit Tipps, wie du auch bei steiler Karriere ein guter Typ sein kannst. Da ist viel von »Humankapital« die Rede. Ein Abschnitt heißt »Muskelaufbau«, ein weiterer »Langweilig ist sexy«. Ein Mann zu sein, bedeutet für Galloway vor allem, sein Leben durchzuplanen. Und zur Schablone zu werden: »Jeder Mann muss einen Kodex entwickeln, eine Reihe von Eigenschaften oder Verhaltensweisen, die sein tägliches Handeln leiten und definieren.«

Immerhin landet er am Ende bei der Erkenntnis: »Der Schlüssel zum Überleben der Menschen ist und war schon immer Freundlichkeit, Rücksichtnahme und Zusammenarbeit.« Doch merkt man dem Buch deutlich an, dass es für eine Gesellschaft im Rückwärtsgang geschrieben ist. Selbst schlichte Aufrufe zu einer konstruktiven, nicht-gewalttätigen Männlichkeit müssen in Beschwichtigungsformeln für empfindsame Wüteriche verpackt werden.

Galloways Buch ist sehr amerikanisch. Doch was die Art und Darreichung der Botschaft betrifft, hat es viel gemeinsam mit dem Manifest »Moderne Männlichkeit«, mit dem deutsche und österreichische Grünen-Politiker diesen Sommer versuchten, junge Männer von ihrer Rechtsdrift abzubringen. Das liest sich wie ein Kondensat der Notes on Being a Man im angestrengten Influencer-Tonfall. Kostprobe: »Du willst jeden Tag ins Gym gehen und achtest auf deine Ernährung? Hervorragend, dass du daran Spaß hast und gesund lebst. Mach das.«

Wie defensiv eben nicht nur in den USA, sondern auch bei uns der Ton geworden ist, sobald Männer als solche angesprochen werden sollen, siehst du, wenn du das grüne Manifest mit seinem Vorgänger vergleichst. Schon 2010 nämlich veröffentlichten die deutschen Grünen ein erstes Männermanifest. Damals trauten sie sich noch Sätze hineinzuschreiben wie »Wir wollen nicht länger Machos sein müssen, wir wollen Menschen sein!« Oder gar: »Die Krise ist männlich. Klimakrise, Finanz- und Wirtschaftskrise, Hunger- und Gerechtigkeitskrise, all dies sind direkte Folgen einer vor allem ›männlichen‹ Lebens-, Arbeits- und Wirtschaftsweise, die unseren Planeten an den Rand des Ruins getrieben hat.«

Mannhaft, wehrhaft, wahnhaft

Eine andere Art Behutsamkeit als Galloway und die Grünen legt Ralph Gerstenberg in seinem Essay Der ostdeutsche Mann an den Tag. Er stellt die Frage nach den Motiven und den Auswirkungen pauschaler Zuschreibungen. Gerstenberg und Galloway sind genau gleich alt, beide Ende 1964 geboren. Selbe Generation, jeweils Männer als Thema – und zwei ganz verschiedene Perspektiven. Ralph Gerstenberg geht die männliche Krise am Beispiel einer ganz bestimmten Gruppe an: der Männer aus dem Gebiet der ehemaligen DDR. Sie gelten spätestens seit der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt nicht mehr nur in im eigenen Land als politische Bedrohung, sondern auch bei den europäischen Nachbarn. Tatsächlich sind die männlichen Wähler in den östlichen Bundesländern heute die stärkste Kraft beim Aufstieg der Rechtsextremen in Deutschland. Als wollten sie damit ein altes Klischee bestätigen.

Ralph Gerstenberg (Foto: Kirsten Breustedt)

»Das Bild, das man sich in westdeutsch geprägten Medien von ostdeutschen Männern macht, hat sich, so scheint es, seit den frühen 1990ern kaum verändert«, schreibt Ralph Gerstenberg in seinem Buch. Und im Gespräch mit mir nennt er Beispiele für diese Kontinuität der Wahrnehmung von den sogenannten Baseballschlägerjahren nach dem Ende der DDR bis zu den Kundgebungen der Wutbürger in den 2010ern und 20ern: »Da wäre zum einen ein rechtsradikaler Randalierer bei den Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen 1992. Und dann sind das pöbelnde Demonstranten, die Journalisten angreifen, die für Angela Merkel einen Galgen bauen und ›Absaufen, absaufen!‹ brüllen.«

Ein gewaltiger Unterschied zwischen damals und heute: Aus dem Klischee-»Ossi« scheint unterdessen ein gesellschaftlicher Vorreiter geworden zu sein. Was den Stimmenzuwachs der AfD angeht, prescht der Osten Deutschlands seit Jahren voran, der Westen zieht nach. Und dass die Bundesbürger inzwischen massenhaft bereit sind, die Demokratie abzuwählen, geht einher mit einer Rückwendung zu Männerbildern aus finsteren Zeiten.

Den Slogan »Echte Männer sind rechts!« aufgreifend, mit dem der AfD-Lautsprecher Maximilian Krah seit Jahren tingelt (wenn er nicht gerade Auftrittsverbot hat), schreibt Ralph Gerstenberg: »Dass in einem AfD-Deutschland ein Mann wieder ein ›echter Mann‹ sein darf, ja, sein soll, korrespondiert mit einem Männlichkeitskult, der von Alpha-Male-Coaches und Influencern in den Blogs, Foren und Social-Media-Kanälen der Manosphere verbreitet wird […]. Gestählte Körper, Dominanz, eiserner Wille, Härte, Misogynie, alles wieder voll im Trend, nicht nur in Ostdeutschland.«

Ein westdeutscher AfD-Promi, der aber im Osten Karriere gemacht hat, nämlich Björn Höcke, tönte bereits 2015: »Wir müssen unsere Männlichkeit wiederentdecken. Denn nur, wenn wir unsere Männlichkeit wiederentdecken, werden wir mannhaft. Und nur, wenn wir mannhaft werden, werden wir wehrhaft. Und wir müssen wehrhaft werden, liebe Freunde!«

Wahnhaft Männlich: Björn Höcke (Foto: IMAGO / dts)

Mannhaft, wehrhaft, wahnhaft – ein Mix, der heute offenbar mitreißen kann. Und weithin Wellen schlägt: Zum Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt gratulierten sogar die großen Männerrechtler Elon Musk und Donald Trump. Der ostdeutsche Mann und die MAGA-Machos, eine erstaunliche Annäherung. Doch ehe ich mich hier in wackligen Analogien verirre, nehme ich mir lieber Ralph Gerstenbergs Fazit zu Stereotypen wie »der ostdeutsche Mann« zu Herzen: »Letztlich dienen sie vor allem dazu, unangenehme Dinge von sich zu weisen und auf andere zu projizieren, mit denen man – vielleicht abgesehen vom Geschlecht – natürlich nichts gemein hat.«

Und ewig lockt die Wade

Wenn in Deutschland Leute fordern, nun solle man die AfD halt mal in einem Bundesland ans Ruder lassen, dann werde sie sich schon »entzaubern«, wird zur Antwort gerne auf Österreich verwiesen. Schließlich hat Österreich die Erfahrung gemacht, dass eine Rechtsaußenpartei eben nicht unbedingt verschwindet, bloß weil sie schlecht regiert. Sie kann auch etliche Jahrzehnte und Skandale später mit Abstand stärkste Kraft in den Umfragen sein.

Lange Zeit galt die FPÖ als »Männerpartei«. Nicht nur, was ihre Wählerschaft betraf. Unvergessen Jörg Haiders »Buberlpartie« oder der Gockel-Rausch, in den sich Heinz-Christian Strache in einer heißen Nacht auf Ibiza redete. Dennoch hat sich die FPÖ fest etabliert als eine der großen Parteien im Land. Bei der letzten Nationalratswahl erhielt sie erstmals fast ebenso viele Stimmen von Frauen wie von Männern. Dabei haben sich die von der FPÖ vertretenen Männerbilder in den 40 Jahren, seit Haider die Parteiführung übernahm, nicht wirklich geändert.

Ich fürchte, »nicht wirklich geändert« ist die entscheidende Diagnose zur Debatte über Männlichkeit in den letzten Jahrzehnten. Der Text von Herbert Grönemeyers Song »Männer« aus dem Jahr 1984 enthält zum Beispiel schon die ganze Palette der heutigen Argumente – bis hin zur maskulinen Besserwisserei (»Männer sind furchtbar schlau«) und zum Mann als ungetrösteten Sensibelchen (»Männer weinen heimlich / Männer brauchen viel Zärtlichkeit«).

Männlicher Lederhosenbewohner: Andreas Gabalier

Süffisanter als Grönemeyer ging das Thema vier Jahre danach der Austropopper Rainhard Fendrich an. Mit seinem Hit »Macho Macho« reagierte er auf einen Artikel in der deutschen Frauenzeitschrift Brigitte, der beklagte, allzu viele Männer seien zu »Softies« geworden. »Die Frau aus Industrie und Adel / verbeißt sich ins Tiroler Wadel«, so besang Fendrich die österreichische Abhilfe. Der Anton aus Tirol machte ebendiese »gigaschlanken Wadln« dann in der Version von DJ Ötzi 1999 endgültig zur festen Größe. Und die Fixierung auf den männlichen Unterschenkel brachte, wiederum rund ein Jahrzehnt später, den Lederhosenbewohner Andreas Gabalier hervor. Der schenkt seinen fragilen Geschlechtsgenossen Stoßseufzer wie: »Man hat’s nicht leicht auf dieser Welt, wenn man als Manderl noch auf ein Weiberl steht.«

Problembärendienst

Ja, Männer haben’s schwer, darauf legen sie Wert. Auf Fortschritt in der gesellschaftlichen Debatte über Männlichkeit hingegen weniger. Oder? Wo wir gerade bei Rückblicken sind: Schon 1973 verkündete der Wortführer der »Männerbewegung« Volker Elis Pilgrim in Buchlänge den Untergang des Mannes. 1977/78 legte Klaus Theweleit mit seinen zweibändigen Männerphantasien den Grundstein zur Disziplin der kritischen Männlichkeitsforschung. Und so weiter. An Analysen herrscht kein Mangel, doch das Problem schwindet nicht.

Es verschlimmert sich sogar. Konnte der Autor und Dokumentarfilmer Michael Moore 2001 noch einen internationalen Bestseller landen, indem er die Mannschaft um Präsident George W. Bush in den USA als Stupid White Men verspottete, so wirken die mächtigen Dummköpfe von damals gegen die heutige US-Regierung und alle, die ihr international nacheifern, klug und redlich. 2018 prägte die Politikwissenschaftlerin Cara Daggett den Begriff »Petromaskulinität«: für eine Haltung, die tyrannische Männlichkeit mit der Feier fossiler Energieträger und der Leugnung des Klimawandels verbindet – und die heute in deprimierend vielen Staaten die Regierungen stellt. Ein Buch des Hamburger Publizisten Christian Stöcker aus dem Jahr 2024 heißt dementsprechend Männer, die die Welt verbrennen.

Cara Daggett prägte den Begriff »Petromaskulinität«. (Foto: Bastian Thiery)

Im Vergleich zu den – leider immer noch andauernden – Jahrtausenden männlicher Vorherrschaft sind die paar Jahre, als zumindest in einigen wenigen Teilen der brennenden Welt diese Vorherrschaft in Frage gestellt wurde, ein Wimpernschlag. Und kaum gewannen Feministinnen, queere Menschen und nonbinäre Identitäten (als Ausweg aus dem starren Entweder-oder der Geschlechterordnung) ein bisschen an Boden, da erhob sich ein beispielloses Gezeter unter den verängstigten Alphamännchen. Die sind nämlich solche Schneeflocken, dass sie immerzu ihren safe space brauchen. Wo ihr Patriarchat zu wanken droht, verschanzen sie sich in der Manosphäre.

Die Krise ist männlich, sogar männlicher denn je. Und der Slogan »Nicht alle Männer« hilft da kein bisschen weiter. Dass es neben Männern, die zu Monstern werden, auch Männer gibt, die immer schön friedlich und freundlich sind, ist für die Opfer männlicher Gewalt ein verdammt schwacher Trost und wird uns weder vor dem Klimakollaps noch vor dem Kontrollverlust der KI-Herren retten. Und für Männer, die diesen Slogan gebrauchen, ist er eine verdammt billige Art, sich aus der Verantwortung zu ziehen – und dabei auch noch das Gespräch wieder zurück auf ihr Lieblingsthema zu lenken: sich selbst als tolle Kerle.

Es kommt sogar vor, dass einer medienwirksam beteuert, er sei »der Typ Mann, den sich der Feminismus immer gewünscht hat«, und dann im Namen seiner ahnungslosen Ehefrau Pornobilder verschickt. (Das Verfahren um den Vorwurf der »virtuellen Vergewaltigung«, den die deutsche Fernsehmoderatorin Collien Fernandes gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen erhebt, läuft noch. Natürlich gilt für Ulmen die Unschuldsvermutung. Doch die Verbreitung erotischer Fotos, die vorgeblich Fernandes zeigen, streitet er nicht ab.)

Das sind die Gründe, weshalb ich diesen Essay »Männermangel« genannt habe. Nach wie vor nehmen die Verfechter einer zerstörerischen Männlichkeit alles in die Mangel, was ihre Herrschaft bedroht. Und machen es platt. Hingegen mangelt es auch fünf Jahrzehnte nach dem Beginn der kritischen Männlichkeitsforschung an einer kraftvollen und nachhaltigen Männerbewegung weg vom Testosteron-Fetisch und weg vom Kult des vermeintlich starken, in Wirklichkeit aber zutiefst feigen und verantwortungslosen Mannes.

Oder was meint ihr? Lasst uns über Männlichkeit reden.