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2. März 2026

Chamenei ist tot, das iranische Regime intakt. Wie es im Iran und im Nahen Osten weitergeht


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Foto: Getty/NurPhoto

Am Samstag haben die USA und Israel mehrere iranische Städte angegriffen und dabei Irans Obersten Führer Ali Chamenei getötet. Auch der Befehlshaber der Iranischen Revolutionsgarde Mohammad Pakpour ist getötet worden. In Wien gab es gestern auf dem Heldenplatz eine Demonstration mit über 1.000 Teilnehmern, bei der die Menschen den Tod Chameneis gefeiert haben. Im Iran gab es einerseits Trauerbekundungen der Regime-Anhänger:innen, andererseits haben Gegner:innen des Regimes in den Straßen gefeiert. Die Hoffnung ist groß, dass es jetzt fällt. Im Iran hat sich allerdings eine Dreierspitze als interimistische Führung formiert: Irans Präsident Massud Peseschkian, der Oberste Richter Gholam-Hossein Mohseni-Eje’i und Ayatollah Alireza Arafi, der im Gremium den Wächterrat vertritt. Und innerhalb von wenigen Tagen soll bereits ein neuer Oberster Führer gewählt sein, der Ali Chamenei nachfolgt – das hat zumindest Irans Außenminister Abbas Araghtschi am Sonntag gesagt.

Seit dem Beginn des Angriffs auf den Iran überschlagen sich die Ereignisse. Das Regime hat mit Gegenschlägen reagiert, Raketen auf Israel abgefeuert und auf US-Basen unter anderem in Katar, Bahrain, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Kuwait. Es gibt Berichte über Explosionen im Irak und mittlerweile hat vom Libanon aus auch die mit dem iranischen Regime verbündete Terrororganisation Hisbollah mit Raketen und Drohnen Israel angegriffen. Israel hat zurückgeschlagen und schließt eine Bodenoffensive nicht aus. Auf Zypern ist ein britischer Luftwaffenstützpunkt von einer im Iran produzierten Kampfdrohne getroffen worden.

Wird diese Auseinandersetzung zu einem größeren Krieg im Nahen Osten eskalieren? Und ist das der Anfang vom Ende des iranischen Regimes und falls ja, was kommt danach?

Dazu habe ich mit dem Politikwissenschaftler und Militärexperten Walter Feichtinger gesprochen.

Es ist zu früh, um zu sagen, wie lange der Krieg im Iran dauern könnte, ob er sich ausbreitet und ob und wann das iranische Regime fällt, sagt Walter Feichtinger. (Foto: Privat)

Die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Gespräch:

  • Schon im Jänner hatte US-Präsident Donald Trump den Demonstrierenden versprochen, im Iran einzuschreiten. Dass ein Angriff der USA erst jetzt gekommen ist, hat mehrere Gründe. Einerseits haben der Aufmarsch der US-Flotte und auch die Planung der Luftschläge einfach etwas länger gedauert. Außerdem erfordern Präzisionsschläge wie jene am Samstag viel Planung und genaue Informationen darüber, wo sich die Ziele befinden. Israel und die USA mussten sich genau abstimmen.
  • Es ist nicht zu erkennen, dass die USA und Israel auf ein klares Nachkriegsszenario abzielen. Klar ist: Es geht um einen Regimewechsel. Aber wie genau der aussehen soll, ist nicht klar. Es ist vorstellbar, dass Trump sich innerhalb des existierenden Regimes Partner sucht und auf diese Art durchsetzt, dass US-Interessen gewahrt sind – ähnlich wie in Venezuela. Wobei Walter Feichtinger bezweifelt, dass das aktuelle Regime von seinen drei Kernpunkten abrückt: ein eigenes Nuklearprogramm, ein eigenes Raketenprogramm und seine Allianzen in der Region. Den USA geht es jedenfalls nicht um eine Demokratisierung des Iran, sondern darum, die Gefahr für Israel durch den Iran zu beseitigen. Mittlerweile spricht er auch von einer Gefahr für die USA durch die iranischen Atomwaffen.
  • Das iranische Regime ist ein gefestigtes System, in dem in zweiter Reihe viele darauf warten, nachzurücken. Es dürfte nicht Chaos ausbrechen durch den Tod des Obersten Führers Ali Chamenei und des Kommandeurs der Revolutionsgarde Mohammad Pakpour. Die Bevölkerung hält sich aktuell, nach den Erfahrungen von Jänner, noch eher bedeckt.
  • Trump hat angekündigt, dass der Krieg vier Wochen dauern wird. Feichtinger sagt: „Krieg ist kein Fußballspiel, das man nach einer gewissen Zeit abpfeift.“ Die Situation ist schwierig und es ist schwer abzuschätzen, wie sie sich entwickelt. Sollten nun die Staaten, in denen der Iran US-Basen angegriffen hat, ebenfalls zurückschlagen, würde das die Situation des iranischen Regimes sehr verschlechtern.
  • Es ist nicht klar, welche militärischen Ressourcen das Regime zur Verfügung hat. Im Juni 2025 ist jedenfalls ein Teil seiner Waffensysteme und Raketen vernichtet worden. Es gibt Vermutungen, dass China und Russland den Iran mit Waffenlieferungen unterstützen. Allerdings braucht Russland den Großteil wohl selbst für den Angriffskrieg in der Ukraine. Wirtschaftlich könnte es schwierig werden für das Regime. Langfristig gibt es also einige Faktoren, die der iranischen Führung zum Verhängnis werden könnten.
  • Dass China und Russland militärisch eingreifen könnten, schließt Feichtinger aus. Russland kann es sich mit dem Krieg in der Ukraine nicht leisten, unterstützt maximal symbolisch und bei der strategischen Aufklärung. China möchte sich ein Image als Vermittler aufbauen, als alternative Soft Power zu den USA. China konzentriert sich außerdem darauf, sich im Südchinesischen Meer durchzusetzen. Auf Öl- und Gaslieferungen ist China nicht angewiesen, weil es Vorräte angelegt hat.
  • Bei der Frage, was nach einem Sturz des islamistischen Regimes kommen könnte, lohnt sich ein Blick zurück zum Arabischen Frühling. Einerseits hat man am Beispiel Syriens gesehen, wie hartnäckig sich ein Diktator an der Macht halten kann, wenn er entsprechend brutal vorgeht und Unterstützung bekommt. Andererseits haben sich die großen Hoffnungen auf demokratische Strukturen nach dem Arabischen Frühling nicht erfüllt. Empirisch gesehen gelingt das in über 50 Prozent solcher Umbruchsfälle nicht.
  • Es könnte sich durchaus auch aus dem Militär oder der Revolutionsgarde eine Gruppe herausbilden, die mit den USA in Verhandlungen tritt und sich dafür garantieren lässt, dass sie an der Macht bleibt.

Unter dem islamistischen Regime sind immer wieder Proteste aufgekommen und immer wieder wurden sie niedergeschlagen. Solmaz Khorsand hat im Jänner die jüngsten Proteste historisch eingeordnet. Meine Kollegin Celeste hat mit einer jungen Wienerin mit iranischen Wurzeln darüber gesprochen, was ihren Freund:innen, die im Iran protestiert haben, angetan wurde. Und zusammen mit unserer Kollegin Eva hat Celeste nachgezeichnet, wie das islamistische Regime im Iran an die Macht gekommen ist und welche Parallelen und Unterschiede es zwischen der Revolution 1978/1979 und heute gibt.


Nicht vergessen bei der intensiven und beunruhigenden Nachrichtenlage: Es ist auch wichtig, mal abzuschalten. Also pass auf dich auf.

Einen schönen Nachmittag wünscht dir

Pia Miller-Aichholz

B-Seite-Team