Irans unendliche 15 Minuten Eine politische und historische Einordnung

Von der Revolution 1979 bis zu den aktuellen Protesten: Eine Geschichte wiederkehrender Aufstände und politischer Repression und der Ruf eines Volkes nach Freiheit und Veränderung.

Irans unendliche 15 Minuten Eine politische und historische Einordnung
Montage: Hedi Lusser/JETZT; Fotos: Getty Images, APA/Piero Cruciatti

Dieser Artikel ist für dich kostenlos

Du kannst diesen Beitrag lesen oder anhören, weil ein JETZT-Mitglied ihn mit dir geteilt hat. Schließe eine Mitgliedschaft ab, um auch unabhängigen Journalismus zu unterstützen!

„Alle Diktaturen wirken stabil, und das 15 Minuten bevor sie kollabieren.“

Bei jedem Protest im Iran dröhnt dieses Zitat, das Hannah Arendt zugeschrieben wird, irgendwo in meinem Hinterkopf. Mal leiser und mal lauter. Dieses Mal ist es besonders laut. Denn in Wahrheit sind diese 15 Minuten, die den Kollaps des iranischen Regimes bedeuten könnten, längst angebrochen. Es sind nur verdammt lange 15 Minuten. Sie dauern bereits 47 Jahre. Seit die Islamische Republik existiert, haben die Iraner gegen sie aufbegehrt.

Zuerst waren es die Frauen, die bereits ein paar Wochen nach dem Sturz der Schah-Diktatur begriffen, dass es der neue Revolutionsführer Ajatollah Khomeini nicht gut mit ihnen meint, als er seine islamistischen Ideale in eine Staatsform goss. Sie gingen auf die Straße, um gegen den Hijab-Zwang zu demonstrieren. Später sollte ihnen von Protest zu Protest das ganze Land in ihrem Widerstand folgen. Von den kurdischen Händlern in Sanandaj über die Enkel der einstigen Revolutionäre in der Hauptstadt Teheran bis hin zu den religiösen Hausfrauen aus Sistan-Belutschistan, der ärmsten Region des Landes.

Was jedem Protest im Iran gemein ist, ist, dass er unabhängig vom Auslöser – ob eine Anhebung der Lebensmittelpreise, die Ermordung einer jungen Frau, die angeblich ihre Haare nicht angemessen bedeckt haben soll, oder wie jetzt der Wertverlust der Landeswährung Rial – immer gekoppelt ist an die Systemfrage: Wollen die Iranerinnen und Iraner diese Islamische Republik? Die Antwort lautet so laut wie klar: Nein.

Die Hälfte der Bevölkerung ist von Armut betroffen

Als vor knapp drei Wochen, am 28. Dezember 2025, die Proteste in Teheran begonnen haben, war bereits abzusehen, dass es sich zum Flächenbrand entwickeln könnte. Die Menschen sind am Anschlag. Selbst die iranische Resilienz hat irgendwann ihre Grenzen, wenn sich ein Großteil der Bevölkerung keine Lebensmittel mehr leisten kann. Die Inflation liegt bei 42 Prozent, auf manchen Lebensmittel wie Eiern, Speiseöl und Fleisch bei über 70 Prozent. Offiziell liegt die Armutsgrenze bei 36 Prozent, inoffiziell gehen Ökonominnen und Ökonomen davon aus, dass mehr als die Hälfte der knapp 90 Millionen Iraner von Armut betroffen ist.

Als dann Ende des vergangenen Jahres die iranische Landeswährung Rial noch einmal deutlich an Wert verloren hat, haben die Handybetreiber im Teheraner Basar das Handtuch geworfen. Ein Kurs von 1,4 Millionen Rial je Dollar heißt im Klartext: Kaum ein Iraner kann ihre Ware kaufen. Die Händler schlossen ihre Geschäfte. In den Tagen danach folgten ihnen ihre Kollegen in zahlreichen Kleinstädten im Westen und Südwesten des Landes.

Proteste in Iran gegen das Mullah-Regime am 9. Jänner. Foto: APA/AP

Sie blieben nicht allein. Auch andere Gruppen folgten. Noch am ersten Protesttag wurden bereits Parolen gegen das Regime gerufen: „Nieder mit der Islamischen Republik“ und „Tod dem Diktator“. Gemeint ist der Oberste Revolutionsführer Ali Khamenei, der seit 1989 die Position des „Welāyat-e Faqīh“ einnimmt, des Statthalters des verschollenen zwölften Imams. Er wird den schiitischen Muslimen, die die Mehrheit im Land stellen, am Tag des Jüngsten Gerichts ihrem Glauben nach erscheinen. In dieser Rolle ist der 86-jährige Khamenei die oberste Autorität im Land. Er verfügt über absolute Entscheidungsgewalt in allen politischen Fragen.

Ein Mikromanager, der gekonnt verschiedene Machtblöcke im Land gegeneinander ausgespielt hat, jede noch so moderate Kraft Wahl um Wahl aus der politischen Arena gedrängt hat oder gleich inhaftieren ließ und bislang kein einziges Mal auf die Forderungen von Protestierenden eingegangen ist. Khamenei-Kenner urteilen, dass er aus dem Fall des Eisernen Vorhangs und dem Arabischen Frühling die Lektion gezogen hat: niemals einen Millimeter zurückweichen. Noch das kleinste Zugeständnis als Sargnagel für die Islamische Republik zu begreifen.

In seinem Skript sind alle, die gegen das Regime aufbegehren, Unruhestifter und Unruhestifterinnen, Terroristinnen und Terroristen sowie Agentinnen und Agenten der beiden Erzfeinde USA und Israel. Auch bei den aktuellen Protesten hat er jene, die seine Bilder und die seines Vorgängers Ajatollah Khomeini anzünden und Regierungsgebäude als symbolische Orte der Unterdrückung zerstören, als Liebkinder Amerikas verspottet, die US-Präsidenten Donald Trump gefallen wollen. Trump, der mehrfach in den vergangenen Wochen verlauten ließ, dass sein Land „Gewehr bei Fuß“ steht, sollte das Regime wehrlose Protestierende erschießen. Und damit eine Erwartungshaltung ausgelöst, deren Konsequenzen noch nicht absehbar sind. Ist Hilfe wirklich bereits auf dem Weg? Hat er, der eine autoritäre Wende in seinem eigenen Land eingeleitet hat, es verdient, dass einzelne Demonstrierende, die für Freiheit und Demokratie ihr Leben riskieren, Straßennamen bereits nach ihm als Dank benennen?

Denn Trumps rote Linie ist längst überschritten.

Das Regime hat geschossen. Wie bei jedem Protest. Auch dieses Mal haben die Regime-Schergen mit scharfer Munition auf ihre Landsleute gezielt. Das Ausmaß der Brutalität ist noch nicht auszumachen, da seit Donnerstagnachmittag, dem 8. Jänner, die Iranerinnen und Iraner von der Welt abgeschnitten sind. Das Regime hat das Internet abgedreht. Es kommen kaum Nachrichten, Bilder und Videos aus dem Land hinaus. Das bisschen, was Familienangehörige in der Diaspora, iranische Exilsender und Menschenrechtsorganisationen erhalten, kommt über Personen, die via Starlink versuchen, die Welt am Laufenden zu halten. Laut Iranwire sollen es im Land aber nur 40.000 bis 50.000 Menschen sein. Außerdem ist der Satellitendienst von Elon Musk nicht gratis, man benötigt ein Abonnement und ein Starter-Kit, das sich nur die Wohlhabenden in den größeren Städten leisten können. In der Provinz bleibt es dunkel.

Dennoch ist das, was herausgelangt, mehr als nur ein Grund zur Sorge. Die Menschen berichten von kriegsähnlichen Zuständen. „Die Stadt riecht nach Tod“, hört man eine Frau über die Lage in Teheran in einer Audionachricht sagen. Bislang reichen die landesweiten Schätzungen von 500 bis mehr als 10.000 Toten. Die wenigen Videos der Leichenhalle der Gerichtsmedizin in Kahrizak, im Süden Teherans, geben nur einen kleinen Ausschnitt des Massakers wieder. Man sieht Familienangehörige, die in der vollen Halle und auf den Straßen davor schwarze Leichensäcke öffnen, um herauszufinden, ob ihre Liebsten unter den Opfern sind.

Ärztinnen und Ärzte berichten in Audionachrichten an ihre Kollegen im Ausland, dass sie Verwundete nicht versorgen können. Sie bitten darum, dass jeder Chirurg, der nicht auf den Beinen ist, sich im nächsten Krankenhaus zum Dienst meldet, weil sie der Lage nicht mehr Herr werden.

Exiliranerinnen und -iraner versuchen, der Bitte nachzukommen, die Stimmen im Ausland zu erweitern. Die Panik und Verzweiflung sind vielen anzumerken. Zahlreiche Menschen posten Bilder von „Ein Häkchen“-Nachrichten an Eltern und Freundinnen, die seit Donnerstag nicht zugestellt werden können wegen des Internet-Blackouts. Sie wissen, dass diese Maßnahme nur bedeuten kann, dass das Regime im Dunkeln, abseits der internationalen Öffentlichkeit, morden wird. Das erste Mal hat das Regime 2019 so reagiert, als Tausende aufgrund der erhöhten Benzinpreise auf die Straßen gekommen sind. Laut Reuters wurden damals innerhalb von drei Tagen 1500 Menschen getötet.

Wird das Regime fallen?

Trotz der Verzweiflung und Brutalität des Regimes keimt in vielen die Hoffnung auf, dass es nicht mehr lange dauert, bis sich ihre Opfer auszahlen und dass das Regime endlich fällt.
Zu groß ist der Hass auf die Machthaber und das Gefühl, nichts mehr verlieren zu können. Daher ist auch der Gewaltpegel von den Protestierenden um etliches größer als bei Vorgängerprotesten. Brennende Autos, Banken, Gebäude, Moscheen und zunehmend mehr Angriffe auf die Männer des Repressionsapparats. Es hat sich ausresilienzt bei den Iranern. Sie können einfach nicht mehr. „Entweder sterben wir oder sterben sie“, hört man in einigen Botschaften Protestierende sagen.

Dennoch gibt es Grund zur Hoffnung, dass sie ausgerechnet dieses Mal ihr Ziel eines Regimesturzes erreichen könnten. Genau genommen sind es mehrere Gründe: jahrzehntelange Protestarbeit, die sich endlich auszahlt, die desolate Wirtschaftslage, eine Oppositionsfigur, deren Name als Heilsbringer immer wieder auftaucht, und ein internationales Umfeld mit einer wesentlichen Wildcard: Donald Trump.

Aber der Reihe nach:

  1. Jahrzehnte des Protests haben im Iran den Boden dafür bereitet, dass die Menschen, die das Regime vereinzelt und gegeneinander aufgehetzt hat, verstärkt zueinander gefunden haben. Insbesondere die feministische Protestbewegung „Frau, Leben, Freiheit“, ausgelöst durch den Tod der Kurdin Mahsa Jina Amini, die 2022 in Polizeigewahrsam getötet wurde, weil ihr Kopftuch angeblich ihre Haare nicht ausreichend bedeckt haben sollte. Damals haben sich die Iranerinnen und Iraner quer durch alle Gesellschaftsschichten, Ethnien und Religionen zum ersten Mal in einer nie dagewesenen Breite gefunden, weil jede iranische Familie den Terror des Regimes gegen die Frauen, die sie seit 1979 offiziell zu Bürgerinnen zweiter Klasse gemacht hat, genau kennt und ablehnt. Und ja, zwar wurde auch diese Bewegung grausam niedergeschlagen. Doch aus der Protestforschung weiß man: Jedem erfolgreichen Protest gehen unzählige vermeintlich gescheiterte voran. Und dieser hat dazu beigetragen, Gruppen zueinander zu bringen, die davor wenige Berührungspunkte hatten.

  2. Im Gegensatz zu den Vorgängerprotesten haben die aktuellen Proteste schon sehr früh neben Teheran in vielen Kleinstädten ihren Anfang genommen. Da sind zum Teil Orte mit gerade einmal ein paar Tausend Einwohnern, die bislang kaum in ihrem Widerstand aufgefallen sind. Die Mobilisierung neuer, bislang in ihrer Kritik am Regime zurückhaltender Gruppen, die vielleicht sogar einst zur Basis der Revolutionäre zählten, weil man ja versprach, die Armen aus ihrer Armut zu befreien, hat zur Größe der aktuellen Märsche beigetragen. Das ist nicht unwesentlich für den Fall eines Regimes. Die US-amerikanische Politikwissenschafterin Erica Chenoweth hat in ihrer Arbeit die 3,5-Prozent-Regel aufgestellt. Wenn sich 3,5 Prozent einer Gesellschaft – quer durch alle Schichten – gewaltfrei gegen eine Diktatur auflehnen, kann der Widerstand glücken. Im Falle Irans wären das knapp drei Millionen Menschen. Die Masse könnte dafür sorgen, dass sich zunehmend auch Teile des Repressionsapparats vom System abwenden. Schließlich handelt es sich hier nicht ausschließlich um reiche Revolutionsgarden, die ihre Kinder ins Ausland zum Studieren und Partymachen schicken, sondern auch um einfache Milizionäre, die für geringen Lohn bei der Stange gehalten werden. Oder eben nicht. Schon in der Vergangenheit gab es immer wieder Berichte und Videos, dass sich vereinzelt Leute weigern, Gewalt gegen ihre Landsleute anwenden zu wollen. Bislang ist keine Entwicklung in diese Richtung zu erkennen. Sollte es die ersten Risse im System geben, weiß der Apparat sie gut zu verbergen.

  3. Was in den vergangenen drei Wochen auffällig war, ist die Diversität der Parolen. Zu den üblichen „Tod dem Diktator“ und „Nieder mit der Islamischen Republik“ und „Azadi“ (Freiheit) sind verstärkt monarchistische Sprüche zu hören: „Lang lebe der Schah“ oder „Das wird die letzte Schlacht sein. Pahlavi wird zurückkehren.“ Gemeint ist damit Reza Pahlavi, der 65-jährige Sohn des 1979 durch die Revolution gestürzten Schahs Mohammad Reza Pahlavi. Seit Jahren präsentiert er sich aus seinem US-Exil in Maryland als Alternative zur Islamischen Republik. Die aktuellen Rufe legen nahe, dass sich eine Mehrheit der Protestierenden zurücksehnt nach dem „Kronprinz“, wie seine Anhänger Pahlavi ehrfürchtig nennen. Als er die Menschen am Donnerstag und Freitag aufgefordert hat, um 20 Uhr auf die Straßen zu kommen, haben das manche Beobachter als treue Gefolgschaft der Massen für die Worte ihres Anführers interpretiert, statt die Präsenz der Leute auch auf die Dynamik vor Ort der vergangenen Tage zurückzuführen.

Reza Pahlavi mit seinem Vater und Schah Muhammad Reza Pahlavi etwa um 1960. Foto: Imago

Es gibt tatsächlich eingefleischte Pahlavi-Anhänger, sowohl im Land als auch in der Diaspora. Sie sehnen sich nach den goldenen Zeiten zurück, als Iran noch das schöne Persien genannt wurde und die berühmten Frauen in Miniröcken zu sehen waren. Dass das gute Leben damals nur einer urbanen Elite vorbehalten war, wird vergessen. Ebenso, dass es sich um eine Diktatur handelte, deren Repression letztlich zur Revolution führte. Doch nicht alle Pahlavi-Rufer sind auch Kronprinz-Jünger. Sie sehen sich mehr als Pragmatikerinnen, die für den Regimesturz alles tun würden, koste es, was es wolle. Und sei es drum, dass sie den Namen eines Mannes rufen, mit dessen Anhängern sie nichts gemein haben, außer dieser einen Sache: das Ende der Islamischen Republik.

Wer diese Unterschiede anmerkt, wird in manchen Teilen der Diaspora schnell mundtot gemacht. Jeder beansprucht dieser Tage für sich, die Stimme der Iraner vor Ort zu sein. Als ob das möglich wäre, über ein paar Kontakte und fünf Ecken die Perspektive und Wünsche aus zweiter und dritter Hand von 90 Millionen Menschen in all ihrer Unterschiedlichkeit wiederzugeben. Es kann immer nur ein Bemühen sein, einen Teil der Realität abzubilden, ohne den Anspruch zu stellen, im Namen eines gesamten Volkes zu sprechen. Das tun in der Regel bekanntlich nur Populistinnen.

Reza Pahlavi selbst bezeichnet sich in Interviews und auf seinen Plattformen als Demokrat und „Vater“ der Nation. Er bringt sich als Übergangsführer ins Spiel. Er will dem Land den Weg aus der Diktatur in die Demokratie ebnen, bis seine Landsleute in einem Referendum selbst entscheiden, ob sie eine Republik oder eine parlamentarische Monarchie wollen. In einem Manifest, das seine Anhänger im Juli 2025 präsentiert haben, wird aber klarer, dass der Demokrat Pahlavi seinem Vater ideologisch nicht ganz unähnlich ist. In seinem „Heft für die Notfallphase“ skizzieren die Autoren die ersten 100 bis 180 Tage nach dem Sturz der Islamischen Republik. Es soll eine Übergangsregierung, ein Übergangsparlament und eine Übergangsjustiz geben. Pahlavi soll als Übergangsführer alle Mitglieder des Parlaments bestimmen und alle Führungsfiguren der einzelnen Organe absegnen. Ohne sein Okay geht nichts. Nicht unbedingt demokratisch, meinen Kritikerinnen aus anderen Teilen der Opposition, die zugleich für ihre Kritik oft als Apologeten des Regimes von Pahlavi-Anhängern diffamiert werden. In ihrem Habitus und ihrem Verhalten waren diese in der Vergangenheit, insbesondere in der Diaspora, bislang vergleichbar mit jenen von Trump. Selbst den Slogan haben sie vom US-Präsidenten geborgt: „Make Iran Great Again“.

Und bei ihm bitten sie um Hilfe. Wie die aussehen soll, wird nicht konkretisiert, auch wenn in der iranischen Diaspora, selbst unter jenen, die sich bislang nicht als Teil dieses Lagers gesehen haben, ein Tabu gefallen ist: die Forderung nach einer ausländischen Intervention.

Kriegsdrohung aus Washington

Mit Trump haben sie ihren Mann gefunden. Schon mehrfach hat er eine Konfrontation mit den Mullahs gesucht. In seiner ersten Amtszeit ließ er den Kommandanten der Al-Quds-Brigaden, zuständig für die Auslandseinsätze der Revolutionsgarden, Qasem Suleimani, im Irak mit einer Drohne ermorden. Bereits damals riskierte er einen Krieg mit der Islamischen Republik. In seiner zweiten Amtszeit kam es schließlich dazu. Er sprang Israel im Zwölftagekrieg im Juni zur Seite und ließ mit bunkerbrechenden Bomben die Nuklearanlagen in Fordo und Natanz zerstören.

Das hat das Regime im Mark erschüttert. Denn in diesen zwölf Tagen haben iranische Machthaber nicht nur ihr Gesicht gegenüber den wenigen verbliebenen Verbündeten in der Region verloren, sondern auch in den eigenen Reihen. All die Großmannssucht, all die Milliarden, die man in die Waffensysteme gesteckt hat, was waren sie wert, wenn der iranische Luftraum über Tage frei war für fremde Mächte? Ein Staat, der seine Bürger im Kriegsfall nicht verteidigen kann, verliert jede Legitimation, selbst unter den ideologisierten Anhängern. Und dann auch noch das, was bislang alle US-Präsidenten vermieden hatten: eine direkte Konfrontation.

Protestauslöser 2022 Blick auf iranische Zeitungen mit Schlagzeilen zum Tod der 22-jährigen Mahsa Amini, die starb, nachdem sie von der Sittenpolizei festgenommen worden war, weil sie angeblich gegen die strenge Kleiderordnung in Teheran verstoßen hatte. Foto: Getty Images

Ein Krieg mit den USA ist damit ganz offiziell auf dem Tisch. Denn was einmal passieren kann, kann wieder passieren. Das wissen die Mullahs und die Revolutionsgarden. Was wird Trump tun? Ein Coup à la Venezuela, wo er Khamenei in Nicolás-Maduro-Manier entführen lässt? Das würde nicht viel bringen, denn das System der Islamischen Republik hängt nicht nur an einer Person, deren Ableben schon lange antizipiert wird. Oder wird er die Bewaffnung einzelner Gruppierungen veranlassen? Das würde das Horrorszenario vieler Experten Realität werden lassen: rivalisierende, bewaffnete Banden und Gruppen, die das Land ins Chaos stürzen. Oder vielleicht ein Deal mit den Revolutionsgarden, den heimlichen Herrschern des Landes, wenn sie bereit sind, das Nuklearprogramm endgültig zu opfern und ein bisschen weniger „Tod Amerikas“ zu brüllen? Das halten Experten für das Wahrscheinlichste.

Für Akteurinnen und Akteure aus der iranischen Zivilgesellschaft, die sich seit Jahrzehnten für die Demokratisierung ihres Landes einsetzen und unnachgiebig gewarnt haben vor einer ausländischen Intervention, ist die Möglichkeit jedes dieser Szenarien bitter. Jede militärische Intervention birgt die Gefahr eines unkontrollierbaren Krieges, dessen Leidtragende in erster Linie die iranische Bevölkerung sein wird.

Wenn ausländische Beobachter die Diversität oppositioneller Kräfte in und außerhalb des Irans immer belächeln, gar bemitleiden für ihre Unfähigkeit, sich dieses Regimes vereint zu entledigen, sei gesagt: Wenn es eine Lektion gibt, die aus der Revolution von 1979 gelernt wurde, dann jene, vermeintlichen Rettern aus dem Exil zu misstrauen. Schon einmal wurden die Iranerinnen und Iraner einer Revolution beraubt. Wenn sie wieder ihr Blut auf den Straßen vergießen, soll es wirklich klappen mit dem besseren Morgen. Selbst wenn sie dafür unendliche 15 Minuten kämpfen müssen.

Solmaz Khorsand, geboren und aufgewachsen in Wien, ist Autorin und Journalistin. Sie studierte Journalismus in Wien und Dublin sowie Internationale Beziehungen in Washington und Bologna. Als Magazinautorin beschäftigt sie sich mit allem, was sie für politisch relevant hält, unter anderem die Entwicklungen im Iran. Für ihren Essay „Die iranische Verwandlung“ wurde sie ausgezeichnet. 2021 erschien ihr Buch „Pathos“, 2024 die Bücher „untertan. Von braven und rebellischen Lemmingen“ sowie „Unverdächtig. Ein Geständnis.“

Sounddesign und Audioproduktion: Katharina Darya Ressl
Mixing und Mastering: Patrik Haas