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9. Dezember 2025

10 Jahre Elektronische Gesundheitsakte: Warum ist sie noch nicht Alltag im Gesundheitswesen?


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Collage: Hedi Lusser/JETZT

Den meisten von uns sagt ELGA was – die Elektronische Gesundheitsakte. Aber wer von uns hat ELGA echt schon genützt? Ich ehrlicherweise nicht. Dabei bin ich Digital Native. Zehn Jahre nach dem offiziellen Start von ELGA stellen wir deshalb heute die Frage: Wieso ist das Projekt nicht schon besser in unser Gesundheitssystem integriert und in unserem Gesundheitsalltag angekommen?

Am 9. Dezember 2015 hat die schrittweise Einführung von ELGA in verschiedenen Bereichen des Gesundheitssystems angefangen. Der Plan war, dass 2030 die Umsetzung komplett ist. Die zentrale gesetzliche Grundlage dafür ist das Gesundheitstelematikgesetz. Das ist übrigens vom Rechnungshof als inkonsistent und schlecht lesbar kritisiert worden im Herbst 2024. Was ein besonderer Befund ist, wenn man weiß, wie schwer leserlich Rechtstexte ohnehin sind. Aber die Leserlichkeit des Gesetzes ist nichts, was uns Bürger von Tag zu Tag interessiert. Uns geht es darum, wie gut ein Service ist.

Der Rechnungshofbericht zu ELGA vom Herbst 2024 hat ganz klar herausgestrichen, was verbessert werden sollte und was nicht so gut geklappt hat bisher: Die Akte müsse vollständiger werden, es fehle eine Übersicht der Gesamtkosten für das Projekt – für uns als Steuerzahler spannend – und es hätten beim Start von ELGA 2015 klare Zielvorgaben gefehlt.

Die eigentliche Idee von ELGA war: eine Anwendung, die Gesundheitsdaten vernetzt und an einem Ort abrufbar macht. Aber dafür müssen die Gesundheitsdaten erst einmal elektronisch vorliegen. Und das hat bisher nicht konsequent geklappt. Seit 1. Juli müssen jetzt niedergelassene Labore und Radiologen Befunde und Bilder hochladen. Es soll eine App kommen und die Plattform wird gerade überarbeitet, damit sie nicht mehr aussieht wie aus den 90ern. Ab 2026 müssen außerdem niedergelassene Ärzte ihre Diagnose elektronisch erfassen. Aber unterm Strich bleibt die Frage: Wieso erst jetzt?

Ich hab dazu mit Stephanie Gregori gesprochen. Sie kommt ursprünglich aus dem Kreativbereich, ist aber durch ihre Zeit beim Zahnpflege-Start-up Playbrush mit dem Thema Digitalisierung im Gesundheitswesen in Berührung gekommen. Zurück in Wien hat sie an der Wirtschaftsuniversität Wien das postgraduale Master-Studium für Healthcare Management gemacht. Im Rahmen dessen hat sie sich mit ELGA auseinandergesetzt. Jetzt ist sie Ordinationsmanagerin bei MEDINO, einem Wahlarzt-Gesundheitszentrum, mit Fokus auf Kinder- und Frauengesundheit sowie Familie.

JETZT: Frau Gregori, warum gibt es überhaupt Bemühungen, das Gesundheitswesen digitaler zu machen?

Stephanie Gregori: Das Gesundheitswesen ist ein sehr komplexes System. Das habe ich auch im Zuge meines MBAs genauer erfahren. Es geht darum, das System effizienter zu gestalten, Doppeluntersuchungen zu vermeiden und die Arbeit der Ärztinnen und Ärzte zu erleichtern. Auch für Patientinnen und Patienten ist es wichtig, dass alles dokumentiert wird. Bis vor einigen Jahren wurde vieles noch auf Papier festgehalten. Da fehlt dann einfach der Überblick. Oft ist es aber wichtig, den gesamten Zustand eines Patienten zu kennen, um gute Behandlungen fortführen zu können. Gerade bei älteren Menschen erinnert man sich nicht immer daran, was vor zehn Jahren einmal war. Wenn das dokumentiert ist, kann das eine Ursache für heutige Beschwerden sein – und darauf aufbauend können Behandlungsschritte gesetzt werden.

JETZT: Sie haben jetzt schon von Chancen gesprochen. Welche weiteren Vorteile bieten Plattformen wie ELGA?

Gregori: Auf jeden Fall den Austausch und – für die Forschung besonders wichtig – Daten für die Entwicklung neuer Medikamente oder zur Analyse spezifischer Krankheitsbilder. Diese Daten hat es bis vor Kurzem nicht gegeben, obwohl die Forschung sie für Fortschritte dringend braucht. Wie weit Forscherinnen und Forscher tatsächlich auf Daten in ELGA zugreifen können, weiß ich nicht, dazu kann ich nichts sagen. ELGA ist ja per se keine Plattform, sondern vernetzt Gesundheitsdaten. Diese liegen dezentral dort, wo sie entstanden sind.

Was ELGA aber immer hatte, ist Datentransparenz. Man sieht genau, wer wann wo auf welche Daten zugegriffen hat. Ich bin heute noch einmal eingestiegen, um zu sehen, ob sich visuell etwas geändert hat – und ja, seit etwa einem halben Jahr hat sich etwas getan. Man sieht den zeitlichen Verlauf der Zugriffe und kann auch einstellen, welchen Ärztinnen und Ärzten man Zugriff erlauben möchte.

Ich glaube, wenn diese Transparenz klarer kommuniziert worden wäre, hätte es weniger Aufschrei gegeben, auch seitens der Ärztekammer in Bezug auf Datenschutz. Wir nutzen heute alle diversen Suchmaschinen oder Apps, ohne darüber nachzudenken. Natürlich sind Gesundheitsdaten sensibel, und ich möchte auch nicht, dass mein Arbeitgeber von einer schweren Erkrankung weiß. Aber das ist auch nicht möglich – Arbeitgeber können nicht einsehen, welche Krankheiten jemand hat.

JETZT: Also die Daten sind geschützt. Welche Themen haben denn dazu geführt, dass Ärztinnen, Ärzte oder Apotheken nicht sofort auf ELGA angesprungen sind?

Gregori: Die Apotheken muss ich ausnehmen – sie haben am positivsten über ELGA berichtet. Dort ging es eher um die Implementierung, die etwas umständlich war. Das war aber auch im niedergelassenen Bereich bei den Ärztinnen und Ärzten ein Thema: Die Implementierung war teils aufwendiger und mit Mehrkosten verbunden.

ELGA selbst hat für Ärztinnen und Ärzte kein eigenes User Interface, sondern wird in die jeweilige Arztsoftware eingebunden – das schaut bei jedem Anbieter anders aus. Das wurde zuletzt diskutiert: Man müsste ein einheitliches User Interface schaffen. Das ist aber eine Finanzierungsfrage und liegt bei Bund, Ländern und Sozialversicherungsträgern.

Die Apotheker sind jedenfalls sehr zufrieden mit ELGA. Auch Patientinnen und Patienten – überraschenderweise auch ältere Menschen – nehmen das E-Rezept sehr gut an. Man geht mit der eCard hin und bekommt das Medikament. Einzig wenn jemand die eCard vergisst, kann es zu Schwierigkeiten kommen.

JETZT: Aber das ist dann letztlich wie früher, wenn man das Rezept zu Hause vergessen hat.

Gregori: Genau. Und bei den Ärztinnen und Ärzten im niedergelassenen Bereich ist es so, dass sie ELGA prinzipiell nutzen und auch begeistert sind. Hauptthema ist die Nutzerfreundlichkeit. Ich kenne das Interface nur aus Patientensicht. Die Daten liegen dort oft als PDFs vor, aber nicht übersichtlich strukturiert. Viele wünschen sich eine Suchfunktion, um bestimmte Befunde schneller zu finden – mehr Flexibilität eben.

JETZT: Das wäre also ein klarer Auftrag an die Politik. Wie offen sind Patientinnen und Patienten gegenüber ELGA? Was haben Sie in Ihrer Analyse gesehen?

Gregori: Grundsätzlich sind sie offen. Aber es gab Erfahrungen, dass ELGA nicht geholfen hat, weil Daten oder Befunde nicht eingespielt worden sind. Dann entsteht ein Datenmangel, und wenn wenig Daten vorhanden sind, sinkt der Nutzen – was wiederum dazu führt, dass man es weniger nutzt. Das ist eine Schleife.

Es muss einfach begonnen werden, die Daten konsequent zu befüllen – auch für die Notfallversorgung oder Allergien. Die eCard ist der Schlüssel zu den digitalen Anwendungen und ermöglicht schnelleres Handeln. Wenn man der Bevölkerung das einfach erklärt, bin ich überzeugt, dass der Mehrwert überwiegt.

JETZT: Das heißt, aktuell kann ELGA das noch nicht leisten?

Gregori: Nein, noch nicht im gewünschten Ausmaß. Ich hoffe, irgendwann.

JETZT: Der Mehrwert, den Sie ansprechen, das wäre eben eine bessere und effizientere Behandlungsfähigkeit.

Gregori: Genau, die effizientere Behandlungsfähigkeit, dass man schneller agieren kann, Doppelbefundungen vermeiden, nicht dreimal zur Blutabnahme müssen. Das spart auch Kosten. Ob es das System sofort entlastet, weiß ich nicht, aber Digitalisierung kann auf jeden Fall effizienteres Arbeiten ermöglichen.

JETZT: In Ihrer Analyse erwähnen Sie ein „Nicht-Miteinander-Können“, das die Umsetzung behindert. Worum geht es da?

Gregori: Menschliche Befindlichkeiten sind eine große Barriere bei der erfolgreichen Umsetzung Digitalisierungsprojekten – in diesem Fall im Gesundheitsministerium, bei den Sozialversicherungsträgern und bei der ELGA GmbH. Diese Stakeholder sind für die Umsetzung mitverantwortlich sind.

Ein Beispiel ist der Grüne Pass. Die Umsetzung hat damals nur wenige Wochen gedauert und war erfolgreich, weil der Druck so groß war, dass alle an einem Strang gezogen haben. Es ist schade, dass Projekte, die eigentlich wichtig für die Zukunft sind, oft an persönlichen Befindlichkeiten scheitern.

JETZT: Die Grundlage von ELGA ist ja mittlerweile schon einige Jahre alt, das Gesundheitstelematikgesetz stammt von 2012 – im digitalen Zeitalter eine Ewigkeit. Wie zeitgemäß ist ELGA in der aktuellen Form?

Gregori: Die Basis – das Netzwerk – ist da. Es ist wie eine Datenautobahn mit zu wenig Verkehr. Ich würde nicht sagen, dass ELGA outdated ist. Es ist nicht wie eine App, die nach drei Jahren nicht mehr aktuell ist.

Es ist schleppend vorangegangen, ja. Aber man darf nicht aufhören und etwas komplett Neues machen, das wäre ein großer Fehler. Man muss das, was da ist, bestmöglich ausbauen und nutzen – sowohl in der Ärzteschaft als auch bei den Bürgerinnen und Bürgern. Dafür braucht es Anreize oder rechtliche Verpflichtungen.

JETZT: Neben der ELGA-App soll nun auch eine eigene Impfpass-App kommen. Es wurde oft kritisiert, dass mehrgleisig verfahren wird. Wie sinnvoll ist es, zwei Apps zu haben?

Gregori: Wenn die Daten im Hintergrund korrekt verknüpft sind und keine Doppelgleisigkeiten entstehen, kann es ruhig eine eigene E-Impfpass-App geben. Ich muss nicht jedes Mal in ELGA einsteigen, wenn ich schnell impfen gehe. Das muss nicht alles in einem Portal sein – auch von der Usability her.

Im Idealfall sollten alle Gesundheitsanwendungen mit ELGA verknüpft sein, sodass im Hintergrund alle Daten aus einer Hand abrufbar sind. Aber auch wenn wir ein kleines Land sind – vollständig zentralisiert wird das wohl nie möglich sein.

JETZT: Also die Daten sollen zentral zusammenlaufen, aber wo sie ausgespielt werden, ist eine andere Frage?

Gregori: Genau. Zukunftsmusik wäre eine App, in der Ärztinnen und Ärzte einfach auf die Blutbefunde tippen und den Verlauf der letzten Jahre sehen können. Das wäre der Idealfall: eine bessere Dokumentation über den Verlauf.

JETZT: Der Wunsch nach solchen Lösungen ist also da?

Gregori: Definitiv. Der Wunsch ist da, es scheitert an der Umsetzung. Technisch wäre vieles möglich, aber es ist auch eine Kostenfrage. Und die Ärztinnen und Ärzte fragen zu Recht: Warum sollen sie das finanzieren? Das sollte bei Bund, Ländern und Sozialversicherungsträgern liegen – letztlich also bei uns Bürgerinnen und Bürgern.

Hinweis: Das Gespräch mit Stephanie Gregori wurde aufgezeichnet und transkribiert. Zur besseren Lesbarkeit hat die Redaktion das Interview leicht redigiert.


Wie viel hast du ELGA genutzt bisher? Was findest du gut daran, was verbesserungswürdig? Oder hast du vielleicht sogar entschieden, dass du ELGA gar nicht nutzen willst? Falls ja, wieso? Ich freue mich darauf, von dir zu lesen.

Einen schönen Nachmittag wünscht dir

Pia Miller-Aichholz

B-Seite-Team