Kalter Entzug Spardruck bringt die Wiener Sucht- und Drogenhilfe in Turbulenzen, und einer entscheidet, wer das Geld bekommt und wer nicht.

Einsparungen erzeugen bei den Einrichtungen enormen Druck. Wo genau weniger Geld hinfließt, entscheidet der Sucht- und Drogenkoordinator Ewald Lochner – und steht dafür auch persönlich in der Kritik.

Kalter Entzug Spardruck bringt die Wiener Sucht- und Drogenhilfe in Turbulenzen, und einer entscheidet, wer das Geld bekommt und wer nicht.
Foto: Getty Images

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Zu heikel.“ Ich weiß nicht, wie oft ich in meiner Recherche auf diese zwei Worte gestoßen bin. „Zu heikel“ sei es, mit Medien zu sprechen. „Zu heikel“ sei es, die von den Einsparungen betroffenen Einrichtungen zu besuchen – vieles sei noch Teil von Verhandlungen, man möchte nichts riskieren. „Zu heikel“ sei die Situation vor allem deshalb, da man nicht wissen könne, was den Verantwortlichen alles so einfalle, wenn man sich bemerkbar mache.

Aber eins nach dem anderen. Am Anfang meiner Recherche, Mitte November, besuche ich eine Kundgebung auf dem Thomas-Klestil-Platz in Wien-Landstraße. Vor dem Büro des Wiener Sozialstadtrats Peter Hacker versammeln sich rund eintausend Menschen. Die Kundgebung trägt den Titel „Stoppt den Kahlschlag im Wiener Sucht- und Drogenhilfenetzwerk“ und wird organisiert von den Betriebsrätinnen und Betriebsräten mehrerer Einrichtungen aus der Wiener Sucht- und Drogenhilfelandschaft.

Einige haben Trillerpfeifen im Mund, andere trommeln mit Kochlöffeln auf Töpfe. Schilder mit Sätzen wie „Hilfe darf kein Luxus sein“ oder „Wer stellt mich sonst ein?“ werden in die Luft gehalten. Wie Mitte Oktober bekannt wurde, will die Stadt Wien im Jahr 2026

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Milliarden Euro

einsparen. Das trifft zurzeit besonders den Sozialbereich. So wird in Wien etwa die Mindestsicherung für subsidiär Schutzberechtigte gestrichen. Auch in der Wohnungs- und Obdachlosenhilfe, bei der Kindesmindestsicherung oder im Behindertenbereich wird gekürzt. Die Einsparungen in der Sucht- und Drogenhilfe reihen sich also ein in eine Liste von vielen Sparmaßnahmen der Stadt.

Bei einem Rundschreiben an die Bundesländer wird deutlich: Wien ist – jedenfalls momentan – noch allein mit seinen Sparplänen in der Sucht- und Drogenhilfe. Im Burgenland wird etwa noch verhandelt. In Vorarlberg kommt es zu Umschichtungen, wobei das Angebot gleich bleibt, wie betont wird. In Kärnten, der Steiermark, Nieder- und Oberösterreich werden Einsparungen hingegen ausgeschlossen. Die Soziallandesrätinnen und Soziallandesräte von Tirol und Salzburg haben auf unsere Anfrage nicht reagiert.

Zwar wird das Wiener Budget in der Sucht- und Drogenhilfe für kommendes Jahr eigentlich mit knapp 58 Millionen Euro um acht Millionen Euro höher sein – wegen der Inflation und steigender Kosten für die gleiche Arbeit fehlt hier trotzdem eine Menge Geld. Das führt dazu, dass mehrere Einrichtungen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kündigen müssen oder ganz zusperren werden. Die meisten davon beschäftigen suchtkranke Menschen, die sich auf dem regulären Arbeitsmarkt nicht behaupten können oder konnten.

Bei einer kurzen Umfrage auf der Kundgebung zeigt sich: Die Sucht- und Drogenhilfe steht stark unter Druck. Nur wenige Teilnehmende wollen mit mir sprechen. Und jene, die etwas sagen wollen, machen sich Sorgen. Verschlechterungen für die gesamte Gesellschaft werden befürchtet, Auswirkungen wie mehr Kriminalität und hohe Folgekosten stünden vor der Tür. Außerdem wird die Angst geäußert, dass diese Einsparungen erst der Anfang wären.

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Fotos: Peter Zöchling

Am Rande der Kundgebung komme ich mit einem jungen Mann ins Gespräch. Er hat ein Schild mitgebracht, darauf steht der Satz: „Wir sind auch Teil der Gesellschaft“. Ich nenne ihn hier Jan. Er möchte anonym bleiben. Jan erzählt, dass er in einer der betroffenen Einrichtungen seit diesem Mai eine Arbeit gefunden hat. Um welche Einrichtung es sich handelt, das soll nicht an die Öffentlichkeit. Aber dazu später mehr.

Jan und ich treffen uns ein paar Tage danach zu einem ausführlicheren Gespräch in einem Kaffeehaus in der Nähe seiner Arbeit. Der heute 24-Jährige erzählt offen, wie er mit sechzehn Jahren psychische Probleme bekommen hat. Er leidet damals unter sogenannten Schlafparalysen – ein Zustand, in dem man wach ist, sich aber nicht bewegen kann. Regelmäßig erleidet er Panikattacken deswegen, traut sich nicht mehr einzuschlafen und liegt oft nächtelang wach. Eine große Belastung für den Alltag. Mit siebzehn kommt Jan dann in Kontakt mit Drogen. Begonnen hat es mit der Partydroge Ecstasy. Bei einer Veranstaltung bekommt Jan eine Pille in die Hand gedrückt und schluckt sie.

„Ich war einfach hin und weg", sagt er retrospektiv.


Anfangs konsumiert er etwa einmal im Monat, schon bald dann öfter, wie er erzählt. Im Laufe der Zeit kommt Marihuana dazu. Mit achtzehn fragt ihn dann ein Freund, ob sie gemeinsam „ein Blech“, also Heroin, rauchen wollen. „Ich hab’ das dann probiert und dann ist es auch immer öfter und öfter geworden, bis zu dem Punkt, wo ich eigentlich nichts mehr davon gespürt hab“, erzählt Jan. Zugleich wird er entzügig, wenn er nichts nimmt.

Es folgen Jahre des Konsums, auch Alkohol kommt dazu. Er habe durch die Drogen versucht, vor seinen psychischen Problemen zu flüchten. Irgendwann wird es aber zu viel und Jan versucht, sich das Leben zu nehmen. Seine Mutter ruft die Rettung und Jan kommt in die Psychiatrie, wo er auf andere Menschen mit ähnlichen Erfahrungen trifft, die verstehen können, was er gerade durchmacht. Jan findet dadurch wieder Boden unter den Füßen, wie er sagt. Von der Psychiatrie wird er an das Anton-Proksch-Institut vermittelt, eine der größten Suchtkliniken in Österreich. Er besucht dort die Tagesklinik, nimmt an verschiedenen Kursen teil, hat mehrmals die Woche Einzel- und Gruppentherapie, macht gemeinsam mit anderen Patientinnen und Patienten Ausflüge in die Natur.

Danach kommt er zum AMS. Sein Berater schlägt ihm vor, sich bei der Einrichtung zu bewerben, bei der er jetzt seit Mai arbeitet – und sich wohlfühlt: „Mir macht’s mega Spaß – ich liebe die Tätigkeit.“ Die Arbeit mit seinen Kolleginnen und Kollegen, die ähnliche Erfahrungen wie er gemacht haben, empfindet er als sehr aufbauend. „Es ist super, wenn man merkt, dass man nicht allein ist. Mein Wunsch war damals, dass ich wieder normal leben kann, dass ich ein angenehmes Leben habe. Die Einrichtung hilft mir einfach dabei, dass ich wieder dahin komme, wo ich sein möchte. Ich weiß nicht, wie ich das sonst machen würde.“ Wenn Jan über seinen Arbeitsplatz spricht, spürt man, wie viel er ihm bedeutet.

Die Einrichtung, in der Jan arbeitet, ist eine von mehreren, die von den teilweise massiven Einsparungen betroffen sind.

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Beschäftigte sind etwa beim arbeitsmarktintegrativen Upcycling-Projekt Gabarage zur Kündigung gemeldet.

Das nächste Jahr muss der Betrieb mit der Hälfte der finanziellen Mittel auskommen. Wegen der hohen Fixkosten werden weitere Kündigungen befürchtet.

Ähnlich sieht es bei dem sozialökonomischen Betrieb „Fix und Fertig“ aus, einem Projekt der Suchthilfe Wien. Auch hier sind suchtkranke Menschen beschäftigt: Die Arbeiten reichen von Renovierungen über Versandtätigkeiten bis hin zu Textildrucken. Das Projekt wird zur Gänze eingespart. 44 Personen sind betroffen, unter ihnen Sozialarbeiterinnen, Anleiter und Hilfsarbeiterinnen. Laut Betriebsrat gebe es Bemühungen, diese Auswirkungen abzufedern, etwa indem das AMS als Finanzier einspringt. Wie genau das passieren soll, ist aber noch offen.

Auch das Anton-Proksch-Institut, bei dem Jan die Tagesklinik besucht hat, ist betroffen. Hier sind 25 Personen im Frühwarnsystem des AMS zur Kündigung gemeldet. Außerdem müssen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Stunden reduzieren, Neueinstellungen fallen weg und Ausbildungsplätze werden verringert.

Bei der Wiener Berufsbörse – einer Beratungsstelle für arbeitssuchende Menschen mit Suchterkrankung – kommt es zwar nicht zu Einsparungen, dafür aber zu Umschichtungen. So springt statt der Stadt Wien das AMS als Geldgeber ein. Dadurch müssen die Personen, die hier beraten werden, beim AMS gemeldet und arbeitsfähig sein. Personen, die gesundheitlich zu stark beeinträchtigt sind – und etwa noch Reha-Geld beziehen – können also nicht mehr beraten werden.

Stefanie Schmeiser ist Betriebsrätin bei der Beratungs- und Betreuungseinrichtung Dialog. (Foto: Patrick Zöchling)

Wenn Menschen krank sind, wenn Menschen eine Behinderung haben oder Ähnliches, dann geht das die ganze Gesellschaft etwas an“, sagt Stefanie Schmeiser, Betriebsrätin bei der Beratungs- und Betreuungseinrichtung Dialog, „das ist bei suchtkranken Menschen nicht anders. Auch die haben das Recht auf Unterstützung.“

Auch in der Einrichtung „Dialog“ werden mit kommendem Jahr 1,5 von 9,1 Millionen Euro gekürzt, also rund ein Sechstel. Die Beratungs- und Betreuungseinrichtung Dialog „Standfest“ - eine Abteilung des Dialogs - wird zur Gänze eingestellt. Bisher wurde das Projekt von der Stadt Wien und dem AMS finanziert. Bei „Standfest“ arbeiten Psychologinnen und Sozialarbeiter, die arbeitslose, suchtkranke Menschen betreuen. Auch Ärztinnen und Ärzte sind vor Ort. Die Bandbreite an Problemlagen, mit denen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter täglich zu tun haben, ist groß: von Sucht- und Konsumfragen über Wohnungs- und Obdachlosigkeit, familiären Themen bis hin zu Gesundheit ist alles dabei. 23 Beschäftigte sind bereits beim AMS-Frühwarnsystem zur Kündigung gemeldet. Jährlich betreut die Organisation rund 550 Klientinnen und Klienten, aktuell sind es 380. Laut Stefanie Schmeiser deckt Dialog Standfest in der Drogen- und Suchtberatungslandschaft eine Nische ab, die jetzt wegfällt.

Zwar arbeite man gerade daran, möglichst viele Klientinnen und Klienten in andere, ähnliche Einrichtungen zu vermitteln. Allerdings sei der Bereich ohnehin schon überlastet. Da für jeden einen Platz zu finden, werde sich nicht ausgehen, sagt Schmeiser. „Bisher konnten wir unseren Klientinnen und Klienten immer sagen: ,Wir stehen das gemeinsam durch.’ Das ist jetzt nicht mehr möglich. Unsere Klientinnen und Klienten sind verzweifelt und desillusioniert“, so Betriebsrätin Schmeiser. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei Dialog Standfest decken dabei nicht nur Beratungs- und Betreuungsangebote ab, sondern erfüllen auch eine soziale Funktion für ihre Klientinnen. Oft fehlt es an Familie, Freunden und anderen Kontakten. „Wir haben einige Klientinnen und Klienten hier, die ein sehr isoliertes Leben führen“, erzählt Schmeiser. „Ein Klient hat mir letztens erzählt: Es gibt die eine Nachbarin, die er hin und wieder trifft, es gibt die Kassiererin im Supermarkt, und es gibt uns – und wir brechen jetzt weg.“

Zuständig für die Budgetverwaltung und damit auch dafür, wo wie viel eingespart wird, ist die Sucht- und Drogenkoordination Wien, kurz SDW. Als ausgelagerte Struktur fällt diese in den Geltungsbereich von Sozialstadtrat Peter Hacker. Sie verteilt also das Geld, das sie von der Stadt Wien erhält. Eigentümer der SDW ist das Kuratorium für Psychosoziale Dienste in Wien.

Der Geschäftsführer der SDW heißt Ewald Lochner. Er ist auch stellvertretender Bezirksrat der SPÖ in Penzing. Wo gekürzt wird und wo nicht, richtet sich nach drei Prioritäten, erläutert Lochner: Erstens dürfe die medizinische Behandlung von Menschen mit Suchterkrankung nicht gefährdet werden. Zweitens soll der niederschwellige Bereich, also insbesondere die Sozialarbeit im öffentlichen Raum, unangetastet bleiben. Und drittens müssen die Auswirkungen der Einsparungen für die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die Bevölkerung und die Klientinnen und Klienten so gering wie möglich ausfallen. „Das heißt nicht, dass es keine Konsequenzen gibt“, betont Lochner, „aber wir gehen verantwortungsvoll mit den zur Verfügung stehenden Mitteln um.“ Auch in der Sucht- und Drogenkoordination Wien werde eingespart, sagt Lochner. Das sei aber noch Teil von Verhandlungen und werde zu gegebener Zeit kommuniziert.

Ewald Lochner ist Geschäftsführer der Sucht- und Drogenkoordination Wien. (Foto: Barbara Whirl)

Der zuständige Wiener Sozialstadtrat Peter Hacker sagte zuletzt, dass die Stadt Wien österreichweit und im internationalen Vergleich weiterhin „keinen Vergleich scheuen“ müsse. Im ORF-Report bezeichnete Hacker die betroffenen Einrichtungen außerdem als „Fleißaufgabe“. Drogenkoordinator Ewald Lochner sagt, dass er nicht als Politiker, sondern als Geschäftsführer der SDW tätig ist – und fügt hinzu: „Jeder Arbeitsplatz, der verloren geht, ist ein Drama und entsetzlich, außerdem auch für das System von Nachteil, weil damit natürlich viel Wissen verloren geht.“ Was man in diesem Kontext aber auch bedenken müsse, ist, dass die Mittel im Bereich Sucht- und Drogenarbeit in Wien in den vergangenen zehn Jahren vervielfacht worden seien, so Lochner.

Österreichweit und im internationalen Vergleich habe man noch immer ein „maßstabsetzendes“ Versorgungssystem – das auch, „trotz dieser sehr schmerzhaften Einsparungen“, erhalten bleibe. Man müsse die Situation daher differenziert sehen, sagt der Drogenkoordinator. Die Kritik an den Sparmaßnahmen sei zwar grundsätzlich nachvollziehbar und legitim – so, wie sie jetzt geäußert wird, bringe sie allerdings auch Probleme mit sich. Lochner bemängelt etwa den Begriff „Kahlschlag“: Dieser impliziere, dass die gesamte Sucht- und Drogenhilfelandschaft betroffen sei, was nicht der Realität entspreche. Betroffene könnten dadurch oft nicht unterscheiden, ob die Einsparungen nur in einem Teilbereich greifen oder etwa auch ihre Behandlung betreffen. Das führe zu viel Verunsicherung. Lochner betont, dass auch 2026 die Versorgung auf sehr hohem Niveau gewährleistet sein werde.

Die Wiener Sucht- und Drogenhilfelandschaft steht – beispielhaft für den Sozialbereich insgesamt - vor großen Herausforderungen. Der Budgetdruck erfordert Sparmaßnahmen, die dazu führen, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter um ihre Jobs und Klientinnen und Klienten um ihre Betreuung bangen. Die Verantwortlichen versuchen einen Spagat – und ernten dafür Kritik.

Dafür möchte ich mir die Situation vor Ort ansehen, in einer der betroffenen Einrichtungen. Schnell zeigt sich: So einfach wird es nicht gehen. Jede Anfrage für einen Besuch in einer der Einrichtungen wird abgelehnt. Entweder ich erhalte keine Antwort oder mir wird die Situation von den Entscheidungsträgern als „zu heikel“ beschrieben.

Das wundert mich.

Denn in der Vergangenheit war es durchaus üblich, dass Medien aus den Einrichtungen berichten. In Hintergrundgesprächen wird deutlich: Es herrscht Angst. Spätestens seit der Kundgebung Mitte November habe sich diese Angst verstärkt. Ich frage mich, woher diese Angst kommt, und mache mich auf die Suche nach Menschen, die bereit sind, zumindest anonym mit mir zu sprechen.

Mühsam, aber doch, werde ich fündig. Hört man sich in den Organisationen um, erzählen mir viele dasselbe: In der Sucht- und Drogenkoordination in Wien herrsche ein „besorgniserregendes Klima der Angst“ vor. Man habe „Angst vor Vergeltungsmaßnahmen“, wenn man sich öffentlich zum Thema äußert. Angst davor, dienstfrei gestellt zu werden. Angst vor weiteren Kürzungen. Man müsse aufpassen – intern und öffentlich – was man sagt – es sei ein „ständiges Zittern“. Eine Person sagt mir, sie habe die Sorge, sich „in die Schusslinie“ zu begeben, wenn sie sich persönlich exponiere. Eine andere beschreibt mir die Sucht- und Drogenhilfelandschaft als „Mobbing-System“ mit der SDW an der Spitze: Der Druck, der ausgeübt werde, funktioniere auf subtiler Ebene.

Wer Kritik äußere, begebe sich auf „dünnes Eis“ – und riskiere, dass in der eigenen Einrichtung weitere Sparmaßnahmen drohen. Zwar werden diese Drohungen nicht offen ausgesprochen – man habe aber das Gefühl, dass, wenn man etwas Falsches mache, Konsequenzen drohen würden. Zudem werde man aus dem Informationsfluss ausgeschlossen, wenn man nicht „brav“ sei. Man müsse unterwürfig sein. All diese Aussagen wurden mir von vielen Personen aus dem Bereich zugetragen, Belege für diese Aussagen gibt es allerdings keine. Was alle eint, sind Ängste vor weiteren Kürzungen. Dass da die Wogen auch einmal hochgehen, ist nicht weiter verwunderlich.

Hinzu kommt ein Druck durch fehlende Konkretheit. Vieles sei noch in Verhandlung, anderes werde nur undurchsichtig kommuniziert. Dadurch entsteht viel Unsicherheit. Bevor man also etwas sagt und dadurch womöglich weiteren Schaden anrichtet, ziehe man sich lieber zurück.

Ich versuche, die Geschäftsführungen der betroffenen Einrichtungen auf offiziellem Weg telefonisch zu erreichen. Mehrmals sagt man mir zu, dass ich einen Rückruf erwarten darf – tatsächlich bleibt mein Telefon aber stumm. Ich stelle daher schriftliche Anfragen. Bis Redaktionsschluss bleiben diese alle unbeantwortet.
Drogenkoordinator Ewald Lochner weist die Vorwürfe zurück.

„Nein, es gibt so etwas nicht“, sagt Lochner, „es hat noch nie Sanktionen gegeben.“

Presseanfragen werden grundsätzlich immer durch die zentrale Kommunikationsstelle der SDW bearbeitet, und das sei auch sinnvoll. Personen, die solche Vorwürfe erheben, sollen konkret sagen, worum es geht.

Bei allem mutmaßlichen Druck, der von der SDW ausgeübt wird, und bei allem Hickhack, der daraus folgt: Worin sich alle Beteiligten einig sind, ist, dass sich der Alltag für suchtkranke Menschen in Wien wohl erschweren wird. Die Betriebsrätin der Beratungsstelle Dialog, Stefanie Schmeiser, befürchtet Konsequenzen auf mehreren Ebenen. So sei es wahrscheinlich, dass Klientinnen und Klienten wieder rückfällig werden, wenn es ihre Einrichtung nicht mehr gibt. Das fängt bereits jetzt an: „Eine Klientin hat mir letztens erzählt, dass sie einen Rückfall hatte, weil sie nicht weiß, wie sie ab nächstem Jahr weitertun soll.“

Zudem brauchen die Klientinnen und Klienten auch oft Unterstützung bei alltäglichen, existenzsichernden Maßnahmen, wie beim Thema Wohnen oder beim AMS. Das kann zu einer weiteren Verelendung führen, etwa in Form von Wohnungslosigkeit. Auch geht Schmeiser davon aus, dass die Leute wegen ihrer Erkrankungen mehr im sonstigen Gesundheitssystem aufschlagen werden, beispielsweise bei Hausärzten und Hausärztinnen, aber auch in Form von Krankenhaus- und Psychiatrieaufenthalten. Nicht zuletzt werden Familien und Angehörige stärker belastet.

Bleibt noch die Frage: Warum eigentlich trifft es momentan den Sozialbereich besonders hart?

Schmeiser vermutet einen Grund darin, dass die Menschen, die die Sparmaßnahmen treffen, in der Regel wenig Zeit und Kapazität dafür haben, sich gegen ebendiese Sparmaßnahmen aufzulehnen: „Die Menschen können sich am wenigsten wehren und schreien am wenigsten auf, weil sie mit dem Überleben beschäftigt sind.“ Da sei kein Platz für politischen Aktivismus. Allerdings gebe es auch viele direkt Betroffene, die sich den Protesten anschließen würden und für ihre Angebote und Betreuerinnen und Betreuer einstehen wollen.

Einer davon ist Jan, den ich bei der Kundgebung Mitte November kennengelernt habe. Er wird auch in Zukunft Kundgebungen zum Thema besuchen, wenn er die Anliegen sinnvoll findet, sagt Jan. Für immer möchte er aber nicht in der Einrichtung arbeiten, in der er heute beschäftigt ist. Schon bald möchte er etwas anderes machen. Etwas, das eher ihm und seinen Interessen entspricht: „Ich bin, seit ich denken kann, ein sehr kreativer Mensch. Ich möchte mich aber auf Perspektive weiterentwickeln. Vielleicht etwas, wo man mit Photoshop arbeiten muss, mit Design. Oder mit Mode – Kostümbildnerei würde mich zum Beispiel sehr interessieren.“

Sounddesign und Audioproduktion: Katharina Darya Ressl
Mixing und Mastering: Patrik Haas