Glauben wir nur, was wir glauben wollen? Menschen suchen vor allem nach Bestätigung. Das gilt nicht nur für andere.

Um besser informiert zu sein, sollten wir uns misstrauen. Und Menschen und Medien vertrauen, die ihre Überzeugungen immer wieder kritisch überprüfen.

Glauben wir nur, was wir glauben wollen? Menschen suchen vor allem nach Bestätigung. Das gilt nicht nur für andere.
Cartoon: Hauck & Bauer

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Die Welt ist kompliziert. Sie ist unübersichtlich, widersprüchlich, schwer zu durchschauen. Eigentlich sollen Medien uns dabei helfen, sie zu verstehen. Aber die Medienwelt ist leider auch kompliziert. Unübersichtlich, widersprüchlich, schwer zu durchschauen.

Früher, bevor es das Internet gab, war die Medienwelt übersichtlicher. Nicht unbedingt besser, aber übersichtlicher. Heute gibt es eine überwältigende Menge an Quellen und Meinungen. Es gibt hervorragende Informationen und krasse Desinformationen. Es ist leicht, auf Falschmeldungen hereinzufallen. Und weil wir dank Social Media alle nicht nur Empfänger, sondern auch Sender sind, werden Menschen auch selbst schnell zu Verbreitern von Falschmeldungen.

Es gibt etwas, was dagegen helfen könnte: Medienkompetenz. Menschen können lernen, Manipulationen besser zu erkennen, skeptisch zu sein, Quellen zu überprüfen. Das hilft beim alltäglichen Umgang mit Medien und Informationen. Und auch beim Kampf gegen groß angelegte Desinformationskampagnen.

Es gibt allerdings ein Problem: Im Zweifel sind wir davon überzeugt, dass es die anderen sind, die Nachhilfe auf diesem Gebiet benötigen. Wir sehen jeden Tag, wie andere Leute mit anderen Meinungen auf Finten hereinfallen. Wie sie zweifelhaften Quellen folgen. Wie sie ungeprüft glauben, was ihnen in den Kram und ins Weltbild passt. Wie sie in einer Blase stecken. Wie sie sich Wahrheiten zurechtbiegen, die für sie unangenehm sind, damit sie ihre Positionen nicht ändern müssen.

Uns selbst trauen wir dagegen zu, weniger solche Fehler zu machen. Unsere Quellen halten wir eher für zuverlässig, unseren Umgang mit Nachrichten für rational, unser Weltbild für stimmig, überzeugend und wohlbegründet.

Matthias Warkus ist Dozent an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena und schreibt eine Philosophie-Kolumne in der Wissenschaftszeitschrift „Spektrum“. Foto: Louisa Reichstetter

Es gibt in der Psychologie einen Fachausdruck für dieses Phänomen: Third Person Effect. Er beschreibt, dass Menschen dazu tendieren, andere für anfälliger für mediale Manipulationen zu halten als sich selbst.

Sind wir wirklich besser informiert als die anderen? Stecken wir nicht genauso in einer Bubble? Glauben wir auch nur, was wir glauben wollen?

Diesen Fragen will ich hier nachgehen. Und dabei am Ende auch ein paar Ideen entwickeln, wie wir es schaffen, wirklich besser informiert zu sein – und was Menschen und Medien tun können, um unser Vertrauen zu gewinnen und zu verdienen.

Fangen wir ganz grundsätzlich an: bei der Frage, wie wir uns überhaupt ein Bild von der Welt machen. Dafür zuständig ist die Erkenntnistheorie, die man auch Epistemologie nennt. Das ist ein zentraler Bereich der Philosophie, und deshalb habe ich zuerst mit einem Philosophen gesprochen: Matthias Warkus. Er ist Dozent an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena und schreibt eine Philosophie-Kolumne in der Wissenschaftszeitschrift „Spektrum“.

Er begann mit dieser Grundannahme:

„Dass die Müllabfuhr den Müll holt, sehen wir selber, und was danach passiert, das erfahren wir aus den Medien.“

Warkus sagt: Wir machen natürlich im Alltag viele Erfahrungen einfach mit unseren handelsüblichen Sinnen. Aber in einer modernen Zivilisation werden große Teile unserer Wirklichkeit von dem geprägt, was wir aus den Medien erfahren. Der berühmte Soziologe Niklas Luhmann hat gesagt: „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien.“

Matthias Warkus gibt ihm recht:

„Ich halte es für völlig legitim, zu sagen, die Medien nehmen die zentrale Rolle ein in bestimmten Diskursen, einfach weil es halt so ist, weil die für unsere alltägliche Erkenntnispraxis einfach unverzichtbar sind.“

Medien können aber nicht einfach alles abbilden, was wirklich ist. Sie müssen auswählen, über welche Themen sie überhaupt berichten, und dann, welche Informationen sie zu dem Thema für relevant halten. Das ist ein Selektionsprozess. Und dann folgt noch ein zweiter Selektionsprozess: Wir als Publikum wählen aus, welche Medien wir nutzen.

Es gibt die Theorie, dass wir uns insbesondere über die sozialen Medien die Inhalte passend nach unseren Vorlieben zusammenstellen. Demnach würden wir alle in selbstgebauten Informations- oder Filterblasen leben, in die nur kommt, was unsere Meinungen bestärkt.

Diese Annahme, meint Matthias Warkus, habe sich aber als empirisch falsch erwiesen. Die meisten Menschen hierzulande seien nicht komplett abgeschottet, sondern durchaus Teil von etwas, das er „kritisch-rationalen Diskurs“ nennt – das gelte für Deutschland und vielleicht etwas abgeschwächt auch für Österreich.

Okay, dann müssen wir jetzt klären, was ein „kritisch-rationaler Diskurs“ ist. Ein einfacher Begriff von „Diskurs“ ist, dass mehrere Leute miteinander kommunizieren, Behauptungen austauschen und gegebenenfalls auch Widersprüche feststellen. „Kritisch-rational“ wird der, sagt Matthias Warkus, wenn dabei immer auch in Betracht gezogen wird, dass man sich vielleicht geirrt hat und eine Überzeugung revidieren kann.

Das klingt super und notwendig und nach etwas, das jeder gerne unterschreibt. Leider stellt sich heraus: Wir als Individuen sind gar nicht so. Wir hätten es schon gerne so, dass wir unsere Überzeugungen nicht revidieren müssen. Oder wie es Matthias Warkus formuliert: Wir sind als Einzelpersonen unheimlich fehlbar und „epistemisch faul“.

Silvia Knobloch-Westerwick ist Medienpsychologin Silvia Knobloch-Westerwick von der Technischen Universität Berlin. Foto: Christian Kielmann

Wir versuchen, „kognitive Dissonanzen“ zu vermeiden, wollen also nicht mit Informationen konfrontiert werden, die unseren Überzeugungen widersprechen. Wir versuchen, solche Informationen entweder auszublenden oder umzuinterpretieren. Und wir haben einen großen Drang danach, Informationen zu finden, die uns und unsere Überzeugungen bestätigen.

Ja, das betrifft nicht nur die anderen, das betrifft uns alle. Die Medienpsychologin Silvia Knobloch-Westerwick von der Technischen Universität Berlin forscht seit Jahren zu diesem Thema. Ich habe sie gefragt, ob wir so rational sind, wie wir glauben: dass wir gute Quellen suchen und verlässliche Informationen. Und sie hat sofort geantwortet:

„Das ist eine Illusion, würde ich kurz sagen.“

Bei wirklich wichtigen Entscheidungen, wenn es um unsere Gesundheit geht oder einen neuen Kreditvertrag, da suche man schon manchmal sehr detailliert und lange nach Informationen und wäge ab, welche Expertise da jeweils vorhanden ist. Aber viele Informationen im Alltag nehmen wir eher beiläufig auf. Und folgen einfach Routinen und Gewohnheiten, suchen vielleicht auch eher Unterhaltung und pflegen unsere Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen.

Vor allem bei Themen, die uns wichtig sind, konsumieren wir vor allem Informationen, die unsere Meinungen eher bestätigen. Knobloch-Westerwick sagt: „Es ist auch so, dass Leute, die höher gebildet sind, intelligenter sind, mehr kognitive Ressourcen haben, sind sogar fast noch besser darin, ihre Meinungen sozusagen zu schützen vor gegenläufigen Informationen. Also, man würde ja eher so denken: Wenn man besser gebildet ist, dann fällt mir da nicht so drauf ein oder so, aber unsere Studien zeigen, jemand mit mehr kognitiven Ressourcen kann besser auswählen (…) um sich vor anders gelagerten Informationen sozusagen zu schützen.“

Es gibt also überhaupt keinen Grund, sich anderen überlegen zu fühlen, gerade und insbesondere, wenn man sich für intelligenter hält.

Das ist natürlich ein Problem, wenn es stimmt, dass wir alle die meiste Zeit damit beschäftigt sind, unsere vorhandenen Positionen und Meinungen nicht kritisch zu hinterfragen, sondern immer wieder neu zu bekräftigen. Wie soll sich dann eine Gesellschaft verständigen über das, was zu tun wäre, Kompromisse finden?

Knobloch-Westerwick sagt – und sie nennt das eine „positivere Information zu dem etwas trüben Thema“ – dass die Forschung festgestellt habe, dass sich Meinungen durchaus abschwächen können, wenn Menschen mit gegenläufigen Ansichten konfrontiert werden. Die Meinungen ändern sich nicht unbedingt komplett, sind aber nicht mehr ganz so überzeugt. Messen lässt sich das in Versuchen zum Beispiel daran, wie schnell Menschen auf Fragen antworten – sagen sie sofort, ob sie etwa für oder gegen die Atomkraft sind, oder zögern sie ein paar Millisekunden. Wenn Menschen mit gegenläufigen Meinungen oder Informationen konfrontiert wurden, überlegen sie etwas länger, bis sie antworten.

„Man kann, wenn man sehr nuanciert misst, schon sehen, dass die Menschen nicht komplett völlig stur auf ihren Meinungen und Einstellungen beharren.“

Andererseits tragen gerade Soziale Medien dazu bei, dass sich Fronten verhärten. Dort werden besonders emotional ansprechende, provozierende Mitteilungen häufiger angezeigt und häufiger geklickt – es sind nicht nur die Menschen, sondern auch die Algorithmen, die solche Effekte verstärken.

Soziale Medien können auch den Eindruck erwecken, dass viele Menschen von bestimmten Tatsachen überzeugt sind – selbst wenn es sich um Falschinformationen handelt oder dahinter schlimmstenfalls nicht einmal echte Menschen stehen, sondern Trolle, die dafür bezahlt werden, Desinformationen zu verbreiten.

„Wenn ich immer wieder eine Falschinformation da gepostet bekomme“, sagt Knobloch-Westerwick, „dann wird die zum einen gängiger in meinem Denken, sie erscheint mir vertrauter, diese Falschinformation, und verarbeitet sich irgendwann leichter, und dann glaube ich sie auch etwas eher. Und mir kommt es dann auch so vor, dass mehr Menschen das auch so sehen.“

Knobloch-Westerwick kennt viele Mechanismen, die alle eher dagegen sprechen, dass Menschen offen dafür sind, ihre Ansichten zu hinterfragen.

Bernhard Pörksen ist Medienwissenschafter an der Universität Tübingen. Foto: Albrecht Fuchs

Auch einer ihrer Kollegen klingt ziemlich pessimistisch: Bernhard Pörksen, Medienwissenschafter an der Universität Tübingen. Er hat ein Buch geschrieben über die von ihm so genannte „redaktionelle Gesellschaft“. Damit meint er, dass der und die Einzelne beim Umgang mit Informationen plötzlich Dinge tun muss, die früher die Aufgabe von Journalistinnen und Journalisten waren. Viele Entscheidungen über die Güte, die Qualität, die Relevanz von Informationen seien auf die Seite derjenigen gerutscht, die man früher das Publikum genannt hätte. „Wir sind medienmächtig geworden als Userinnen und User“, sagt er, „aber wir sind noch nicht medienmündig“.

Das Internet sei ein total faszinierendes Medium, sagt er. „Aber es erlaubt etwas, was man eine Entfesselung des Bestätigungsdenkens nennen könnte. Das von Sendern geschnürte Informationsbündel ist aufgesprengt, und empfängerseitig kann ich mich beliebig in jedes vorstellbare Wirklichkeitsmilieu hineingoogeln. Auch die bekennenden katholischen Nichtschwimmer mit einem Interesse an Hirschgeweihen können sich dann an den Händen fassen und sagen: Wir sind viele, und warum werden wir eigentlich nicht gehört? Wir sind bestätigungssüchtige Wesen, anthropologisch gesprochen, wir sind nicht sehr offen als Menschen, würde ich sagen, und jetzt können wir diese Schließung eigenmächtig herstellen. Man kann dann aus der Fülle der Gesichtspunkte, der Perspektiven und der Daten und Dokumente dasjenige aussuchen, was es einem erlaubt, die eigenen Standpunkte umso rationaler zu fundieren.“

„Wir müssen anerkennen: Mehr Information macht uns gar nicht automatisch mündiger. Immer mehr Information ungeklärter Herkunft erhöht die Chancen effektiver Desinformation, weil wir bestätigungssüchtige Wesen sind, und weil wir in dem umherwirbelnden Informationskonfetti auf das zurückgreifen, was wir aus guten oder schlechten Gründen einfach glauben wollen.“

Das mache jede Gruppe so. Aber wenn es darum geht, welcher der vielen Gruppen er dann am liebsten angehören würde, hat Pörksen ein Kriterium dafür: einer, die „erschütterungsbereit“ ist. Er meint damit, dass sie dafür sorgt, dass Irrtümer entdeckt werden können.

Der Philosoph Matthias Warkus glaubt, dass auch die Gesellschaft als Ganzes so funktionieren kann. Weil wir als Einzelpersonen zu Denkfaulheit und Beharrung neigen, sind wir darauf angewiesen, dass wir uns in Kollektiven austauschen, die durch Normen geleitet sind, sagt er. Und eine wichtige Norm ist es, Überzeugungen immer wieder kritisch zu überprüfen und nach so etwas wie der „Wahrheit“ zu suchen.

Wenn es solche Normen gibt, kann eine größere Gruppe trotz der menschlichen Schwächen des Einzelnen in der Tendenz kritisch rational sein. Und das geschieht nicht in einem großen Stuhlkreis, sondern auf der Grundlage verschiedener Systeme. Es braucht dafür zum Beispiel ein Bildungssystem, das vermittelt, dass wissenschaftliches Wissen im Experiment überprüft werden kann. Und ein System von Medien, die ebenfalls durch solche Normen geleitet sind – selbst wenn man immer wieder erlebt, dass dieses System Defizite hat.

Wem vertrauen wir grundsätzlich?

Unsere Welt ist so komplex, dass wir selbst kaum Möglichkeiten haben, unsere Annahmen über sie zu überprüfen. Wer von uns, die wir zum Beispiel überzeugt sind, dass die Impfung gegen das Corona-Virus sinnvoll war und der Nutzen die Risiken überwog, könnte tatsächlich erklären, warum das so ist? Wir verlassen uns auf Experten, auf Wissenschafter, auf Verantwortliche. Wir vertrauen bestimmten Leuten und misstrauen anderen.

Ist das so fundamental anders als das, was sogenannte „Corona-Leugner“ tun, nur unter umgekehrten Vorzeichen? Die eine Seite wirft der anderen vor, „Verschwörungstheoretiker“ zu sein. Der umgekehrte Vorwurf lautet, „Schlafschafe“ zu sein, die blind den Autoritäten folgen und tun, was ihnen gesagt wird.

Matthias Warkus glaubt, dass es trotzdem einen grundsätzlichen Unterschied zwischen dem Denken der beiden Seiten gibt. Er macht das an einem konkreten Beispiel fest: Wenn wir in ein Flugzeug steigen, vertrauen wir darauf, dass viele, viele Autoritäten und Experten wissen, was sie tun, und ihre Arbeit ordentlich machen. Als Verschwörungstheoretiker komme man damit in einen Widerspruch:

„Ich kann in ein Flugzeug steigen und gleichzeitig sagen: Ich glaube niemandem von denen irgendwas. Ich kann nach Mallorca fliegen und mich mit meinem Nachbarn darüber auslassen, dass die Wissenschaft auf alles Mögliche überhaupt keine Antworten hat. Und faktisch ist es doch so, dass ich dadurch, dass ich in dem Flugzeug sitze, quasi bereits meine Zustimmung, also damit habe ich eigentlich deklariert, dass ich bereit bin, das zu akzeptieren, dass die ihren Job richtig machen.“

Okay, wer glaubt, dass hinter der ganzen Fliegerei nur eine Verschwörung steckt, wird schnell widerlegt, weil halt nicht jeden Tag Flugzeuge vom Himmel fallen. Bei Medien ist die Sache aber komplizierter. Ein Medium, das am laufenden Band Falschmeldungen produziert, scheitert damit nicht unbedingt für alle erkennbar. Es kann für viele Menschen „funktionieren“ – nicht in dem Sinne wie ein Flugzeug, das objektiv Menschen von A nach B befördert, aber zum Beispiel in dem Sinne, dass es Leute in ihren Vorurteilen bestätigt.

Dirk von Gehlen ist Director Think Tank beim Institut der Süddeutschen Zeitung. Foto: Gerald von Foris

Wer Autoritäten und Experten grundsätzlich nicht traut, wird Schwierigkeiten haben, durchs Leben zu gehen – weil der Alltag eben, wie das Beispiel mit dem Flugzeug zeigt, funktioniert; weil es doch jede Menge Autoritäten und Experten gibt, die wissen, was sie tun. Aber das kann umgekehrt nicht heißen, dass es gut ist, allen Autoritäten blind zu vertrauen.

Wie finden wir heraus, wem wir grundsätzlich trauen können, welchen Menschen, Autoritäten, Medien? Es gibt darauf viele Antworten, aber vor allem ein gutes Kriterium: die Bereitschaft, die eigene Position infrage zu stellen und sich gegebenenfalls sogar zu korrigieren. In das Prinzip wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens ist das eingebaut, dass Hypothesen und Befunde immer wieder überprüft und falsifiziert werden können.

Was das für Medien bedeutet, darüber habe ich mit Dirk von Gehlen gesprochen. Er ist gelernter Journalist und hat das große Glück, fürs Denken bezahlt zu werden. Er hat beim Institut der „Süddeutschen Zeitung“ eine Position, die sich „Director Think Tank“ nennt.

Er sagt: „Meine Meinung zu ändern, also zu sagen, ich war gestern dieser Ansicht und ich bin übermorgen einer anderen, das ist die Besonderheit einer freien Gesellschaft, das ist das große Privileg. Meiner Einschätzung nach machen wir davon fast nie Gebrauch, weil es etwas gibt, was uns eben ein ganz wahnsinnig wohliges, tolles Gefühl gibt: nämlich auf der richtigen Seite zu stehen. Und das verfestigt Meinungen, völlig egal, ob das Algorithmen tun, ob das irgendwelche Big-Tech-Leute tun, das haben wir einfach selber in uns, das Grundgefühl, gerne auf der richtigen Seite zu stehen.“

Dirk von Gehlen vermutet, dass das nicht nur eine allgemeine menschliche Eigenschaft ist, sondern gerade in diesen wilden Zeiten, die uns alle überfordern, ein Gefühl von Sicherheit bietet: Ich weiß, wo ich stehe.

Wir erleben einen ständigen Filterclash

Es ist ja auch faszinierend, wenn man sich die vielen Diskussionen in den Sozialen Medien ansieht. Dort mag man in der eigenen Filterblase stecken, aber die Weltsicht der anderen ist immer nur einen Klick entfernt. Bernhard Pörksen nennt es den „Filterclash“, das „permanente Aufeinanderprallen von Parallelöffentlichkeiten“. Meinungen und unterschiedliche Weltsichten prallen aufeinander, das sieht man überall. Aber was man dabei selten sieht: dass jemand nach so einer Konfrontation sagt: „Ah, das ist ein bedenkenswerter Punkt“, „das hatte ich nicht bedacht“ oder gar „Da muss ich meine Position wohl überdenken.“

Dirk von Gehlen meint, dass das auch daran liegt, dass wir als Menschen mit unseren Meinungen identifiziert werden. „Eigentlich müssten Meinungen in Bewegung sein“, sagt er, „wir nehmen sie aber so, dass wir uns einmal entscheiden und dann sind sie so wie unser Name als unveränderliches Kennzeichen an uns.“

Es ist nicht positiv besetzt in unserer Gesellschaft, wenn jemand seine Meinung ändert. Aber es hilft schon, wenn man die Möglichkeit zulässt, dass man unrecht haben könnte. Wenn man einräumt, dass die Gegenseite auch gute Argumente hat. Wenn man wahrnimmt, dass es andere Perspektiven auf ein Thema gibt. Und das wäre auch ein Kriterium dafür, ob man Medien trauen kann: ob sie Unsicherheiten artikulieren, Widersprüche zulassen, verschiedenen Perspektiven Raum geben.

Es gibt dabei viele Fallstricke. Es geht nicht darum, eine False Balance herzustellen zwischen allen möglichen, auch den abwegigsten Positionen. Und es geht auch nicht darum, um jeden Preis eine gegenteilige Position zu suchen und mit einem gewollten Dagegen-Sein zu provozieren und emotionalisieren. Der Zauber entsteht, wie Dirk von Gehlen sagt, „im Graubereich“.

Paradoxerweise ist eine der besten Gelegenheiten festzustellen, ob einem Medium zu trauen ist, wenn es etwas falsch gemacht hat. Dann kann man sich ansehen, ob es offen und transparent mit dem Fehler umgeht und die Sache aufarbeitet. Im Kleinen und im Großen.

Dirk von Gehlen sagt, eigentlich müssten die klassischen Medien auf ihrer Meinungsseite einmal im Monat eine Person haben, die sagt: Ich habe hier vor vier Wochen das geschrieben, jetzt bin ich anderer Meinung. Nicht aus Beliebigkeit oder als Masche, sondern aus guten Gründen.

Das erfordert ein Umdenken in vielen Medien, aber natürlich auch bei uns. Das Gegenmittel dazu, dass wir uns einzementieren in unseren Ansichten, formuliert Dirk von Gehlen so:

„Sich am Ende einer Woche, eines Tages, eines Monats, vielleicht mal eines Jahres zu fragen, wo habe ich eigentlich meine Meinung geändert oder wo habe ich mir andere Perspektiven zumindest so angehört, dass ich, selbst wenn ich sie nicht zu eigen mache, nachvollziehen kann, warum Leute diese Meinung haben. Das ist meiner Meinung nach das, was wir als freie Gesellschaft üben müssen.“

Das ist eine Übung, die Anstrengung verlangt, für jeden Einzelnen. Sich aus seiner Weltsicht herauszukatapultieren, aus den ganzen Vorannahmen und Vorurteilen, die wir haben. Und selbstkritisch zu sein, nicht nur als Floskel, sondern sich selbst nicht über den Weg zu trauen.

Und das in einer Gesellschaft, die stattdessen Dinge wie Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen und ein sehr bestimmtes Auftreten als positiv bewertet. Leute, die ein eigentlich gesundes Selbstmisstrauen haben, wie Matthias Warkus es nennt, werden tendenziell in die zweite Reihe gerückt.

Wohin es führen kann, wenn unterschiedliche Gruppen sich ganz in ihre Überzeugungen und Weltsichten einmauern und gar keine anderen Informationen mehr an sich ranlassen, sieht man in den Vereinigten Staaten. Dort können Menschen aus den verschiedenen politischen Lagern kaum noch miteinander reden.

Das muss hierzulande nicht genauso schlimm werden. Aber dafür müssen wir alle etwas tun. Und nicht nur die anderen.

Sounddesign und Audioproduktion: Katharina Darya Ressl
Mixing und Mastering: Patrik Haas