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17. Dezember 2025

Österreichische Oscar-Hoffnung: Regisseur Richard Ladkani über „Yanuni“ und die Wirkung von Dokumentarfilmen.


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Foto: Richard Ladkani/Polyfilm

Gestern hat die Academy of Motion Picture Arts and Sciences die Shortlists für die verschiedenen Oscar-Kategorien veröffentlicht. Aus dieser Vorauswahl werden dann die Kandidaten für die 98. Oscars im Frühjahr 2026 nominiert.

Unter ihnen ist die Dokumentation „Yanuni“ von dem österreichischen Filmemacher-Paar Richard und Anita Ladkani. Der Film dreht sich um die brasilianische indigene Aktivistin Juma Xipaia, die gegen Umweltzerstörung im Amazonas kämpft und für die indigenen Völker, die dort leben. Unser Glück: Richard Ladkani ist JETZT-Gründungsmitglied. Deshalb haben wir ihn an diesem aufregenden Tag erreichen können.

JETZT: Richard, herzlichen Glückwunsch dazu, dass „Yanuni“ auf der Oscar-Shortlist für die Beste Dokumentation steht. Was bedeutet das für dich?

Richard Ladkani: Es ist ein unglaublicher Erfolg für uns. Wir haben seit sechs Jahren für diesen Film gekämpft. Das war mit Sicherheit eines der schwierigsten Projekte, wenn nicht das Schwierigste, was wir je gestemmt haben. Und wir können es immer noch nicht ganz glauben, weil es ist einfach die wichtigste Auszeichnung sozusagen für uns im Dokumentarfilm-Bereich, wenn wir das schaffen, und gibt dem Film jetzt viel mehr Sichtbarkeit auf der ganzen Welt. Wir sind jetzt auf Augenhöhe mit den ganz Großen und das gibt uns unglaubliche Motivation.

JETZT: Täglich hören wir, was alles auf der Welt nicht so gut läuft. Wie gewinnt man denn noch Menschen dafür, ins Kino zu gehen und sich ein, zwei Stunden lang intensiv mit einem dieser Probleme zu beschäftigen?

Richard: Gute Frage. Also es ist für mich so: Wann immer ich mich bei einem schwierigen Thema widme, dann fange ich eigentlich nicht einmal an, über einen Film nachzudenken, bevor ich nicht eine hoffnungsvolle Geschichte gefunden habe. Für mich erzählt sich so ein schwieriger Stoff immer über Hoffnung, über Inspiration und ich glaube – auch ganz wichtig – über Emotionen. Und wir haben einfach eine wahnsinnig starke Protagonistin gefunden, eine indigene Anführerin, die diese Kriterien immer erfüllt, eine wahnsinnig tolle, emotionale, mitreißende Geschichte erzählt. Es geht einfach primär darum, eine gute Geschichte zu haben, die die Leute auch hören wollen. Und natürlich: Das dann auch kommunizieren zu können ist die große Kunst. Also die Leute kriegst du nicht ins Kino nur durch einen guten Film, sondern auch durch die Publicity und das Marketing drumherum.

Das macht es dann schon sehr, sehr schwer. Aber ich glaube, Hoffnung und Emotion und Liebe zu dem, was uns wichtig ist, treibt die Leute dann doch ein bisschen vorwärts.

JETZT: Wann sagst du für dich in der Rückschau: Ja, diese Dokumentation, die war erfolgreich?

Richard: Es sind zwei Sachen. Wir gehen so einen Film an, weil wir was verändern wollen, weil wir unbedingt die Situation vor Ort, wo es eben ganz schlimm ist, irgendwie positiv beeinflussen wollen. Und da ergibt sich quasi unsere Impact- Komponente: „Konnte dieser Film positiv etwas verändern?“ Wenn wir da „Ja“ sagen können, dann haben wir schon sehr, sehr viel erreicht. Das hat die „Yanuni“ schon geschafft.

Aber auf der anderen Seite brauchen wir natürlich diese Breitenwirkung. Wir haben bis jetzt leider international noch keinen Vertrieb gefunden. Wir haben zwar einen Kinostart in Österreich, da freuen wir uns auch drauf – im Mai. Aber es ist so, dass wir leider in ein Jahr gerutscht sind, wo Dokumentarfilme, die sich mit Themen beschäftigen, die jetzt zum Beispiel nicht auf der Trump- Agenda sind. Klimawandel, Frauenrechte, indigene Rechte – das trendet gerade überhaupt nicht.

Und so sind wir in so einen Tal gerutscht, wo sich die großen Streamer wie Netflix, Apple, NatGeo quasi nicht über diese Themen trauen, was ein Albtraum für uns ist. Und dadurch macht es das so schwierig im Moment die große, breite Masse zu erreichen. Aber diese Oscar-Shortlist ist eine Art Schlüssel zum Erfolg. Das gibt dir eine globale Anerkennung, du gehörst zu den 15 besten Filmen des Jahres. Das war unser großes Ziel und somit ist es quasi wichtig, die Visibilität zu haben und auf der anderen Seite Impact vor Ort. Und wenn wir die beiden erfüllen können, dann kann man sagen, der Film war erfolgreich.

JETZT: Du hast jetzt schon ein spannendes Thema innerhalb der Filmbranche angesprochen, das viel diskutiert wird, nämlich wie mutig die Filmbranche ist, wie sehr sie sich an bestimmte Themen herantraut. Gerade die Oscars müssen sich da immer wieder Kritik gefallen lassen, dass es viel um Glamour geht, um die großen Spielfilme. Aber wie viel Raum bleibt da für das reale Leben und andere Formate außerhalb dieser Spielfilme?

Richard: Also ich bin ja selbst in der Academy selbst Mitglied. Deswegen kriege ich relativ viel mit, wie die Academy so funktioniert.

Ich bin seit fünf Jahren Mitglied und stimme auch dafür ab, wer den Oscar gewinnen kann oder nicht – also nicht nur im Dokumentarfilm, auch im Spielfilmbereich. Und es ist so, bei der Academy selbst tut sich gerade ganz, ganz viel.

Die Academy hat erkannt – vor ein paar Jahren schon –, dass sie zu Mainstream geworden sind, dass sie zu sehr den großen Streamern und den großen Studios folgen und einfach nur deren Wunsch erfüllen. Und das zeigt sich daran, dass viele sogenannte Underdogs, die keinen Vertrieb haben, in der Dokumentarfilm-Branche Oscar-nominiert wurden. Also von den fünf Filmen, die nominiert waren letztes Jahr, waren vier ohne Vertrieb – was unglaublich war.

Und dieses Jahr ist es auch ähnlich. Also ich habe mir die Liste jetzt noch nicht ganz genau angeschaut, aber ich würde sagen, die Hälfte der Filme, die es geschafft haben, haben überhaupt keinen Vertrieb, so wie wir auch. Das heißt, die großen Studios dominieren nicht mehr, was nach vorne kommt. Sondern die Academy sagt: Wir müssen wirklich auf die Qualität der Filme, auf die Themen, auf die journalistische Arbeit schauen und uns nicht blenden lassen von den vielen Millionen Dollar, die investiert werden in Marketingkampagnen von den großen Streamern.

JETZT: Manche Dokumentationen müssen sich ja auch Kritik gefallen lassen, dass sie Dinge verkürzt darstellen. Machst du dir Sorgen, dass solche Kritik, die auch vielleicht auch eine gewisse Berechtigung hat, den Einfluss und die Ernsthaftigkeit anderer Dokumentarfilme mindert?

Richard: Die Kritik selbst stört mich nicht, weil die kann ja auch gerechtfertigt sein. Es wurde in Dokumentarfilmen oft verkürzt und vereinfacht.

Ich finde, das müssen wir uns auch gefallen lassen und dem müssen wir uns stellen. Und genauso haben wir natürlich jetzt auch mit AI zu tun. Also quasi mit der Fake-Darstellung von Inhalten, der Manipulation von Audio oder Bildern. Wir sehen uns jetzt quasi gezwungen dazu, am Anfang des Films zu sagen: „In diesem Film wurde nichts durch AI beeinflusst.“ Einfach nur, weil die Leute glauben, es ist alles fake.

Und deswegen: Wir stehen massiv in Kritik, aber ich glaube, dass guter Journalismus und echte, wirklich kreative, cineastische Arbeit wieder wichtiger denn je ist. Wir müssen auf der Hut sein, keine Fehler zu machen. Fact-Checking ist extrem wichtig, auch die Dokumentierung der Fakten – wer sagt was, woher hast du die Quellen, die Quellenangaben von Archivmaterial, dass es unverfälscht ist. All das haben wir in den Abspann gegeben, damit wir nicht angreifbar sind. Aber ich finde, die Kritik schärft unsere Sinne und macht uns auch besser, weil wir mehr aufpassen müssen, wirklich akkurat zu sein und keine Fehler zu machen.

JETZT: Jetzt würde ich ganz gerne auf Jane Goodall zu sprechen kommen, mit der warst du ja eng befreundet. Mein Beileid an dieser Stelle, dass du so eine wichtige Freundin und sehr spannende Person verloren hast.

Richard: Ja, Jane hat alles beeinflusst. Ich habe sie vor 17 Jahren kennengelernt und sie hat mich auf diesen Weg gebracht, Filme zu machen, die etwas verändern können, die einen Impact haben können. Sie ist wirklich für mich ein ganz wichtiger Mentor gewesen.

Vor zwei Jahren hat sie mich gefragt, ob ich mit ihr noch einen letzten Film machen möchte. Meine Reaktion war: „Jane, es gibt so viele Filme über dich, wer braucht noch einen Film, das ist doch viel zu anstrengend, auch für dich.“ Und dann hat sie mir gesagt: „Ja, aber die waren nie wirklich so richtig persönlich, Richie.“ Sie nennt mich Richie, wie einen Sohn irgendwo. Sie war für mich auch wie eine zweite Mama.

Und das hat mich dann doch sehr berührt, weil sie sich öffnen wollte. Sie wollte die Person hinter dieser Ikone zeigen, die mit 90 Jahren immer noch kämpft für den Planeten, für Inspiration, um auch Menschen glücklich zu machen und ihnen Kraft zu geben.

Es hat sie ein bisschen gestört, dass in den letzten 20 Jahren alle nur diese Ikone angehimmelt haben und niemand wirklich mehr die Person dahinter gesehen hat.

JETZT: Wie schafft man es, eine Ikone, mit der so viel schon verbunden wird, dann anders abzubilden?

Richard: Es geht einfach nur durch Vertrauen und Freundschaft. Das ist so der Schlüssel. Also Jane hat mir vertraut, wie sie einem Sohn vertrauen würde und für mich war sie wie ein Familienmitglied. Dadurch war diese Barriere nicht da, dass ich ihr zu nahe kommen könnte oder dass ich etwas Falsches filmen oder etwas in einen falschen Kontext setzen könnte, was ihr schaden könnte, ihrer Familie oder ihrer Legacy.

Eine sehr wichtige Bedingung hatte sie an mich und zwar hat gesagt: „Ich will, dass du alleine mit mir durch die Welt reist.“ Sie wollte kein Team, sie wollte ihren Freund Richie dabei haben. Und sie hat mich gefragt, ob ich das schaffen kann.

Während der Dreharbeiten zu „Yanuni“ wurde ich sehr oft gezwungen, alleine unterwegs zu sein – gerade bei größeren militärischen Operationen, wo ich unterwegs war mit Soldaten im Dschungel, wo wir gegen illegale Goldminengräber vorgegangen sind. Über sechs Monate hinweg habe ich schwerste, wirklich gefährlichste Missionen unter schwierigsten Bedingungen alleine filmen müssen – wo ich Ton gemacht habe, Kamera gemacht habe, wo ich die Drohne geflogen bin. Also ich musste mir das alles anlernen. Und dann habe ich zu Jane gesagt: „Jane, I'm ready.“ Weil ich wurde in Amazonas trainiert, dir alleine folgen zu können und das alles zu schaffen.

Und es blieb einfach sehr intim und sehr persönlich und somit ist, glaube ich, etwas ganz Besonderes entstanden.

JETZT: Der Film über Jane Goodall ist schon abgedreht?

Richard: Genau, also wir haben im Juli die letzten Dreharbeiten abgeschlossen in Tansania. Da war ich mit ihr und meiner Familie zusammen und ihrer Familie. Da haben wir eine dreiwöchige Safari gemacht zusammen. Das war noch ihr großer Traum so ein bisschen – einmal noch Safari. Und natürlich der Schock war dann riesig, als ich dann gehört habe, dass sie verstorben ist am 1. Oktober. Das hat mich getroffen wie ein Schlaghammer. Ich war erst mal 24 Stunden komplett knocked-out. Sie war so voller Energie und glücklich, als wir uns verabschiedet haben. Ich habe eine Jane gesehen, die eigentlich noch über 100 Jahre alt werden wird.

Über ihren möglichen Tod haben wir im Februar noch ein längeres Interview geführt. Das ist eigentlich das einzige Interview, das wir geführt haben zu diesem Film.

Sie hat mir damals gesagt, dass ihre größte Hoffnung ist, dass sie nicht leiden muss und es einfach aus und vorbei ist. Genauso ist es dann gekommen. Das hat mich dann wieder glücklich gemacht für sie, aber für uns war es halt trotzdem ein schwerer Schock.

JETZT: Das heißt mit diesem Film noch ein letzter großer, schöner Abschied.

Richard: Absolut.

JETZT: Ist schon absehbar, wann der ungefähr veröffentlicht wird?

Richard: Wir sind im Moment im Schnitt. Ich bin ein bisschen unter Hochdruck und Stress, weil unsere Oscar-Kampagne für „Yanuni“ mir sehr viel Zeit raubt. Wir sind aber schon in der Schlussphase des Schnitts für „Jane“. Wir hoffen, dass wir im April den Schnitt abgeschlossen haben und der Film dann einen großen Festivalstart hat.

Wir hoffen auf Venedig, Toronto, Telluride – Ende August, Anfang September. Dann wird es eine Festival- und Oscar-Kampagne geben. Wann er dann wirklich zu sehen ist, hängt von dem Vertrieb ab. Frühestens Ende nächsten Jahres in Österreich und spätestens dann im Jahr 2027.

JETZT: Letzte Frage noch: Schreibst du schon an deiner Rede für die Oscar-Verleihung?

Richard: Nein, auf keinen Fall. So optimistisch kann man da nicht sein. Der Oscar ist die größte Lotterie im Endeffekt. Es ist ein wirklicher Kampf und es ist wahnsinnig schwer zu wissen, wer es schafft und wir müssen jetzt erstmal nominiert werden. Wir sind ja jetzt auf der Shortlist, das heißt die besten 15 Filme.

Ende Jänner wird entschieden, wer die besten fünf sind. Das sind dann die echten Nominierungen. Sollten wir die Nominierung schaffen, dann würde ich tatsächlich an so einer Rede arbeiten, aber im Moment mache ich mir da noch gar keine Gedanken.

Das Interview ist für eine bessere Lesbarkeit etwas bearbeitet worden.

Auf YouTube kannst du den Trailer zu „Yanuni“ sehen.


Gibt es Dokumentarfilme, die bei dir so viel Eindruck hinterlassen haben, dass du dein Verhalten oder deine Ansicht über etwas verändert hast? Ich freue mich, wenn wir hier eine Liste an Empfehlungen zusammenbekommen – etwas Programm für die Feiertage.

Einen schönen Nachmittag wünscht dir

Pia Miller-Aichholz

B-Seite-Team