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Der 28. Dezember beginnt für Sarah wie fast jeder andere Tag. Sie sitzt in der Bibliothek in Wien. Vor ihr liegen Bücher, Laptop, Handy. Die 23-jährige Jusstudentin bereitet sich auf die Prüfungsphase vor, markiert Textstellen, lernt Karteikarten. Dann greift sie zum Handy. Auf Instagram bleibt ihr Blick an einer Schlagzeile hängen. „Ich bin sofort aufgestanden, rausgerannt und habe mir den Artikel durchgelesen. Ich war so geschockt“, sagt Sarah.
Zwanzig Minuten lang steht sie vor der Bibliothek und versucht, ihre Tränen zurückzuhalten. Da ist diese kleine Hoffnung: Es beginnt wieder. Vielleicht ändert sich etwas. Gleichzeitig die Angst. „Ich hätte aber nie gedacht, dass es so ausartet wie jetzt.“
Was Sarah an diesem Tag liest, ist der Beginn neuer landesweiter Proteste im Iran. Seit fünf Wochen gehen Menschen auf die Straße. Seit fünf Wochen schlägt das Regime die Proteste brutal nieder. Menschenrechtsorganisationen sprechen von Tausenden Todesopfern. Einer der Hauptauslöser für die Proteste ist die Inflation. Der Großteil der Bevölkerung kann sich Lebensmittel nicht mehr leisten. Seit dem 8. Jänner sind Internet und Mobilfunk großteils blockiert. Nur wenige Informationen kommen über die Grenzen des Iran hinaus.
Sarah ist in Wien geboren und aufgewachsen. Sarah trägt einen aus Sicherheitsgründen geänderten Namen. Das gilt auch für alle anderen in diesem Beitrag genannten Personen.
Ihre Eltern stammen aus dem Iran, der Vater aus dem Norden, die Mutter aus dem Süden des Landes. Ein- bis zweimal im Jahr reist Sarah seit ihrer Kindheit dorthin: zu ihren Großeltern, Tanten, Verwandten. In der Ortschaft ihrer Großeltern spielt sie mit den Nachbarskindern. Einige von ihnen kennt sie seit über 15 Jahren. Es sind ihre Kindheitsfreunde und -freundinnen. Bis zum 28. Dezember standen sie in Kontakt. Sie sprachen über Auslandsjahre in Europa, telefonierten, schickten sich Reels auf Instagram, planten ihr nächstes Treffen. Am 8. Jänner bricht der Kontakt ab. Heute sind drei von ihnen tot.
„Die Menschen sind nicht das Regime. Sie wollen das alles nicht. Sie sind dort gefangen und kommen nicht raus.“
Die Revolutionsgarden haben heute rund 200 000 aktive Soldaten. Hinzu kommen etwa 500 000 Freiwillige der Basidschi-Miliz, einem Teil dieser Einheit. Schätzungen zufolge lehnen 80 bis 90 Prozent der Iranerinnen und Iraner das Regime ab.
„Ihre einzige Hoffnung ist es, auf die Straße zu gehen. Und sie setzen ihre Hoffnung in uns, die im Ausland sind. Wir sind ihre Stimme. Sie haben dort keine“, sagt Sarah.
Für sie ist der Iran eine zweite Heimat. Lange tat sie sich schwer mit dieser Verbindung. In Österreich war sie eine der wenigen in der Klasse mit dunklen Haaren und dunklen Augen. „Ich habe mich geschämt, wenn man mich gefragt hat, woher ich komme.“ Eine Zeit lang sagte sie, sie sei aus Spanien. Erst später erkennt sie: „Wie wunderschön der Iran ist. Wie herzig die Menschen dort sind.“ Wenn Sarah über ihre Erinnerungen an die Menschen im Iran spricht, dann lächelt sie. Die Stimme wird sanft. Bis sie die Wut packt.
„Frauen haben dort keine Rechte. Männer nicht. Kinder nicht. Nicht einmal Hunde“, sagt sie.
In vielen Städten ist das Gassigehen verboten. „So viel Kultur, Wissen und Bildung. Das alles gibt es. Aber man lässt es nicht sehen.“
Seit Beginn der Proteste hat sich Sarahs Alltag radikal verändert. Sie müsste lernen, kann sich aber kaum konzentrieren. Ihre Gedanken sind bei ihrer Familie, bei ihren Freundinnen, bei den Menschen im Iran. Sie scrollt stundenlang durch soziale Medien. „Ich war an einem Punkt, an dem ich sechs Stunden lang Bilder von Ermordeten angeschaut habe, um zu sehen, ob meine Freunde darunter sind.“ Sie weiß, dass viele von ihnen protestieren. Schon bei der „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung im Jahr 2022 waren sie auf der Straße. Ihre Kindheitsfreunde und -freundinnen sind Studierende in Teheran, alle unter 25 Jahre alt. Sie riskieren ihr Leben für Menschenrechte.
„Warum darf ich hier studieren, meine Prüfungen in Ruhe schreiben und sie müssen dort sterben? Einfach nur, weil sie dieselben Rechte haben wollen wie ich“, sagt Sarah.
Sarah plagen Schuldgefühle. Für etwas, wofür sie nichts kann. Gleichzeitig fühlt sie sich ohnmächtig. Was ihr hilft, ist das Schreiben.
„Ich versuche, diesen Frust, diese Wut, diese Trauer irgendwohin zu schreiben“, sagt sie. Das, was Sarah momentan erlebt, ist für viele von uns unvorstellbar. Und sie versucht, dafür Worte zu finden. Wörter, bei denen sie dachte, dass sie sie nie verwenden müsste. „Ich hätte nie gedacht, dass ich in meinem Alter Wörter verwende wie Ermordet oder Tod, Leiche“, sagt Sarah.

Sie möchte helfen, sie möchte unterstützen, aber ihr sind die Hände gebunden. Das Einzige, was sie machen kann, ist, auf die Lage aufmerksam zu machen. Wie man helfen könnte:
„Die Stimme der Iraner und Iranerinnen sein. Mehr können wir leider nicht machen, aber mehr haben sie nicht. Das ist ihre Chance. Und wenn nicht wir, wer dann?“
Beiträge über den Iran teilen, auf Instagram Erfahrungsberichte reposten, auf Demos gehen. Das ist alles, was Sarah tun kann. Das ist alles, was wir tun könnten. Hinschauen, nicht wegschauen. Das ist das Wichtigste, sagt Sarah. So könnten wir alle von hier aus Iranerinnen unterstützen. Deswegen sitzt sie heute hier im Funkhaus und erzählt die Geschichte von ihren Freunden und Freundinnen, die Anfang Jänner brutal ermordet wurden.

Am 24. Jänner bekommt Sarah eine Nachricht. Eine Sprachmemo aus dem Iran. Es ist der Bruder ihrer Kindheitsfreundin. „Schon als er meinen Namen gesagt hat, habe ich Gänsehaut bekommen. Ich wusste, dass irgendetwas passiert ist“, sagt Sarah. Während sie das sagt, greift sie sich auf den Arm. Sie hat Gänsehaut. Sarahs Augen füllen sich mit Tränen. Sie hat die ganze Zeit darauf gewartet, etwas von ihren Freunden zu hören. „Als ich ihren Namen gehört habe und was passiert ist, wurde mir schlecht. Ich hatte so eine Übelkeit, das war unpackbar. Ihr Name war Mina, sie war 21 Jahre alt, auch Studentin“, sagt Sarah.
An dieser Stelle ein Hinweis: Der folgende Abschnitt beschreibt massive Gewalt.
Mina wurde von ihrer Mutter an einer Autobahnauffahrt gefunden. Ihre Haare waren ausgerissen, ihr Körper blutig und verschmutzt. Zigarettenbrandmale am ganzen Körper. Der Kiefer gebrochen, die Rippen gebrochen. Sie wurde erwürgt – die Handabdrücke noch sichtbar. Sie wurde mehrfach vergewaltigt.
Der kleine Bruder von Mina bittet Sarah in der Audio, darüber zu reden, was passiert ist, wie sie aufgefunden wurde. „Die Leute sollen wissen, was dort passiert“, sagt Sarah. „Nicht nur, dass Menschen sterben, sondern wie.“
Mina ist kein Einzelschicksal.
Immer mehr Augenzeugen und Zeuginnen aus dem Iran, Ärzte und Ärztinnen, bestätigen diese Grausamkeit des Regimes. Die Merkmale, die Sarah nennt: Brandmarken von Zigaretten, ausgerissene Haare, Vergewaltigung. Genau das erleben auch andere Frauen im Iran. Zumindest nach Berichten von Augenzeugen. Es sind nicht nur Zahlen. Es sind Menschen. Das ist Sarah wichtig zu betonen. Es waren Menschen wie Mina, die eine Schwester, eine Tochter und eine Freundin waren.
„Sie war eine sehr lebensfrohe Person. Die intelligenteste Person, die ich je in meinem Leben getroffen habe. Sie war sehr sportlich. Sie war voller Energie. Sie hatte das schönste Lächeln. Sie hatte ein Gesicht, wie von einer Puppe. Schöne, lange, lockige Haare. Und ihr größter Traum war es, ihren Master in Italien zu machen und dort zu bleiben. Sie hat immer davon geredet. Sie wollte nach Europa. Sie wollte frei sein. Sie wollte Freiheit“, sagt Sarah. 2022 war Mina jeden Tag, jede Nacht bei den Mahsa-Amini-Protesten. „Sie wusste, was sie wollte.“
Ein paar Tage vor dem Tod Minas postete Sarah ein Foto von ihnen gemeinsam in ihrer Instagram-Story. Sie saßen im Kofferraum eines Autos im Iran und lachten. Seitdem sie neun Jahre alt sind, waren Sarah und Mina befreundet. Mina ist in derselben Ortschaft aufgewachsen, wo Sarahs Großeltern leben. Sie teilen viele Erinnerungen.
„Wir waren immer miteinander Pizza essen, sind durch die Straßen spaziert, haben viele Fotos gemacht. Damals, als wir noch jünger waren, gab es auch dieses Musically. Da haben wir immer Videos zusammen gemacht. Wir haben miteinander gesungen“, sagt Sarah. Sie hört kurz auf zu reden, schluckt, atmet tief ein.
„Ich kann sie nie wieder umarmen. Ich kann ihr nie wieder schreiben. Ich kann sie nicht in Italien besuchen“, sagt Sarah.
Man sieht, wie schwer es ihr fällt, diese Sätze auszusprechen. Mina war die einzige Tochter von fünf Brüdern. „Einfach so einen Engel nicht mehr da zu haben, ist schon sehr hart.“
Mina wurde im März 2005 geboren und ist am 22. Jänner 2026 verstorben. Sie wurde 21 Jahre alt. Ihre Leiche lag tagelang auf der Autobahn, bevor sie von ihrer Mutter gefunden wurde. Als Sarah gehört hat, was ihr passiert ist, hat sie drei Stunden auf die Decke geschaut. „Es tut weh, so was als Frau zu hören, so was als Mensch zu hören. Es ist grauenhaft. Und dann auch noch als Freundin“, sagt Sarah.
Wie viele Menschen das iranische Regime in den letzten Wochen das Leben gekostet hat, ist wegen der Internetblockade schwer zu verifizieren. Iranische Ärzte und Ärztinnen sprechen von 18 000 Todesfällen. Das Time-Magazin von bis zu 30 000 Todesopfern.
Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Activists in Iran, kurz HRNA, verifizierte bisher 6848 Tote im Zusammenhang mit den Protesten, 11 280 weitere Todesfälle werden aktuell noch geprüft, mehr als 41 000 Personen wurden laut HRNA festgenommen.
„Das sind Menschen mit Namen. Sie haben alle Geschichten, sie haben alle Familien, sie haben alle Freunde und sie hatten alle ein Leben. Und das wird denen einfach so genommen“, sagt Sarah.
Arash
Sarah erhält eine weitere Nachricht. Ein Freund von ihr wurde nach mehr als zwei Wochen in einer Leichenhalle gefunden – gestapelt auf zwei anderen Leichen. „Als man den Leichensack öffnete, sah man sofort: zwei Schüsse in die Brust, einer gezielt in die Stirn“, sagt Sarah.
Arash wurde 24 Jahre alt. Am 10. Jänner, zwei Tage nach der Internetblockade, wurde er ermordet. Er studierte Ingenieurwesen in Teheran. Sarah und Arash kannten sich seit etwa sechs Jahren über gemeinsame Freundinnen.
„Er war so eine liebevolle Person, wirklich herzig. Er war sportlich und liebte Motorradfahren – das durfte ich auch mal ausprobieren“, erinnert sich Sarah lächelnd. Als sie zurück nach Wien kam, sagte er ihr, er sei eifersüchtig, weil er auch wegwollte. Das war vor vier Jahren; Sarah war zuletzt 2022 im Iran.
Ramin
Eine weitere Nachricht erreicht sie von ihrem Großvater: „Ein Freund von mir wurde so verbrannt, dass man ihn tagelang nicht identifizieren konnte. Erst anhand von Muttermalen war es möglich“, sagt Sarah.
Ramins Leiche wurde am 22. Jänner identifiziert. Auch er wurde 24 Jahre alt. Zahlreiche Quellen berichten, dass Leichen verbrannt und gestapelt werden. Ramin war einer von ihnen. Er wuchs in derselben Ortschaft wie Mina auf, wo auch Sarahs Großeltern leben. Als Kinder verbrachten die drei viel Zeit draußen, später hörte er gerne amerikanischen Rap auf Sarahs iPod. Im Iran ist dieser verboten. Ramin spielte leidenschaftlich Fußball.
„Dieser Gedanke, dass man diese Menschen im Leben gesehen hat, mit denen geschrieben hat, mit denen Zeit verbracht hat. Und sie sind auf einmal nicht mehr da. Ich versuche wirklich, stark zu sein, indem ich schreibe und poste. Einfach nur, damit ihr Tod nicht umsonst war“, sagt Sarah. Erst wenn das Regime aufhört zu morden, will sie trauern. „Bis dahin versuche ich einfach, stark zu bleiben.“
In ihrem Kopf kreisen viele Fragen: „Was wäre, wenn ich dort geboren wäre? Dann wäre ich jetzt entweder tot, im Gefängnis oder verschwunden.“

Zwischen Angst, Trauer und Schuldgefühlen trägt sie vor allem eines: Hoffnung. Ihr größter Wunsch ist, aus diesem Albtraum aufzuwachen und dass alles vorbei ist. Seit 2022 hat sie ihre Familie nicht mehr gesehen. „Ich würde mich so unfassbar freuen, die Menschen dort glücklich zu sehen, zu sehen, wie sie nach dieser schlimmen Zeit leben und denken: ‚Wir haben es geschafft.’“ Sarah freut sich auf einen Iran, in dem Frauen ohne Schleier und Zwang auf den Straßen sind, Paare Händchen halten, Menschen tanzen. Sie möchte ihre Familie bald wiedersehen, ohne Angst, ohne Schrecken. „Ich hoffe, dass es einfach nur besser wird.“
Eines ist ihr noch wichtig zu sagen:
„Sich zu trauen, etwas zu posten, darüber zu reden, sich diese schrecklichen Videos anzusehen. Es ist nicht normal, aber es ist Realität. Wir dürfen nie wegschauen, egal um welche Krise es geht. Wir müssen unsere Stimmen nutzen. Wir können von hier aus Leben retten.“
Anmerkung der Redaktion: Aufgrund der Internetblockade im Iran können die hier geschilderten Tatsachen derzeit nicht unabhängig von Sarah und den uns vorliegenden Chatverläufen verifiziert werden. Die bestätigten Todesopfer laut der Menschenrechtsorganisation HRNA sind im Text mit Stand 4. Februar 2026 aktualisiert worden, im Audio jedoch nicht. Daher weichen die Zahlen voneinander ab.
Sounddesign und Audioproduktion: Katharina Darya Ressl
Mixing und Mastering: Patrik Haas
