Nach dem Absturz - Episode 1: Lachsfischen in Kanada Wie überlebt man das Überleben? Eine investigative Audio-Serie in fünf Teilen.

Ein großes Unglück und wie man ein tiefes Trauma bewältigen und wieder zurück ins Leben finden kann.

Illustration & Animation: Hedi Lusser für JETZT

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Wir haben Nach dem Absturz“ aufwendig aufbereitet, ich habe an der Podcast-Serie zwei Jahre lang recherchiert. Es soll Kino für die Ohren sein. Deswegen empfehlen wir dir, diese Reportage anzuhören. Für alle, die trotzdem lieber lesen, folgt hier das leicht abgeänderte Manuskript. Alle weiteren Folgen findest du hier exklusiv für JETZT-Mitglieder.

Mein Name ist Nikolai Atefie und ich bin Investigativjournalist. Vor etwa zwei Jahren habe ich ein dickes Kuvert bekommen. Der Inhalt des Kuverts kommt von Martin, einem Freund meines Vaters. Ich hab gehört, dass ihm etwas ziemlich Schlimmes passiert ist und dass er das alles aufgeschrieben hat und will, dass ich darüber berichte.

So etwas kommt immer wieder vor, dass sich FreundInnen oder Bekannte an mich als Journalisten wenden, mit Anliegen, Ungerechtigkeiten, manchmal auch echten Skandalen, aber leider auch immer wieder mit furchtbaren Geschichten. Ereignisse wie Unfälle oder Gewalttaten, Stories, die vielleicht spannend zum Anhören sind, aber eigentlich mehr unterhalten: true crime. Geschichten ohne Mehrwert, Unterhaltung auf Kosten der Betroffenen. Das möchte ich nicht machen.

Deswegen habe ich dieses Kuvert vom Martin irgendwo in eine Kiste gelegt. Und dann bin ich in die Berge auf Urlaub gefahren, im Frühling 2024, auf eine Hütte. Und ich habe dieses Kuvert mitgenommen, weil ich doch neugierig war - und dann hab ich es doch gelesen. Eine Woche lang, 80 Seiten, wieder und wieder. Seitdem lässt mich das, was dem Martin passiert ist, nicht mehr los. Und wie er da wieder rausgekommen ist, das mag ich dir jetzt erzählen.

Das geheimnisvolle Kuvert

Diese Geschichte handelt von Martin, der seit über 15 Jahren ein Restaurant in der Nähe von Wien betreibt. Diese Geschichte handelt aber auch von einer jungen Kärntner Ärztin, die wärmende Decken auf den Berg einer nebligen, kanadischen Insel schleppt. Und: Diese Geschichte handelt von gelöschten Bildern“.

Nach dem Absturz“ ist eine investigative Podcast-Serie in fünf Teilen über die Folgen eines großen Unglücks – und wie man ein tiefes Trauma bewältigen und wieder zurück ins Leben finden kann. Das ist Teil eins: Lachsfischen in Kanada“.

Martin Schotte in seiner Küche. Privat

Ein Jahr nachdem das Kuvert zum ersten Mal in meinen Händen gelandet ist, bin ich jetzt am Weg zu Martin. Und ich bin ziemlich nervös, weil wir zum ersten Mal über den Unfall sprechen werden und mich das, was ich gelesen habe, sehr mitgenommen hat.

Ich fahre mit der Badner Bahn, einer Art Straßenbahn, die von der Oper in Wien ewig lang raus in den Wiener Speckgürtel bummelt. In Möllersdorf betreibt Martin mit seiner Frau Dagmar ein kleines Hotel mit Restaurant, und er ist der Küchenchef.

„Ich komme ursprünglich aus einem kleinen Ort oben in Nordhessen, quasi genau in der Mitte von Deutschland. Und wer bin ich? Ich hoffe, ein sympathischer, herzlicher Mensch.“

Martin ist wirklich ein lieber Kerl. Kurze graue Haare, spitzbübisches Lächeln, sehr hilfsbereit. Sein hessischer Akzent aus dem kleinen Kaff Ahnatal ist auch sympathisch.

Martin ist ein Freund von meinem Vater und ich kenne ihn schon ziemlich lang. Gemeinsam machen sie Rennrad- und Fotoprojekte. Aber eigentlich ist Martin Koch.

Ich hatte zwei Herzenswünsche. Das eine war Flugzeugmechaniker und das andere war Koch. Um Flugzeugmechaniker zu werden, waren damals meine Noten zu schlecht. Deswegen habe ich mich früh dazu entschieden, Koch zu werden. Ich glaube, ich habe mit fünf Jahren mein erstes Kochbuch bekommen und habe diesen Berufswunsch dann akribisch verfolgt“, sagt Martin.

Seine Kochkarriere beginnt Martin am 1. August 1990, daran erinnert er sich noch genau. Martin ist 15 Jahre alt und hat seinen ersten Arbeitstag als Lehrling in der Personalkantine von einem Rohölproduzenten in Kassel.

„Ich komme in die Küche und dort steht dieser gefühlt riesige Mensch vor mir, mit Vollbart und Glatze. Das war der erste Eindruck vom Harald. Und in meiner Lehre, im ersten Jahr, habe ich nur Probleme mit ihm.“

Harald, heißt eigentlich Harald Eberhardt. Er ist Mitte dreißig, und er ist Martins Chef und Ausbilder. Und dieses Treffen mit Harald im Sommer 1990 wird später noch sehr wichtig sein - und es wird das Leben von vielen Menschen völlig verändern. Martin mag Harald am Anfang nicht, weil er sehr streng ist. Aber dann hat er verstanden, dass er es eigentlich gut meint.

Martin sagt: Er wollte, dass ich selbstständig lerne, zu arbeiten. Erst am Ende der Lehre ist er ein Freund geworden, und es hat noch lange gedauert, bis er mir das Du-Wort angeboten hat.“

Nach der Lehre zieht der Martin weiter nach Nürnberg, wird ,Commis de Cuisine‘, eine Art Hilfskoch. Aber mit dem Harald hält er Kontakt.

„Ich ziehe das erste Jahr durch, mit vielen Anrufen bei ihm, vielen Fragen. Und er ist immer für mich da und gibt mir Antworten und hilft mir, das erste Jahr durchzustehen.“

Martin sagt, dass Harald ein ganz wichtiger Mensch für ihn ist, ein Bruder und Vater, den er so damals nicht hatte. Auch weil Harald ein riesengroßes Herz” hat.

Martin hangelt sich weiter in seiner Kochkarriere: Nürnberg, England, Heidelberg. Trotz der großen Entfernung nach Kassel wächst die Freundschaft mit Harald immer stärker. Martin ist sogar der Einzige, der bei Harald zu Hause kochen darf.

2004 zieht Martin in die USA nach Connecticut. In der Kleinstadt New Canaan arbeitet Martin als Küchenchef in einem edlen Hotel & Restaurant aus dem 18. Jahrhundert. Dort trifft er die junge Niederösterreicherin Dagmar, und er verliebt sich in sie.

„Dagmars Eltern hatten ein Hotel und Restaurant in Möllersdorf bei Wien. Als sie in Pension gingen, sind wir dorthin umgesiedelt.“

Ich erzähle dir diese Vorgeschichte, weil sie zentral ist für den Absturz im Leben von Martin und Harald, über den du gleich hören wirst. Denn jetzt sehen sich Harald und Martin wieder öfter, weil Möllersdorf näher an Kassel liegt als Connecticut. Sie kochen gemeinsam auf Hochzeiten, bei Geburtstagsfeiern … und sie gehen fischen, in Österreich, Deutschland, Schweden.

Ihr Traum, erzählt Martin, ist es, nach Kanada zu fliegen, um Lachse zu angeln. Im Sommer 2016 reisen beide Familien zu Ole’s Fishing Lodge“ an Kanadas Westküste in British Columbia. Es gefällt ihnen so gut, dass Martin und Harald noch einmal dorthin wollen, diesmal aber ohne Partnerinnen und Kinder.

Harald und Martin beim Angeln. Privat

Drei Jahre lang planen Martin und Harald den Männertrip“. Und jetzt ist endlich Juli 2019 und es geht los. Im Gepäck hat Martin seine Fotoausrüstung, eine Kamera und zwei Objektive, weil er leidenschaftlich gern fotografiert. Aber er möchte nicht nur Fotos vom Angeltrip mitnehmen…

Ich habe zwei Aluminiumkoffer dabei, die ich selbst umgebaut habe. Und in den Koffern sind zwei Lagen Styropor drin, für den hoffentlich gefangenen Fisch, den wir mit nach Hause nehmen. Der Fisch hält tatsächlich gefroren von Kanada bis nach Möllersdorf. Über drei Tage“, sagt Martin.

Martin und Harald plaudern den gesamten Flug nach Vancouver. Für Harald ist es ein ganz besonderer Trip: Es ist der erste Urlaub ohne seine Frau Gudrun seit 44 Jahren. Im Hotel angekommen, schlafen die zwei Freunde vor lauter Vorfreude ziemlich unruhig.

„Ich werde um 4.30 Uhr wach. Wir haben gefühlte 500 Wecker gestellt, damit wir nicht verschlafen. Und dann stehen wir wie zwei aufgeregte Kinder vor dem Hotelshuttle. Es bringt uns zum International Water Airport. Dort sind wir die Ersten am Flughafen, ich glaube, eine Stunde früher, als wir müssten.“

Es ist der 26. Juli 2019, es ist ein typischer Sommertag in Vancouver. Es hat rund 20 Grad in der Früh und die Sonne strahlt vom Himmel. Aber das Wetter ist trügerisch und kann in der Wildnis von British Columbia schnell umschlagen. Martin und Harald denken da nicht groß drüber nach und gehen zum Check-in.

Martin sagt: Unser Gepäck wird gewogen, wir werden gewogen. Das ist wahrscheinlich wichtig für die Balance und weil das Flugzeug ein Gewichtslimit hat.”

Eines der letzten Bilder vor dem Abflug. Martin Schotte

Harald und Martin stehen am Abfluggate und schauen das kleine Wasserflugzeug an, mit dem sie fliegen werden. Am Gate erkennt Martin drei Mitreisende: Doug und seinen Vater Steve – und Rusty. Sie waren zufällig schon 2016 gleichzeitig auf der Fischerhütte. Aber Rusty steigt in einen anderen Flieger. Auch das wird später noch eine große Bedeutung haben.

Insgesamt sollen drei Wasserflugzeuge die Touristen auf die Fischerhütte bringen. Doch es passiert erst mal nichts. Und dann startet doch der erste Flieger, aber für Martin und Harald heißt es weiter: Bitte warten.

„Der Chef der Airline kam raus und hat gesagt, dass sich der Abflug verzögert. Das war natürlich sehr nervig. Wir waren so kurz vorm Ziel, und dann mussten wir noch anderthalb Stunden warten. Es hat sich wie eine halbe Ewigkeit angefühlt.“

Wieso es so lange dauert wissen Martin und Harald nicht. Was damals hinter den Kulissen passiert, wird erst lange später klar… – Und dann kommt der Pilot. Er erklärt, wo die Schwimmwesten aufbewahrt werden und wo sich der Erste-Hilfe-Koffer befindet. Und für diesen Erste-Hilfe-Koffer wird Martin später noch sehr dankbar sein.

Flugangst hat Martin wirklich keine. Er ist bis dahin sicher schon 50 Mal geflogen. Im Gegenteil, er ist ein Flugzeug-Nerd. Und er kennt den Flugzeugtyp ganz genau. Acht Passagiere und ein Pilot steigen in die Cessna-Maschine ein. Das Besondere daran: Es ist ein Wasserflugzeug ohne Räder, dafür mit Pontons.

Am liebsten würde Martin neben dem Piloten sitzen, am Co-Pilotenplatz. Dort hat man nicht nur die beste Aussicht, sondern er könnte sich auch das Cockpit in Ruhe anschauen…

„Aber leider geht das nicht, weil der Platz schon vergeben ist. Eric darf dort sitzen. Es ist wie ein ungeschriebenes Gesetz: Wenn man das erste Mal nach Ole's fliegt, darf man sich quasi den Sitzplatz aussuchen.“

Weil Martin schon mal bei Ole’s Fishinglodge” war, zieht er bei der Platzwahl den Kürzeren. Er setzt sich also ganz hinten hin, Harald sitzt vor ihm und schaut aus dem Fenster. Der Start ist holprig, die kleine Maschine schüttelt die Passagiere ganz schön durch.

Für mich ist es irgendwie ein schönes Gefühl, weil beim Starten erst die Nase nach oben geht, bevor es dann wieder nach unten geht”, sagt Martin und fügt an: Alles ist ganz ruppelig am Start…”

Die Fischerhütte Ole’s ist zirka 400 Kilometer von Vancouver entfernt, mit dem Wasserflugzeugtaxi dauert die Reise etwa eineinhalb Stunden. Ein paar der Passagiere hören Musik, einer schläft gleich ein und Martin, der fotografiert mit seiner Kamera: schneebedeckte Berge, Gletscher, tausende Inseln. Er knipst riesige Formationen von geschlägertem Holz, das im Wasser herumtreibt. Diese großen, floßartigen Formationen werden dann zusammengefügt und zu einem Sägewerk am Wasser transportiert. Er fotografiert auch eine Touristenfähre, die durchs Meer gleitet. Aber über die denkt Martin nicht viel nach. Was er da noch nicht weiß: Sie wird später noch Leben retten.

„Ich fotografiere die Gegend und ich möchte gern, dass Harald sich umdreht und ich sein Lächeln einfangen kann, für das er so berühmt ist. Aber leider schaut er die ganze Zeit nur rechts raus. Und deswegen habe ich nur seinen kahlen Hinterkopf vor mir und mache ein Foto davon - besser als nichts.“

Je weiter nördlich sie fliegen, desto schlechter wird das Wetter. Martin Schotte

Je nördlicher die Cessna fliegt, desto dunkler wird es. Wolken ziehen auf, der Wind nimmt zu, es fängt an zu regnen. Nichts Außergewöhnliches. Aber Martin macht trotzdem ein Video. Er möchte so viele Erinnerungen wie möglich festhalten. Man sieht kleine Berge, übersät mit Tausenden Bäumen. Das kleine Flugzeug schaukelt ein bisschen. Martin ist ungeduldig und trackt mit seinem Handy den Standort vom Flugzeug.

Ich kann auf meiner App sehen, dass es gefühlt vielleicht nur noch fünf Flugminuten sind. Wir haben die Reiseflughöhe schon verlassen”, sagt er. Martin freut sich wahnsinnig auf den Angelurlaub mit seinem besten Freund Harald.

Und jetzt sollen sie bald landen. Rechts sehe ich auf einmal wie aus dem Nichts Spitzen von Nadelbäumen und denke bei mir: Ja, das ist ziemlich nah. Ich glaube, zwei, drei Sekunden später hört man, wie die Pontons des Flugzeuges die Nadelbäume streifen, und von dem Moment an ist es wie im Film. Man merkt, wie sich das Flugzeug mehr und mehr zur Seite neigt und letztendlich den Wald durchpflügt, und man weiß, dass man nichts machen kann”, sagt er. Martin verschränkt die Arme und wartet darauf, was jetzt kommt.

„Ein gewaltiger Bums.“

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„Nach dem Absturz“ ist ein JETZT Original in fünf Teilen von Nikolai Atefie.
Sounddesign und Audioproduktion: Katharina Darya Ressl
Mixing und Mastering: Patrik Haas
Mitarbeit: Nico Knappe
Musik und Komposition: Olivia Ahltorp