Ist der Moment gekommen für radikale Anti-Smartphone-Proteste? Wir wissen, wie sehr uns die Geräte schaden.

Der Widerstand gegen KI-Rechenzentren wird weltweit immer lauter. Gegen Smartphones ist er noch leise und vereinzelt. Dabei gärt der Unmut von Eltern, Lehrerinnen, Lehrern und unzähligen Menschen, die sich vom Handy süchtig gemacht fühlen.

Ist der Moment gekommen für radikale Anti-Smartphone-Proteste? Wir wissen, wie sehr uns die Geräte schaden.
Foto: Getty Images

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Wir haben uns hier schon oft mit dem Smartphone beschäftigt. Michalis hat sich z.B. angeschaut, warum wir uns dank Social Media Apps nicht mehr konzentrieren können. Benjamin hat aufgedröselt, wie das Smartphone zur Waffe werden kann. Und ich habe mit dir vor einiger Zeit darüber nachgedacht, welche evolutionären Folgen exzessive Smartphone-Nutzung haben könnte. Wir haben immer wieder unterschiedliche Studien zitiert, die belegen, wie negativ sich die rechteckigen Zauberkisten auf unser Gehirn, Nervensystem, Verhalten und Miteinander auswirken. Es ist ziemlich safe to say, dass Smartphones samt Innenleben den Allermeisten von uns massiv schaden und dass sich einzelne Wenige daran massiv bereichern.

Der Durchbruch des Smartphones ist knapp 20 Jahre her. Es gibt mittlerweile zahlreiche private und behördliche Initiativen, die Smartphone-Nutzung reflektieren oder regulieren wollen. Dazu lohnt sich vermutlich auch nochmal ein eigener Beitrag. Aber wenn uns das Smartphone so schadet: Warum gibt es keine radikale Gegenbewegung? Oder gibt es die doch? Eine, die Smartphones abschaffen will; quasi kaputt machen will, was uns kaputt macht? Lass uns auf Barrikadensuche gehen.

Immer wieder 30 Jahre

In der Geschichte gibt es zig Beispiele für radikale Proteste gegen neue Technologien. Ich habe hier nur mal drei herausgesucht, damit wir uns ein bisschen auf das Thema eingrooven.

1784 erfindet der Brite Edmund Cartwright den Power Loom“, einen dampfkraftbetriebenen Webstuhl. Ein Jahr später lässt er seine Erfindung patentieren. Es dauert nicht lange, bis der Kraftstuhl in Textilfabriken einzieht. Für die Arbeiterinnen und Arbeiter bedeutet das: geringere Löhne und Kündigungen. Viele fürchten um ihre Existenz. Also formieren sich ab 1811 erste bewaffnete Gruppen, die nachts in Fabriken einbrechen, Maschinen zerschlagen und Gebäude niederbrennen. Die revoltierenden Arbeiterinnen und Arbeiter nennen sich Ned Ludd“. Angeblich stammt der Name von einem wütenden Lehrling, der zwei Webstühle seines Meisters zertrümmert haben soll. Die britische Regierung beschließt, mit den Ludditen“ kurzen Prozess zu machen. Ab 1812 steht auf Maschinenzerstörung die Todesstrafe. Die Bewegung wird gewaltsam zerschlagen. Knapp 30 Jahre vergehen zwischen Erfindung, Revolte gegen die Erfindung und Zerschlagung der Revolte.

"THE LUDDITES" – Anhänger von Thomas Spence, der sich für die Verstaatlichung von Land und die Zerstörung von Maschinen einsetzte, versuchen 1816, den Tower of London zu besetzen. (Kupferstich: IMAGO/ Gemini Collection)

Am 29. Januar 1886 meldet Carl Benz sein Fahrzeug mit Gasmotorenbetrieb“ zum Patent an. Es dauert circa zwei Jahrzehnte, bis Automobile in nennenswerter Zahl auf den Straßen herumkurven. Vor allem in den USA bilden sich Anti-Automobil-Ligen. Sie prangern unter anderem an, dass Autos laut und gefährlich sind; dass sie unbefestigte Feld- und Schotterwege zerstören und dass ein paar wenige wohlhabende Menschen auf Kosten zahlreicher nicht so wohlhabender Menschen die Luft verpesten. Die Ligen sind durchaus kreativ in ihrem Protest. Die „Farmers’ Anti-Automobile Society“ versucht z.B. in Pennsylvania, neue Verkehrsregeln zu verankern: Autofahrer sollen auf Landstraßen alle paar Kilometer Warnschüsse abfeuern oder eine Rakete zünden, um die Landbevölkerung vor ihrer Ankunft zu warnen. Oder: Wenn sich ein Pferd weigert, an einem Auto vorbeizugehen, muss der Autofahrer sein Fahrzeug zerlegen und die Teile im Gebüsch verstecken. Mit der Fließbandfertigung. werden Autos in den USA schließlich auch für Arbeiterinnen und Arbeiter erschwinglich. Die Anti-Auto-Ligen verlieren an Bedeutung. Rund 30 Jahre vergehen zwischen Erfindung, Protest und schrittweiser Auflösung des Protests.

Anfang der 1960er Jahre fährt in der Bundesrepublik Deutschland der erste Atomreaktor hoch. Zunächst protestieren hauptsächlich Landwirte, Bürgerinnen- und Bürgerinitiativen. Sie sorgen sich vor Ernteausfällen, Klimaveränderungen und Enteignungen. Als Antwort auf die Ölkrise beschließt die Regierung der BRD Anfang der 70er Jahre, deutlich mehr Reaktoren an den Start zu bringen. Das wiederum ruft auch mehr Gegenbewegungen auf den Plan. Und dann geht es ab: Im Februar 1975 besetzten tausende Atomkraftgegnerinnen und -gegner die Baustelle eines geplanten AKWs im baden-württembergischen Wyhl. Sie sind erfolgreich, das AKW wird nicht gebaut.

Mehr als 20.000 Kernkraftgegnerinnen und -gegner demonstrieren am 19.02.1977 in Itzehoe gegen das AKW in Brokdorf. (Foto: IMAGO / Klaus Rose)

Die Regierung und Energiekonzerne reagieren mit Härte. Teile der Protestbewegung radikalisieren sich. 1976 kommt es an der Baustelle des AKW Brokdorf in Schleswig-Holstein zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Aktivistinnen und Aktivisten versuchen mit Bolzenschneidern, Krähenfüßen und Wurfgeschossen die Absperrungen zu durchbrechen; die Polizei setzt Wasserwerfer, Hubschrauber und Tränengas ein. Nach der Katastrophe von Tschernobyl im Jahr 1986 flammt die Gewalt noch einmal auf. Im bayerischen Wackersdorf kommt es zu schweren Straßenschlachten am Bauzaun. Mit dem Baustopp des AKW Wackersdorf im Jahr 1989 verliert der militante Flügel der Atomkraftgegnerinnen- und gegner sein zentrales Mobilisierungthema. Knapp 30 Jahre vergehen zwischen dem ersten AKW und dem Ende der gewaltgeladenen Proteste gegen AKWs.

Das Smartphone bekämpfen?

30 Jahre mechanischer Webstuhl, 30 Jahre Automobil, 30 Jahre AKW, 20 Jahre Smartphone - vielleicht braucht es schlicht noch 10 Jahre, bis radikalere Bewegungen gegen das Smartphone auf die Barrikaden gehen? Zugegeben, das ist sehr kurz gedacht. Auch wenn das Smartphone eine ähnlich einschneidende, technologische Entwicklung ist, unterscheidet es sich maßgeblich von den drei historischen Beispielen. Erstens: Man kann das vermeintliche Übel nicht wirklich bei der Wurzel packen. Die Fabriken, in denen Smartphones produziert werden, stehen fast ausschließlich in China, Indien und Vietnam. Dort Fabriken besetzen oder sabotieren? Schwierig. Zweitens: Es gibt nicht das eine Unternehmen, die eine Lobby, die eine Institution, die man ins Visier nehmen könnte. Vom Smartphone und seiner Nutzung profitieren zahlreiche Stakeholderinnen und Stakeholder. Wo anfangen, wo aufhören? Drittens: Es macht Nutzerinnen und Nutzer abhängig. Radikaler Protest bedeutet also, sich viele Süchtige zur Gegnerin oder zum Gegner zu machen. Viertens: Um möglichst breiten, radikalen Protest zu organisieren, braucht es in vielen Fällen das, wogegen man antritt, nämlich das Smartphone samt Apps.

Man könnte sagen: Das Smartphone ist nicht so leicht zu bekämpfen. Gibt es also überhaupt so etwas wie radikale Anti-Smartphone-Bewegungen? Ja, tatsächlich. Bei meiner Recherche sind mir drei unterschiedliche Formen aufgefallen. Und ich habe einen Aktivisten vor das Mikrofon bekommen, aber dazu später mehr. Erstmal zu den unterschiedlichen Protestformen.

Drei unterschiedliche Protestformen

Die Einen setzen sich dafür ein, dass Kinder und Jugendliche von Smartphones verschont bleiben. Ein bekanntes Beispiel dafür ist die gemeinnützige Initiative SFC - Smartphone Free Childhood“, die Kindern etwas Besseres bieten will, als mit Smartphones aufzuwachsen“. SFC ist 2024 in Großbritannien entstanden. Die Initiatorinnen haben eine Schul-WhatsApp-Gruppe gegründet, in der sie Eltern anderer Schülerinnen und Schüler dazu eingeladen haben, ihren Kindern keine Smartphones zu kaufen. Das Ganze hat relativ schnell Fahrt aufgenommen. Zig Eltern haben sich solidarisiert und eigene Gruppen gegründet. Klar: Als Elternteil nicht alleine dazustehen, wenn das eigene Kind unbedingt ein Smartphone haben will, hat eine gewisse Kraft. Mittlerweile ist SFC laut eigenen Angaben in knapp 60 Ländern vertreten. Der österreichische Ableger heißt Smartphone freie Kindheit Österreich“. Auch hier ist die Ansage ziemlich straight: Wir glauben, dass die Kindheit zu kurz ist, um Sie vor dem Smartphone zu verbringen.“

Abseits von Protestformen, die Kinder und Jugendliche vom Smartphone fernhalten wollen, gibt es jene, die Erwachsene offline zusammenbringen wollen - Digital Detox, aber mit schärferer Ansage. Die noch relativ frische, deutsche Initiative Don’t post about this“ bietet z.B. in unterschiedlichen deutschsprachigen Städten Events an, von denen - wenig überraschend - nichts via Social Media nach außen dringen soll. Auf ihrer Website schreiben sie: Wir haben keine Lust, nur durch den Bildschirm am Leben teilzunehmen. Deswegen haben wir […] ein echtes soziales Netzwerk gegründet – wo jeder, der mag, offline Veranstaltungen organisieren kann, um Menschen im echten Leben zusammenzubringen.“ Wie sich Einladungen zu den Events verbreiten? Messenger (Signal, Telegram, Whatsapp etc.), Mail, Print, Anrufe, Briefe, was auch immer euch sonst noch einfällt!“

In der Kategorie Protestformen, die Erwachsene offline zusammenbringen“, gibt es noch eine große Unterkategorie: Protestformen, die Erwachsene kostenpflichtig offline zusammenbringen“. Long story short: Etwas radikaler anmutendes Digital Detox scheint sich nicht schlecht zu verkaufen. Mein Lieblingsbeispiel für diese Unterkategorie ist das Offline Institute“ der österreichischen Influencerin und Unternehmerin Linda Meixner. Hier bekommst du zum Beispiel für 29,90 Euro den gesamten Oktober lang jede Woche einen Videoimpuls zum Umgang mit Smartphone und Social Media. Das Ganze nennt sich dann Offtober“.

Ins Rabbithole der dritten Anti-Smartphone-Protestform bin ich gefallen, als ich vor ein paar Wochen durch Berlin spaziert bin: der künstlerische Protest.

Irgendwo in einem Berliner Szene-Bezirk hängen Parolen der RASF. (Foto: JETZT)

Irgendwo im Szene-Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg bin ich über vier Sprüche gestolpert, die an den Mast eines Verkehrsschilds geklebt waren: Lieben statt Liken! Tanzen statt Twittern! Ficken statt Facebook! Emotion statt Emoticon! Darunter der Absender: die RASF - Radikale Anti Smartphone Front“. Wild. Also habe ich ein bisschen nachgegraben und Benno Flügel gefunden. Der 35-jährige Autor, Künstler und Aktivist ist Kopf der RASF. Er hat sie 2016 mit ein paar Verbündeten ins Leben gerufen: Also wir sind jetzt nicht so fanatische Smartphone-Gegner per se. Was uns wirklich stört, ist der Gebrauch, auch schon vor zehn Jahren. Wir haben gesehen, dass Menschen auf den sozialen Medien ihr Leben inszenieren, auf eine Art und Weise, die für uns wenig mit der Realität zu tun hatte. Und vor allem die politische Polarisierung hat uns damals sehr betroffen.“ Er meint damit in erster Linie den US-Wahlkampf 2016. Der gilt als historischer Wendepunkt, weil zum ersten Mal Social-Media-Plattformen systematisch und in großem Stil eingesetzt wurden, um Meinungen gezielt zu beeinflussen.

2017 sind einige Medien auf Benno Flügel und die Radikale Anti Smartphone Front aufmerksam geworden. Das könnte auch daran liegen, dass der Name RASF an die RAF, also die Terrororganisation Rote Armee Fraktion“, erinnert. Welche Journalistin oder welcher Journalist kann da schon widerstehen? Hüstel. Unser Auftrag ist wirklich eine Rebellion durch Worte. Wir wollen durch Worte die Welt verändern. Weil die Medienwelt halt auch in dieser algorithmischen Zwangsjacke drinsteckt. Man muss provozieren, viele Likes produzieren, ansonsten wird man nicht wahrgenommen und ist nicht sichtbar“, sagt Flügel.

Gewaltbereit oder gewalttätig sei seine RASF nicht. Der tatsächliche Akt der Rebellion sind die Sprüche, über die ich in Berlin gestolpert bin. Weil wir halt zeigen wollen, dass man heutzutage nur mit Flyern, ohne eine Social-Media-Präsenz auch Leute erreichen kann. Also wenn man irgendeine kreative Idee hat für eine Kampagne, dann gibt es auch in der heutigen Welt noch Alternativen, die man auch bespielen kann.”

Wer wie ich ein bisschen nachgräbt, findet auf der Website der RASF ein recht ausführliches Manifest: Reizkammern, Echokammern, Machtgefälle - Ein beherzter Rant gegen vieles, was Smartphones so anrichten können. Flügel sagt, er verstehe die RASF als humanistisches Projekt: Humanistisch in dem Sinn, dass für uns menschliche Verbindung, zwischenmenschliche Verbindung von Auge zu Auge, von Hand zu Hand eigentlich die größte Ressource ist, die wir als Gesellschaft haben. Humans first sollte eigentlich eine Doktrin sein.“ Immer, wenn Flügel Sprüche aufhängt, würden ihm Menschen begegnen, die großartig finden, was er macht, sagt er. Und solange das so sei, werde er auch weitermachen.

Zu (wenig) radikal?

Jetzt bin ich gespannt: Was hältst du von den drei unterschiedlichen Protestformen gegen das Smartphone? Braucht es deiner Meinung nach radikaleren Protest gegen den allgegenwärtigen Zauberkasten? Wir treffen uns in den Kommentaren.