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Handyapps verkaufen Standortdaten – mit einem Tool lassen sich Hunderte Millionen Menschen überwachen.
Smartphones von italienischen Journalisten mit Spionagesoftware infiziert.
Selbst wenn nicht: Klingt einschüchternd, oder? Gemein ist ihnen: Das alles sollte nie öffentlich werden. Wurde es aber. Und genauestens dokumentiert. Hinter den Schlagzeilen steht eine vergleichsweise kleine kanadische Uni-Forschungsgruppe: das Citizen Lab. Sozialwissenschaftlerinnen und Computerspezialisten forschen dort zu digitaler Massenüberwachung und gezielter Spionage. Ihre Arbeit ist nicht ungefährlich, nur vor einem müssen sie sich nicht fürchten: dass ihnen die Arbeit ausgeht.
„Wir waren noch nie so beschäftigt wie heute“, sagt mir der Direktor des Citizen Lab Ron Deibert. „Jeden Morgen habe ich ein Dutzend Dinge auf meinem Schreibtisch, die wir untersuchen sollten. Die Priorisierung wird immer schwieriger.” Er nennt das, was sie an der Universität Toronto tun, „Spionageabwehr für die Zivilgesellschaft“. Es ist ein weltweit einzigartiges Unterfangen.

Das Citizen Lab deckt auf, was eigentlich unbemerkt bleiben sollte. Die rund 40 Mitarbeitenden haben sich einen mächtigen Gegner ausgesucht, eine wachsende private Überwachungsindustrie, milliardenschwer. Deren Ziel: Geld verdienen und dabei im Dunkeln operieren. Ihre Spionagedienste verkaufen sie an Regierungen weltweit, autoritäre Regime wie Demokratien – die gerne darauf zurückgreifen und die Technologien immer wieder missbrauchen.
Ich treffe Ron Deibert am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien. Dass er hier ist, muss niemand vorab wissen. Er will seinen digitalen Fußabdruck klein halten, zu seiner Sicherheit. Was er befürchte? Er lacht. Das würde ich ihn ausgerechnet hier in Wien fragen, der Stadt der Spionage. Er ist vorsichtig. Sein Macbook lässt er nicht unbeaufsichtigt, er nimmt es mit, selbst als er den Raum während des Interviews kurz verlässt, um Wasser zu holen. In die USA, so erzählte er einem Journalisten kürzlich, sei er ohne Laptop eingereist, er habe sich vor Ort ein neues Gerät besorgt. Die Sicherheitsmaßnahmen sind angebracht. Wer die globalen Überwacher überwacht, kann selbst zum Ziel werden.
Für Deibert und das Citizen Lab keine Theorie, sondern erlebte Praxis.
Mitarbeitende erhielten schon personalisierte Todesdrohungen.
Als sie zur mittlerweile bekannten Pegasus-Spionagesoftware forschten, kontaktierte ein Agent eines privaten israelischen Nachrichtendienstes unter falscher Identität einen führenden Lab-Mitarbeiter. Der durchschaute die Aktion und traf den Agenten – bewusst, mit versteckter Kamera und in Begleitung von Journalisten. So enttarnten sie die Identität des Agenten. Erfolgreiche Gegenspionage.
In Spanien deckte das Citizen Lab 2022 auf, dass die Handys und Computer von mindestens 65 Katalanen (darunter Europaabgeordnete) mit Spionagesoftware über Jahre hinweg überwacht wurden. Der spanische Citizen-Lab-Mitarbeiter Elies Campo und seine Familie gerieten dabei selbst ins Ziel. „Sie haben sein Handy nicht hacken können, deswegen haben sie stattdessen die Handys seines Vaters, seiner Mutter und seiner Schwester gehackt“, erzählt Deibert. „Das hat uns überrascht und wir denken ständig darüber nach, wie wir mit unseren Geräten und Daten umgehen.“

Kommerzielle Spyware – Handyspionagesoftware – gehört zu den mächtigsten digitalen Werkzeugen. Angreifer können damit fast jedes Handy (still) übernehmen: Sie hören Gespräche mit und lesen Nachrichten, bevor sie verschlüsselt werden, sie sehen Passwörter und den GPS-Standort. Sie können das Mikrofon einschalten, um heimlich mitzuhören, oder die Kamera, um Fotos zu machen. Die Spyware läuft unbemerkt im Hintergrund.
Die IT-Expertinnen und -Experten des Citizen Lab können Infektionen oft forensisch nachweisen, doch wer hinter den Angriffen steckt, ist schwerer festzustellen. Spyware-Hersteller betonen, nur an Staaten zu verkaufen, und in vielen Fällen ist es naheliegend, dass staatliche Auftraggeber hinter den teuren Angriffen stehen. Doch direkte Beweise sind schwieriger zu erbringen. Meist gibt es nur Indizien, auf die die Forschungsgruppe in ihren Berichten hinweist, wie im Falle Spaniens. Dort musste infolge der Enthüllungen der Geheimdienstchef abtreten. Zumindest ein Teil der Katalanen war jedoch mit richterlicher Genehmigung überwacht worden, was dem Citizen Lab auch Kritik einbrachte.
Spanien ist aber nur ein Beispiel, überhaupt sei Europa ein besonderer Spionage-Mikrokosmos, sagt der Kanadier Deibert. „Zahlreiche europäische Länder missbrauchen Spionagesoftware, und es gibt eine florierende Branche – weil Europa ein attraktiver Lebensmittelpunkt ist. Außerdem gibt es viel Forschung, Steuervergünstigungen und hohe Verteidigungs- und Geheimdienstbudgets.“
Weit nicht alle Spionageopfer gehen an die Öffentlichkeit. Manche doch.

In Italien ploppte 2025 eine Nachricht auf dem iPhone des italienischen Journalisten Ciro Pellegrino auf. Apple teilte ihm mit, dass sein Handy Ziel einer Attacke wurde. Zehn Minuten später sprach er bereits mit Deiberts Mitarbeitern in Kanada, die eine Infektion später „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ bestätigen. Hinter der illegalen Spionage stecken mutmaßlich staatliche Stellen; der Staat setzte dieselbe Software gegen Flüchtlingshelfer ein.
In Griechenland wurden in den vergangenen Jahren Dutzende hochrangige Personen aus Militär, Politik und Journalismus ausspioniert – das Citizen Lab half, Beweise zu sichern.
In Polen und Ungarn kam Pegasus ebenfalls gegen Politiker und Journalisten zum Einsatz.
Die Geschichten ähneln sich. Dass die Kanadier führend diesen Missbrauch aufdecken würden, war nicht absehbar. Der Politikwissenschaftler Ron Deibert gründete das Citizen Lab 2001 an der Universität Toronto, wo er bis heute unterrichtet. Auf die Idee gebracht hatte ihn damals ein Student, der sich für eine Seminararbeit mit Computern in China verband – um darüber aufgerufene Webseiten mit der kanadischen Version zu vergleichen. So konnte er vor einem Vierteljahrhundert Internet-Zensur nachweisen.
Das sei simpel gewesen. „Und es hat mir die Augen geöffnet für die Idee, zu erforschen, was Regierungen online tun.“ Das Citizen Lab war geboren. In den Nullerjahren wollten sie dort vor allem wissen: Wie filtern Staaten das, was ihre Bürgerinnen und Bürger online zu sehen bekommen? Die Forschenden analysierten jährlich den Internet-Traffic in mehr als 70 Ländern – und fanden bald mehr heraus, als sie ursprünglich wissen wollten. Etwa, dass westliche Technologie zur Filterung des Internets in China eingesetzt wird.

Bald ging es nicht mehr nur um Zensur. Es ging um Cyberspionage. International bekannt machte das Citizen Lab ein 53-seitiger Bericht im Jahr 2009. Im sogenannten Ghostnet-Bericht dokumentieren die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, wie von China aus Tibeter weltweit ausspioniert wurden. Zehn Monate lang hatten sie Infektionen forensisch nachgewiesen, mehr als 1200 Computer in 103 Ländern waren betroffen, sie standen in Ministerien, Botschaften, Medienhäusern – und im Büro des Dalai Lama. Die New York Times berichtete damals auf ihrer Titelseite.
Die private Spionage-Industrie wuchs in den nachfolgenden Jahren, und mit ihr das hauptsächlich stiftungsfinanzierte Citizen Lab. Seine Mitarbeitenden sollten Expertinnen und Experten darin werden, was Ron Deibert als „Söldner-Spyware“ bezeichnet: Spionagesoftware von kommerziellen Unternehmen, die diese teuer an interessierte Staaten verkaufen. Nachzuweisen, wer diese Firmen sind und wer dahinter steht, gleicht globaler Detektivarbeit.
„Die Überwachungsindustrie will keine Spuren hinterlassen“, sagt Deibert. Niemand solle aus Aufzeichnungen schließen können: Oh, die NSO Group hat nach Österreich verkauft. Die Überwachungsindustrie will keine Spuren hinterlassen. „Was tun sie also? Sie gründen Scheinfirmen und dergleichen. Dieselben Techniken, die Geldwäscher anwenden, nutzen sie, um zu täuschen. So läuft das Geschäft in dieser Branche.“
Wer europäische Kunden hat, gilt als glaubwürdiger. Europäische Staaten seien ein Gütesiegel, so Deibert. Man will schließlich nicht nur von autoritären Regimen Geld bekommen. Von autoritären Regimen wie Saudi-Arabien, dessen Agenten den Journalisten Jamal Khashoggi im Istanbuler Konsulat ermordeten; sein Umfeld war zuvor mit Pegasus überwacht worden. Oder Diktaturen wie Kasachstan oder Ruanda, die ebenfalls Spähsoftware erworben haben und gegen Gegner einsetzen sollen. Die Liste ist lang.

Nicht nur deshalb fordern Nichtregierungsorganisationen, Spyware zu verbieten. Das Citizen Lab hat sich dem nicht angeschlossen. Deibert sagt, man müsse realistisch bleiben, ein Verbot sei nicht durchzusetzen. Die Entwicklung von Nuklearwaffen könne man noch überwachen, nicht aber, in welchen Kammern Software programmiert werde. Zudem kann er dem staatlichen Argument für Spyware durchaus etwas abgewinnen. „Die Welt ist ein gefährlicher Ort und Strafverfolgungsbehörden müssen in der Lage sein, ihre Aufgaben wahrzunehmen”, sagt er.
Der Politikwissenschaftler plädiert stattdessen für strenge Regulierung – sieht aber gleichzeitig, dass die EU-Mitgliedstaaten und die USA unter Trump bisher kein Interesse zeigen. Im Gegenteil: Autoritäre Tendenzen sind so stark wie lange nicht. Deibert befürchtet eine neue Überwachungswelle in unbekannter Dimension. Seiner Forschungsgruppe bleibt, was sie seit einem Vierteljahrhundert macht: den gegen die Zivilgesellschaft gerichteten Missbrauch von Technologie weiter rigoros zu dokumentieren.
Sie wollten nie die einzigen sein. Er wünscht sich mehr Institutionen wie das Citizen Lab, die nachforschen, was Regierungen online so tun. Warum es die nicht gebe? Nunja, sagt Deibert, wohl, weil die Arbeit nicht ungefährlich sei. Nicht jeder sucht sich freiwillig die milliardenschwere Überwachungsindustrie als Gegner aus.
Und wie schützen er und seine Mitarbeitenden sich als Überwacher der Überwacher? Klar, dass er hier nicht ins Detail geht. Aber so viel: Spyware sei nur die Spitze des Eisbergs, auf die die großen Tech-Unternehmen mittlerweile reagiert haben: Google, Apple und Co. warnen seit einigen Jahren vor staatlichen Attacken. Der iPhone-Hersteller hat einen sogenannten Lockdown-Modus (auf Deutsch: Blockierungsmodus) für besonders gefährdete Nutzer eingeführt. Wer ihn aktiviert, schränkt Handyfunktionen ein – und macht somit sein Gerät schwerer angreifbar.
Das heißt nicht, dass es nicht knackbar ist, ergänzt Deibert. Aber bisher hat das Citizen Lab nicht dokumentieren können, dass Spyware diesen Schutz umgehen kann. Und wenn man jemandem bei den großen Fragen zur Bedrohung durch die globale Überwachungsindustrie vertrauen kann, dann dieser kanadischen Forschergruppe.
Audioproduktion und Sounddesign: Katharina Darya Ressl
Mixing und Mastering: Patrik Haas
