Es sind keine Einzelfälle. Die radikale Theorie hinter den angeblich willkürlichen Angriffen.

Wie extremistische Gruppen junge Männer online radikalisieren und zu Taten wie dem Schwert-Attentat vom Freitag in Schweden animieren.

Es sind keine Einzelfälle. Die radikale Theorie hinter den angeblich willkürlichen Angriffen.
Foto: APA-Images / TT News Agency / Magnus Lejhall

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Die Nachricht von dem Schwert-Angriff an einer schwedischen Schule, bei der ein 17-jähriges Mädchen getötet und drei weitere Jugendliche verletzt wurden, fiel mitten in die Recherche zu dieser Geschichte über politische Gewalt. Das bedeutet, diese Geschichte hat zunächst mal nichts mit der Tat am Freitag zu tun, und ich kann bisher nicht einmal sagen, ob diese Tat einen politischen Hintergrund hatte. Aber es hat jetzt auch keinen Sinn, in dieser Geschichte so zu tun, als hätte es diesen Angriff mit einem Schwert nicht gegeben.

Das ginge schon deshalb nicht, weil dieser Mord so wirkt, als würde er einen anderen Anschlag aus dem Jahr 2015 imitieren – und der hatte einen klaren politischen Hintergrund. Außerdem gibt es Kollegen, die auch bei dem Fall am Freitag schon Hinweise gefunden haben. In der Kronenzeitung zum Beispiel heißt es, man hätte dort Hinweise, dass der mutmaßliche Täter vom Freitag in so genannten True Crime Communities online unterwegs war. Das sind Gruppen, die auf Telegram oder Discord Amokläufe und Massaker verherrlichen oder sie auf der Spieleplattform Roblox nachbauen und nachspielen, und auch die haben einen politischen Hintergrund (zur Klarheit: Diese Art True Crime Communities haben nichts mit True Crime Podcasts oder ähnlichem zu tun, in denen Menschen gerne wahre Verbrechen nacherzählt bekommen, teilweise mit gleichen oder ähnlichen Hashtags, aber auf anderen Plattformen). Diese Hinweise, die die Kollegen der Krone gefunden haben, habe ich nicht. Das bedeutet nicht, dass sie falsch sind, es bedeutet nur, dass ich für sie meine Hand nicht ins Feuer lege.

Das ist, was wir wissen: Am Freitag ist am frühen Nachmittag in der schwedischen Kleinstadt Fagersta mutmaßlich ein 18-Jähriger in seine ehemalige Schule eingedrungen und hat mit einem Schwert eine 17-jährige Schülerin getötet und drei weitere Jugendliche im Alter zwischen 12 und 17 verletzt, teilweise schwer. Die Polizei erhielt um 14:06 Uhr einen Notruf, zehn Minuten später hatten sie den mutmaßlichen Täter gestellt. Dabei sollen Schüsse gefallen sein, die den mutmaßlichen Täter aber nicht verletzt haben. Es gibt offenbar erste Aussagen von Überlebenden aus der Schule, die sagen, der Täter hätte schwarze Kleidung, einen Helm und eine Maske getragen, das wäre dann genau wie bei einem Anschlag vor elf Jahren vorher in einer Schule in Trollhättan. Dort hatte ein 21-Jähriger in einem schwarzen Cape und Helm und Maske zwei Menschen mit einem Schwert getötet und mehrere weitere schwer verletzt. Der Täter, er hieß Anton Lundin Petterson, hatte damals in einem hinterlassenen Brief Schwedens Einwanderungspolitik und allgemein den Islam kritisiert, und eine Schule als Tatort ausgesucht, auf die viele Kinder von Migranten gehen. Deshalb wird ein rechtsextremer oder rassistischer Hintergrund der Tat angenommen. Endgültig klären kann man das nicht, weil Petterson auf die ersten eintreffenden Polizisten mit dem Schwert losging, die in Notwehr auf ihn schossen. Er starb kurz danach im Krankenhaus an den Schussverletzungen. In dem Brief beschreibt er , dass das sein Ziel war: Suicide by cop, also „Selbstmord durch Polizisten“.

Anton Lundin Petterson (im Bild mit Helm und Umhang) hatte 2015 in einer von vielen Migranten besuchten Schule drei Menschen erstochen. Er wird dafür in manchen gewaltverherrlichenden Online-Communities gefeiert. Nach ersten Berichten könnte der mutmaßliche Täter von Freitag durch Videos von Pettersons Tat inspiriert worden sein. (Screenshot: TikTok)

Man sieht schon: Ein Schwert als Waffe, was ungewöhnlich ist, möglicherweise ein Helm und eine Maske, schwarze Kleidung – das alles wären zu viele Ähnlichkeiten, als dass man noch von Zufällen ausgehen dürfte, es klingt nach einer kopierten Tat – aber eine kopierte Tat hieße auch noch nicht zwingend, dass auch das Motiv kopiert wäre, und wir wissen auch nicht, wie zurechnungsfähig beide mutmaßlichen Täter waren oder sind.

Dass zwei Dinge gleich aussehen, muss nicht zwingend heißen, dass sie gleich sind, aber wir können ein Muster sehen von meistens recht jungen, fast immer männlichen extremistischen Attentätern aus drei Richtungen, nämlich aus der extremen Rechten, aus dem Islamismus und( in einem deutlich geringeren Ausmaß) auch auf der extremen Linken. Die bildet in diesem Muster eine Ausnahme, ich schlüssele gleich auf, warum das so ist. Auf das Konto solcher Täter gehen in den westlichen Gesellschaften die meisten (Todes-)Opfer politischer Gewalt. Und das ist unser eigentliches Thema heute: Warum ist das so? Wie ist die Lage? Wie ist die Entwicklung, und was können wir tun, um uns zu schützen?

Es gibt zwei Gründe, warum dieser Typus Täter (das ist bewusst nicht gegendert) heute der in Anführungszeichen „gefährlichste“ Typus ist – nämlich zum einen, weil er in der Regel keine verräterischen Signale sendet, die Behörden aufschnappen können. Er ist alleine, das heißt, er hat oft keine Kommunikation, zumindest keine mit anderen Gefährdern. Wenn wir in den Nachrichten Bilder sehen von Razzien und Verhafteten, die während der Planung von Anschlägen gefasst wurden, dann wurde in der Regel ihre Kommunikation abgehört oder mitgelesen – und das in der Regel, weil mindestens einer der Beteiligten vorher schon einmal irgendwo einschlägig aufgefallen ist. Das ist bei allein vor dem Bildschirm radikalisierten Tätern oft nicht der Fall. Und wenn dieser Täter ein Schwert, ein Messer oder ein Auto als Waffe benutzt, dann fällt er auch dadurch nicht auf. Anders, als wenn er versucht hätte, Waffen zu kaufen oder Baupläne für Bomben aus dem Internet herunter zuladen oder gar Sprengstoff online zu bestellen. Im Nachhinein zeigt sich häufig, dass viele solcher Täter vor ihren Taten in Online-Foren ihre Taten angkündigt haben, und es gibt heute fast überall auch Einheiten der Polizei oder von anderen Diensten, die in Online-Foren mitlesen, aber es gibt eben so viele merkwürdige Fantasien im Internet, dass man nicht davon ausgehen kann, dass sie alle überprüft werden können – abgesehen davon, dass Fantasien in der Regel nicht strafbar sind. Welche dieser Gewaltfantasien wirklich einen ernsten und gefährlichen Hintergrund haben, ist selbst für erfahrene Polizisten nicht unbedingt ersichtlich.

Online-Fantasien und gefeierte Massenmörder

In den Statistiken tauchen Fantasien also nicht auf, aber da, wo bekannte Gefährder oder verfassungsfeindliche Gruppen im Spiel sind, schaut der Verfassungsschutz hin. Denn es gibt im politischen Extremismus eine ganze Theorie zu solchen Anschlägen: den Akzelerationismus, also die Theorie von der Beschleunigung. Der Gedanke der Extremisten dahinter ist: Die westlichen Gesellschaften sollen zusammenbrechen, und das unterstützt man, indem man durch Anschläge Chaos stiftet. Das Perfide daran ist, dass man so auch ohne zentrale Steuerung und ohne direkten Kontakt all den einsamen, online radikalisierten jungen Männern quasi Befehle von Ferne eingeben kann. Ein einzelner dafür empfänglicher Typ vor seinem Rechner in einem Keller zum Beispiel irgendwo in einer Kleinstadt in Schweden kann so das Gefühl vermittelt bekommen, er nähme an einer großen Sache teil und würde Ruhm und Ehre bekommen, zumindest posthum. Das allein wird niemanden zum Mörder machen, aber wenn jemand ohnehin schon auf dem falschen Pfad weit fortgeschritten, labil und hoffnungslos ist, dann kann ihn die Aussicht auf die Bewunderung, die er selber vielleicht auch gegenüber solchen Attentätern fühlt, durchaus über die Klippe stoßen und zum Terroristen machen.

Auf der Spiele-Plattform Roblox bauen manche Anhänger von Massenmördern die Taten ihrer „Helden“ als Ego-Shooter nach (dieser Screenshot ist allerdings bewusst aus einem Video, das genau diese Art von Mörder-Kult kritisiert). (Screenshot: YouTube)

Dieses Phänomen ist übrigens älter als das Internet. Es wird durch die Online-Kultur, durch das Mit-der-Welt-verbunden-einsam-Sein noch verstärkt, aber es geht zum Beispiel in rechtsextremen Kreisen bis in die 80erjahre zurück. Damals gab es in den USA einen Neonazi-Newsletter, noch auf Papier natürlich, der hieß „Siege“, also „Belagerung“. Er wurde maßgeblich geschrieben und verschickt von James Mason. Der ist ein lebenslanger Neonazi – heute ist er 74 Jahre alt, und er war schon als Jugendlicher in der Amerikanischen Nazi Partei. In den USA ist das legal. In seinem Newsletter „Siege“ rief er immer wieder dazu auf, willkürliche Attentate und Morde zu begehen, um das System zum Einsturz zu bringen. „Siege“ kam später auch als Buch heraus, und es gilt als die Pflichtlektüre in rechtsextremen Terrorzellen. Und wahrscheinlich ist das sowieso aufgefallen, aber um es einmal deutlich zu sagen: Dieselbe Theorie zum willkürlichen Terror vertreten auch islamistische Gruppen. Der IS zum Beispiel hat ganz ähnliche Aufforderungen öffentlich gemacht.

Deshalb habe ich weiter oben geschrieben, der Linksterrorismus ist anders: Er richtet sich in den westlichen Gesellschaften heute in der Regel gegen spezifische Ziele aus spezifischen Gründen. Die aktuell sicher präsentesten Beispiele für vergleichbaren linken Terrorismus sind wahrscheinlich die Anschläge durch, wieder der Typus, junge Männer, die im vergangenen Jahr in den USA zum einen den rechten Agitator Charlie Kirk bei einer Uni-Veranstaltung in Utah, und zum anderen Brian Thompson, den Chef der Krankenversicherung United Healthcare, in New York auf offener Straße erschossen haben. Deshalb habe ich vorhin das „gefährlichste“ in Anführungsstriche gesetzt, denn Mord ist Mord, es ist nicht ein Mord gefährlicher als ein anderer, aber ganz emotionslos und zynisch betrachtet ist es ein Unterschied, ob ich so viele Menschen wie möglich töten will oder „nur“ einen. Nochmal, beides sind Mörder, diese Argumentation ergibt nur in dem Zusammenhang einen Sinn, dass wir hier über Kriminalstatistiken sprechen und nicht über die moralische Dimension der Taten. Den Aufruf willkürlich die Gesellschaft anzugreifen gibt es von links im Moment als Aufforderung zur Gewalt gegen Sachen – in Deutschland zum Beispiel gegen Infrastruktur, Stromleitungen und Bahnstrecken und so weiter, von rechts und aus dem islamistischen Umfeld aber tatsächlich auch als Mordaufruf. Allen gemeinsam ist: Wir reden weit, weit überwiegend von Männern als Tätern.

So sind die Zahlen in Österreich

Im österreichischen Verfassungsschutzbericht liest man dann auch: Politische Gewalt kommt im Moment überwiegend von rechts. Dort sehen wir sogar einen starken Anstieg von etwa 1500 „Tathandlungen“ im Jahr 2024 auf rund 2000 im Jahr 2025.

Beim Linksextremismus sprechen wir von gerade einmal 136 Tathandlungen, beim islamistischen Extremismus und Terrorismus sind es gut 300 Fälle, wobei darunter die schwersten Fälle sind, nämlich der Messerangreifer von Villach, der einen Menschen erstochen hat und weitere Morde versucht, und ein weiterer Syrer, dem Morde in Syrien vorgeworfen werden. Unter den rechtsextremen Tathandlungen ist ein möglicher Mord verzeichnet, allerdings im Drogenmilieu, bei dem Rassismus einer Rolle gespielt haben soll. Das heißt, es kann sich im Prozess durchaus noch herausstellen, dass die Tat keinen klaren rechtsextremen Hintergrund hatte.
Unter den linksextremen Straftaten sind einige Körperverletzungen, genau elf, aber die weit überwiegende Anzahl der dokumentierten Tathandlungen sind Sachbeschädigungen – dafür sind bei den Linken ein Drittel der Verdächtigen weiblich, auch hier brechen sie also das Muster.
Es gibt noch eine etwas skurrile Randnotiz, der Vollständigkeit halber: Seit Corona gibt es eine neue Form von Extremismus, aus dem heraus Straftaten begangen werden, nämlich von Verschwörungstheoretikern, die man weder der linken noch der rechten Seite zuordnen kann. Die sind staatsfeindlich und manchmal auch antisemitisch und umstürzlerisch, der Verfassungsschutz nennt das „Heterodoxen Extremismus“. Der ist im vergangenen Jahr um mehr als 52 Prozent gestiegen – allerdings von gerade einmal 17 auf 26 Tathandlungen, und unter diesen 26 Tathandlungen ist eine schwere Körperverletzung, ansonsten sind es vor allem Taten im Zusammenhang damit, dass man eben eine staatsfeindliche Organisation ist, oder Verstöße gegen das Waffenrecht. Ich möchte nicht zu abschätzig klingen, aber die Republik scheint von dieser Seite momentan nicht in ernster Gefahr.

Was bleibt?

Ich habe am Anfang angekündigt, ich würde darauf eingehen, wie wir uns schützen können. Und ich glaube, der beste Schutz in der Zukunft ist die klare, ehrliche Feststellung, und natürlich das Ziehen der notwendigen Konsequenzen daraus, dass wir junge Männer gerade allein lassen. Die werden gerade in allen Belangen abgehängt, und viel zu viele nehmen einen Weg in eine völlig falsche Richtung, ohne dass wir es rechtzeitig bemerken, und vor allem: Ohne, dass wir es verhindern.

Der Verfassungsschutzbericht 2025

Den im Text zitierten Bericht findest du hier.

Audioproduktion und -mix: Patrik Haas