Ist Zohran Mamdani der Politiker der Zukunft oder ein gefährlicher Typus Populist?

Zohran Mamdani hat New York in den Feed geholt – und zeigt, wie politische Kommunikation heute funktionieren kann. Die positiven Zahlen einer neuen Umfrage erzählen aber nicht nur von einem beliebten Bürgermeister. Sie erzählen auch von einem politischen Versprechen, einer fast mythischen Gestalt: Ist Mamdani „der Politiker, der liefert?“

Ist Zohran Mamdani der Politiker der Zukunft oder ein gefährlicher Typus Populist?
Foto: Bloomberg/Getty Images

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Es beginnt mit einem Mann im Anzug, der ins eiskalte Wasser läuft.

Zohran Mamdani watet in den Atlantik, barfuß, das Hemd klebt am Körper, die Krawatte ist noch da. Die absurde Szene bleibt hängen und ist politisch sofort lesbar: Der New Yorker Wohnungsmarkt ist überhitzt. Er will die Mieten einfrieren, also einen rent freeze“ durchsetzen.

Kein Podium, kein Zahlenfriedhof. Ein Politiker im kalten Wasser – und eine politische Forderung, die von allen sofort verstanden wird. Mamdani hat begriffen, dass Botschaften heute nicht nur korrekt, sondern sichtbar sein müssen. Sie müssen in einer Szene, einem Satz oder einem Bild funktionieren. Das allein macht noch keine gute Politik. Aber es kann der Anfang politischer Wirksamkeit sein.

Eine Umfrage der Suffolk Universität liefert eine diese Woche eine erste Zwischenbilanz, und die fällt fast schon extrem positiv aus: 57 Prozent bewerten Mamdanis Amtsführung als gut oder ausgezeichnet, 34 Prozent als ausreichend oder schlecht. 61 Prozent sagen, er mache seinen Job besser als erwartet. Das beweist nicht, dass New York plötzlich bezahlbar geworden ist. Es zeigt, dass Mamdani einen Vertrauensvorschuss aufbauen konnte.

Das ist der Anlass, ihn einmal als Vertreter einer politischen Spezies zu betrachten, die einen fast schon mythischen Status gewonnen haben – die von politikverdrossenen Bürgerinnen und Bürgern überall auf der Welt beschworen, herbeigesehnt und für ausgestorben gehalten werden: Politiker, die liefern. Nicht als Verwaltungschefs, die jeden Punkt fristgerecht abhaken, sondern als Politiker, die eine überschaubare Liste konkreter Dinge versprechen und sichtbar in den Alltag übersetzen: Miete. Kinderbetreuung. Busse. Lebensmittel. Ideologie als Einkaufsliste des täglichen Lebens. Für jeden spürbar, für alle verständlich.

Eine Biografie wie eine politische Landkarte

Zohran Kwame Mamdani wurde am 18. Oktober 1991 in Kampala, Uganda, geboren. Seine Mutter ist die indischstämmige Filmemacherin Mira Nair, sein Vater der Anthropologe und Politikwissenschaftler Mahmood Mamdani. Als Zohran sieben Jahre alt war, zog die Familie nach New York. Er besuchte die Bronx High School of Science, gründete dort ein Cricket-Team und studierte Africana Studies am Bowdoin College.

In dieser Biografie verbinden sich Ostafrika, Südasien, muslimische Identität und New Yorker Alltag. Am College gründete Mamdani einen Ableger von Students for Justice in Palestine; die Auseinandersetzung mit Palästina wurde später zum Gegenstand heftiger Kontroversen. Nach dem Studium arbeitete er in der politischen Organisierung und als Rapper unter dem Namen Mister Cardamom.

Entscheidend wurde seine Tätigkeit als Berater zur Verhinderung von Zwangsversteigerungen in Queens. Dort bedeutete soziale Ungleichheit Mahnungen, Bankbriefe und die Angst, das eigene Zuhause zu verlieren. 2020 zog Mamdani in die New York State Assembly ein, das Abgeordnetenhaus des Bundesstaates. Er beteiligte sich an einem Pilotprogramm für kostenlose Busfahrten. 2021 trat er sogar 15 Tage in den Hungerstreik, um gegen die Schuldenlast von Taxifahrerinnen und Taxifahrern* zu protestieren. Anschließend wurde ein Entlastungspaket von 450 Millionen Dollar vereinbart.

Das waren keine Systemwechsel, aber reale Vorläufer seiner späteren Wahlversprechen. Mamdani konnte auf den mühsamen Weg von der Forderung zum Programm verweisen. Er hatte Erfahrung. Er hatte das alles schonmal durchgemacht. Mit Erfolg.

Der Außenseiter, der nicht wie ein Außenseiter wirkte

Als Mamdani im Oktober 2024 seine Bürgermeisterkandidatur ankündigte, war er außerhalb von Queens kaum bekannt. Gegen ihn standen größere Namen, vor allem der ehemalige Gouverneur Andrew Cuomo. Mamdani hatte weniger Bekanntheit und institutionelle Ressourcen – kein Büro mit vielen Mitarbeitern, keine Kampagnenorganisation – , dafür aber eine klare Vorstellung davon, worüber die Menschen sprechen, wenn sie am Abendbrottisch sitzen.

Sein Programm war radikal und leicht zu merken: Mieten in stabilisierten Wohnungen einfrieren, Busse schneller und kostenlos machen, Kinderbetreuung ausweiten und städtische Lebensmittelgeschäfte als Pilotprojekte starten. Hinter jedem dieser Punkte steht immer dieselbe Frage: Wer kann sich New York noch leisten?

Mamdani definierte die Stadt nicht über Kulturkampf, sondern über Alltag: Für viele ist New York zunächst der Ort, an dem jeden Monat die Miete fällig wird.

Zohran Mamdani hält eine „Our Time Has Come“ Rede („Unsere Zeit ist gekommen“) im Oktober 2025, kurz vor der Bürgermeisterwahl in New York. (Foto: IMAGO / MediaPunch)

Am 24. Juni 2025 besiegte Mamdani Cuomo in der demokratischen Vorwahl mit 56 zu 44 Prozent der entscheidenden Stimmen (es war klar, dass in New York kein Republikaner die Wahl gewinnen würde, die Vorwahl war die eigentliche Wahl). Im November gewann er die allgemeine Wahl. Mit seinem Amtsantritt am 1. Januar 2026 wurde er New Yorks erster muslimischer Bürgermeister, der erste indischstämmige und in Afrika geborene Amtsinhaber sowie – seit Hugh J. Grant 1889 – der jüngste Bürgermeister der Stadt.

Seine Identität war nicht die Botschaft. Es war die Perspektive, aus der er über Miete, Arbeit, Transport und Zugehörigkeit sprach.

Politik als Szene

Die Bürgermeisterkampagne begann mit einem Video, in dem Mamdani durch New York läuft und über Lebenshaltungskosten spricht. Über einem langsamen Hip-Hop-Beat beschreibt er, wie Mieten und Kinderbetreuung Menschen aus der Stadt drängen. Der Clip sieht nicht wie ein klassischer Wahlwerbespot aus. Mamdani zählt keine Qualifikationen auf, sondern beschreibt eine Lage – eine gemeinsame Lage.

Die Kampagne entwickelte eine wiedererkennbare visuelle Grammatik. Mamdani sprach beim Marathon über Mieten und lief mit Hemd, Krawatte und Turnschuhen durch Manhattan. Die Botschaft: Ich gehe dorthin, wo ihr seid.Ich höre euch zu. Ich nehme euch mit.

Es gibt dabei politische Pointe als Szene. Der Sprung ins kalte Wasser steht für den Mietstopp, das Einfrieren. Da ist Humor mit Handlungsaufforderung: In einem Video hält Mamdani eine Tüte Sour-Cream-and-Onion-Chips in die Kamera, nachdem bei einem Skandal kurz vorher angeblich Geld in einer solchen Chipstüte übergeben worden war. Auch Mamdani kündigt dabei ein Geheimnis“ an – das sich als Ankündigung einer Schnitzeljagd durch New York entpuppt. Laut Guardian“ erreichte der Clip knapp zwei Millionen Aufrufe und 245.000 Likes. Am folgenden Tag kamen Tausende Menschen zur Aktion.

Das Entscheidende liegt im Übergang: Das Video endet nicht bei Aufmerksamkeit, sondern führt auf die Straße. Ein Spaziergang durch Manhattan kurz vor der Vorwahl war Content, Begegnungsformat und Mobilisierung zugleich. Creatorinnen und Creator übersetzten Mamdanis Botschaft dann in die Codes ihrer Communities.

Das heißt, Mamdani nutzt Social Media nicht wie ein digitales Plakat, nicht als reines Ankündigungsmedium. Seine Videos sollen Begegnungen, Spenden, Haustürgespräche oder den Gang zur Wahlurne auslösen. Der interessante Teil ist die Verbindung aus Plattformlogik und Organisation: Ein Millionen-View schmückt eine Kampagne; einer, der Menschen mobilisiert, erhöht ihre Organisationsfähigkeit. So wurde die Plattform zum Eingangstor der Demokratie.

Der Politiker, der liefert

Das Wort liefern“ stammt aus der Welt der Logistik und des Konsums. Etwas wird bestellt, bezahlt und zugestellt. In der Politik bedeutet es: Versprechen werden in sichtbare Ergebnisse verwandelt.

Das ist zunächst ein vernünftiger Anspruch. Politik, die nur erklärt, warum etwas schwierig ist, verliert Legitimität. Menschen erwarten zu Recht, dass eine Verwaltung Dinge erledigt: Ein repariertes Schlagloch kann den Alltag sicherer machen, ein Betreuungsplatz Berufstätigkeit ermöglichen, ein bezahlbarer Bus das Familienbudget entlasten.

Mamdani hat diese materielle Seite von Politik zum Zentrum seiner Marke gemacht. Der demokratische Sozialismus erscheint bei ihm nicht als akademischer Begriff, sondern sehr konkret: als Frage, ob nach der Miete noch genug Geld für Lebensmittel bleibt. Das macht er extrem schlau.

Wir müssen hier trotzdem mit kühlem Kopf Bilanz ziehen: Mamdani hatte schon vor dem Bürgermeisteramt politische Ergebnisse vorzuweisen. Als Bürgermeister hat er Vorhaben angestoßen, aber natürlich noch längst nicht alle Wahlversprechen erfüllt, und ob er es je schaffen wird, ist nicht abzusehen. Manche kann er allein gar nicht erfüllen: Kommunale Politik hängt in New York von Bundesstaat, Metropolitan Transportation Authority, Haushaltsrecht, Behörden und Gremien ab.

Bei der Kinderbetreuung wurde aus einem Wahlversprechen ein erster Schritt. Gouverneurin Kathy Hochul sagte 1,2 Milliarden Dollar für zunächst mal 2.000 kostenlose Plätze für Zweijährige zu, bis Herbst 2027 soll das Angebot auf 12.000 Kinder wachsen. Das ist ein politischer Erfolg, aber noch keine universelle Betreuung, wie sie angekündigt ist. Die weitere Finanzierung ist offen.

In der Bilanz der ersten 100 Tage verwies Mamdanis Verwaltung auf 100.000 reparierte Schlaglöcher. Das ist keine unabhängige Evaluation, wir wissen nicht, ob die Zahl stimmt, aber dass sie verkündet wurde zeigt, wie die große Erzählung von der Bezahlbarkeit mit sichtbaren Verwaltungserfolgen verbunden werden soll.

Der Herr Bürgermeister Mamdani bei einer Pressekonferenz vor wenigen Tagen. Angekommen. Aber nicht wirklich verändert. (Foto: IMAGO / ZUMA Press)

Bei den Lebensmittelpreisen ist die Lage offener. Mamdani kündigte fünf städtische Lebensmittelgeschäfte an, die günstiger verkaufen können als andere Händler, weil die Stadt mit ihnen keinen Gewinn machen will. Das erste soll in East Harlem am Standort La Marqueta entstehen, die Kosten wurden mit rund 30 Millionen Dollar beziffert. Bisher bleibt es bei der Ankündigung, und ob ein stadteigener Supermarkt tatsächlich günstiger organisiert werden kann als es die privaten sind, das steht überhaupt nicht fest.

Auch beim Mietstopp ist die Botschaft klarer als die Zuständigkeit. Mamdani wollte die Mieten in rund einer Million stabilisierter Wohnungen mit rund zwei Millionen Mietern einfrieren. Maßgeblich ist jedoch das Rent Guidelines Board, in dem er sechs der neun Mitglieder ernannte. Die am 25. Juni 2026 verabschiedeten Richtlinien bedeuten nicht automatisch einen vollständigen Mietstopp.

Auch bei kostenlosen und schnelleren Bussen war im Frühjahr 2026 nur von Pilotprogrammen die Rede. Die MTA organisiert den Verkehr, nicht der Bürgermeister allein. Geliefert ist bislang vor allem der begrenzte Vorläufer aus Mamdanis Zeit als Abgeordneter.

Diese Lücken sind keine Widerlegung Mamdanis. Sie sind seine eigentliche Bewährungsprobe. Wahlkampf überzeugt von der Notwendigkeit einer Veränderung. Beim Regieren führt eine Mehrheit durch Verfahren, Gegenspieler, Budgets und Kompromisse.

Eine Umfrage ist kein Kassenbon

Die guten Umfrage-Zahlen sagen deshalb nicht: New York ist gelöst. Sie sagen: Mamdani versucht aus Sicht vieler Menschen die richtigen Dinge – und schneidet besser ab als erwartet.

Das ist ein anderer Maßstab als ein Kassenbon. Der würde zeigen, ob die Miete gesunken ist, der Bus kostenlos fährt oder die Kinderbetreuung verfügbar ist. Eine Umfrage misst auch Erwartungen, Stil, Vertrauen und politische Richtung.

Die positive Bewertung kann Stärke und Risiko zugleich sein. Je konkreter die Versprechen, desto sichtbarer die Verzögerungen. Wer „Miete, Kinder, Bus, Lebensmittel“ sagt, wird daran gemessen. Aufmerksamkeit ist noch keine Wirkung: Ein Video über einen Lebensmittelmarkt ist kein Lebensmittelmarkt, eine Ankündigung keine Infrastruktur.

Im Mai verkündet Mamdani die Pläne für einen stadteigenen Lebensmittel-Laden in der Bronx. Bis heute ist noch keiner der fünf geplanten Läden eröffnet. (Foto: IMAGO / ZUMA Press)

Wenn Bürger zu Kunden werden

Hier beginnt die schwierigere Frage hinter dem Lob für Politiker, die liefern.

Das Bild ist so attraktiv, weil Menschen nicht nur politische Sprache hören, sondern Veränderungen spüren wollen. Überall auf der Welt wenden sich Menschen von Politik ab, oft mit dem Hinweis, da werde nur geredet, zu wenig getan, nichts verändert. Ein „liefernder“ Bürgermeister kann dieses Bild ändern, aber darin steckt auch eine Gefahr. Denn in dem Bild gibt es automatisch eine zweite Figur: ner „bestellenden“ Bürger. Die Metapher verwandelt Bürgerinnen und Bürger in Kundinnen und Kunden, die Leistungen auswählen, indem sie alle vier oder fünf Jahre ein Kreuz machen, und ansonsten passiv bekommen, was sie angekreuzt haben. Das ist kein Bild einer echten Demokratie, keine Herrschaft des Volkes.

Mamdani ist nicht deswegen ein ein interessanter Fall, weil er liefert – wir haben gesehen, sein Ruf ist viel besser als seine Bilanz –, sondern weil seine Kampagne die reine Konsumentenrolle unterlaufen hat. Seine Videos forderten Menschen auf, mitzulaufen, an Türen zu klopfen, zu diskutieren und andere zur Wahl zu bringen. Die Botschaft lautete nicht nur: Ich erledige das für euch. Sie lautete auch: Wir müssen die Stadt gemeinsam anders organisieren.

Das ist der demokratische Kern seiner Kampagne. Die stärkste Version des Lieferns ist nicht die Übergabe fertiger Ware, sondern die sichtbare Übersetzung gemeinsamer Vorstellungen in politische Arbeit.

Und das ist die gute Nachricht an seinen guten Werten: Sie zeigen eigentlich, dass Menschen gar nicht unbedingt nur durch perfekte Bilanzen von ihrer Demokratie überzeugt werden können, sondern durch die Einladung, aktiv am eigenen Gemeinwohl teilnehmen zu können. Mamdani hat bis heute keine echten Geschenke verteilt, sondern Menschen eingeladen, mehr Macht über das eigene Schicksal zu gewinnen.

Und das wäre ein Weg, dem hoffentlich viele folgen – und dem Mamdani hoffentlich treu bleibt.

Audioproduktion und -mix: Yannik Milz

Korrektur

Ich habe einen Fehler in die Audio-Version eingebaut: Es geht um eine Million Wohnungen, in denen zwei Millionen Menschen leben. In der Audio-Version habe ich daraus zwei Millionen Wohnungen gemacht. Ich bitte, den Fehler zu entschuldigen. Meine Mutter würde sagen, das passiert, weil ich schneller spreche als ich denken kann.