Afghanische Fantasien Realität und Wunsch für Frauen fünf Jahre nach der Rückkehr der Taliban.

Im August jährt sich die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan zum fünften Mal. Die Welt hat sich damit arrangiert. Die Afghaninnen nicht. Und beschwören in Berlin-Kreuzberg eine Utopie. Für eine Nacht wird sie Wirklichkeit. Zu Besuch in einem anderen Afghanistan.

Afghanische Fantasien Realität und Wunsch für Frauen fünf Jahre nach der Rückkehr der Taliban.
(Foto: APA-Images / REUTERS / Violeta Santos Moura)

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In Berlin-Kreuzberg hat schon so manch ein „alternativer“ Lebensentwurf eine Heimat gefunden. Für den Einzelnen, für Paare, für Freunde, für Familien. Und seit kurzem auch für eine ganze Nation. Eine Gruppe junger Afghaninnen entwirft hier Alternativen für die Zukunft ihres Heimatlandes. Stellt sich vor, wie ein Afghanistan aussehen würde, in dem Frauen und Mädchen nicht plötzlich aus der Öffentlichkeit verschwinden, sondern auf einer Bühne stehen und rappen.

Wo Männer mit blauem Lidschatten andere Männer in knappen Netztops vor aller Augen unter einem Apfelbaum küssen und es keinen juckt. Wo Afghanen und Afghaninnen nicht immerzu „nur“ sterben, hungern, leiden, fliehen und abgeschoben werden, wie es die Schlagzeilen – sofern es darüber überhaupt noch Schlagzeilen gibt – suggerieren, sondern sie einfach mal „nur“ gemeinsam Party machen. Ausgelassen, friedlich und frei an einem lauen Sommerabend.

Klingt nach Utopie, nicht wahr? Einer besonders realitätsfremden obendrein.

Im Berliner Bezirk Kreuzberg wird sie für einen Abend und eine Nacht Realität. Zehneinandhalb Stunden lang im „Oelgarten“ der Marmorbar mit seinem wunderbaren Apfelbaum auf der Lohlmühlinsel vor dem Schlesischen Tor beim „Sarkash Underground Festival“. Es ist ein Festival für Hip Hop, Trap und experimentelle Sounds aus Afghanistan, Belutschistan und Kaschmir.

Das mag jetzt für einige unter Ihnen unspektakulär klingen. Ein Festival in Berlins Partyviertel von irgendwelchen Ausländern, so what? Gibt es doch zuhauf. Aber es ist spektakulär. Weil es sich hier nicht nur um das erste Festival seiner Art in Europa handelt, sondern auch um den Vorgeschmack von einem alternativen Afghanistan, in dem sich Billie-Eilish-Mädchen mit der traditionellen afghanischen Pakol-Haube und knappen Shorts neben älteren Transfrauen zur Musik wiegen.

Wo pummelige Frauen im Kopftuch ihre queeren Freundinnen zum Tanzen animieren, und auftrainierte Jungs die zweite Portion Bolani-Teigtaschen runterschlingen, damit sie Musikerinnen wie Somy selig entgegen jubeln können, wenn sie ihnen mit elektrisch verzerrter Stimme von der Bühne ein „girls are troublemaker“ entgegenschmettert. Sie haben etwas aufrührerisches als würden sie an diesem Abend all den Bildern trotzen, die man so von ihnen und in ihrem Land heraufbeschwört, wenn man „Afghanistan“. Nicht umsonst haben die Initiatorinnen des Abends das Festival „Sarkash“ getauft. Es ist Dari, einer der Amtssprachen Afghanistans und heißt „rebellisch“ und „unbeugsam.“

Und das ist das Festival in jeder Hinsicht. Eine unbeugsame Utopie, entworfen von jenen, die nur zu gut wissen, dass ihre Heimat und deren Menschen von der Welt längst abgeschrieben wurden. Afghanistan, das ist eben das Land irgendwo in Zentralasien, in dem die Frauen und Mädchen als fleischgewordene Vorlage für Margaret Atwood Schauererzählungen eines dauerversklavten Geschlechts dienen; in dem fast ein Drittel der 40 Millionen Einwohner der Hungertod droht; und die Machthaber nun einmal die sind, die sie schon einmal waren: die Taliban.

Diesen August feiern sie den fünften Jahrestag ihrer erneuten Machtübernahme in Afghanistan, nachdem die US-Truppen und ihre Verbündeten nach 20 Jahren Krieg das Land überstürzt verlassen hatten. Selbst überrascht waren die Islamisten damals, wie leicht sie die Hauptstadt einnehmen konnten. Kein afghanischer Soldat weit und breit, der sie aufhalten wollte. Inkompetent und feig sei die afghanische Armee gewesen, gelähmt durch Vetternwirtschaft und Korruption, wurde rasch die Schuldigen für das Fiasko in den westlichen Machtzentren ausgemacht. Befeuert durch Aussagen des damaligen US-Präsidenten Joe Biden, der nur meinte: «Amerikanische Truppen können und sollten nicht in einem Krieg sterben, in dem die afghanischen Streit­kräfte nicht bereit sind zu kämpfen.» Dass diese afghanischen Streitkräfte ohne die Luftunterstützung der Amerikaner in ihrer Verteidigung vollkommen aufgeschmissen waren, blieb unerwähnt.

Aber sei es drum.

Man hat schließlich in Doha 2020 unter US-Präsident Donald Trump mit den Taliban den Abzug verhandelt. Und war sehr zuversichtlich, dass das mit den alten neuen Herrschern dieses Mal schon klappen werde. Wie heißt das Sprichwort so schön: einmal ist keinmal.

Wird schon nicht so schlimm werden, wie das erste Mal, als sie in den 90er Jahren an die Macht gekommen sind, beruhigten vor fünf Jahren westliche Politiker. Man solle sie an ihren Taten messen, schloss sich damals auch der österreichische Außenminister Alexander Schallenberg dem Chor der Taliban-Beschwichtiger an. Die Taliban 2.0 seien jetzt schließlich anders, moderner, weniger radikal, weniger menschenverachtend als ihre Vorgänger, die öffentlich auspeitschen und in Sportstadien hinrichten ließen, die Mädchen die Schule verboten haben und Frauen hinter blauen kratzigen Polysterstoff, der Burka, verschwinden ließen.

Fünf Jahre lang sind die Taliban bereits an der Macht, solange wie in den 90er Jahren. Archivbild Afghanistan 1996. (Foto: IMAGO / Photo News)

Doch nur wenige Monate später war auch ihnen klar: die Welt mag sich verändert haben, die Taliban nicht.

Sie lassen wieder auspeitschen und öffentlich hinrichten. Mädchen wird der Schulbesuch ab der sechsen Schulstufe untersagt; Frauen dürfen sich nur noch mit männlichen Verwandten im öffentlichen Raum bewegen und das nur versteckt hinter „dicken, undekorierten und unparfürmierten“ Stoff; Arbeiten ist ihnen nur in seltenen Ausnahmefällen erlaubt; das Singen, Rezitieren und „laute“ Sprechen ist Frauen verboten, selbst zu Hause – denn was, wenn ein Passant von ihrer Stimme aus einem offenen Fenster zur moralischen Verdorbenheit verführt werden könnte? Und ach ja, Männer dürfen ganz legal ihre Frauen züchtigen, solange bis ihnen den Knochen brechen. Dann gibt es Konsequenzen, aber auch nur, wenn es gemeldet wird und bewiesen werden kann.

Die Welt schert das kaum. Sie hat sich arrangiert mit den Taliban. Offiziell zwar nicht. Bis auf Russland hat das kein Staat, aber in der Praxis wird munter mit den Islamisten in Kabul verhandelt. Auch in Europa. Erst im Juni hat die EU-Kommission Taliban-Vertreter nach Brüssel eingeladen für „technische Gespräche“ um über Abschiebungen von straffälligen geflüchteten Afghanen in ihr Heimatland zu diskutieren. Legitimieren würden man sie damit nicht. Nur mit ein paar Beamten und Bürokraten eine geordnete Rückkehr von Personen abwickeln, die sich illegal in der EU aufhalten, wird abgewinkt, wenn Menschenrechtsorganisation die Normalisierung der Beziehungen zu den Frauenhassern kritisieren. In Österreich ist man da bereits weiter. Da wird nicht mehr nur gesprochen. Da finden seit Oktober 2025 bereits die ersten „würdigen Rückführungen“ statt, wie die Taliban Abschiebungen nennen.

„Vor ein paar Tagen hat Deutschland sogar einen abgeschoben, der nichts getan hat“, sagt eine junge Frau. Sie steht mit ein paar anderen beim Festival am Eingang des Oelgartens der Marmorbar, und betreut einen Stand mit Magazinen, Schmuck und Kleidern, gefertigt von Frauen in Afghanistan. Neben ihr rührt ein junger Mann in einem großen Metallbehälter das traditionelle Sheer Yakh, afghanisches Milcheis, für das schon einige Schlange stehen.

31 Afghanen hat Deutschland allein Ende Juli, nur einige Tage vor dem Festival abgeschoben, allesamt Straftäter, bis auf einen Mann, der aber „zwingend ausreisepflichtig“ gewesen war, wie es hieß. Die junge Frau weiß was das bedeutet: er wird der erste von vielen sein. Ein gefährlicher Präzedenzfall. Sie schüttelt den Kopf. Als wolle sie damit sagen: heute nicht. Heute wird gefeiert. Heute sind wir alle „Sarkash.“

Ich frage nicht weiter. Mit einer Portion Sheer Yakh stelle ich mich unter den Apfelbaum und schließe die Augen. Für einen Moment wähne ich mich wieder in Kabul, in einem abgeschotteten Garten auf einer der Partys der französischen Botschaft, auf denen sich internationale Berater, NGO-Mitarbeiterinnen, hippe Afghanen und all die Praktikanten von Eliteuniversitäten tummelten, die unbedingt Arbeitserfahrung in einem Kriegsgebiet im Lebenslauf stehen haben mussten – oder schlimmer noch: hier waren, um sich eine Auszeit von Westen zu nehmen um sich ein wenig unter den so authentischen und gastfreundlichen Einheimischen mal wieder so richtig zu spüren. Ich war eine von ihnen, damals im Sommer 2010. Ich habe in Kabul ein Praktikum für eine NGO gemacht, die Medienprojekte förderte. Die Arbeit interessierte mich kaum, lieber erkundete ich das Land, wollte wissen, wie das ist, der Alltag im Krieg, in dem eben nicht nur gestorben, sondern gelebt, gegessen, gefeiert, geheiratet und getrauert wird.

In einem Blog habe ich darüber berichtet, über meine Wohnungssuche, meinen Weg in die Arbeit, den ich jeden Tag ohne Security zu Fuß absolvierte, das Augenbrauenzupfen in Kosmetikstudios, Vernissagen in Universitäten, und vor allem den Begegnungen mit all den jungen ehrgeizigen Afghanen und noch ehrgeizigeren Afghaninnen, die ihr Land aufbauen wollten. Überall waren sie diese Frauen, in den Regierungsgebäuden, den Medien, auf den Polizeistationen, in den Geschäften, auch in meiner NGO war die Chefin eine Frau.

Eine goldene Ära für Frauen

„Für uns Frauen war diese Zeit eine goldene Ära“, gesteht mir Zahra Joya. „Wir hatten endlich die Chance uns in der Gesellschaft zu entfalten und unsere Rechte einzufordern.“ Zahra Joya zählt zu den renommiertesten Journalistinnen Afghanistans. Sie gründete 2020 das von Frauen geführte Nachrichtenportal „Ruskhana Media“, das nach wie vor aus dem Untergrund über die Lage vor Ort berichtet. Knapp 18 Menschen arbeiten derzeit für das Nachrichtenportal, acht davon sind Frauen. Um ihre Sicherheit zu gewährleisten, kennt nur Joya ihre Identität.

In separaten Chat-Gruppen spricht sie mit jeder einzelnen und ändert ihre Pseudonyme alle paar Monate. Seit dem Sturz Kabuls im August 2021 leitet sie Ruskhana Media aus ihrem Londoner Exil. Daneben organisiert sie Online-Schulkurse in Zusammenarbeit mit der Universität Cambridge für afghanische Mädchen und unterstützt den Internationalen Strafgerichtshof (ICC) bei der Dokumentation von Verbrechen gegen die Menschlichkeit in ihrem Heimatland. Sowohl das Time Magazine als auch die BBC kürten Joya 2022 zu einer der einflussreichsten Frauen weltweit.

Ende Juli hat sie nun ihr erstes Buch vorgelegt: „The Vanishing Girl of Kabul: Betrayal, Hope and an Extraordinary Fight for Women’s Rights“. Pünktlich zum fünften Jahrestag, liefert die 34-Jährige nun nicht nur ihre beeindruckende Biografie, sondern auch ein Zeitdokument ihres Heimatlandes und fremder Imperien, die sich seit Jahrzehnten dort austoben. Und es ist eine Warnung von einer Prophetin wider Willen, die die Last trägt in einer Version der Zukunft gelebt zu haben, die überall Wirklichkeit werden können, wenn sich „Männer von ihrer schlimmsten Seite“ zeigen dürfen.

Journalistin Zahra Joya geht in ihrem neuen Buch “The Vanishing Girl of Kabul” auch mit dem Westen hart ins Gericht, insbesondere mit rechtsextremen Influencern, die in den Taliban, ihre „Bros” erkennen. (Foto: Amnesty International)

Ich habe Zahra Joya vor ein paar Jahren auf einer Konferenz zu Exilmedien in Hamburg kennengelernt. Kompetent, bescheiden, aber auch kämpferisch beantwortete sie dort auf dem Podium meine Fragen. Auch heute tut sie das per Videoschaltung aus London. Sie wird nicht müde zu betonen, wie schnell es gehen kann mit der Entrechtung von Frauen. Und zwar überall auf der Welt. Toxische Männlichkeit sei keine afghanische Eigenheit, sondern verbreite sich global wie Treibsand, schreibt Joya. In Afghanistan erfährt sie zudem in einer ekelhaften Allianz ihren Höhepunkt, wenn rechtsextreme Influencer aus dem Westen Afghanistan für sich entdecken und in den Taliban, Gesinnungsbrüder erkennen. Sie sind ihre „Bros“, Talibros halt, die Frauen so behandeln und kontrollieren, wie sie es so gern auch in ihren Heimatländern tun würden.

„Diese Talibros genießen es in Afghanistan, sie fühlen sich frei dort und verkaufen ein positives Image der Taliban. Ich verstehe nicht, wie man das machen kann. Es ist ekelhaft“, sagt Joya angewidert. „Aber deswegen bin ich auch so besorgt, wenn rechtsextreme Parteien immer mehr an Einfluss im Westen gewinnen. Denn was heißt diese Denke für die Frauen im Westen, wenn für manche dieser Männer Afghanistan ein Paradies ist?

Detailliert schlüsselt Joya in ihrem Buch auf, wie stark diese Denke in westlichen Ländern wie den USA bereits Fuß gefasst hat, wenn Straftäter die höchsten Regierungsämter bekleiden, Abtreibungen kriminalisiert werden und christliche Fundamentalisten, darunter der „Kriegsminister“ Pete Hegseth, davon träumen, dass in Zukunft nur mehr Familien bei Wahlen eine Stimme abgeben könne, in der Regel vertreten durch den Ehemann. „Afghanistan hatte diese Realität erlebt“, schreibt sie.

Und was dort passiert ist, kann auch ganz auch schnell überall passieren, prophezeit sie.

Wie oft saß sie mit Freundinnen und Bekannten in Cafés und Restaurants in Kabul, die jede Sorge von der Rückkehr der Taliban als lächerlich abtaten. Wie oft haben sie sich vorgemacht, dass selbst, wenn das Land wieder in die Hände der Islamisten fallen würde, Kabul als urbane Insel der Seligen weiter Bestand hätte. Sie sicher wären. Schließlich war Kabul bis auf ein paar Selbstmordanschläge relativ verschont worden vom Krieg. Relativ. Auf dem Land war das nicht der Fall. Dort, wo 70 Prozent der Bevölkerung lebte, war der Drohnenkrieg der Amerikaner, dort waren die nächtlichen Razzien, dort versickerten die Gelder der internationalen Community für Hilfsprojekte in breiten Sümpfen. Kabul, das waren Cafés, Jeans, Glitzer und Frauen in Machtpositionen. In der Stadt hatte man nationbuilding, den Aufbau einer neuen Nation, am Land nur den „war on terror“, die Barbarei.

Doch als die Taliban am 15. August in Kabul einmarschierten, wusste Joya, dass sich die Geschichte wiederholen würde. Und zwar nicht erst morgen, sondern sofort: „Ich saß im Auto und war auf dem Weg nach Hause, als ich eine Frau sah, die ihr Kind an der Hand nahm und losrannte“, erzählt sie mir, „ich spürte: das ist das Ende. Das war das Zeichen, dass Frauen wieder Angst haben müssen und dass sie aus dem öffentlichen Leben entfernt und ausgelöscht werden.“

Und die afghanische Gesellschaft habe es zugelassen. Diese Auslöschung. Den Schluss zieht zumindest Mina. „Afghanistans Gesellschaft war damals einfach noch nicht so weit“, sagt sie nüchtern, „wäre sie bereit gewesen, hätten die Taliban es nicht so leicht gehabt die Macht an sich zu reißen.“ Es ging vielen einfach zu schnell, die Veränderungen, viele Menschen hätten gedacht, dass ihre Kultur und Religion kaputt gemacht wird, dass man sie verwestlichen wollte und Taliban, die kannte man, und man wusste; die waren zumindest gläubig. Das hat Mina unzählige Male in den vergangenen fünf Jahren gehört, wenn sie mit ihren Landsleuten gesprochen hat.

Aber genug davon

Die 30-Jährige sitzt an einem der wackligen Schanigartentische im Oelgarten der Marmorbar in der Nähe der Bühne. Zehn Minuten hat sie Zeit für ein kurzes Gespräch, dann muss sie weiter nach dem Rechten sehen. Mina, deren Name von der Redaktion geändert wurde, ist Theaterregisseurin und Autorin und lebt seit 2016 in Deutschland. Hier hat sie mit 20 anderen Frauen einen Verein gegründet, der Alphabetisierungskurse für Frauen und Mädchen in ihrem Heimatland organisiert. Immer noch. Aus dem Untergrund arbeiten derzeit sechs Frauen vor Ort quer im Land verteilt drei Tage die Woche und bringen 83 Schülerinnen jeden Alters Lesen und Schreiben bei.

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Manizha Talash vom Refugee Olympic Team tritt am 9. August 2024 bei der Vorqualifikation der Frauen für die Olympischen Spiele in Paris auf und trägt dabei einen Umhang mit der Aufschrift „Free Afghan Women“. (Foto: Kyodo News via Getty Images)

Unmittelbar nach dem Sturz Kabuls wollte Mina die Schulen schließen, aus Angst den Frauen könnte etwas zustoßen. Die baten sie inständig die Schulen nicht zu schließen: war es doch der einzige Ort, wo sie einander sahen, reden konnten, ein bisschen Leben hatten. Die Schulen blieben offen. Der heutige Abend ist für Mina ein Erfolg, und auch ein großer Mittelfinger an die Taliban, und all jene, die glauben, dass sie, die Afghanen und Afghaninnen, das sind und das wollen, was die Islamisten propagieren.

Spürt sie das gleiche wie ich, wenn sie die Augen schließt? Dass wir für einen kurzen Moment nicht in Berlin Kreuzberg sitzen, sondern in Kabul, in Wazir Akbar Khan, dem Reichenviertel im Zentrum der Stadt, wo solche Partys stattfanden? Mina wiegt den Kopf, als wolle sie sagen, nicht wirklich, aber sie will das nostalgische Traumschloss ihrer Gesprächspartnerin aus Höflichkeit nicht zerstören. Sie hat selbst in Kabul gelebt. Und musste feststellen, dass die jungen Menschen, die an den Fortschritt glaubten, gewisse Entwicklungen nicht berücksichtigt haben. Etwa die Diskrepanz der Entwicklung von Männern und Frauen in der afghanischen Gesellschaft. Während die internationale NGOs Mädchen und Frauen gefördert haben, gab es kaum Projekte für die Männer und Jungs. So entwickelte sich ein Teil der Gesellschaft rasant, während der andere dort blieb, wo er war.
Auch keine afghanische Eigenheit, betont sie. Auch in freien Gesellschaften erkennt sie dieses Muster.

Aber genug davon. Diese Diskurse und Analysen haben Zeit für ein anderes Mal. Nicht heute, nicht an diesem Abend. Wir schauen beide zur Bühne. Manizha Talash heizt die Menge an. Sie ist Afghanistans bekannteste Breakdancerin, und zudem die erste, die bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris als Teil des Refugee Olympic Teams teilgenommen hat. Sie wurde disqualifiziert, weil sie bei ihrem Auftritt einen hellblauen Umhang mit der Aufschrift „Free Afghan Women“ trug, der als politischer Slogan gewertet wurde. Sie ist gerade dabei Platz für den nächsten Act zu machen. Doch davor schwört sie die Menge noch einmal darauf ein, worauf sich alle offenbar ohne Absprache für heute Abend geeinigt haben: „Heute lassen wir alle Probleme zurück und bauen unser eigenes kleines Afghanistan, lasst uns feiern, shad bashim, lass uns glücklich sein.“ Für einen Abend und eine Nacht.

Audioproduktion und Mix: Yannik Milz