Manuel Feller hält sich die Handschuhe vors Gesicht. Dann der Blick in die Menge, Tränen in den Augen und schließlich ein Siegesschrei, so intensiv, dass er auch durch den Fernsehbildschirm spürbar ist. Der Tiroler Skifahrer hat soeben den Slalom in Kitzbühel gewonnen, ein Rennen, das ihm wichtiger als Olympia war, wie er sagt. Feller jubelt und feiert – und mit ihm 21.000 Zuschauerinnen und Zuschauer. Aber beim Hahnenkamm-Rennen feuern nicht nur Sportbegeisterte an: Das Event ist seit Langem Schaulaufen einer High Society geworden, die sinnbildlich für Kitzbühel steht – Promis wie Sebastian Schweinsteiger oder Arnold Schwarzenegger sind da. Seit Jahrzehnten besucht die High Society Kitzbühel gerne – und lässt sich teilweise in der Gemeinde nieder.
Und das bleibt nicht ohne Folgen für die Einheimischen. Eine Reportage über einen Ort, der zwischen Luxus und Leerstand, zwischen Wohlstand und Abwanderung wandelt. Über enttäuschte Einheimische, einen etablierten Bürgermeister und bezahlte Mülleimerbefüllung.
Berühmtheiten, wie Fußballer Zlatan Ibrahimović (unten mit brauner Mütze) oder Popsänger DJ Ötzi (roter Kapuzenpulli) sind beim Hahnenkamm-Rennen keine Seltenheit. (Foto: IMAGO / STEINSIEK.CH)
Berühmtheiten, wie Fußballer Zlatan Ibrahimović (unten mit brauner Mütze) oder Popsänger DJ Ötzi (roter Kapuzenpulli) sind beim Hahnenkamm-Rennen keine Seltenheit. (Foto: IMAGO / STEINSIEK.CH)
Berühmtheiten, wie Fußballer Zlatan Ibrahimović (unten mit brauner Mütze) oder Popsänger DJ Ötzi (roter Kapuzenpulli) sind beim Hahnenkamm-Rennen keine Seltenheit. (Foto: IMAGO / STEINSIEK.CH)
Anna ist Ende 20 und lebt in Oberndorf, einer Nebengemeinde von Kitzbühel. Zum Ausgehen fährt sie mit ihren Freundinnen und Freunden oft nach Kitzbühel, auch weil viele dort leben. Über die Touristinnen und Touristen in ihrer Heimat erzählt Anna mit amüsiertem Unterton:
„Es fühlt sich manchmal lustig an, als Asoziale in irgend so eine Bar zu gehen, wo nur Reiche sind. Ich meine, wir sind keine Asozialen, aber für die schauen wir so aus. Dann sind da die ganzen Schnösel, die sich etwas drauf einbilden, dass sie da sind – und wir, wir leben halt hier. Dadurch halten wir aber noch stärker zusammen.“
Dass Anna mit uns so offen spricht, das ist nicht selbstverständlich. Die wenigsten Einheimischen wollen über Missstände vor einem Aufnahmegerät sprechen – selbst anonym nicht. Auch Anna hat Angst, dass man sie identifizieren könnte, weswegen wir auf ihren Wunsch ihren Namen geändert haben. „Am Land kennt jeder jeden. Wenn man die falschen Personen beleidigt oder was Falsches sagt, dann werden einem hier Steine in die Wege gelegt.” Man wolle sich mit denen, die hier etwas zu sagen haben, nicht anlegen. Anna erzählt uns nämlich nicht nur vom sozialen Clash zwischen Einheimischen und Gästen, sondern auch von der Geschichte ihrer Schwiegermutter. Dabei verschwindet der zuvor mitschwingende ironische Ton. Denn der Kitzbühel-Hype bringt für Einheimische eine bittere Realität mit sich.

Zum Beispiel für Annas Schwiegermutter. Die wohnte in einem Haus, das ihre Eltern vor langer Zeit gebaut haben. Als aber eine Immobilienfirma das Nachbarhaus kauft und es auf das Haus von Annas Schwiegermutter abgesehen hat, da kommt es zum Konflikt. Sie fühlt sich vom Makler unter Druck gesetzt, das Haus an ihn zu verkaufen. Sie hätten nämlich einen wohlhabenden deutschen Käufer dafür gehabt. “Dem hätte es halt super in die Karten gespielt, ihr kleines Haus auch noch zu kaufen”, erzählt Anna.
Nach rechtlichen Auseinandersetzungen gibt Annas Schwiegermutter schließlich auf und verkauft das Haus – allerdings nicht an den deutschen Käufer, sondern an Einheimische. Anna hätte sich von der Gemeinde mehr Unterstützung gewünscht und fasst ihr Gefühl so zusammen:
„Ich habe das Gefühl, dass “kleine Bürger” der Gemeinde nicht wichtig sind, dass ihnen nicht geholfen wird. Ich kenne einige Einheimische, die aus diesen Gründen aus Kitzbühel weggezogen sind.”
Ein Grund zum Bleiben
Durch die Freizeit- und Zweitwohnsitze sind die Gemeinden um Kitzbühel für viele Einheimische nur noch schwer leistbar geworden. Die Lebenshaltungskosten sind wie die Immobilienpreise gestiegen. Die Wartelisten auf den sozial geförderten Wohnbau sind lang – das berichtet uns zumindest eine junge Einheimische, die selbst auf eine Wohnung wartet. Der Bürgermeister Klaus Winkler hingegen sieht den Sozialbau in der Gemeinde als Erfolg:
„Was den sozialen Wohnbau betrifft, ist Kitzbühel die erfolgreichste Gemeinde weit um. Wir haben in den letzten 15 Jahren für 400 Kitzbühelerinnen und Kitzbüheler – junge Familien – leistbaren Wohnraum geschaffen. Wenn man es umlegt also für circa zehn Prozent der Bevölkerung. Aus der Bevölkerung gibt es dafür viel Dank und Zuspruch.“
In Kitzbühel wohnen etwas mehr als 8000 Personen. Trotzdem ziehen junge Menschen aus ihrer Heimatgemeinde weg. Das hat mehrere Gründe – einer davon: der Bau von großen Chalets und Villen in der Kitzbühel und Umgebung. Wohnungen, in denen Einheimische hätten wohnen können, werden verkauft und stattdessen als Zweit- oder Freizeitwohnsitz genutzt. Oder die Objekte stehen leer und sind “Spekulationsobjekte”, also Immobilien, die nicht gekauft werden, um sie zu vermieten, sondern um eine Wertsteigerung abzuwarten und sie später teurer zu verkaufen. Freizeit- und Zweitwohnsitze haben in Kitzbühel allerdings schon lange Tradition. Das erzählt uns Wido Sieberer, Direktor des Stadtmuseums Kitzbühel.

Wie Kitzbühel mondän wurde
In den 1880er Jahren kommen die ersten Sommertouristen ins Tal. Sie entdecken die Berge, die frische Luft und bleiben nicht lange allein. Ein paar Jahrzehnte später ist Kitzbühel plötzlich mehr als nur eine kleine Bergstadt. Anfang des 20. Jahrhunderts steigt sie – neben dem Semmering – zur Skistadt Nummer eins auf. Vor allem wohlhabende Gäste aus Wien und München reisen an.
Wenn man die Geschichte Kitzbühels erzählen möchte, dann eignet sich ein Gebäude dazu besonders: Das Grand Hotel Europa – erbaut im Jahre 1903. Kitzbühel ist bis dahin eine noch wenig touristische kleine Stadt. Mit dem Grand Hotel Europa werden aber neue Maßstäbe gesetzt. Vor allem was das Niveau angeht: Tennisplatz, Dampfheizung, Lifte und elektrische Beleuchtung in allen Zimmern – absoluter Luxus für diese Zeit. Und so entwickelt sich das Grand Hotel schnell zum Anlaufpunkt für Wohlhabende – erst vorrangig aus Wien, dann auch aus München. In den 1930er Jahren gilt das Hotel als eine der besten und exklusivsten Adressen in ganz Europa – sogar der Prince of Wales besucht Kitzbühel deswegen.

Nach dem “Anschluss” Österreichs wird das Grand Hotel und Kitzbühel zum Treffpunkt von Nazi-Größen, wie Hermann Göring oder Joachim von Ribbentrop. So eine Art St. Moritz des Deutschen Reiches. Standesgemäß gehören Residenzen am Hahnenkamm für die Elite des Dritten Reiches zum guten Ton. Diese Zeit ist erst mit der Veröffentlichung des Buches „Hakenkreuz am Hahnenkamm” im Jahr 2024 von der Historikerin Sabine Pitscheider aufgearbeitet worden. Ein teures Pflaster sei Kitzbühel schon vor der NS-Zeit gewesen, wie Sieberer erklärt:
„Das geht um 1900 los und zieht sich in Kitzbühel bis in die Gegenwart durch – in den letzten Jahrzehnten mit steigender Dynamik und entsprechend noch mehr neuen Bauten. Auch die Freizeitwohnsitze haben eine lange Geschichte – dementsprechend haben wir auch schon so viele gewidmete.“
Kitzbühel hat sich also einen Namen gemacht – vor allem unter Wohlhabenden. Viele kommen regelmäßig hierher – zum Skifahren, Shoppen, oder für Events wie das Hahnenkamm-Rennen. Und einige möchten sich auch niederlassen, zumindest für ein paar Tage im Jahr. Sie kaufen Wohnungen und Häuser, manchmal ganze Luxusvillen. Das kann die Gemeinde zwar freuen, weil der Zuzug Geld und Wirtschaftswachstum bringt. Aber für die Einheimischen gibt es auch schwerwiegende Folgen: Die Immobilien- und Grundstückspreise sind in den vergangenen Jahrzehnten extrem gestiegen. Und wenn die Zugezogenen dann auch noch nur vorgeben, vor Ort zu wohnen und eigentlich das ganze Jahr weg sind, belastet das nicht nur das soziale Zusammenleben, sondern verstößt auch gegen das Recht.
Seit 1997 gibt es das Tiroler Raumordnungsgesetz, das die Zustände hätte eindämmen sollen. Schon damals erkannte die Landesregierung, dass es zum Problem wird, wenn immer mehr Häuser nur zu Freizeitzwecken genutzt werden und sonst leer stehen. Als Freizeitwohnsitz gilt offiziell ein Gebäude oder eine Wohnung, die nicht ganzjährig bewohnt wird, sondern die zur Erholung, für Wochenenden oder Urlaub verwendet wird. Das Gesetz legt fest, dass maximal acht Prozent der Privathäuser Freizeitwohnsitze sein dürfen.
Gemeinden, die diese Regel nicht einhalten, drohen jedoch keine Sanktionen und entsprechend lasch war die Umsetzung. Allein im Bezirk Kitzbühel haben 15 von 20 Gemeinden die Acht-Prozent Marke überschritten. Vier davon liegen bei knapp oder über 20 Prozent. In Kitzbühel selbst sind es 17,5 Prozent. Und das sind nur die offiziellen Zahlen, dazu kommt die Dunkelziffer: Expertinnen und Experten gehen davon aus, dass es in ganz Tirol mehr als 10.000 illegale Freizeit- und Zweitwohnsitze gibt. Auf jeden Fall treibt diese Praxis die Preise nach oben. Mittlerweile kosten 90 Quadratmeter Baugrund mit Haus in Kitzbühel durchschnittlich knapp eine Million Euro – das ist mehr als im Wiener Nobelbezirk Döbling. Für viele Einheimische sind diese Beträge inzwischen unleistbar.
Nichts als leere Fassade?
Anna erzählt, dass sie schon als Kind die ersten Berührungspunkte mit illegalen Freizeitwohnsitzen erlebt hat: “Das hat uns eigentlich schon in unserem Aufwachsen begleitet.” Sie wird in einem Haus in Oberndorf groß, das damals noch eine Insel im Grünen gewesen sei. Gut erinnert sie sich daran, dass alles um sie bunt und lebendig war, bis nach und nach immer mehr Zweitwohnsitze gebaut wurden. Heute beschreibt sie die Gegend als grau, schwarz, weiß und quadratisch. Hinter ihrem Kindheitshaus lag ein Feld voller Brennnesseln. Mit Schutzanzügen haben sich Anna und ihre Freundinnen früher durch die stechenden Kräuter gekämpft und dort Schätze versteckt.
„Wir haben es immer Brennesselgarten genannt, das war unser geheimes Versteck. Und auf einmal ist ein riesiges Haus gebaut worden – wir haben noch protestiert. Das war dann so ein Zweitwohnsitz, wo so gut wie nie wer da ist. Was eigentlich total schade ist, weil es da eben wunderschön zum Wohnen ist und das jetzt eigentlich leer steht.“
Seit ein paar Jahren werden solche Zweit- und Freizeitwohnsitze zwar strenger kontrolliert. Aber wirklich gelöst ist das Problem damit noch lange nicht. Und noch etwas kommt dazu: Wie genau Behörden hinsehen, hängt von der Gemeindepolitik ab. Die Gemeinden sind nämlich eigenständig für die Kontrollen zuständig. Anna sagt, dass die Kontrollen meist nur dann stattfinden, wenn Kitzbühel zur Bühne wird: zum Beispiel am Weihnachtswochenende.
„Alle Zweitwohnsitzer sind zu Weihnachten in Kitzbühel. Sie denken, sie hätten es im Leben geschafft, wenn sie hier Weihnachten feiern.“
Für Anna ist dieses Statussymbol absurd. Ihr Nachbarhaus gehört einem Paar, das sich diesen Luxus leistet. Sie seien teilweise Jahre nicht da gewesen, dann sporadisch für ein oder zwei Wochen im Jahr. Jetzt, wo vermehrt kontrolliert wird, habe die Frau dort ihren Hauptwohnsitz angemeldet. Aber wohnen würde nebenan niemand, das Haus stehe die meiste Zeit leer. Um das aber zu verschleiern, gibt es immer neue Tricks. Seit Neuestem etwa parke ein Auto mit Kitzbüheler Nummerntafel vor der Haustür. Andere in ihrer Gegend stellen einen Hauswart an, der ab und zu vorbeikommt, die Lichter ein- und ausschaltet, das Wasser an- und abdreht, der Fernseher wird ebenso eingestellt, dass er automatisch angeht wie auch die elektrischen Jalousien. „Das ist jetzt ein eigener Beruf bei uns. Es gibt verschiedene Facility GmbHs und Hausverwaltungen, die nur dafür existieren“, sagt Anna. Meistens würden diese Hauswarte schwarz angestellt werden. Einen davon kennt Anna persönlich:
„Die sind dann die Person für alles. Sie putzen für sie, machen Einkäufe oder kaufen für 100.000 Euro irgendein Dekozeug für Weihnachten.“
Diese absurden Tricks, um als illegale Freizeit- oder Zweitwohnsitze nicht aufzufallen, bestätigen uns mehrere Personen unabhängig voneinander. Auch wenn man durch Kitzbühels Wohngegenden fährt, braucht man nicht lange, um mit bloßem Auge Häuser zu sehen, die verdächtig unbewohnt aussehen. Viele Einheimische bezeichnen ihre Gemeinde mittlerweile als „Geisterstadt”. Dass leerstehenden Häusern Leben und Seele fehlt, das ist leicht nachvollziehbar. Da helfen auch nicht die Autos, die sich manche scheinbar nur deshalb vor die Tür stellen, um den Anschein zu erwecken, es würde dort jemand leben. JETZT liegt eine Liste mit Adressen vor, auf der Häuser gelistet sind, die mit großer Sicherheit illegale Freizeitwohnsitze sein sollen. Wir sind dem genauer nachgegangen. Dabei sind uns mehrere Sachen aufgefallen. Wie wohlhabende Eigentümer versuchen Macht auf die Gemeindepolitik auszuüben, das schauen wir uns in einem zweiten Artikel genauer an.
Wenn man durch die Straßen Kitzbühels spaziert, dann verschwimmt die Bergkulisse hinter den Schaufenstern. Plötzlich fühlt man sich wie auf der Wiener Kärntner Straße. Und jeder, der Wien kennt, weiß: Hier geht kein Durchschnittsbürger oder -bürgerin shoppen oder essen. Ein Dior-Geschäft, dann folgen Louis Vuitton, Hermès, Moncler. Ein kleiner Hund rennt auf mich zu, ich streichle ihn und lerne so Lea kennen. Eine 14-jährige Schülerin aus Kitzbühel. Sie verwendet Wörter wie “goonen” und ich fühle mich zum ersten Mal alt in dieser Gemeinde. Wir spazieren gemeinsam durch die Innenstadt. Sie bleibt vor Hermès stehen, wo ein Schal mehr als meine Monatsmiete kostet, und sagt: “Schau, da würde doch super ein H&M reinpassen”. Für Lea ist Kitzbühel nur eine Zwischenstation. Mit 18 zieht sie weg – Spanien ist der Plan – sie kann es kaum erwarten.
Für manche mag das nachvollziehbar sein, denn Kitzbühel hat eine weitere Besonderheit: Die Region zählt zu den einkommensschwächsten in Tirol. Zwar verfügen viele Haushalte theoretisch über Eigentum, doch gerade für junge Menschen gilt das in den seltensten Fällen. Wer Aussicht auf ein Erbe hat, gerät – insbesondere bei mehreren Geschwistern – rasch in eine Zwickmühle: Den aktuellen Marktwert der Eigentumshäuser können sich viele nicht leisten, eine Auszahlung der Miterben ist oft unmöglich. Am Ende bleibt häufig nur der Verkauf – und damit der Verlust des eigenen Zuhauses.
Gleichzeitig ist es für die meisten unrealistisch, in der eigenen Heimatgemeinde eine Immobilie neu zu erwerben. In Kitzbühel liegt das durchschnittliche Jahreseinkommen bei rund 30.000 Euro und damit etwa zwölf Prozent unter dem Österreichschnitt; im Tirolvergleich rangiert der Bezirk damit am vorletzten Platz. Kitzbühel ist also nicht nur teurer als andere Regionen – hier wird auch weniger verdient. Wir treffen Julia und Alex, ein Pärchen aus dem Bezirk Kitzbühel, am Kitzbüheler Bahnhof. Sie sind beide 30 Jahre alt und kennen das Gefühl, sich die eigene Heimat nicht mehr leisten zu können. Julia erzählt uns:
„Bei uns sind ja nicht nur die Immobilienpreise hoch, sondern generell die Lebenshaltungskosten. Du brauchst am Land ein Auto, wenn du zur Arbeit fahren möchtest und auch sonst – die Gastronomie ist schon wirklich teuer, wenn man das mit anderen Bundesländern vergleicht. Das Verhältnis zwischen dem, was man verdient und dem, was das Leben kostet, ist sehr hoch.“
Doch bei aller Kritik drängt sich eine grundlegende Frage auf: Welche Rolle spielt der Tourismus in Kitzbühel tatsächlich für die lokale Wirtschaft – und wer profitiert am Ende von diesem Erfolg? Die offizielle Bilanz fällt jedenfalls positiv aus. Kitzbühel Tourismus berichtet von einem Rekordjahr. Mit 1. Februar 2026 wurde die Aufenthaltsabgabe von 3,50 Euro auf fünf Euro erhöht. Zwischen November 2024 und Oktober 2025 wurden nahezu eine Million Nächtigungen verzeichnet. Auch die Zahl der Gäste steigt, ebenso der Umsatz pro Übernachtung. Insgesamt wurden rund 470 Millionen Euro erwirtschaftet – so viel wie noch nie. Doch bei genauerem Hinsehen verliert dieser Erfolg an Eindeutigkeit.
Denn seit 2016 ist die Zahl der Nächtigungen rückläufig. Auch die durchschnittliche Aufenthaltsdauer sinkt kontinuierlich. Als Erklärung verweist Kitzbühel Tourismus auf rund 1000 verlorene Betten in den vergangenen zehn Jahren. Gleichzeitig bewegten sich während der Winterferien 2024/25 täglich etwa 55.000 Menschen in Kitzbühel, Jochberg und Aurach – ein Höchstwert. Und dennoch: Viele Hotelbetten blieben leer. Wie passt das zusammen? Ein Teil der Antwort liegt außerhalb der Statistik. Nächtigungen in illegalen Freizeitwohnsitzen werden nicht erfasst – sie scheinen in keiner offiziellen Bilanz auf. Entsprechend wird auch keine Aufenthaltsabgabe gezahlt. Julia aus dem Bezirk Kitzbühel sagt:
„Wenn diese Leute nicht ein Investmentgebäude hätten und dort übernachten, dann würden sie ja in heimischen Tourismusbetriebe übernachten und würden dann zusätzlich dem Tourismus auch noch was bringen, anstatt dass sie irgendwo ein Gebäude kaufen, das sie dann nur wenige Tage im Jahr nutzen.“
Auch Josef Niedermoser aus Fieberbrunn von der Partei Liste Fritz erläutert, warum Gäste mit Freizeitwohnsitz nur bedingt in der Gemeinde konsumieren würden: „Die haben meistens ihr Kochpersonal selbst dabei und dann wird in den eigenen vier Wänden konsumiert und das ist ein Problem, weil keine Wertschöpfung vor Ort bleibt. Nach dem Wochenende sieht man dann wieder kilometerlang die Münchner Autos.”
Wenn Zweitwohnsitze offiziell als Hauptwohnsitz gemeldet werden, müssten Fahrzeuge umgemeldet, Steuern und Abgaben gezahlt werden. Manche würden sich ein günstiges Auto kaufen, lassen es sich in Kitzbühel anmelden. Dabei würden sie viel teurere Autos besitzen. Laut Niedermoser entgehen der Stadt dadurch pro Fall mehrere zehntausend Euro. „Für mich ist das letzten Endes eine Steuerhinterziehung.”, sagt er. Wir konnten das nicht unabhängig überprüfen.
Die legalen Freizeitwohnsitze zahlen der Gemeinde im Schnitt 520 Euro Abgabe. Das bringt der Gemeinde Kitzbühel jährlich 1,3 Millionen Euro durch die 1274 gewidmeten Freizeitwohnsitze ein. Bei den illegalen Freizeitwohnsitzen sieht Josef Niedermoser allerdings viel eher ein Verlustgeschäft für die Gemeinde, weil sie wenig bringen und Zusatzkosten verursachen würden:
„Wenn ein Haus gebaut wird, muss auch die Infrastruktur gebaut werden – also Strom, Wasser, Kanäle und so weiter – und das kostet. Für mich ist auch der Umweltgedanke wichtig – diese Häuser werden das ganze Jahr geheizt, gekühlt oder der Whirlpool ist immer auf 35 Grad. Das muss man sich mal vorstellen, wie viele Ressourcen da verbraucht werden.”
Beim Umweltgedanken geht es nicht nur um den Energieverbrauch, sondern auch um die Bodenversiegelungen für diese Grundstücke. Immer wieder kommt es auch zu Aufregungen um Naturschutzgebiete, wie zum Beispiel am Schwarzsee, wo illegal errichtete Badestege beim Alpenhotel in Kitzbühel wieder entfernt werden mussten – der Umwelteinfluss war da aber schon geschehen. Aber wie kommt es zu diesen Baugenehmigungen, diesen Widmungen?
Hier kommt ÖVP-Bürgermeister Klaus Winkler ins Spiel, der seit 22 Jahren im Amt ist. Bürgermeister sind nämlich in Tirol die oberste Bauinstanz. Das heißt, sie erteilen Baugenehmigungen und Widmungen. Ebenso ist der Bürgermeister die Meldebehörde. Und auch zuständig für die Kontrollen. Immer wieder ist uns der Vorwurf untergekommen, dass die Erteilung der Baugenehmigungen und Widmungen relativ undurchsichtig seien. Der Tiroler Politikwissenschaftler Reinhold Gärtner erklärt zur Thematik in Tirol:
„Ich denke, dass man durchaus bei den Widmungen ansetzen könnte – das heißt, warum wird ein Grund als Bauland gewidmet und warum nicht. Und welche Interessen stehen dahinter? Es ist durchaus ein hausgemachtes Problem.“
Zwar gibt es eine Wohnsitzerklärung und das Tiroler Raumordnungsgesetz, das das klar definiert, doch sind die Entscheidungen des Bürgermeisters schwer nachzuvollziehen. Einheimische, mit denen wir gesprochen haben, berichten uns, dass sie die Vorgehensweise intransparent finden. Der Politikwissenschaftler Gärtner sagt: „Es gibt sicher einige der Bürgermeister oder Bürgermeisterinnen, die da ein bis zwei Augen zugedrückt haben. Und das kann zu Frust und Ungerechtigkeit führen. Zu Kitzbühel haben wir Bürgermeister Winkler gefragt, wieso es doppelt so viele legale Freizeitwohnsitze wie erlaubt gibt. Er begründet das vor allem dadurch, dass die Freizeitwohnsitze historisch gewachsen sind.
„Im Jahr 1994 wurde die neue Rechtslage in Tirol als eine Errungenschaft eingeführt – das war damals sicher richtig und berechtigt. Kitzbühel hatte aber bereits zu diesem Zeitpunkt eine Freizeitwohnsitzquote, die über dem Doppelten des gesetzlichen Grenzwerts lag. Das heißt, dass diese erhöhte Quote historisch bedingt ist. Der damalige Gesetzgeber hat die acht Prozent als Grenze eingezogen, in dem Bewusstsein, dass es auch damals schon Gemeinden wie Kitzbühel gab, die weit über der Grenze waren.“
Wir haben beim Land Tirol nachgefragt, wie viele gewidmete Freizeitwohnsitze es 1997 tatsächlich gab. Die Antwort: Für die Datenerhebung und Verwaltung seien die Gemeinden selbst zuständig . Die Stadtgemeinde Kitzbühel hat unsere Anfrage nicht beantwortet. Seit 1. September 2025 gilt in Österreich ein Informationsfreiheitsgesetz. Behörden sind seitdem verpflichtet, auf Anfrage Informationen herauszugeben und bestimmte Daten von sich aus zu veröffentlichen. Trotzdem bleibt es in der Praxis oft schwer, konkrete Zahlen zu bekommen – etwa wie viele Freizeitwohnsitze es 1997 gab. Fest steht jedoch: Widmungen wurden auch in den vergangenen Jahren vorgenommen. Entsprechende Unterlagen liegen uns vor. Freizeitwidmungen erteilen die Bürgermeister der jeweiligen Gemeinden selbst.
Wenn es um illegale Freizeit- und Zweitwohnsitze geht, antwortet der Bürgermeister Winkler:
„Es liegt nicht auf dem Tisch, dass es bei uns so viele illegale Freizeitwohnsitze gäbe.“
Wir fragen bei der Stadtgemeinde Kitzbühel nach, wie viele illegale Freizeitwohnsitze sie schätzt. Eine Antwort erhalten wir nicht. Aus Kreisen der Landesregierung heißt es, dass mindestens genauso viele illegale Freizeitwohnsitze in Kitzbühel vermutet werden wie legale. Also zusätzlich rund 1200. Auch die – oben erwähnte – Liste mit vermuteten illegalen Freizeitwohnsitzen liegt uns vor. Den Eindruck von Bürgermeister Winkler können wir im Hinblick auf unsere Recherche nicht bestätigen. Wir haben mit verschiedenen Personen in Kitzbühel und Umgebung gesprochen, die um sich herum illegale Zweitwohnsitze vermuten. Sie sehen sie teilweise aus ihren Fenstern. Für Julia aus dem Bezirk Kitzbühel ist diese Thematik unverständlich:
„Ein illegaler Freizeitwohnsitz bleibt illegal und somit gesetzeswidrig. Es kann nicht jeder machen, was er mag.“
Von der Opposition wird der ÖVP und dem Bürgermeister selbst einiges vorgeworfen: Dominik Oberhofer von den NEOS bezeichnet in einer Landtagssitzung die Gemeinde Kitzbühel als „korrupteste Gemeinde Tirols”, Andreas Fuchs-Martschitz, ehemaliger Obmann, der Partei “Unabhängige Kitzbüheler” nimmt unter anderem das Wort “Amtsmissbrauch” in den Mund. Die „Liste Fritz” kritisiert, dass die ÖVP-Bürgermeister Tirol zum Ausverkauf stellen würden.
Im Gemeinderat ist allein die FPÖ unter Alexander Gamper Befürworter des Bürgermeisters. Zusammen haben sie knapp 55 Prozent der Stimmen im Gemeinderat. Seit 2022 stimmen sie in allen wichtigen Fragen überein. Ein abrupter Kurswechsel, denn in den Jahren zuvor gab es immer wieder Streitigkeiten, die auch öffentlich über Medienberichterstattung ausgetragen wurden.
Die Wahlbeteiligung bei den Bürgermeisterwahlen lag bei der letzten Wahl bei 60 Prozent und damit etwas unter dem Tiroler Durchschnitt von 67 Prozent. Dazu sagt Politikwissenschaftler Reinhold Gärtner: „Generell kann man mit Wahlen immer politische Verhältnisse beeinflussen und ändern. Jammern kann man nur dann, wenn man auch wählen geht.”
Von 4200 abgegebenen Stimmen gewann Klaus Winkler mit 51 Prozent die Bürgermeisterwahl. Bei den Gemeinderatswahlen kam die ÖVP auf 46 Prozent. Das heißt, dass die ÖVP und auch Winkler selbst eine knappe Mehrheit haben. Wie kommt es zu diesem Ergebnis? Welche Stimmung beobachtet der Politikwissenschaftler in Tourismusgemeinden wie Kitzbühel?
„Unterschiedlich – von jenen, die im Tourismusgeschäft sind, durchaus eine positive Stimmung. Und von jenen, die nicht vom Tourismus direkt leben, durchaus eine verstärkte negative Stimmung. Wobei die sogenannten Hotspots heuer wieder einmal negativ aufgefallen sind durch alle möglichen Exzesse, wie in Sölden oder St. Anton. Das heißt, je nachdem, wen man fragt, wird man unterschiedliche Antworten kriegen.”
In Kitzbühel gibt es unterschiedliche Interessengruppen, die maßgeblich vom Tourismus und auch von den illegalen Freizeitwohnsitzen profitieren. Rechtsanwaltskanzleien, Immobilienmakler, allgemein die gesamte Immobilienbranche, Bauträger, Facility-Management-Firmen, Architekturbüros, Versicherungen, Energieversorger, Steuerberater. Wann es problematisch wird, weiß Politikwissenschaftler Gärtner:
„Schwierig wird es, wenn Bürgermeister sich von mächtigen Personen in der Gemeinde einspannen lassen. Und wenn es dann zu Abkommen kommt, die am Rücken des Großteils der Gemeindebevölkerung austragen werden.”
Die Baugenehmigungen erteilt der Bürgermeister selbst. Eine Kritik der Opposition lautet, dass bei den Genehmigungen nicht genau genug hingeschaut würde und dadurch illegale Freizeitwohnsitze und Leerstände entstehen würden. Bürgermeister Winkler entgegnet:
„Es spielt keine Rolle, ob jemand in der Immobilie gemeldet ist oder nicht, weil Leerstand legal ist. Das heißt, es kann jemand mehrere Immobilien erwerben, herstellen, bauen und das alles völlig legal. Im Rahmen des Bauvorhabens haben die Bauwerber eine Erklärung abzugeben, dass sie das Objekt nicht für Freizeitwohnsitz–Zwecke verwenden. Dazu gibt es eine Rechtslage und die wird dementsprechend eingehalten.”
Bei Leerstand muss eine Leerstandsabgabe gezahlt werden. Wenn man Zahlen dazu herausfinden möchte, landet man auf der Website der Stadtgemeinde Kitzbühel. Dort sieht man allerdings nur eine Fehlermeldung. Auf unsere Anfrage an die Stadtgemeinde bekommen wir erneut keine Antwort.
Das Grand Hotel, von dem oben die Rede war, stand in den 90er Jahren übrigens auch leer. Zum „Schandfleck Kitzbühels” war der Leerstand verkommen, liest man auf der Website des Kitzbühel Tourismus. Bis Mitte der 90er Jahre ein engagierter Investor das Hotel wieder auf Vordermann brachte, restaurieren ließ und auch Glanz aus alten Tagen wieder zum Vorschein brachte. Der Wermutstropfen – die Einheimischen haben wenig vom Hotel. Das ist seit der Jahrtausendwende nämlich nicht mehr öffentlich zugänglich, sondern von McKinsey als Bildungszentrum privat genutzt.

Wir sprechen noch einmal mit Anna aus Oberndorf, die sich auch zu diesem Thema Gedanken macht: “Die Zusammenhänge und Freundschaften sind beträchtlich, wie welche Leute verknüpft sind, egal ob in Kitzbühel oder sonst wo.”
Genau diese Zusammenhänge, Freundschaften und Verknüpfungen möchten wir uns im Teil zwei genauer anschauen. Auch die Person des Bürgermeisters Klaus Winkler, der zugleich bis heute als Steuerberater arbeitet und damit in unterschiedliche Rollen schlüpft. Gibt es hier einen Interessenkonflikt? Welche Personen profitieren am meisten in Kitzbühel? Und wie geht es mit den illegalen Freizeit- und Zweitwohnsitzen weiter?
Teil 2
Mit diesem Link kommst du direkt zu Teil 2, erschienen am 23.04.2026
https://www.jetzt.at/artikel/sWKEphqj-aJQLRll8-43464
Im Audio wurden folgende Beiträge zitiert:
Audioproduktion und Mix: Yannik Milz
