China hat keine Zeit für KI-Panik Die führenden KI-Unternehmen des Landes wollen die USA übertreffen – koste es, was es wolle.

Während das Silicon Valley vor den Gefahren der KI warnt, reagiert China mit Schulterzucken. Die Angst vor dem Kontrollverlust gilt als rein amerikanisches Problem. Anstatt das Entwicklungstempo zu bremsen, bündelt die Volksrepublik alle Kräfte, um im globalen KI-Wettlauf die Führung zu übernehmen.

China hat keine Zeit für KI-Panik Die führenden KI-Unternehmen des Landes wollen die USA übertreffen – koste es, was es wolle.
Illustration: Getty Images

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Künstliche Intelligenz ist in China allgegenwärtig. In Hangzhou patrouillieren humanoide Polizeiroboter mit fluoreszierend gelben Westen an touristischen Hotspots und ermahnen freundlich Fußgänger, die bei Rot über die Straße gehen. Der chinesische KI-Chatbot Doubao ist als Quelle für medizinischen Rat so beliebt, dass die Bevölkerung den Dienst inzwischen „Doktor Doubao“ nennt. Das autoritäre Land bündelt die Ressourcen des Staates, um eine weltweit führende KI-Industrie aufzubauen, und treibt die Einführung der Technologie in entscheidenden Bereichen wie Produktion, Energieversorgung und Landwirtschaft voran. Zugleich rufen die politischen Führer zu einer landesweiten Kraftanstrengung auf, um Durchbrüche in der KI zu erzielen – und greifen dabei auf eine Sprache aus dem Kalten Krieg zurück, die zuletzt verwendet wurde, als das Land eine Atomwaffe entwickeln wollte.

Begleitet von einem stetigen Strom staatlicher Propaganda betrachtet die chinesische Bevölkerung KI – ähnlich wie frühere Wellen der digitalen Disruption – überwiegend als ein Mittel, das den Alltag erleichtert und zugleich neue Arbeitsplätze und Branchen hervorbringt. Umfragen zeigen, dass China zu den Ländern gehört, in denen die Erwartungen an die Möglichkeiten von KI besonders hoch sind. Untergangspropheten sind nur sehr schwer zu finden.

Als die US-Technologiebranche vergangene Woche eine neue Stufe der KI-Panik erreichte, reagierte die chinesische KI-Community auf der anderen Seite des Pazifiks daher weitgehend mit einem Schulterzucken – darunter auch genau jene Menschen, die an der Sicherheit der Technologie arbeiten.

In Wuhu in der chinesischen Provinz Anhui sind humanoide Roboter im Einsatz, um den Verkehr zu regeln. Sie können die Handzeichen der Verkehrspolizei ausführen, Verstöße erkennen und freundlich darauf hinweisen. (Foto: IMAGO / VCG)

Chinesische Ingenieurinnen und Ingenieure sowie Fachleute für KI-Sicherheit, mit denen ich gesprochen habe, erklärten, sie seien sich der existenziellen Sicherheitsrisiken von KI durchaus bewusst. Sie empfänden den möglichen Kontrollverlust über die Technologie derzeit jedoch als ein spezifisch amerikanisches Problem. Weitaus stärker beschäftigt sie, gegenüber den US-amerikanischen KI-Modellen aufzuholen. Diese führen trotz der Anstrengungen chinesischer Unternehmen wie DeepSeek und Moonshot AI bei den Gesamt-Benchmarks weiterhin.

Da sich die Vereinigten Staaten und China ein Rennen um die Entwicklung der fortschrittlichsten Technologien liefern, werteten viele in China auch den Vorschlag von Dario Amodei, dem CEO von Anthropic, die KI-Entwicklung bewusst zu verlangsamen, als eigennützig – und als Ausdruck der geopolitischen Rivalität zwischen den beiden Ländern.

Amodeis Beitrag, der die KI-Panik im Silicon Valley befeuerte, bildete den Höhepunkt zweier turbulenter Monate, in denen agentenbasierte Modelle führender US-amerikanischer und chinesischer Forschungslabore gleich eine ganze Reihe von Cybersecurity-Verstößen verursacht hatten. Zugleich stieß der Beitrag auf die seltene Zustimmung seiner größten Rivalen: Sam Altman, CEO von OpenAI, und Elon Musk, Gründer von xAI und SpaceX. Darüber hinaus entfachte er eine Debatte unter Branchenführern, Hardlinern der nationalen Sicherheit und Abgeordneten. Präsident Trump tat die Warnungen als „KRANKE Verschwörung“ ab, während Republikaner und Demokraten über geplante Regulierungen aneinandergerieten.

In China kamen die lautesten Stimmen zur KI-Panik aus den Staatsmedien und von nationalistischen Kommentatoren. Sie stellten die Empörung als einen weiteren Versuch dar, den Fortschritt der chinesischen KI auszubremsen. Die Global Times, ein staatliches Medium unter Kontrolle der Kommunistischen Partei Chinas, bezeichnete die Warnungen des Anthropic-Chefs als Teil eines „Drehbuchs des Kalten Krieges“ im globalen KI-Wettlauf. Besonders hob die Zeitung Amodeis Forderung nach strengeren Exportkontrollen hervor, durch die verhindert werden soll, dass hochmoderne Chips in die Hände Chinas gelangen.

Atrophic CEO Dario Amodei sprach zuletzt davon, die KI-Entwicklung bewusst zu verlangsamen. Viele chinesische Ingenieurinnen und KI-Fachleute werteten diesen Vorschlag als eigennützig – und als Ausdruck der geopolitischen Rivalität zwischen China und den USA. (Foto: IMAGO / Bestimage)

„Aus chinesischer Perspektive wirkt Darios Vorschlag, China solle das Tempo an der technologischen Spitze drosseln, heuchlerisch“, sagte mir Kwan Yee Ng, Analyst bei Concordia AI, einer in Peking ansässigen Beratung mit Schwerpunkt auf KI-Sicherheit. „China sieht sich bereits durch genau jene Exportkontrollen ausgebremst, die Amodei befürwortet.“

Xu Zhijun, turnusmäßiger Vorsitzender des chinesischen Technologiekonzerns Huawei, sagte vor Journalisten, chinesische KI sei möglicherweise noch nicht leistungsfähig genug, um dieselben katastrophalen Sicherheitsrisiken hervorzurufen, vor denen sich US-Unternehmen fürchten. Diese Einschätzung ist in der Branche weit verbreitet. Ein chinesischer Unternehmer aus dem Bereich KI-Software, der wegen der Sensibilität des Themas anonym bleiben wollte, erklärte mir, dass Cybersicherheit zwar ständig Anlass zur Sorge gebe, Unternehmen sich jedoch weniger mit der Gefahr beschäftigten, die Kontrolle über KI-Modelle zu verlieren.

„Der Wettbewerb hier ist so hart, und alle konzentrieren sich darauf, ihr eigenes Produkt zu verbessern. Niemand hat die Zeit, sich ausführlich mit diesen Fragen zu beschäftigen“, sagte er. China befinde sich nach wie vor in der Aufholphase, fügte er hinzu. Falls jemand zuerst die Kontrolle über KI verliere, dann seien es vermutlich die Amerikaner.

Auch ein weiterer chinesischer Entwickler, mit dem ich gesprochen habe und der ebenfalls anonym bleiben wollte, bestätigte den allgemeinen KI-Optimismus in China. Ein in diesem Jahr veröffentlichter Branchenbericht der Stanford University verwies auf Umfragen, denen zufolge 84 Prozent der chinesischen Befragten angaben, Produkte und Dienstleistungen auf KI-Basis würden sie begeistern. Im weltweiten Durchschnitt waren es 53 Prozent, in den USA 38 Prozent.

Ein Weltraum-Reinigungsroboter zieht bei der Global Digital Trade Expo im September in der chinesischen Provinz Zhejiang die Aufmerksamkeit auf sich. Unter dem Motto „Meet the AI Future at GDTE“ hat die Messe mehr als 2.000 Aussteller angezogen. (Foto: IMAGO / VCG)

Viele seiner Kolleginnen und Kollegen seien „Technologieoptimisten“, sagte der Entwickler. Sie teilten nicht die Zeitprognosen des Silicon Valley für die Entwicklung einer künstlichen allgemeinen Intelligenz. Amodeis Warnungen vor einer möglichen Fehlanpassung von KI – also davor, dass sich die Ziele eines Systems von den menschlichen Absichten lösen könnten – seien zwar wertvolle Signale aus dem Inneren der Branche. Ohne zusätzliche empirische Belege sei es jedoch schwierig, sich davon beunruhigen zu lassen.

Die ablehnende Haltung wird offenbar teilweise durch das weitverbreitete Misstrauen gegenüber Amodei verstärkt. Der Anthropic-Chef hat wiederholt für strenge Exportkontrollen plädiert, um die Entwicklung chinesischer KI zu bremsen. Außerdem setzte er sich bei US-Politikern dafür ein, gegen die Praxis der „unautorisierten Destillation“ vorzugehen, die von großen chinesischen Forschungslaboren betrieben werde. Dadurch ist er in der chinesischen KI-Entwicklergemeinschaft zu einer umstrittenen Figur geworden – obwohl Claude Code in der dortigen Industrie weit verbreitet ist.

In der vergangenen Woche ging der DeepSeek-Ingenieur Liu Shengyu in den chinesischen sozialen Medien mit einem Beitrag viral. Darin forderte er, dass die fortschrittlichste KI offen und bezahlbar bleiben müsse, und griff zugleich Amodeis Unternehmen persönlich an. Die Vorstellung, Anthropic könne ein Monopol auf die fortschrittlichste KI oder eine künstliche allgemeine Intelligenz erlangen, sei ebenso gravierend, argumentierte Liu, wie wenn „Hitler vor den Alliierten in den Besitz von Atomwaffen gelangt wäre“. Liu stellte später klar, dass es sich um seine persönliche Meinung handle, die nicht für DeepSeek stehe.

Ein weiterer Grund für die verhaltene Reaktion in China liegt in der Struktur der dortigen KI-Unternehmen. Sie arbeiten meist mit schlankeren Teams und weniger Ressourcen als ihre US-amerikanischen Pendants, die eigene Abteilungen für langfristige Fragen der Ausrichtung und KI-Sicherheit unterhalten. Soweit chinesische Unternehmen über Ressourcen für KI-Sicherheit verfügen, setzen sie diese vor allem dafür ein, regulatorische Vorgaben zu erfüllen – etwa zur Datensicherheit oder zur Filterung politisch sensibler Inhalte.

„Die Dynamik der KI-Sicherheit unterscheidet sich in den USA und China“, sagte mir Zilan Qian, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei GovAI, einem Thinktank, der Regierungen beim Umgang mit fortgeschrittener KI unterstützt. „In den USA treiben vor allem die Forschungslabore und Unternehmen die Debatte über KI-Sicherheit voran. In China spielt die Regierung eine zentrale Rolle: Sie legt die Agenda für KI-Sicherheit fest und erlässt die entsprechenden Vorschriften. Die Technologieunternehmen kommen diesen Vorgaben anschließend nach.“

Das bedeutet nicht, dass chinesische Regierungsvertreter die Risiken der KI vollständig ignorieren. In den vergangenen Monaten haben mehrere hochrangige Politiker aus China Alarm geschlagen. Chen Yixin, der Leiter des chinesischen Staatssicherheitsministeriums, schrieb vergangene Woche in einem öffentlichen Brief, KI stelle eine ernsthafte Bedrohung für die Stabilität des Regimes dar und erfordere eine strengere Überwachung und Kontrolle. Im Juli warnte auch Präsident Xi Jinping vor den Risiken der KI und drängte auf eine multilaterale Zusammenarbeit bei ihrer Regulierung.

Der chinesische Präsident Xi Jinping war zu Besuch bei US-Präsident Donald Trump. Der dreitägige Staatsbesuch von Präsident Xi ist sein erster in Washington, D.C. seit elf Jahren. (Foto: IMAGO / MediaPunch)

Chinas Cyberspace-Aufsicht veröffentlichte kürzlich eine aktualisierte Fassung ihres jährlichen Rahmens für die Steuerung der KI-Sicherheit. Darin nimmt nun ein umfangreicher Abschnitt die Risiken autonomer Agenten und die zunehmenden Fähigkeiten der fortschrittlichsten KI-Modelle in den Blick.

So problematisch der Laissez-faire-Ansatz der USA sein mag: China verdeutlicht die entgegengesetzte Gefahr. Aus Sorge vor Desinformation und dem Verlust der Kontrolle über den öffentlichen Diskurs haben chinesische Behörden einige der weltweit strengsten Beschränkungen für die noch junge Technologie eingeführt. Generative KI-Modelle in China werden mit Daten trainiert, die an der politischen Ideologie der Partei ausgerichtet sind. Dadurch soll sichergestellt werden, dass die von ihnen erzeugten Antworten deren Weltbild widerspiegeln.

China hat KI zudem genutzt, um den weltweit größten digitalen Überwachungsstaat aufzubauen. Millionen von Überwachungskameras, die an Straßen installiert sind, scannen Gesichter oder analysieren jede Bewegung der Bürgerinnen und Bürger.

Im Vergleich dazu haben sich in den USA sowohl die Regierung Trump als auch prominente Investoren und Unternehmer aus dem Silicon Valley gegen die Idee eines umfassenden Bundesgesetzes zur Regulierung von KI gestellt. Infolgedessen versuchen verschiedene Bundesstaaten und Behörden, diese Lücke mit eigenen Gesetzen zu schließen. Dazu gehören Regelungen zu Deepfakes, Vorschriften zur Datenverwaltung und Vorgaben für Algorithmen, die Entscheidungen im Gesundheitswesen beeinflussen.

Fehlanpassung und Kontrollverlust bei KI mögen in China derzeit noch kein großes Thema sein. Doch in sechs Monaten bis einem Jahr könnte sich das ändern, sagte mir Malo Bourgon, Leiter des Machine Intelligence Research Institute. Wenn China aufhole, könne die dortige Technologieszene vor ähnlichen Momenten der Panik stehen.

Unterdessen werden sich Trump und Xi in dieser Woche in Washington zu Gesprächen treffen, bei denen es unter anderem um KI gehen soll. Vorgeschlagen wurde bereits ein Benachrichtigungssystem für KI-Sicherheitsrisiken zwischen den beiden technologischen Supermächten. Letztlich führt der geopolitische und wirtschaftliche Wettbewerb zwischen den USA und China jedoch dazu, dass beide Seiten einander mit Misstrauen betrachten. Vieles werden sie vermutlich nicht gemeinsam haben – außer der Überzeugung, dass keine Verlangsamung notwendig ist.

Liza Lin ist eine freie Autorin mit Schwerpunkt auf Technologie und den Beziehungen zwischen den USA und China.

Dieser Text erschien zuerst bei The Atlantic Online unter dem Titel „China Has No Use for AI Doomerism“

Sprecherin: Sandra Czadul
Audioproduktion und -mix: Yannik Milz