Warum zum Teufel Grönland? Donald gegen den Rest der Welt

Trumps Gelüste, was Grönland betrifft, sollte man ernst nehmen. Mit den vielen Bodenschätzen im ewigen Eis hat das weniger zu tun. Eher damit, dass der Klimawandel die internationalen Seekarten neu zeichnet.

Warum zum Teufel Grönland? Donald gegen den Rest der Welt
„Artist in Greenland“ by Rockwell Kent/Baltimore Museum of Art

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Sogar ein neuer Name wurde gefunden: Rotweißundblauland, wie die Farben der US-amerikanischen Flagge. Schluss mit Grönland. Oder Kalaallit Nunaat, so bezeichnen die Inuit ihre Heimat. Auf Deutsch heißt das so viel wie: Land der Menschen.

Nicht einmal der Name soll künftig darauf verweisen, dass die mit mehr als zwei Millionen Quadratkilometern größte Insel der Welt – Österreich würde 25-mal hineinpassen – eine Geschichte hat. Und die Bevölkerung dort Würde.

Schon im Feber letzten Jahres hat der republikanische Kongressabgeordnete Buddy Carter einen Gesetzesvorschlag eingebracht: To authorize the President to enter into negotiations to acquire Greenland and to rename Greenland as Red, White, and Blueland.“

Meint er das wirklich ernst?

Buddys Buddy Donald Trump soll ermächtigt werden, sich Grönland für die Vereinigten Staaten von Amerika einzuverleiben, was deren Territorium um gut ein Viertel vergrößern würde. Man würde dafür bezahlen, einen Deal machen, erklärte Trump vor ein paar Tagen. Wenn die Verantwortlichen in Nuuk und Kopenhagen willig sind. Sonst brauche es Gewalt. Wenn wir es nicht auf die einfache Art tun, werden wir es auf die harte Tour tun.“

Echt jetzt?

Wer sich dazu mit Leuten unterhält, die sich da wirklich gut auskennen, bekommt eine gewisse Bandbreite von Einschätzungen. Die reichen von extrem unwahrscheinlich“ bis durchaus möglich“. Kaum wer traut sich, eine militärische Eroberung wirklich auszuschließen. Und das, obwohl Einigkeit darüber besteht, dass es aus Sicht der USA eine ziemlich törichte Sache wäre. Weil es ganz abgesehen von Völkerrecht und Moral einfach keinen vernünftigen Grund dafür gibt. Und weil der Preis dafür verdammt hoch wäre. Aber Donald Trump und ein paar seiner Getreuen wollen das. Und sie haben viel mehr Kriegsgerät als Grönland, Dänemark und der Rest Europas.

Ein Fünfjähriger als Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte

Vielleicht ist der amtierende US-Präsident ja bloß ein begnadeter Entertainer und in Wirklichkeit ganz anders. Aber dagegen sprechen Dutzende Erfahrungsberichte. Von glaubwürdigen Leuten, die ihn einst gut fanden. Die eng mit ihm zu tun hatten, abseits der Kameras, hinter verschlossenen Türen. Was sie erzählen, deckt sich mit dem, was man so in der Zeitung liest.

Die britische Mail on Sunday zitierte unlängst eine hochrangige diplomatische Quelle. Demnach habe Trump den Generalstab der US-Streitkräfte angewiesen, Pläne für eine Invasion Grönlands auszuhecken. Die Verantwortlichen dort würden das für verrückt halten. Aber es sei eben, heißt es, als würde man mit einem Fünfjährigen verhandeln. Im Wissen um Dons beschränkte Aufmerksamkeit würden sie versuchen, ihn mit anderen Ideen abzulenken: zum Beispiel einem Angriff auf den Iran.

Lassen wir das einmal kurz sacken.

Willkommen in der dritten Kalenderwoche des Jahres 2026. Für den Fall, dass du eher zart besaitet bist, möchte ich an dieser Stelle eine Triggerwarnung aussprechen. Die nächsten Minuten könnten beängstigend wirken. Wahrscheinlich ist die Furcht vor kriegerischen Handlungen im Nordatlantik nicht berechtigt. Aber das werden wir wohl erst in ein paar Jahren wissen. Niemand weiß, was bis dahin noch geschehen könnte. Dazu gibt es zu viele Unwägbarkeiten. In den USA ebenso wie im Rest der Welt.

Protest gegen Trump Ein Demonstrant hält während einer Demonstration unter dem Motto „Grönland gehört dem grönländischen Volk“ am 15. März 2025 in Nuuk vor dem US-Konsulat ein Schild mit der Aufschrift „Wir sind nicht zu verkaufen“ hoch. (Foto: APA/AFP/Christian Klindt Soelbeck)

Die 56.000 Menschen in Grönland sind jedenfalls alarmiert. Vor Kurzem gab es in der Hauptstadt Nuuk eine Art Demonstration mit den Spitzen aller wichtigen Parlamentsparteien. Die Botschaft an Washington war klar: Das ist unser Land, Finger weg!“ Das kleine, große Land gehört grundsätzlich zu Dänemark. Auch das gefällt den meisten Leuten nicht, sie streben nach Unabhängigkeit. Das würden sie sich halt gerne mit Kopenhagen selbst ausmachen. Unaufgeregt, in aller Freundschaft sozusagen.

Schon zu Ende seiner ersten Amtszeit zeigte Trump Gelüste auf Grönland. Das wusste die Regierung in Nuuk für sich zu nutzen, es stärkte die Verhandlungsposition gegenüber Kopenhagen. In der Tat bemühte sich Regierungschefin Mette Frederiksen daraufhin mehr. Unter anderem vergangenen Herbst mit einer mehr als überfälligen Entschuldigung für ein unglaubliches Unrecht.

Das hatten die dänischen Behörden der einheimischen Bevölkerung vor einem halben Jahrhundert angetan. Man hat Inuit-Frauen teils ohne deren Wissen Spiralen eingesetzt, damit sie keine Kinder bekommen konnten. Die Wunde ist noch nicht verheilt, aber immerhin halbwegs verschlossen. Das Verhältnis zum dänischen Festland hat sich zuletzt stark verbessert.

Und auch das zur Europäischen Union. Denn Grönland gehört zwar formell zu Dänemark, ist aber seit 1985 kein Mitglied mehr. Der Grund sind die strengen Auflagen zur Fischerei, der bislang mit Abstand wichtigsten Einnahmequelle des Inselvolkes. Hier gibt es aber langsam ein Umdenken. Jüngste Umfragen zeigen, dass die Ablehnung gegenüber einem EU-Beitritt abgenommen hat“, sagt Niels Henrik Hooge von der in Grönland gut vernetzten dänischen Umweltschutzorganisation NOAH. Im Zweifelsfall würde man lieber auf Brüssel setzen als auf Washington: 85 Prozent der Bevölkerung wollen nicht Teil der USA werden“, sagt er.

Niels Hooge (Foto: Privat)

Fischereirechte hin oder her. Die wirtschaftliche Zukunft Grönlands liegt ohnehin woanders. Die zu weiten Teilen ganzjährig von Eis bedeckte arktische Insel birgt die wohl größten Vorkommen seltener Erden, eines Schlüsselrohstoffs der Digitalisierung. Dazu Lithium, das man zum Beispiel für starke Akkus benötigt. Aber auch Öl und Gas. Schon seit Jahren sucht die Regierung in Nuuk nach finanzkräftigen Investoren, die diese Bodenschätze heben könnten.

Aber das El Dorado Grönland hat aus Sicht der Bergbauindustrie einen großen Haken: Zum Teil ist das Eis am Festland sechs Kilometer dick, es gibt kaum Straßen, von der übrigen Infrastruktur ganz zu schweigen. Wer diesen Schatz heben möchte, braucht einen langen Atem und unglaublich viel Geld. Die Regierung in Nuuk ist auf der Suche nach verlässlichen Partnern, die es ernst meinen. Die wissen, was sie tun. Und die darauf achten, möglichst wenig von der unberührten Natur kaputt zu machen. Auch das, meint Hooge, sei ein Grund, warum man eher auf die EU setze: Den USA unter Trump traut man diesbezüglich weniger über den Weg.

Tatsache ist aber auch: Wenn die USA ernsthaftes Interesse an den grönländischen Bodenschätzen hätten, bräuchte es keine militärische Eroberung. Für ein Fünftel der Landfläche gibt es bereits Bergbaulizenzen. Investoren sind herzlich willkommen, natürlich auch US-Bergbaufirmen. Es gebe bloß derzeit kaum ernsthafte Interessenten.

Bodenschätze

Grönland gewinnt mit dem Klimawandel an geostrategischer Bedeutung. Der Rückgang der Eismassen öffnet Seewege zwischen Asien und Europa und macht Lagerstätten von Rohstoffen zugänglich. Die Insel verfügt über große Vorkommen der verschiedensten Mineralien, Erze und Kohlenwasserstoffe wie vor allem Seltene Erden, Uran, Erdöl und Erdgas.

Die US-Militärbasis Pituffik Space Base, früher bekannt unter dem Namen Thule Air Base, im Nordwesten Grönlands (Foto: APA/AFP/Thomas Traasdahl)

Dasselbe gilt für Trumps zweites Argument, die militärische Sicherheit. Schon während des Zweiten Weltkriegs kontrollierten die USA Grönland, was ihnen unter anderem einen entscheidenden Vorteil bei der Truppenlandung in der Normandie verschaffte. Schon Präsident Harry S. Truman wollte die Insel daraufhin von Dänemark kaufen. Als Kopenhagen ablehnte, gab er es widerwillig zurück.

Allerdings sicherte sich Washington das Recht, dort nach Belieben Militärbasen zu errichten. Man war im Kalten Krieg angekommen und Grönland lag strategisch günstig am Arktischen Kreis zwischen den USA und der Sowjetunion. Zeitweilig waren bis zu 10.000 US-Soldaten an 17 Stützpunkten dort stationiert. Inzwischen gibt es nur noch eine einzige Airbase mit knapp 200 US-Soldatinnen und -Soldaten. Wäre es Trump ernst mit seinen strategischen Planspielen, könnte er die Stützpunkte wiederbeleben – in Absprache mit dem NATO-Partnerland Dänemark.

Bleibt noch ein letztes Argument: die Schifffahrt. Denn der – von Trump gerne geleugnete – Klimawandel schafft mittelfristig eine neue Passage im Arktischen Meer. Noch ist das ganzjährig zugefroren und nur mit schweren Eisbrechern zu befahren. Aber schon ab den 2030er-Jahren könnte durch die Erwärmung eine Schneise entstehen, die auch mit gewöhnlichen Schiffen zu befahren ist.

Und damit würde eine neue, besonders kurze Seeverbindung zwischen Atlantik und Pazifik entstehen. Oder auch: eine neue Verbindung zwischen den USA und Russland. Umso wichtiger wird Grönland als Stützpunkt für die US-Truppen. Nicht zuletzt deshalb, weil das Eis auf russischer Seite schneller schmilzt, was Moskau einen Vorteil bringt.

Stützpunkt für die neue Arktisroute

Grönland hat eine raumbeherrschende Rolle im Arktischen Ozean. Kontinental gehört es zu Amerika, durch das Königreich Dänemark seit 1949 zur NATO. Die Insel liegt zwischen der Nordwestpassage und der Transpolaren Route, die als kürzeste Verbindung zwischen Atlantik und Pazifik quer durch den Ozean über den Nordpol führt. Noch ist diese ganzjährig zugefroren. Aber durch den Klimawandel könnte die Route bald für normale Schiffe befahrbar sein.

Auch militärstrategisch ist die größte Insel der Welt von besonderer Bedeutung. Grönland liegt an maritimen Engstellen. Einerseits in der GIUK-Lücke zu Island und Großbritannien, andererseits an der GIN-Lücke zu Spitzbergen, Bäreninsel und Nordkap. Diese Stellen spielen in operativen Planungen der NATO eine herausragende Rolle zur Kontrolle russischer Aktivitäten. U-Boote der Nordflotte üben regelmäßig einen Durchbruch der GIUK-Lücke, um im Falle eines Krieges die transatlantischen Nachschubrouten zwischen Nordamerika und Europa zu unterbrechen.

Europa steht im Weg

Wenn es eine annähernd nachvollziehbare Erklärung für Trumps Interesse an Grönland gibt, dann jene: Es geht ihm um den direkten Wettstreit mit Russland. Die NATO, also Europa, ist ihm dabei bloß im Weg. Dass eine gewaltsame Annexion Grönlands dem transatlantischen Bündnis den Todesstoß versetzen würde, juckt ihn daher wenig. Den Preis würde er bezahlen, um seinen Willen zu bekommen.

Dass der amtierende US-Präsident auch vor völkerrechtswidrigen Interventionen nicht zurückschreckt, hat er zuletzt in Venezuela gezeigt, der entführte Machthaber Nicolás Maduro wartet nun in einer Gefängniszelle in Brooklyn auf seinen Prozess. Auch ein militärisches Eingreifen der USA im Iran ist, Stand heute, alles andere als ausgeschlossen.

Bloß: In beiden Ländern ließe sich eine Intervention mit viel Fantasie argumentieren, weil dort Diktatoren an der Macht waren und sind, die von Demokratie nichts wissen wollen und auf Menschenrechte pfeifen. Davon kann in Grönland keine Rede sein.

Warum alle Grönland haben wollen

Wie wichtig Grönland für Dänemark ist, zeigt sich an einer Mitgliedschaft: Über die Insel gehört das Königreich zum Arktischen Rat mit Kanada, Norwegen, USA, Russland, Schweden, Finnland, Island sowie Vertretern indigener Völker. Über diesen Rat gehört Dänemark als arktischer Küstenstaat auch zum exklusiven Kreis der „Arctic 5“ (mit Kanada, Russland, Norwegen, USA), was das Land für diese geostrategisch und wirtschaftlich wichtige Region auch für die USA und Russland relevant macht. Gerade China hat ein enormes Interesse an den kürzeren Seewegen über die Arktis und ist damit auf Dänemark über den Rat angewiesen.

Die politische Karikatur "A Thing Well Begun Is Half Done" von Victor Gillam aus dem Jahr 1899, die die wachsenden imperialistischen Ambitionen Amerikas nach seinem entscheidenden Sieg über Spanien im Spanisch-Amerikanischen Krieg von 1898 darstellt.

Eine Annexion lässt sich durch nichts rechtfertigen – außer durch die Vergrößerung des US-amerikanischen Territoriums mit Waffengewalt. Es wäre nicht mit früheren CIA-Aktionen in Lateinamerika vergleichbar. Auch nicht mit den Kriegen in Vietnam oder im Irak, bei denen es nicht um Gebietserweiterung geht. Eher mit dem russischen Überfall auf die Ukraine.

So eine US-Aktion gab es zuletzt im Jahr 1898, als der damalige US-Präsident William McKinley die Tumulte im Nachgang des Sturzes der hawaiianischen Königin Liliʻuokalani zum Anlass nahm, um sich die große Südseeinsel unter den Nagel zu reißen. Aus strategischen Gründen und weil man es konnte. McKinley setzte auf eine America-First-Politik“, er drangsalierte andere Länder mit willkürlichen Zollschranken. Der 25. Präsident der Vereinigten Staaten mag in den Geschichtsbüchern nicht die beste Nachrede haben. Wohl aber bei seinem Nachfolger, Nummer 45 und 47. Donald Trump ist ein erklärter Fan von McKinley, nach dem der höchste Berg des nordamerikanischen Kontinents benannt ist.

Barack Obama konnte den Eroberer im Weißen Haus nicht ausstehen, er taufte den 6300 Meter hohen Mount McKinley in Alaska in Denali“ um, das heißt Hoher Berg in der Sprache der indigenen Bevölkerung. Das war eine Ansage. Trump machte das in seiner ersten Amtszeit wieder rückgängig. Auch das war eine Ansage. So etwas kann man als US-Präsident ziemlich easy machen.

Die unheimliche Macht des Präsidenten

Aber kann er auch ohne annähernd schlüssige Rechtfertigung ein friedliches, demokratisches Land angreifen? Die Antwort darauf müsste eigentlich lauten: natürlich nicht. Auch ein US-Präsident kann nicht einfach schalten und walten, wie er will. Er ist an das Gesetz gebunden, an die Zustimmung des Kongresses und am Ende auch an die Loyalität der Streitkräfte, die einen Eid auf die Verfassung geschworen haben. Ich sehe die große Gefahr weniger in Donald Trump, als vielmehr in der Reaktion auf ihn“, sagt der US-Experte Yussi Pick.

Die Macht des Präsidenten liege in der Bereitschaft aller anderen, sich ihm ohne großen Widerstand zu unterwerfen. Das gelte für die republikanische Partei, große Teile der Behörden, die US-Wirtschaft und viele große Medienhäuser. Und ebenso für andere Länder und deren Regierungen, die nach dem Motto agieren: Bloß nicht reizen.

Yussi Pick (Foto: Pick&Barth Agentur für Kommunikation)

Zumindest beim Thema Grönland regt sich nun aber Widerstand. Nicht nur die anderen skandinavischen Länder haben sich zuletzt ohne Wenn und Aber an die Seite Dänemarks gestellt. Auch die Spitzen der größten EU-Länder zeigen Trump die rote Karte. Selbst in seinen eigenen Reihen formiert sich der Widerstand. Neben einigen wenigen, die ihm schon seit jeher kritisch gegenüberstehen, fällt besonders Mike Johnson auf, der bislang besonders loyale Vorsitzende des US-Repräsentantenhauses: Ein Militäreinsatz zur Annexion Grönlands sei nicht angemessen“, erklärte er unlängst. Und weite Teile seiner MAGA-Basis wollen mit kriegerischen Auseinandersetzungen mit anderen Ländern nichts zu tun haben, schon gar nicht, wenn sie bloß dem Ego des Präsidenten dienen.

Möglicherweise bricht gerade nicht nur das Eis im Arktischen Ozean, sondern auch der Rückhalt für Donald Trump in seiner eigenen Bewegung. Aber auch hier gilt: Am Ende spekulieren wir bloß über Wahrscheinlichkeiten.

Sounddesign und Audioproduktion: Katharina Darya Ressl
Mixing und Mastering: Patrik Haas